Eisverkäuferin und Kriegerin

von Grete Götze

Darmstadt, 23. Oktober 2020. Haben sich die Zeiten schon geändert, wenn die eigene vierjährige Tochter nicht mehr nur Eisverkäuferin, sondern auch Kriegerin werden möchte? Claudia Bossard findet darauf am Staatstheater Darmstadt eine vieldeutige Antwort. Die Schweizer Regisseurin hat sich den Mythos der Jungfrau von Orléans vorgenommen, jener Nationalheldin, die im hundertjährigen Krieg Frankreich von den eingefallenen Engländern befreite und schließlich selbst auf dem Scheiterhaufen landete. In Friedrich Schillers Bearbeitung des Mythos fühlt sie sich von Gott zum Kampf berufen. Er ist es auch, der sie von ihren Ketten befreit, so dass sie noch eine letzte Schlacht für Frankreich gewinnt, bevor sie verwundet, aber selig stirbt.

Rückblick auf mein Leben

von Sascha Westphal

Oberhausen, 23. Oktober 2020. "For Christoph Schlingensief, who did not always do everything right", verkündet eine Texteinblendung zu Anfang des Videos, mit dem das Künstler*innen-Kollektiv Frankfurter Hauptschule den Raub des Joseph-Beuys-Multiple "Capri-Batterie" aus der gerade in Oberhausen stattfindenden Ausstellung Verschmutzung. Körperzustände. Faschismus. Christoph Schlingensief und die Kunst dokumentiert. Was dieser Einblendung folgt, gleicht einem Pennäler-Streich. Drei Mitglieder des Kollektivs, eine Frau und zwei Männer, entwenden in einer nächtlichen Aktion das Kunstwerk und bringen es angeblich nach Tansania, wo sie es einem Museum übergeben, in dem es fortan Teil einer Dauerausstellung mit traditioneller Handwerkskunst der Hehe sein wird.

Amerikanischer Alptraum

von Valeria Heintges

Zürich, 22. Oktober 2020. "Ich begann meinen Winterschlaf Mitte Juni 2000. Ich war 26 Jahre alt." Wenn Alicia Aumüller als namenlose Ich-Erzählerin im Zürcher Pfauen diese ersten Worte spricht, sitzt sie schon im Müll ihrer Essensbestellungen. Zunächst liess sie alle Schönheitsmittelchen weg, dann blieb sie in der Wohnung, und jetzt will sie ein Jahr verschlafen. Der Job wurde ihr praktischerweise gekündigt, Geld spielt ohnehin keine Rolle mit der Wohnung an der Upper East Side, den Aktien und der Platinum-Visacard. Die grosszügige Psychiaterin Dr. Tuttle verschreibt die nötigen Beruhigungs- und Schlafmittel für die geplante Weltflucht. Dafür findet sie immer neue Platzhalter – mal dienen Blätter der Zimmerpflanze als Medikament, dann wird das starke Mittel in Form einer Diskokugel gegeben oder werden Schlittschuhe über die Theke gereicht.

Im Keller der Tradition

von Max Florian Kühlem

Köln, 22. Oktober 2020. Mitten im Wirrwarr der visuellen und akustischen Reize, der Symbole, Einrichtungsdetails, Kostüme, Requisiten und Stimmen der Performer*innen lohnt es sich, einmal kurz Luft zu holen und zu reflektieren, was das hier eigentlich für ein Ort ist: Das Gebäude am Offenbachplatz ist das eigentliche Kölner Schauspiel. Während einer Pause der noch bis 2023 währenden Sanierung kann darin aktuell gespielt werden. Intendant Stefan Bachmann, der Erfolg und große Freiheit gefunden hat in der Interimsspielstätte Depot im Stadtteil Mülheim, nennt es jetzt "Außenspielstätte". Das Duo T.B. Nilsson und Julian Wolf Eicke hat den Innenraum nun umgebaut zur abgeranzten Kneipenbühne "Heidi's am Offenbach" und fragt darin nach unserem Verhältnis zur Tradition.

