Keiner weint!

13. Dezember 2024. Eine René-Pollesch-Uraufführung mit allem, was dazugehört? Zehn Monate nach Polleschs Tod? Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit! Nicht allerdings an der Berliner Volksbühne, wo jetzt fünf Spieler*innen zum "Schnittchenkauf" laden, Polleschs luzider Gedankensammlung über Theorie und Praxis des Theaters aus dem Jahr 2011.

Von Janis El-Bira

"Der Schnittchenkauf" von René Pollesch an der Berliner Volksbühne © Apollonia T. Bitzan

13. Dezember 2024. Dass dieser Abend glattweg vom Himmel hoch dahergekommen sei, so weit will man nun nicht gleich gehen. Aber leicht weihnachtswunderlich reibt man sich doch die Augen darüber, welche Mächte hier bloß gewirkt haben müssen. Knappe zehn Monate nach dem entsetzlich unzeitigen Tod von René Pollesch erlebt die Volksbühne nämlich ein ziemliches Riesending der Unmöglichkeit: eine Pollesch-Uraufführung mit allem, was mal dazugehörte.

Ich sagte doch, dass die Liebe uns trennt

Also mitsamt Einlass-Playlist und einem gezimmerten Bühnenbild von diesmal irgendwie fernöstlicher Anmutung (Leonard Neumann), mit hinreißend in der Popkultur wildernden Kostümen (Tabea Braun), viel Zigarettendunst und zwischendrin sogar beißendem Benzingeruch von knatternden Mopeds. Vor allem und zuvorderst aber mit Kathrin Angerer, Martin Wuttke, Milan Peschel, Rosa Lembeck und Franz Beil, die sich mit amerikanischen Allerweltsnamen anreden, obwohl sie sich, klar, genau genommen gar nicht an-, sondern vielmehr nebeneinander reden. Weich fällt man in den Sitz und warm kribbelt es unter der Schädeldecke, wenn Kathrin Angerer loslegt mit allerschönsten Pollesch-Enunziationen: "Und ich sagte doch, dass die Liebe uns trennt."

Schnittchenkauf3 1200 ApolloniaTheresaBitzan uWarmes Kribbeln unter der Schädeldecke: Martin Wuttke, Kathrin Angerer und Rosa Lembeck auf Leonard Neumanns Bühne © Apollonia T. Bitzan

Der Text, aus dem sie kommen, heißt "Der Schnittchenkauf". Man könnte bei dem 2011 entstandenen Büchlein, das kein Stück ist, von einer Pollesch-Poetik sprechen. Viele Kernbegriffe seiner Arbeit sind hier in locker geschwungenen Gedanken versammelt: Die tiefe Skepsis gegenüber dem Theater der Repräsentation und seinen historischen Ausgestaltungen (Tragödie), Formen (Dialogzentriertheit) und Protagonisten (die berühmte "weiße männliche Hete"). Das Interesse am Lehrstück (Brechts "Messingkauf" ist nicht umsonst Namenspate) genauso wie die Polleschs ganzes Werk durchziehende emphatische Betonung von Körper und Materie. Mit jenem behelfsmäßig den Pollesch-Stücken aufgeklebten Label des weitschweifigen "Diskurstheaters" hat all das in der Rückschau eigentlich kaum etwas zu tun. Man erschrickt fast: Die Sache war ernst. Und sie bleibt es.

Witzig, sentimentalitätsfrei und null resigniert

Dass sie in ihrer Konkretion auf der Bühne zugleich enorm komisch sein konnte, ist auch beim "Schnittchenkauf" nicht anders. Einen Pollesch-Abend wie aus besten Zeiten haben die fünf Spieler*innen und Dramaturgin Anna Heesen den bitteren Umständen entwunden. Wahnsinnig witzig, vollkommen sentimentalitätsfrei und null resigniert. "Keiner weint", stand früher auf den Streichholzschachteln der Volksbühne wie als Aufforderung zum Weitermachen, trotz alledem. Und es weint in diesen zwei rasant vorbeifliegenden Stunden tatsächlich niemand. Bis zum Schlussapplaus, da dann doch, aber nur ein bisschen.

