Seelenwanderungen auf der Drehbühne

15. Dezember 2025. Wie geht es der israelischen Theaterszene? Im November fand das "Isradrama"-Festival statt. Freie Szene und Repertoire-Theater präsentierten sich dort in bester Form: als Recherchekunst, Therapie, Mittel zum Comic Relief. Theater gehört (wieder) zum Alltag und sucht den internationalen Austausch, den Europa leider gerade meidet. Am härtesten treffen die Boykotte regierungskritische Künstler*innen.

Von Matthias Naumann

Uri Blufarb, Ilan Zacharov, Yuvan Kenin Nachmias und Eyal Nachmias in Shura (שורה) © Efrat Mazor

15. Dezember 2025. Bereits im vergangenen Jahr, beginnend wenige Monate nach dem 7. Oktober 2023, sind erste Theaterarbeiten in Israel entstanden, die sich mit dem Massaker der Hamas und seinen Folgen auseinandersetzen. Einige von ihnen waren beim diesjährigen Isradrama – International Exposure of Israeli Theatre Mitte November zu sehen.

Die traumatischen Erfahrungen des 7. Oktober, die folgenden zwei Jahre Krieg und die auch jetzt unklare und weiterhin angespannte Situation, in einem brüchigen Waffenstillstand zu leben, prägen nicht nur viele Arbeiten auf der Bühne, sondern auch den veränderten Lebensalltag, in dem dieses Theater entsteht, gezeigt und besucht wird. So verwundert es nicht, dass viele der Arbeiten dokumentarisch sind, erste Versuche, das, was gerade erst geschehen ist oder noch weiter geschieht, zu greifen.

Geteilte Erfahrung des 7. Oktober 

Das Otef HaNegev Theater montiert in "Ein Ort zum Wohnen" (מקום לגור בו) von Amitai Yaish Ben Ousilio Material aus Gesprächen mit aus den überfallenen Kibbuzim Geflohenen und Evakuierten zu einem vielstimmigen Erzählraum, in dem sich die fünf Performer*innen immer wieder ergänzen, wenn es etwa darum geht, wie der Eingang zu einem Haus gestaltet war, wie man den Sicherheitsraum verschließen oder öffnen kann, was man mitgenommen hat. So wird in vielfältigen Fragmenten und mit genau choreografierten Bewegungsabläufen zwischen dem auf zwei Seiten sitzenden Publikum eine geteilte Erfahrung dieses Tags, des 7. Oktober, und der folgenden Monate deutlich.

Erweitert werden diese Erzählungen nach dem Verlust des Orts, in dem man wohnte und gerne lebte, durch Berichte über verschiedene Vogelarten und deren Nestbau bzw. -verteidigung. Immer wieder wird das Publikum über Fragen direkt adressiert. Das sture Nistverhalten von Tauben führt zu diesem Dialog, dessen letzte beide Fragen an das Publikum gerichtet sind: "Dann hat also die Taube gewonnen." – "Genug endlich mit diesem Wort ‚gewonnen‘." – "Was willst du? Dass wir verlieren?" – "Wir haben verloren, von Anfang an haben wir verloren, begreifst du das nicht?" – "Wer denkt, dass wir verloren haben?" – "Wer kann den Slogan ‚gemeinsam werden wir gewinnen‘ nicht mehr hören?"

Ein Ort zum Wohnen2 1200 Yaacov Amsellem, Miguel Orbach, Yasmin Bar Shalom Agmon, Hadas Neuman und Omer Arie Laba in "Ein Ort zum Wohnen / מקום לגור בו" © Ofir Hayat

Eine weitere eindrückliche Aufführung ist "Shura" (שורה) von Roee Joseph im Tmuna Theater. Joseph gehörte zu jenen, die in den Wochen nach dem 7. Oktober die teils bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten und verbrannten Leichen im Militärlager Shura identifiziert haben. Von Anfang an notierte er, was ihm dort begegnete, insbesondere, wie die dort Arbeitenden mit diesem Grauen umgingen. Sie erscheinen nun als Figuren auf der Bühne, die Schauspieler*innen schieben immer wieder leere, aufgeblasene weiße Säcke auf Bahren durch den Raum, berichten, wer diese Menschen waren, die dort gearbeitet haben.