Von obendraußen im Hochwald her

von Janis El-Bira

Berlin, 21. Oktober 2020. Wenn es dämmert auf der Bühne, erreicht dieser Abend Handke-Terrain. Dort, wo es knirscht und rauscht und keiner dem Kenner einen Gifthäubling für ein Stockschwämmchen vormachen kann. Wo kein Höckchen dem Stöckchen gleicht und die "Alleinspieler" ihre Gänge tun. Im Wald also, wo sonst, wird der Knabe Zdeněk Adamec, Jahre bevor er sich auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin übergießen und anzünden sollte, von der Mutter allein gelassen. Fast einen ganzen Tag lang, so berichtet es nun die Schauspielerin Lorena Handschin mit bassem Staunen, ernährte er sich dort von Blaubeeren, bis die Mutter im letzten Sonnenlicht doch zurückgekehrt sei. Keinen Moment lang habe Zdeněk sie vermisst an diesem "Schatzort", den er viel später nur ein einziges Mal noch einem besonderen Menschen zeigen sollte. Als dieser "Zweite" ungerührt blieb, sei auch Zdeněk nie wieder an jenen Ort gepilgert: "Was ihm geblieben ist von seinem Angezogenwerden durch die Lichtung obendraußen im Hochwald, war einzig die Scham."

Verschwindensverdammnis

von Martin Thomas Pesl

Wien, 20. Oktober 2020. Geschlechterfragen treiben Julia Haenni abwechselnd um. Stücktitel der 1988 geborenen Schweizer Autorin lauten Frau im Wald und Don Juan. Erschöpfte Männer. In ihrem aktuellen Text sind wieder die Frauen dran. Einen Grundgedanken zu "Frau verschwindet (Versionen)" formulierte Haenni bereits im Nachtkritik.de-Adventskalender 2018: Wie das wäre, wenn Frauen alles stehen und liegen ließen, fragte sie in einem verwackelten Handyvideo, als wäre sie selbst gerade auf der Flucht.

Ohne Worte

von Anna Landefeld

München, 19. Oktober 2020. Es dauert keine zehn Minuten, dann ist sie nackt. Hat sich der Krawatten-Blusen-Kombi entledigt, glücklicherweise auch des Silikon-Sexbomben-Shirts darunter, der Tiger*innen-Pants und auch ihrer Regungslosigkeit im Blick. Der wird jetzt lebendig, und leicht crazy: so wie alles irgendwie, was in Heike Goetzes Inszenierung von Sivan Ben Yishais Stück "Liebe / Eine argumentative Übung" in den Münchner Kammerspielen passiert – eine zweistündige Performance.

Da kann man Fleisch ranpacken!

von Frank Schlößer

Rostock, 17. Oktober 2020. Puntila hat die These von Theodor Adorno geknackt. Wenn er zweiacht im Turm hat, dann lebt er das richtige Leben. Dann ist er leutselig, spontan, großzügig. Dann ist er sogar in der Lage, sein anderes, falsches Leben zu reflektieren: Es täte ihm so leid! Denn wenn er einen dieser Anfälle hätte, wenn er gelegentlich "sternhagelnüchtern" sei, dann würde er zum Tier, zu Sklavenhalter, zum Kapitalisten. Aber was soll er machen! Schließlich hat er 90 Kühe!

Schutzraum Apokalypse

von Claude Bühler

Basel, 17. Oktober 2020. Was von der Aufführung in Erinnerung bleiben wird, ist die gewaltige, apokalyptische Szenerie, in der sich eine Gruppe Überlebender tummelt. Márton Ágh hat auf die Große Bühne und in den Zuschauerraum meterhohe, efeubewachsene Strommasten montiert, abgerissene Riesenwerbeplakate an die Wände gehängt, den opulenten Eingang eines Einkaufszentrums in den Hintergrund platziert. Es herrscht Zerfall und Verwahrlosung.

Durch den Gulli ins Herz

von Max Florian Kühlem

Kassel, 17. Oktober 2020. Seit 2451 Jahren denkt die (europäisch sozialisierte) Menschheit jetzt schon über diese Frage nach: Wie konnte Medea nur ihre Kinder umbringen? Man hat ihre schreckliche Tat als blutrünstige Rache, Akt der Verzweiflung, Selbstermächtigung oder feministischen Impuls in einer patriarchalen Gesellschaft gedeutet. Vielleicht ist sie aber bloß als Auftragswerk in die Literatur gewandert, weil die Korinther Euripides bestachen: Sie wollten nicht mehr so schlecht dastehen, weil sie es im Ursprung des Medea-Mythos waren, die Medeas Söhne lynchen wollten. Johanna Wehners konzentrierte Medea-Meditation am Staatstheater Kassel beschäftigt sich allerdings nicht nur mit dieser Frage.

