"Wir sind doch nicht im Puff!"

von Wolfgang Behrens

Berlin, 26. Januar 2016. Natürlich hasse ich Claus Peymann. Wie auch nicht? Er weiß ja selbst, dass er der Antipode des relevanten zeitgenössischen Theaters ist, das hochzuhalten der Theaterkritik ohne Wenn und Aber und ohne Rücksicht auf ästhetische Verluste aufgegeben ist. Ruft Claus Peymann einen Kritiker an – ja, das kommt vor! –, dann meldet er sich schon mal mit den Worten: "Hier spricht der Todfeind!" Da Peymann zudem der Ansicht ist, Kritiker seien grundsätzlich dämlich, bleibt mir auch gar nichts Anderes übrig, als ihn zu hassen.

Werde ich also zu einer seiner Premieren am Berliner Ensemble geschickt, schreibe ich meine Kritik schon vorher und spicke sie mit Formulierungen wie: "Die Schauspieler geben ihr Bestes, schade nur, dass sie keinen Regisseur hatten." Oder besser noch: "Er wollte der Reißzahn im Arsch der Mächtigen sein und wurde das Zäpfchen im Hintern des Bürgertums." Dann freue ich mich über meine Floskelfindungen, gehe ins Theater und lasse mir meine Vorurteile bestätigen.

kolumne wolfgangZum Bääääh-mann???

Unter den sogenannten konservativen Kollegen und nicht zuletzt in Städten wie Wien oder München ist übrigens das Gerücht im Umlauf, dass sich die Berliner Kritiker gegen Peymann verschworen hätten. Ich kann das nur bestätigen: Jeden Dienstag von 14 Uhr 30 bis 15 Uhr 15 etwa treffen wir Peymann-Hass-Kritiker uns im Café Buchwald zum Kaffeekränzchen und überlegen uns neue Schmähungen. Kürzlich schlug einer vor, man könne doch die Akademie der Künste dazu bewegen, Peymann den Großen Kunstpreis zu verleihen, um diese Entscheidung danach mal so richtig zu bashen. Leider hat sich die AdK dann aber für Frank Castorf ausgesprochen.

Als ich noch ein Zuschauer war und Peymann Intendant des Burgtheaters, war das noch anders. Da liebte ich Claus Peymann. Ich liebte es, wie er in Interviews und Publikumsgesprächen über alle und jeden herzog. Wie er sich vom österreichischen Bundespräsidenten Waldheim angeblich den Nacken küssen und von aufgebrachten Nicht-Theatergängern Misthaufen vors Burgtheater schütten ließ. Wie er im Wien der Kronen-Zeitung für Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard, Peter Handke und Peter Turrini einstand. Die FPÖ plakatierte damals vor irgendwelchen Wahlen: "Lieben Sie Claus Peymann oder Kunst und Kultur?" Die Antwort fiel nicht schwer, denn was die FPÖ für Kunst und Kultur hielt, das mochte man gar nicht wissen.

Ohne Wenn und Aber und ohne Rücksicht

Ich liebte sogar – man traut sich's kaum zu sagen – Peymanns Inszenierungen, seinen "Peer Gynt" oder seine Bernhard-Uraufführungen. Und ich liebte es, wie sich die Wiener über Peymann ereifern konnten. Wie etwa der Herr Oberbibliotheksrat der Wien-Bibliothek jedes Mal wie ein Onkel Dagobert, dem man den Glückstaler weggenommen hatte, in die Luft ging, wenn ich ihm mitteilte, dass ich meinen Leseplatz jetzt aufzugeben und ins Burgtheater zu gehen gedenke: "Zum Bääääh - mann?", schrie er, und seine Augen wuchsen zornig über die Brillenränder hinaus. Denn eines war klar: Peymann war der Antipode des edlen und konservativen Sprechtheaters, das hochzuhalten den Wienern ohne Wenn und Aber und ohne Rücksicht auf ästhetische Verluste aufgegeben war.