Es stellt sich ein Alltag her, Arbeits- und Teamroutinen, die immer durchbrochen sind von Unfassbarem, während es Joseph als Regisseur seines eigenen Texts gelingt, eine nicht übermäßig beschwerte, ja unvermutet alltägliche Form des Erzählens herzustellen, die das Thema überhaupt in der anhaltenden Gegenwart des Krieges verhandelbar macht. Die Aufführung erhielt in der Woche nach dem Festival den Goldenen Igel, den Preis des unabhängigen Theaters in Israel für die beste Aufführung des vergangenen Jahres. Weitere Arbeiten kommen vom Malenki-Theater, das Interviews mit Angestellten und Patient*innen des Barzilai-Krankenhauses in Aschkelon über den 7. Oktober geführt hat, sowie von Yarden Gilboa, die in "Alles bleibt lebendig" (הכל נשאר חי) von der Suche einer Frau, ihrem schwer kriegstraumatisierten Mann zu helfen, erzählt.

Theater als Therapie

Einige weitere Arbeiten zum 7. Oktober und dem Krieg werden nur in dem Panel "Between the Sirens" vorgestellt. Darunter "Triggerwarnung" (אזהרת טריגר) von Keren Cohen Israeli und Dana Dvorin, die mit Überlebenden des Nova-Festivals versuchen, den Überfall der Hamas, aber auch die Schwierigkeiten des Wiederaufbaus eines Alltags nach dieser traumatischen Erfahrung auf der Bühne zu verhandeln. Wobei die Besonderheit dieses Projekts in der psychologischen Begleitung liegt, die den therapeutischen Aspekt mindestens so wichtig wie den künstlerischen nimmt und gerade darin wohl auch ein Bedürfnis des Publikums trifft.

Ein ähnliches Projekt hatte im vergangenen Sommer die Theatermacherin und aktuelle Festivalleiterin Hadar Galron mit einer gemischten Gruppe aus Überlebenden des Nova-Festivals und Schauspieler*innen unternommen. Von ihr ist am Tag nach dem diesjährigen Isradrama eine neue Arbeit, die satirische Stand-up-Show "The Final Final Solution", zu sehen, die mit sehr schwarzem Humor die gegenwärtige Situation in Israel, aber auch den Antisemitismus im Westen aufs Korn nimmt. 

Setzdichzumir 1200 EyalTagarAtalia Branzburg, Samaher Gazi und Nataly Zukerman in "Setz dich zu mir / שבי לצידי" © Eyal Tagar.

Ebenfalls vom 7. Oktober stärker gelöst haben sich bereits "Setz dich zu mir" (שבי לצידי) von Idan Schwartz, Nataly Zukerman und Atalia Branzburg sowie "Rami und Bassam – Apeirogon" (רמי ובסאם אפירוגון) von Avner Ben Amos (nach dem Roman von Colum McCann) in der Regie von Sinai Peter, die beide israelische mit palästinensischen Perspektiven in Dialog bringen und so zu Brüchen in der Wahrnehmung und Fragen gelangen, die manche im Publikum sehr willkommen heißen, während bei anderen in der Beschäftigung mit den eigenen Verletzungen noch keine Offenheit dafür da ist.

Stimmungswechsel nach Geiselfreilassung

Eine besondere, zugleich kritische und einfühlsame Form der Auseinandersetzung mit dem 7. Oktober im Spiegel des 50 Jahre zurückliegenden Jom-Kippur-Kriegs hat hingegen die Theatermacherin Danielle Cohen Levy in "Auf dem Weg nach Hause. Wiederholungszeichen" (בדרך הביתהסימן חזור) bereits im Sommer 2024 entwickelt. Das Publikum sitzt mit ihr und ihrem Vater um einen großen Tisch in einem Atelier, und sie befragt ihn nach seiner Zeit als Soldat im Jom-Kippur-Krieg. Sie sprechen über die durch die Generationen wiederkehrenden Kriege, Ängste und Verlusterfahrungen, auch mit dem Publikum, das ebenfalls beginnt, Erinnerungen zu teilen. Und die Sorge, dass in wenigen Jahren die eigenen Kinder zur Armee gehen müssen; das Versprechen, die Hoffnung, dass die Kriege dann vorbei sein werden, gibt es nicht mehr.

AufdemWegnachHause 1200 DanBenAriDavid Cohen Levy, Chen Alon, Zvi Sahar (stehen) und Danielle Cohen Levy (Mitte) sowie Zuschauer*innen in "Auf dem Weg nach Hause. Wiederholungszeichen / בדרך הביתה. סימן חזור" © Dan Ben Ari.