Keine Spur von Babylon

von Sascha Westphal

Castrop-Rauxel, 17. Oktober 2020. Es ist wie ein Rausch, der Gereon Rath erfasst. Er, der den deutschen Gruß ablehnt und ihn meist nicht einmal andeutet, kann gar nicht mehr aufhören, "Heil" zu brüllen. Den rechten Arm stramm nach oben gestreckt steht der von Maximilian von Ulardt gespielte Berliner Kriminaloberkommissar allein im Zentrum der Bühne und gibt sich der Inszenierung der Macht hin. Es hat ihn im September 1935 nach Nürnberg auf den Reichsparteitag der Nationalsozialisten verschlagen. Aus einem Lautsprecher dröhnte eben noch eine Rede Adolf Hitlers, und nun kann auch Rath nicht mehr an sich halten. Er fällt ein in die "Sieg Heil"-Rufe, bis er sich gänzlich verausgabt hat. Dann verstummt er, und es ist, als wache er aus einem finsteren Traum auf. Plötzlich beginnt er, wie verrückt zu würgen. Etwas muss wieder aus ihm raus und lässt sich doch nicht einfach so ausspeien.

Letzter Sprung vom Karussell

von Anna Landefeld

München, 16. Oktober 2020. Es ist eine Hommage an einen Vergessenen – und was für eine: schnörkellos und üppig, klar und vogelwild, pathetisch und schwer expressionistisch. Kurz: eigenwillig! Das muss sie auch sein, die Inszenierung von Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen. Eigenwillig wie der, dem dieser dreineinhalbstündige Sechsakter mit neun Schauspieler*innen und neun Puppen gewidmet ist: Ernst Toller – der Dichter, der Dramatiker, der Theatermeteor der Zwanzigerjahre, der Utopist, der Träumer, der Moralist und obendrein noch Revolutionär und Politiker. Gockel packt den Schwerfassbaren, den Unermüdlichen, den Zerrissenen und erinnert an ihn.

Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht…

von Esther Slevogt

Berlin, 16. Oktober 2020. Der gigantische Rundhorizont der Volksbühne eignet sich natürlich vorzüglich, um dort enorme Flatscreens mit Filmszenen herabzulassen, die das Bühnengeschehen albtraumhaft vergrößern. Man sieht etwa, wie die zuvor noch statuarisch-kühle Lavinia Mannon (Paula Kober) mit gruseligen falschen Pupillen zum Voodoo-Monster geworden ist, das Barbiepuppen verspeist. Oder Mutter Christine (Sabine Waibel), die mit eisigem Blick weiße Chrysanthemen in der Vase zurechtzupft, bevor sie einer Marshmallows-Maus den Kopf abbeißt. Ihr unter seinem Topfhaarschnitt depressiv hervorblickender Gatte Ezra Mannon (Robert Kuchenbuch), soeben aus einem nicht näher definierten Krieg heimgekehrt, erklärt ihr im Pyjama derweil seine Liebe und spricht von Neuanfang.

Pubertät im Tanzstudio

von Jens Fischer

Hannover, 16. Oktober 2020. Gesucht wird die verlorene Zeit, als das Gehirn neu verschaltet sowie verkabelt und der Körper von kleinen Revolutionen erfasst wurde. Überall spross es, wuchs und gedieh: unregierbare Veränderungen, qualvolle, lustvolle – prägende Erfahrungen. Dieses verwirrende Drama Pubertät möchte die US-amerikanische Autorin Clare Barron von einem Ensemble erwachsener Schauspieler mit einer möglichst großen Diversität des Alters und der ethnischen Identität gespielt sehen, wie sie ihrem Stück "Dance Nation" voranstellt. Was auch von der deutschen Erstaufführungsbühne in Hannover verkündet und dort realisiert wird. In schlabbrig-sportiven Casual-Kostümen geht es um schlingernde Orientierung, sexuell hungrig werdende Körper und Empowerment.

Astronauten des Arbeitertheaters

von Nikolaus Merck

Berlin, 16. Oktober 2020. Es ist ja so ein Ding mit dem postdramatischen Theater. Oft schüttet es einem bunte Splitter vor die Füße und die Zuschauer*innen sind gehalten, aus dem Häuflein Glitzersteine ein Bild, eine schlüssige Geschichte selbst zu entwerfen. Ko-Fabulierer muss man sein.