Schnittchenkauf1 1200 ApolloniaTheresaBitzan uPollesch-Theater im Hier und Jetzt: Kathrin Angerer und Milan Peschel tragen René Polleschs Theatertheorie und -praxis nach seinem Tod weiter © Apollonia T. Bitzan

Zuvor spielen Angerer, Peschel, Wuttke, Lembeck und Beil, als hätten sie zum ersten Mal Zeilen wie diese im Mund: "An euren Theatern interessiert mich, dass wir nicht lieben können, wenn wir sprechen." Und man hört hin, wie man früher vielleicht nicht immer hingehört hätte. Überhaupt fühlt sich dieser Abend manchmal wie ein tränenloses Verzeichnis der Verluste an, die mit Polleschs Tod einhergingen: Wo sonst gab es je so ein herrlich schief gepresstes Pathos wie bei Kathrin Angerer, wenn sie die vierte Wand von der Metapher ins konkrete Mauerwerk holt? Wo sonst durfte ein Spieler wie Franz Beil die komplette Fremdwirkung jedes Satzes aus seinem Mund zu einem regelrechten Haspelinferno steigern – und genau dadurch zum Idealtypus einer ganzen Theaterpraxis werden? Wo war Milan Peschel trickreicher, Martin Wuttke durchlässiger, Rosa Lembeck elegischer? Wo konnte ein ganzes Ensemble lange romantisch zu anschwellender Musik auf die Flusslandschaft einer Wandtapete im Bühnenrücken glotzen, als seien sie allesamt Abgesandte einer fremden Theatergalaxie?

Nicht aufs Neue, sondern aufs Nochmal

Zu Polleschs Theater-Ontologie gehörte auch, dass ein Anderes nur da möglich wird, wo man das Bestehende durchgespielt hat, es versteht. Oder wenigstens versteht, warum man es nicht versteht. Daraus entwickelt auch dieser Abend seinen bis zur Albernheit reichenden Witz, seinen flirrenden Rhythmus.

Aber es scheint falsch, von all dem als Vergangenem zu sprechen. Denn es findet ja statt, im Hier und im Jetzt. Als Regisseur hat René Pollesch aufs eigene Überflüssigwerden hingearbeitet, es war Teil seiner Praxis. Glücken konnte das nur mit dem größten Vertrauen in die, die seine Texte sprachen und nun weiter sprechen. Immer wieder nicht aufs Neue, sondern aufs Nochmal. "Dieses Herz, das man ihnen eingepflanzt hat, ist ja ein Wiederschlagen", heißt es ganz am Ende. Das ist das beste Geschenk, das Polleschs Leute mit diesem Abend machen: Dass die Praxis sich bewiesen hat. Dass es wirklich ohne ihn geht. Gehen muss.

Der Schnittchenkauf
von René Pollesch
Uraufführung
Bühne: Leonard Neumann, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Florian Brückner, Denise Potratz, Live-Kamera: Jan Speckenbach, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Kathrin Angerer, Franz Beil, Rosa Lembeck, Milan Peschel, Martin Wuttke.
Premiere am 12. Dezember 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volksbuehne.berlin


Kritikenrundschau

"In 'Der Schnittchenkauf' emanzipieren sich die Schauspieler und revolutionieren das Theater", urteilt Corinne Orlowski von rbb24 (13.12.2024). "Man könnte es großspurig vielleicht als existenzialistisches Anti-Illusionstheater begreifen." Das Ensemble entwickele "eine emotionale Reife, die man von den frühen Pollesch-Inszenierungen in der Form nicht kennt".

"Mit Polleschs 'Schnittchenkauf' erfindet die Volksbühne das Theater neu – mal wieder und noch besser", ist Ulrich Seidlers Rezension in der Berliner Zeitung (12.12.2024) überschrieben. "Es ist ein Ewigkeitsspiel mit Musikunterbrechung und viel schönstem Gerede und viel interessiertestem Zugehöre, das an diesem aus vielen Gründen unglaublich tröstlichen Abend seine fortgesetzte Neuerfindung entdeckt hat", schreibt der Kritiker und schlussfolgert: "Guter Augenblick zum Dabeisein."

