Abfallprodukte des Spektakels

17. März 2026. Jürgen Habermas ist tot. Von ihm ließ sich auch lernen, was Theater kann. Als die bürgerliche Öffentlichkeit im Sog der Privatisierung zerrieben wurde, erzählte René Pollesch die Geschichte des Theaters und der theatralen Indivduen weiter, geboren im Erscheinungsjahr von Habermas' bedeutendster Studie.

Von Esther Slevogt

17. März 2026. Es war immer eine gewisse Beruhigung für mich, dass Jürgen Habermas noch lebte. Einer der letzten so called  "Denker", dessen Denken mir nicht ideologiegetrieben oder von einer verborgenen Agenda beherrscht schien. Habermas, von dem ich (aus seiner berühmten Habilitationsschrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit" nämlich) einmal den Begriff "Publikum" verstehen lernte: als zunächst noch kaum definierte Menge von Privatmenschen, die am Beginn des bürgerlichen Zeitalters "obrigkeitlich reglementierte Räume für sich reklamierten", um sich dort "über die allgemeinen Regeln des Verkehrs in der grundsätzlich privatisierten, aber öffentlich relevanten Sphäre des Warenverkehrs und der gesellschaftlichen Arbeit auseinanderzusetzen".  In dieser Praxis konstituierten sie  sich  als Publikum und wurden so auch Plattform für die damals zögernd sich herausbildende Demokratie, deren wesentliches  Selbstverständigungsmedium das Theater wurde.

Massenmedien formatieren die Köpfe

Für mich war die Rolle  des Theaters für die Herausbildung der Demokratie  immer unbestritten. Denn so, wie die zum Publikum konstituierten Individuen am (und im) Theater zunächst ihre Fähigkeit trainierten, Gefühle und Konflikte an Spieler auf der Bühne zu delegieren, konnten sie später politische Meinungsbildungsprozesse an gewählte Vertreter*innen delegieren. Dabei hatte Habermas seine Vorstellung, was Individuen zum Publikum macht, bereits vor  dem Hintergrund eines Erosionsprozesses beschrieben: als die kapital- und konsumgesteuerten Massenmedien die öffentlichen Sphären längst angegriffen hatten und dem, was Habermas unter demokratischer Öffentlichkeit verstand, den Boden zu entziehen drohten.  

Mit ähnlich totalitärer Wucht wie die von Habermas' Lehrern Horkheimer und Adorno beschriebene Kulturindustrie bemächtigten die Massenmedien sich des Publikums, formatierten dessen Denken, Fühlen und Meinen. Und aus dem, was gerade noch ein kritisches  wie  diskurstreibendes (und forderndes) Publikum war, wurde  ein regressives.  Auch wenn hier vielleicht einzuräumen wäre, dass der Öffentlichkeitsbegriff, wie Habermas ihn prägte, immer schon ein idealisierter war. Trotzdem sind die Befunde  nicht  von der Hand zu weisen und der instabile, entfremdete Einzelmensch (beziehungsweise, was  Ideologie und Kapitalismus davon übrig ließen)  ist  inzwischen ja flächendeckend anzutreffen in unserer ausfransenden und zerfallenden Gesellschaft. 

Von Habermas zu den den Gewehren der Frau Kathrin Angerer

Niemand hat diese an sich verzweifelnden Einzelwesen auf dem Theater schöner und ergreifender als René Pollesch beschrieben:  wie sie sich im Spiel der Popzitate auflösen, auf der Suche nach Resten von Gesellschaft und Gemeinschaft trotzdem nicht mehr  zu gesellschaftlich  agierienden  (oder gar politisch denkenden und handelnden)  Wesen werden können.  Wie er in seinen Stücken  Gefühle und Stimmungen triggernde Musiken aus Film und Pop pompös ins Leere laufen ließ,  während  Bühnenmaschinerien dazu ausufernde wie seelenlose Ballette ausführten.  Wenn  etwa  in "Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer" das  Riesenmahlwerk eines Filmstudios zu rotieren beginnt, und der ganze Illusionsbetrug wie das Abfallprodukt eines enormen Spektakels offengelegt wird. Wenn sich auf die Bühne plötzlich zu anschwellendem Soundcluster die gigantische Hand von King Kong herabsenkt (wie in den "Manzini-Studien"). Wenn irgendwann in ausufernder Robe Kathrin Angerer dort  hineinsteigt und  mit apokalyptischer Emotionalität ein banales Erlebnis in einer Autowaschanlage zum tragischen Höhepunkt einer Kette unzusammenhängender Ereignisse werden lässt.

Trotzdem fühlen die so herzzerreißend entseelten Individuen auf der Bühne dann all das ganz wirklich. So, wie das Publikum ja auch. Weil auch wir schon längst in Denken und Fühlen formatiert und zugerichtet sind und zuverlässig fühlen, was wir fühlen sollen, beim Einsatz dieser emotionssteuernden Musik.  Bloß, dass Polleschs Theater es immer schaffte, die vom Kapitalismus versiegelten Oberflächen einen Spalt zu öffnen, durch den momentweise so etwas  wie das Licht der Erkenntnis dringen konnte. "Alles ist immer noch wie immer", sagt in den "Manzini-Studien" Martin Wuttke einmal. "Die Körper sind immer noch in Ordnung: bis auf den Knacks." Ja, und da kommt eben manchmal das Licht durch, wie schon Leonard Cohen wusste.