Dieser Eindruck herrschte zumindest im vergangenen Sommer, als ich die Arbeit während des Kriegs in Tel Aviv gesehen habe, in all der Niedergedrücktheit, welche die Theater- und Kunstszene zu dieser Zeit prägte. Inzwischen hat sich die Stimmung nach der Freilassung der Geiseln wieder etwas verändert, der alltägliche Alptraum des Bangens um die Entführten ist zu Ende, wohin es weitergeht, unklar. Für die zumeist regierungs- und kriegskritischen Künstler*innen war es aber auch ein weiteres Jahr des politischen Kampfs, der anhält, manchen stark zusetzt und dessen Entwicklung offen ist. Im diesjährigen Festival zeigt Danielle Cohen Levy ein Spielformat: "Can You Beat the KGB?" Es geht um die Ermordung Alexej Nawalnys, und am Ende rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob man gehen oder bleiben solle in diesem Land – und das bezieht sich dann doch wieder auf Israel.

Unterschied zwischen unabhängiger Szene und Repertoiretheatern

Nun sollte nicht der falsche Eindruck entstehen, dass sich das israelische Theater nur mit der politischen Gegenwart beschäftige. Auch wenn das ein gewichtiger Teil ist und daher bei Isradrama dieses Jahr großen Raum einnahm, finden diese Auseinandersetzungen doch vor allem in der unabhängigen Szene statt, während die großen Repertoire-Theater überwiegend ein im Vergleich unterhaltendes oder auch eskapistisches Programm anbieten. Das scheint nicht nur den politischen Konflikten geschuldet, sondern auch einem System, in dem auch große Häuser etwa 80% der Einnahmen über die Kasse generieren müssen.

Im diesjährigen Isradrama-Programm stammen nur vier der vierzehn Aufführungen von Repertoire-Theatern, bemerkenswert ist darunter "Bis dass der Tod uns zusammenführt" (עד שהמוות יפגיש בינינו) am Theater Beer Scheva. Noa Lazar-Keinans ernste Komödie erzählt von einer Frau, die ein Jahr nach dem Krebstod ihres Mannes einen Brief von ihm erhält, dass er sich wünsche, dass sie jemand Neues kennenlernt, und vor seinem Tod schon mal mögliche Dates für sie arrangiert hat. Daraus entfaltet sich einiges komisches Potenzial, während zugleich die Beziehung zu ihrem elfjährigen Sohn, der schwer unter dem Tod des Vaters leidet, dem Stück eine große Tiefe gibt. Im Stück ist es Krebs, ein scheinbar privater Fall, aber die allgemeingesellschaftliche Aktualität des Stoffs mitten im Krieg ist greifbar.

BisdassderTod 1200 xShira Naor und Doron Ben David in "Bis dass der Tod uns zusammenführt / עד שהמוות יפגיש בינינו" © Maayan Kaufman.

Das Stück ist Teil des Programms der neuen künstlerischen Leiterin in Beer Scheva, Aya Kaplan, weiblichen Stimmen in der israelischen Theaterszene mehr Raum zu geben. Dieses Anliegen hat auch ein weiterer Schwerpunkt des Festivals, "The Female Voice in Art". Dazu gehört etwa Hana Vazana Grunbergs Inszenierung "Das sind die Dinge" (זה הדברים) nach dem Roman von Sami Berdugo, Adaption: Alex Fasberg, die im Jaffa Theater die Geschichte der Kindheit eines jüdischen Mädchens in Marokko in der Mitte des 20. Jahrhunderts, vor der Einwanderung nach Israel, aus dem Rückblick der nun alten Frau erzählt, der ihr Sohn plötzlich Lesen und Schreiben beibringen will. Im vom aschkenasischen Bildungsbürgertum über viele Jahrzehnte geprägten israelischen Theater fallen misrachische Stoffe – also Erzählungen von aus den arabischen Ländern vertriebenen und nach Israel eingewanderten Jüdinnen und Juden – noch immer auf, sie sorgen für eine Diversifizierung der Themen und des Publikums.

Theater gehört wieder zum Alltag

Einen ganz anderen Einsatz theatraler Mittel bietet hingegen "Seelen" (נשמות) von Roy Chen in der Inszenierung von Itai Tiran am Gesher Theater, ebenfalls in Jaffa gelegen. Es erzählt, mit kabbalistischen Mythen spielend, von zwei einander verbundenen Seelen, die durch die Jahrhunderte hinweg wiedergeboren werden, sich wiederbegegnen und einander wieder verlieren. Vielschichtig spannt es den Bogen von einem polnischen Schtetl über das Ghetto von Venedig ins Marokko des 19. Jahrhunderts, so die Herkünfte verschiedener Teile der heutigen israelischen Gesellschaft streifend, um schließlich mit russisch-jüdischen Einwanderern im heutigen Israel zu landen. Das ist sehr unterhaltsam, intensiv gespielt und temporeich unter Nutzung der Drehbühne für die Seelenwanderungen inszeniert. Im Gesher merkt man, dass Theater hier (wieder) zum Alltag der Menschen gehört.