Und nun ist es – Dienstagsgruppe, bitte weghören! – Zeit für ein Geständnis: Ich liebe den Bähmann noch immer. Ich freue mich, wenn ich ihn am Berliner Ensemble sehe, wie er noch durch die letzten Ecken seines Theaters kriecht, um nach dem zu sehen, was er für das Rechte hält. Ich freue mich über bernhardesk-komische Ausraster, wenn etwa eine Tresenkraft zu laut "Der Nächste bitte!" ruft und der plötzlich wie ein Dominus-ex-machina auftauchende Peymann noch einmal lauter loszetert: "Wer brüllt hier denn so? Wir sind doch nicht im Puff!"

Gemütliche Runde der Hass-Kritiker?

Am meisten aber freue ich mich darüber, dass hier einer seinem Theater über Jahre und Jahrzehnte hinweg ein klares und vor allem: ein nicht austauschbares, ein unverwechselbares (und von mir aus auch etwas verschnarchtes) Profil gibt. Dass dort nicht all die Jet-Set-Regisseur*innen arbeiten, die an jedem anderen Haus zu finden sind, völlig egal, ob das Schaubühne, Deutsches Theater, Thalia Theater Hamburg oder Schauspiel Frankfurt sind. Dass hier einer an bestimmten Regisseur*innen, Autor*innen und Schauspieler*innen eigensinnig festhält. Und ich finde es fantastisch, dass jemand, der eine Peymann-Inszenierung sehen will, auch tatsächlich ins Berliner Ensemble kommen muss, weil der Hausherr nicht dauernd abwesend ist und in Stuttgart, München oder Zürich inszeniert.

Ich jedenfalls werde den Todfeind Peymann vermissen, wenn er 2017 den Staffelstab des BE-Intendanten an Oliver Reese abgibt. Was wird dann bloß aus unserem Dienstags-Kaffeekränzchen? Eine gemütliche Runde der Reese-Hass-Kritiker – also Entschuldigung!, das klingt doch irgendwie läppisch! Der Bähmann muss es schon mindestens sein.

 

behrens2 kleinWolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Redakteur bei nachtkritk.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne Als ich noch ein Zuschauer war wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz – mit besonderer Vorliebe für die 1980er und -90er Jahre.

 

Zuletzt übermittelte Wolfgang Behrens an dieser Stelle eine Botschaft von Heiner Müller.

 

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Kommentare  
Geständnis in Sachen Claus Peymann: tiefe Verneigung
Wußt' ich doch, daß das so läuft (Dienstagsgruppe). Umso mehr: tiefe Verneigung vor dem Bekenntnis und dem Mut, auszuscheren...
Herrlich!
Geständnis in Sachen Claus Peymann: der Letzte in Berlin
Ich werde ihn und sein Theater sehr vermissen. Ich weiß, dass die meisten Schreiber hier eher Häme für ihn übrig haben, aber er ist der Letzte in Berlin, der großes Theater mit großen Schauspielern und Regisseuren macht, dass man sich als Nicht-vom-Fach-Bürger ansehen kann und das das Theater als einen gewissen magischen Ort wirken lässt. Er hat eine Haltung, die man nicht teilen muss, aber schön, dass es das gibt. Und er hat ein Geschichtsbewusstsein in viele Richtungen. Zudem ist er der Letzte, der Rentnern im Vorverkauf Ermäßigung gibt und auch ansonsten noch vergleichsweise humane Eintrittspreise nimmt. Er vertreibt die Alten nicht, weder auf noch vor der Bühne. Lamentieren nützt nichts. In anderthalb Jahren wird die Zeit vorbei sein. Aber mir wird er fehlen.
Geständnis in Sachen Claus Peymann: auch ich bin traurig
Als Peymann Wien verlassen hatte, begann so mancher Peymann-Feind umzudenken und Ihr Bibliothekar – so er noch gesund und munter ist – wünscht sich Peymann wahrscheinlich als Direktor zurück. Und die vielen Fans von ihm so und so.
Ich bin aus Wien immer wieder ins BE gekommen und habe viele wunderbare Peymann-Inszenierungen aber auch andere Theaterabende miterlebt (z.B. eine ganz hinreißende Dreigroschenoper, der die derzeitige Wiener Inszenierung im Theater an der Wien nicht annährend das Wasser reichen kann).
Tolle Schauspieler spielen und auch „in die Welt gehen „ sehen (Meike Droste, Markus Meyer, Sabin Tambrea) und andere ebenso tolle bleiben gesehen.
Auch habe ich viele wunderschöne Programmbücher heimgetragen und gelesen, Peymanns Publikumsdiskussionen voll Spannung und Interesse am Publikum und eine energievolle und gewinnbringende Versteigerung, die dem Publikum auch eine Sondervorstellung Peymann pur gönnte, erlebt.
Selbst ich als Wienerin (auch mit der Hoffnung, dass ihm in Wien Möglichkeiten der Theaterarbeit geboten werden) bin traurig über seinen Weggang vom BE. Ich werde Peymanns Berliner Ensemble sehr vermissen.
Geständnis in Sachen Claus Peymann: verdienen
Liebe gibt es umsonst, Hass muss man sich verdienen.
Geständnis in Sachen Claus Peymann: das erwähnte Plakat!
Das Demokratiezentrum Wien zeigt das Anti-Peymann/Jelinek-Plakat von 1995, das Wolfgang Behrens erwähnt:

http://www.demokratiezentrum.org/wissen/galleries/die-kunst-der-stunde-gallery.html?index=562

Die ZEIT hatte damals auch einen längeren Text über das Plakat und die Stimmung in Wien: http://www.zeit.de/1995/48/Stillstand_in_Erregung
Geständnis in Sachen Claus Peymann: im Sweatshop
"Verhältnisse wie in einem Sweatshop"
Vielleicht in dem Zusammenhang übrigens interessant, was Dietrich Lehmann, altgedienter Grips-Theater-Schauspieler und Landesvorsitzender der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger kürzlich im taz-Interview sagt: "Manche Berliner Bühnen gönnen ihren Ensembles keine Regeneration. Es gibt ein Theater, da müssen die Schauspieler jeden Tag von 10 bis 23 Uhr zur Verfügung stehen und haben zehn Minuten Pause: Das ist das Berliner Ensemble von Herrn Peymann. Das sind Verhältnisse wie in einem Sweatshop, im Haus von Brecht! Die bringen die „Mutter Courage“, aber das Ganze wird gespielt von Sklaven. So etwas macht mich wütend."
http://www.taz.de/!5265882/
Geständnis in Sachen Claus Peymann: BE quo vadis
Peymann ist ein Besonderer! Ich werde ihn und seine Arbeit(en) sehr vermissen. Vielen Dank für wunderbare Anregungen und Bilder, die ich in's Leben mitnahm...
Insgesamt wird mirleider bang ums Herz beim Gedanken an die Wechsel an Volksbühne UND BE - Berlin quo vadis?
Geständnis in Sachen Claus Peymann: neue Besen
Wer weiß, ob ich nach diesem Wechsel noch genau so oft mit Euphorie ins Theater gehen werde. Lassen wir uns überraschen gemäß dem alten Spruch:
"Neue Besen kehren gut" - wirklich?
Geständnis in Sachen Claus Peymann: Chapeau aus Graz
Sehr schön, chapeau und beste kollegiale Grüße aus Graz, wo bekanntlich niemand gewesen sein muss und wo die Bernhard'schen und Peymann'schen Misthaufen leider nie abgeladen wurden.

"Man kann ja sein Leben nicht ausbeuteln wie einen Teppich, das kann man ja nicht. Nicht?" T. B.
Geständnis in Sachen Claus Peymann: super
Lieber Herr Behrens,
super Kolumne!
Ich dachte, Sie wären Experte für Heiner Müller. Bin ganz erstaunt, dass Sie sich jetzt auch auf Peymann verstehen.
Geständnis in Sachen Claus Peymann: an der Burg
Jemand, "der eine Peymann-Inszenierung sehen will", muss übrigens nicht "tatsächlich ins Berliner Ensemble kommen".

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=964444796

Nur mal so.

Ich mag ihn ja irgendwie auch.
Geständnis in Sachen Claus Peymann: kein Rentnerparadies
#2
Nostalgie heureuse, genießen Sie die verbleibende Zeit! Was den letzten Punkt betrifft, ist von Oliver Reese nichts zu erwarten. Wer in Frankfurt dem Jugendlichkeitswahn frönt (auf, vor und hinter der Bühne), wird am Berliner Ensemble kein Rentnerparadies errichten.
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