"Wer den Fehler gemacht oder das Unglück gehabt hat, nie gesehen zu haben, was das ist, war und doch bleiben wird, 'die Volksbühne', der sehe sich das an", ruft Sophie Klieeisen in der Berliner Morgenpost (13.12.2024) aus. Die Spielenden wollten "dem Theater nichts auftragen, keinen Auftrag, keine Botschaft, keinen Sinn und keinen Zweck", so die Kritikerin. Dafür sei "eindeutig, warum man ihnen dabei so gerne zuhört und -sieht". Nämlich: "Weil sie es so gut machen."

"Der Abend lässt die alte Volksbühnen-Maschinerie wieder aufflackern – und doch fehlt das Leuchtfeuer, fehlt René Pollesch, der uns die Schnittchen persönlich belegt. Mit diesem Abend um eine große Leere herum gibt die Volksbühne keine Antworten. Aber sie gibt ein zärtliches Wohin mit in eine seltsame Zukunft“, schreibt die Journalistin und Dramatikerin Ivana Sokola auf Zeit online (13.12.2024). 

"So sehr 'Der Schnittchenkauf' ins Grundsätzliche geht, so unterhaltsam ist der Abend. Die Kostüme von Tabea Braun sind wahre Hingucker, die Schauspieler beweisen ihr Geschick für Komik und das Publikum genießt es", schreibt Jakob Hayner von der Welt (14.12.2024).

 

 

Kommentare  
Der Schnittchenkauf, Berlin: Hommage im Retro-Stil
Sehr vertraut sind der Sound, die Ästhetik und die Themen dieses Abends: Kathrin Angerer nölt divenhaft Bette Davis-Zitate, Franz Beil stottert durch die philosophischen Fragmente, Martin Wuttke qualmt eine Zigarette nach der nächsten und Milan Peschel grinst schelmisch mit großen Augen. Die bekannten Volksbühnen-Stars aus der Pollesch-Familie spielen sich munter die Bälle zu und witzeln über die „Vierte Wand“, während sie meist nur via Live-Kamera-Projektion von der Hinterbühne zu erleben sind. Einen frischen Ton bringt Rosa Lembeck in den Abend, die Jüngste im Quintett, die mit Polleschs Intendanz 2021 ans Haus kam: sehnsuchtsvoll und elegisch seufzt sie über die Liebe und Beziehungsprobleme, ein weiteres Lieblings-Terrain von Pollesch, das diesmal jedoch in den Hintergrund tritt.

„Der Schnittchenkauf“ basiert auf einer Essay-Sammlung, die René Pollesch schon 2011 veröffentlichte und ist zweierlei: Zum einen ein Nostalgie-Bad für alle Fans des vor zehn Monaten überraschend verstorbenen Dramatikers und Intendanten, an dem viele bekannte Stilmittel und Versatzstücke, die sein Werk prägten, ein vielleicht letztes Mal zu erleben sind. Zum anderen eine Comedy für Theaterwissenschaftler und Betriebs-Insider, die vom Premierenpublikum kichernd begleitet und vom erstaunlich jungen Publikum fast euphorisch gefeiert wurde: Eine „letzte Party“ titelte die SZ über Peter Laudenbachs Kritik.

Wie geschmiert läuft diese Pollesch-Hommage im Retro-Stil auch ohne den verstorbenen Spiritus Rector. Die langjährigen Vertrauten, die stets eng an den gemeinsamen Arbeiten beteiligt waren, haben Stil und Inhalt so verinnerlicht, dass man gar nicht bemerken würde, dass der Regisseur diesmal fehlt, wenn man es nicht wüsste.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/12/13/der-schnittchenkauf-volksbuehne-kritik/
Der Schnittchenkauf, Berlin: Reifeprotest
Hier zeigt sich die Volksbühne mit weichen Herz und bitterer Selbsthaftigkeit,
die einen "alten" liebevollen Gedankentext von Rene Pollesch,
zu einem durchbrechenden Visier der "vierten Wand" verwendet.
In die Hinterbühne zu spielen und nach vorne zu wirken.

Wäre der Saal leer, es wäre keine Schande.
Die Spieler/innen brauchen bei diesem Abend kein Publikum.
Sie sind ganz bei sich, ganz bei der Freiheit, der Großherzigkeit der Texte,
ganz bei der Liebe in aller Rücken.