Direkt nach dem 7. Oktober mussten die Theater wegen des dauernden Raketenbeschusses für zwei bis zweieinhalb Monate schließen; auch manchmal später noch während der Raketenangriffe der Hisbollah und des Iran. Im Dezember 2023 öffneten erst die kleineren Säle wieder, später auch die großen, als sich wieder mehr Menschen an einem Ort versammeln durften. Aber das Massaker der Hamas und der Krieg hatten zahlreiche Spielpläne verändert, Produktionen passten nicht mehr in die veränderten Verhältnisse, manche Planungen schienen nun unangebracht, auch politisch schwierig.

Motti Lerners Stück über Golda Meir und die Agranat-Kommission, das wenige Tage nach dem 7. Oktober uraufgeführt werden sollte, kam allerdings schon bald im Dezember 2023 an der Habima zur Premiere, doch nun ganz unter dem Eindruck der gegenwärtigen Forderungen nach einer Untersuchungskommission für politische und militärische Versäumnisse. 

Seelen 1200 xMeni Gross und Pazit Yaron Minkovski in "Das sind die Dinge / זה הדברים" © Natasha Shakhnes.

Andererseits mussten aber auch Produktionen an großen Häusern abgesetzt werden oder kommen erst gar nicht mehr zustande, weil Agenturen im Westen die notwendigen Rechte nicht mehr nach Israel geben und so verhindern, dass ihre Stücke dort aufgeführt werden, wie mir Talia Banon Tsur, die Theaterkorrespondentin von Haaretz, erzählt. Hier zeigt sich u.a., wie effektiv der Israelhass im Kulturbetrieb und die Boykottkampagnen bereits sind.

Aufführungsrechte zu verweigern, ist eine stille Methode des Boykotts, die niemand öffentlich skandalisiert, die anscheinend jedoch zahlreich praktiziert wird. Hört man sich in diesem November 2025 in der israelischen Theaterszene um – während in Europa die Hetze gegen Israel unvermindert weitergeht, als gäbe es keinen Waffenstillstand –, wird einem schnell deutlich, wie isoliert israelische Künstler*innen zur Zeit sind. Die Zahl der Kooperationen mit europäischen und nordamerikanischen Theatern ist merklich zurückgegangen, ebenso Einladungen zu Festivals, Residenzen. Eine Abgeschnittenheit von Europa macht sich bemerkbar, die gerade diejenigen trifft, die sich als linke, kritische Künstler*innen gegen die rechte israelische Regierung stellen, die mit ihren Projekten an einem anderen gesellschaftlichen Bewusstsein, einer anderen Zukunft arbeiten.

In den Rücken fallen ihnen dabei vermeintlich Progressive im Westen, die genau wie die Hamas lieber einen Fortgang des Krieges als Verständigung oder Ausgleich wollen. Das ruft mir Lilach Dekel-Avneris Inszenierung der Eumeniden, ebenfalls aus dem Sommer 2024, in Erinnerung, in der sie die Versöhnung an den Anfang stellte, so dass man am Ende der Aufführung nach dem ganzen Prozess an dem Punkt anlangt, sich zu fragen: Und wie kommen wir nun zu jenem Moment zurück, an dem Versöhnung und damit eine andere Einrichtung der Welt möglich war?

Folgen des Kulturboykotts

In der politischen Wirklichkeit allerdings sieht man, ebenso wie im Alltag der Künstler*innen, wie der antiisraelische Boykott der rechten Kulturpolitik der israelischen Regierung in die Hände spielt. Der durch das Massaker der Hamas – anstatt einer Solidarität mit den Angegriffenen – entfesselte, antiisraelisch "begründete" Antisemitismus scheint in westeuropäischen Theaterszenen nun bereits hegemonial. Während vor 2023 immer zahlreiche Gäste zu Isradrama aus Frankreich und Benelux, Italien, UK und Skandinavien kamen, war dieses Jahr niemand von dort bereit, Israel zu besuchen. Deutsche und Österreicher waren die einzigen Westeuropäer, neben zahlreichen Gästen aus Osteuropa, von Rumänien über Tschechien bis Estland, Zentralasien, etwa Georgien, und ostasiatischen Ländern, neben Korea, Thailand und Japan vor allem China.