Das Pollesch-Theater stirbt

Doch muss hier  in der Vergangenheit gesprochen werden. Gerade in diesen Tagen laufen viele Pollesch-Inszenierungen  an der  Berliner  Volksbühne  zum letzten Mal. Das Pollesch-Theater stirbt also gerade, so wie René Pollesch vor zwei Jahren gestorben ist. Auch Jürgen Habermas ist jetzt gestorben, dessen  Leben fast vier Dekaden länger als das von Pollesch währte, und dessen Buch "Strukturwandel der Öffentlichkeit" im Jahr von René Polleschs Geburt erschien. Die darin beschriebene  Refeudalisierung  des öffentlichen Raums hat längst unheimliche Züge angenommen. Dem setzt künftig also nicht  einmal mehr ein Theater etwas entgegen, wie in entwaffnender Weise das René Pollesch tat.

Statt dem Publikum den Rücken zuzukehren, wie er im Anschluss an  Bert Brecht gefordert hat  (siehe "Der  Schnittchenkauf"), läuft das Theater inzwischen seinem Publikum hinterher, ängstlich, es mit eigenen Positionen und Meinungen zu verschrecken. Läuft in gewisser Weise dem Publikum eigentlich in vorauseilendem Gehorsam hinterher. So entsteht die paradoxe Lage, dass das Publikum nun zwangsläufig dem Theater den Rücken zuwendet. Ein Publikum, das aus lauter Privatmenschen besteht, die schon längst keine Öffentlichkeit mehr bilden. Die sich selbst in ihren (von ihnen selbst für öffentlich relevant gehaltenen) Privatmeinungen völlig genügen.

 

Kolumne: Aus dem bürgerlichen Heldenleben

Esther Slevogt

Esther Slevogt ist Chefredakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

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Kommentare  
Kolumne Slevogt: Alle spielen, ständig
Nach dem Publikum: Pollesch im Schatten von Habermas und Sloterdijk
Der Tod von Jürgen Habermas markiert nicht nur das Ende eines Denkens, sondern das endgültige Verblassen einer Hoffnung: dass Öffentlichkeit herstellbar sei – durch Argument, durch Vernunft, durch gemeinsame Räume. Kaum ein Ort stand paradigmatisch für diese Hoffnung wie das Theater. Und kaum ein Theater hat ihre Implosion so präzise vermessen wie das von René Pollesch.

Habermas’ frühe Diagnose bleibt bestechend: Öffentlichkeit entsteht dort, wo Privatmenschen sich versammeln, um über das Allgemeine zu verhandeln. Das Theater war ein solcher Ort – nicht nur als Darstellung, sondern als Übungsraum. Hier wurde gelernt, Konflikte auszulagern, Perspektiven zu wechseln, Urteilskraft zu entwickeln. Publikum war keine gegebene Größe, sondern ein Prozess.
Doch genau dieser Prozess ist längst gekippt. Was Habermas noch als Erosion beschrieb, hat sich zur Struktur verfestigt. Öffentlichkeit zerfällt in Teilöffentlichkeiten, Diskurs wird durch Affekt ersetzt, das Publikum durch Konsumenten. Das Theater verliert damit seine Grundlage – oder schlimmer: es passt sich an.

An diesem Punkt setzt Peter Sloterdijk an – und entzieht der habermasschen Trauer den Boden. Für ihn war Öffentlichkeit nie der vernünftige Raum, als den Habermas sie entwirft, sondern immer auch ein Schauplatz von Inszenierung, Erregung, Selbstbehauptung. Die Gegenwart ist kein Verfall, sondern eine Radikalisierung: Nicht die Öffentlichkeit verschwindet, sondern ihre theatralische Natur tritt offen zutage. Alle spielen, ständig.

Das Theater verliert damit sein Privileg. Es ist nicht mehr der Ort der Inszenierung – es ist einer unter vielen. Und oft der harmlosere.
Polleschs Arbeiten markieren genau diesen Umschlagpunkt. Sie zeigen kein funktionierendes Publikum mehr, aber auch keine souveränen Spieler. Stattdessen: Figuren, die wissen, dass sie sprechen, zitieren, performen – und darin gefangen bleiben. Diskurs wird Material, Identität eine lose Montage, Emotion ein abrufbares Skript. In „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“ dreht sich die Maschine sichtbar ins Leere, während das Pathos weiterläuft. Das Spektakel entlarvt sich – und funktioniert dennoch.
Hier liegt die eigentliche Schärfe dieses Theaters. Es bestätigt weder die habermassche Hoffnung noch die sloterdijksche Gelassenheit. Es zeigt einen Zustand, in dem Aufklärung nicht mehr befreit, sondern paralysiert. Man weiß alles – und handelt nicht.
Das Publikum ist darin nicht Beobachter, sondern Teil des Problems. Es erkennt sich in der Fragmentierung, in der Affektsteuerung, im ironischen Abstand. Und bleibt sitzen. Lacht vielleicht. Oder fühlt – zuverlässig, wie gelernt.

Während das gegenwärtige Theater zunehmend versucht, Anschlussfähigkeit zu sichern, Risiken zu vermeiden, Zustimmung zu organisieren, verweigerte Pollesch genau das. Keine Identifikation, keine Katharsis, keine beruhigende Haltung. Stattdessen Überforderung, Brüche, Leerlauf. Ein Theater, das nicht mehr vorgibt, Öffentlichkeit zu erzeugen – sondern deren Unmöglichkeit ausstellt.
Nach Habermas bleibt die Sehnsucht nach einem Publikum, das mehr ist als die Summe privater Meinungen. Nach Sloterdijk bleibt die Einsicht, dass diese Sehnsucht vielleicht immer schon illusionär war. Pollesch steht dazwischen: ohne Trost, ohne Zynismus.
Sein Theater hat nichts gerettet. Aber es hat den Moment sichtbar gemacht, in dem nichts mehr zu retten ist – und genau darin noch einmal eine Form von Wahrheit behauptet.
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