Sie haben nach vorne gespielt,
nach vorne zu uns,

Ich war weggeworfen voller schleimigen Glücks.
Der Schnittchenkauf, Berlin: Wir sind die Wand
Nach dem Wahnsinn einer Posthum-Inszenierung die Ernüchterung: Blackbox Publikum, die 4. Wand wird von der Bühne verhandelt. Nein von ihr gebaut. Äh, äh: es gibt kein Publikum. Keine Zuschauer, keine Wand! Also sind wir die Wand. Vorne - hinten - oben. Unten nicht. Das da, das sind wir. Das waren wir. Wir waren nur Klatschaffen, kein Grund, das da aufzuheben. Wir konnten nie was, außer Klatschen. Lachen vielleicht, und - husten. Wir wollten auf die Bühne - wie traurig! Nein, wollten wir nicht, wir waren die Bühne. Wir sehen euch an, nein, tun wir nicht! Ihr habt aufgehört, uns anzusehen. Wir sehen uns auch nicht mehr an. Wir sind die Wand. So ein Dreckloch von Bühne, so ein Gestank! Das Publikum hustet, das Publikum hat kein Leben. Leben tut nur einer, das ist René. Wo ist sein Körper? Das seid ihr. Nein wir! Wer seid ihr? Alles Theorie, ein Tier. Brecht! Äh. Was haben diese Augen, was diese Münder nicht haben? Können Augen schweigen? Auch offene Münder schweigen. AGB 7 (5) Das Rauchen ist im gesamten Theatergebäude nicht gestattet. Nicht mal das haben wir gemein. Am besten nicht mehr hinriechen. Auf der Bühne braucht man keinen Einser, setzen! Was wohl im Publikum vor sich geht? Es geht wieder und kommt wieder. Besser geht's nicht mehr.
Schnittchenkauf, Berlin: Sehr bewegend
An den letzten Tagen des Jahres auch "Schnittchenkauf" und "ja nichts ist ok" zu sehen ist sehr bewegend. Mit der "Ähnlichkeit unserer Skelette" kommen wir nicht weiter, weil dieses "wir" auf falschen Voraussetzungen basiert und bestenfalls mit der "Ähnlichkeit unserer Skelette" argumentiert. Innerhalb eines vereinzelten Körpergefüges, eines biometrisch zurechtgestutzten "Individuum", weiß die eine Hand nicht was die andere (nicht) tut, ein imaginäres Verstehen jenseits der vierten fff. Wand bleibt schlussendlich immer an einen Niemand gebunden, denn an der Negation einer Totalitäts-Imago scheitert alles, was nicht mit dieser Totalitäts-Imago identisch zu sein behauptet - und damit identisch zu sein, kann niemand von sich behaupten. Ein solches totales Theater wäre eine totalitäre Gesellschaft. Aber diese Gesellschaft ist ja nur relativ total darin, permanent zu spielen und damit die Schauspieler*innen überflüssig zu machen, diese Leute, die sich ständig in klassische Stoffe und Narrative verwickeln und noch so authentisch an der eigenen Haut, ihrer vierten Wand, kratzen können, mit dieser Gebärde des Ankratzens können sie aufgekratzt wirken und schließlich abkratzen aber "Ausdruck", diesen Mehrwert, schinden sie nicht aus ihren Körpern heraus, diesen Gefallen tun sie dem Kapitalismus nicht. Sie tun nicht mehr so, als spiele sich zwischen zwei Türen ("Eingang" und "Ausgang", Alpha und Omega) etwas "Wesentliches" ab, die Türen sind Schlüssel aber keine Türen und die von Aristoteles verordnete Zeitspanne ist der einzelne Glühfaden, dessen Verbrennen riskiert, wer das Licht schöner Panoramen und Tag-/Nacht-Rundhorizonte an- und ausschaltet, an- und ausschaltet. Und dieses Risiko einzugehen „heißt“ nichts und „bedeutet“ nichts, lockt nur ein Niemandsland hinter/aus/unter/bei den großen Verbrennungsöfen einer kapitalistischen Weltbrandindustrie hervor. Oder es kommt manchmal ein Mensch vorbei, sagt ihren/seinen Namen und schlüpft für eine Sekunde an den Niemandsländern „Repräsentation“, „Bedeutung“ und Kapitalismus vorbei. Entkommt irgendwann, „eines Tages“ oder gegen Ende einer Vorstellung („ja nichts ist ok“) irgendjemand dahin, wo die gewaltfreien Gliederfüßer waren/sind – das weiß niemand. Vielleicht wächst dem „Mann“ eine Brust, die „seinen“ Mitbewohner*innen Milch gibt und „Ursprünge“ flammen myriadenfach auf wie ein Sternenhimmel aus der Perspektive der Sterne, lauter Entflammbarkeiten, die einander Licht spenden ohne einander zu verbrennen.
Schnittchenkauf, Berlin: Das Theater ist tot und es lebt
(...) Und so hören wir von der Idee eines „anti-illusionistischen Theaters“, das nicht nur der Illusion, die im Als-ob-Spiel liegt abschwört, sondern auch der, dass da ein Publikum sei, das gekommen sei, um das Stück zu sehen, eines, das weniger wisse als die Spielenden selbst. Dann wäre die vierte wand auch ganz real, denn da sei ja ohnehin kein Publikum mehr. Die Leute würden in ihrem Leben so gut spielen, „dass Theater unnütz geworden ist“. Doch was bleibt dann noch? Die*der Spielende, sein Körper, die „reale Figur, die gegen die Wirklichkeit redet“, statt so zu tun, als stellte sie sie dar.