Seelen 1200 xEvgenia Dodina und Ariel Bronz in "Seelen / נשמות" © Isaiah Fainberg.

Mehrmals höre ich auch jenseits des Festivals von einem gegenwärtigen Trend, einer Neuorientierung auch in Kooperationen nach Südost- und Ostasien, den die sich in antisemitische Boykotte verrennende europäische Kulturszene nur verstärkt. Die Gäste aus den USA und Kanada wiederum sind meist selbst jüdisch oder kommen von jüdischen Einrichtungen; auch das war mal anders. Im Gespräch berichtet mir Ruth Przybyla vom Goethe-Institut Israel von ähnlichen Erfahrungen, etwa dem Programm Israel–Deutschland im zeitgenössischen Tanz am HaBait-Theater, einem der wichtigsten freien Häuser, für das sie Choreograph*innen aus Deutschland eingeladen haben, um in Tel Aviv gemeinsam mit israelischen Künstler*innen zu arbeiten und aufzutreten. Am Ende konnten sie nur nach Deutschland ausgewanderte Israelis für dieses Programm gewinnen; andere in Deutschland lebende Choreograph*innen waren nicht bereit, nach Israel zu reisen. Aus dieser Einschränkung hat das Programm dann seine eigene Kraft entwickelt; zugleich wünscht man sich jedoch, dass die selbstgerechte Verblendung, die zu keinem Austausch bereit ist, bzw. die Angst davor, mal wieder abnimmt. 

Hoffnung auf Austausch

Der erste Theatertext, der in Reaktion auf den 7. Oktober und den folgenden Krieg in Gaza entstand, war bereits im Oktober 2023 Maya Arad Yasurs "Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten" (איך להישאר הומניסטית אחרי טבח ב-17 צעדים). In Israel wurde er immer wieder im Jaffa Theater gezeigt und bildete einen wichtigen Reflexionspunkt für ein linkes Publikum, um sich mit der eigenen Haltung im Krieg auseinanderzusetzen – nämlich den Blick über die Grenze, das Bewusstsein, "auch auf der anderen Seite der Grenze gibt es Mütter", wie es im Text wiederholt heißt, nicht zu vergessen. In Deutschland war Arad Yasurs Text an verschiedenen Theatern in einer Inszenierung von Sapir Heller zu sehen. Doch wäre zu hoffen, dass auch weitere der so aktuellen israelischen Theaterarbeiten, etwa "Ein Ort zum Wohnen" oder "Shura" als Gastspiel auf einem Festival oder an einem deutschen Theater gezeigt werden.

Matthias Naumann ist Theaterautor, Übersetzer aus dem Hebräischen und Verleger des Neofelis Verlags. Zusammen mit dem Regisseur Johannes Wenzel hat er als Futur II Konjunktiv zahlreiche Theaterarbeiten realisiert, zuletzt Die Hitze und das Recht am Staatstheater Karlsruhe. Seine Übersetzungen von Theatertexten Hanoch Levins sind 2022 in dem Band "Hanoch Levin: Die im Dunkeln gehen. Theaterstücke" erschienen. Letztes Jahr hat er den Band "Judenhass im Kunstbetrieb. Reaktionen nach dem 7. Oktober" herausgegeben. Anfang 2026 erscheint die von ihm zusammengestellte Anthologie "Kinder des Schattens. Israelische Theatertexte zur Shoah seit der Staatsgründung".

Kommentare  
Theaterbrief Israel: Danke
Danke für diesen überaus wertvollen, besonnenen und vielschichtigen Beitrag.
Theaterbrief Israel: Rechte nicht erteilt?
Danke für den interessanten Bericht.
Eine Nachfrage: Welcher Verlag hat welche Rechte nicht erteilt? Mir scheint die Diskussion kann man nur mit Ross und Reiter führen. Sonst bleibt es ein Geraune. Bitte wenn bekannt wenigstens die deutschen Verlage nennen und die Stücke für die sie die Rechte nicht erteilen, sonst ist die Schlussfolgerung nur eine Behauptung und trägt kaum zur Debatte bei. Interessant wäre ja die Verlage zu fragen, warum sie die Rechte nicht erteilen, anstatt ihnen pauschal Judenhass zu unterstellen.
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