Metatheater für die Ewigkeit

von Claude Bühler

Basel, 11. Oktober 2020. Die Sorge war unbegründet. Seit diesem Wochenende ist klar: Basel wird auch nach dem Weggang von Intendant Andreas Beck, der das Theater aus einer Krise wieder zu künstlerischer Bedeutung und hohen Publikumszahlen brachte, ein inspiriert und aufregend bespieltes Schauspieltheater mit internationaler Ausstrahlung haben. Das darf man nach der Saisoneröffnung mit der Bearbeitung von Ovids "Metamorphosen" als gesetzt annehmen.

Kritik der aufklärerischen Vernunft

von Maximilian Sippenauer

München, 11. Oktober 2020. Der Marstall ist auf links gekrempelt. Auf der eigentlichen Bühne stehen lose versprengte Sitzgelegenheiten und sorgen für pandemische Beinfreiheit, während die Bankreihen der eigentlichen Zuschauertribüne als Ort des Spiels dienen. In diese Bankreihen drapiert sind riesige 2D-Pappfiguren, die die Crème de la Crème exotischen Großwilds repräsentieren: Tiger und Löwe, Giraffe und Elefant. Ein Faultier baumelt von der Decke und Büffel, Bär und Walross zwinkern dunkel von den billigeren Plätzen. Auf diesen bunten Pappaufstellern sind bei genauerem Hinsehen Begriffe zu lesen wie "shutterstock" oder "getty images". Die Brandzeichen der Fotoagenturen, die diese Bilder als Vorlagen ins Internet gestellt haben. Was ein ziemlich eleganter Kniff des Regisseurs dieser Uraufführung Miloš Lolić ist, um die Zuschauenden in das Thema des Abends einzuführen: Alles in dieser Welt hat seinen Preis. Jeder, jede, jedes ist Ware. Dann Nebel, und nach und nach ploppen zwischen den Pappaufstellern die Schauspieler*innen empor. In Gehröcken und Samtkleidern wie Caspar David Friedrich-Figuren gekleidet wackeln sie auf den fatalen Horizontalen ihrer jeweiligen Reihe hin und her wie Schießscheiben auf einer Kirmes.

Duell mit Nebengeräuschen

von Dieter Stoll

Nürnberg, 10. Oktober 2020. Die junge Idealistin namens Antigone will nichts als das Recht, den toten Bruder würdig zu bestatten. Der robuste Machthaber, ihr Onkel Kreon verbietet es mit dem Hinweis auf selbst erlassene, keineswegs unbegründete Gesetze: Das Volk hat unter den Folgen einer Epidemie gelitten, sucht Schuldige, brüllt nach Rache. Das undefinierte Gemeinwohl könnte gefährdet sein, die Freiheit des Einzelnen aber auch. Wer hat das Recht, wer die Moral zur Seite, und wo bleibt die Vernunft? "Dass Unvernunft das größte Übel ist", wird zum Schluss dieses Theaterabends ausdrücklich in die Debatte geworfen.

Wo Unheil gedeiht

von Sascha Westphal

Münster, 10. Oktober 2020. Nichts als Grauzonen. So war es schon vor über hundert Jahren, als dem Chemiker Fritz Haber zusammen mit Carl Bosch die Ammoniaksynthese gelang. Damit war der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Produktion von Kunstdünger gemacht. Die Ammoniaksynthese ermöglichte aber auch die Produktion von Giftgas und dessen Einsatz als Massenvernichtungswaffe im Ersten Weltkrieg. Habers Ehefrau, die Chemikerin Clara Immerwahr, protestierte als überzeugte Pazifistin vergeblich gegen seine Bestrebungen für einen Gaskrieg und erschoss sich schließlich im Garten der gemeinsamen Villa nach einer Party, mit der Haber den ersten erfolgreichen Einsatz von Giftgas gegen die französischen Soldaten gefeiert hatte.

Widerstreitende Identitäten

von Max Florian Kühlem

Oberhausen, 9. Oktober 2020. Saša Stanišić. Wer den Namen des Schriftstellers in einem mit deutscher Tastatur geschriebenen Text korrekt darstellen will, muss ihn von irgendwo hinein kopieren – und wird so gleich mit dem Problem konfrontiert, das ihn zu seinem vielfach (unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis) ausgezeichneten Werk "Herkunft" inspirierte: Mit diesem Namen bekommt man in nicht wenigen deutschen Vierteln keine Wohnung. Mit diesem Namen muss man ständig dieselben Frage beantworten: Woher stammt der? Woher kommen Sie denn eigentlich?