Das ist der Ausgangs-, End- und Mittelpunkt dieses Abends, von ihm aus entspinnen sich die Diskurs- und Text- und Spielschliefen, ihn umkreisen sie, zu ihm streben sie zurück. Die Rolle wird zum Aufdruck auf den Körper, die Sprache zu etwas, von dem die*der Spielende schon kurz danach nichts mehr weiß. „Von uns geht keine absolute Wahrheit aus“ und: „Es gibt kein sein, es gibt nur das werden“. Wenn der Abend Schlüsselsätze hat, Sätze, die es erlauben, die zwei Stunden aufzu- und zu erschließen, dann sind das diese. Denn wenn der absolutheitsanspruch des Menschen, wenn sein Sinnversprechen sich auflösen, wird auch der Tod erträglich und verarbeitbar, dieses ultimative und doch nicht endgültige werden. Aber an ein „Aufschließen“ ist nicht zu denken, der „Text“ steht gegen die „Meinung“, die Materie gegen die Bedeutung, der Diskurs gegen jeden „Sinn“, der sich festhalten und damit verabsolutieren ließe.

Und da sind wir dann mitten drin in der Polleschschen Poetik des Suchens und Fragens, die nie zum Finden und antworten führen können, nein, dürfen. Das steht hinter dem „Pollesch-Sound“, der hier ein letztes wie erstes Mal zu vernehmen ist. Er liegt in Martin Wuttkes immer leicht beleidigtem Gequengel, Katrin Angeres nöligem Pathos, Milan Peschels schelmisch-neugierig anarchischer Aufgeregtheit, Rosa Lembecks still verträumter Verwunderung oder Franz Beils verbalem Auswurf-Stakkato, das stets die eigenen Worte überrascht ansieht, als wären sie Fremdkörper, als wären Text und Körper vollkommen separiert. Und das sind sie, sollen sie sein, oder besser werden. Mit fragendem, zunehmend verzweifeltem Blick und Gestus werden mimetische Szenenfragmente nach erzählt- und gespielt, immer in der distanzierenden dritten Person, eine Außenschau, die nicht verstehen kann, wie ein solches „Spiel“ je ernst zunehmen war.

Das Irritierendste wie Beglückendste an Polleschs Theater war stets die Verweigerung von Antworten, ja, das In-Frage-Stellen ihrer Existenzmöglichkeit. Und das ist auch an diesem Abend. „Was tun, wenn man nicht mehr geliebt wird und anfängt, mit einer wand zu sprechen?“, fragt Lembeck einmal, die Liebe als zweites großes Pollesch-Thema zitierend. Der Abend lässt uns zurück mit der Frage und Unsicherheit, mit der Ungewissheit, was danach kommt, nach diesem „unnütz“ gewordenen Theater, den ins Vakuum verstreuten Film-Fragmenten, den bestimmungslos aufgerissenen und zugeschlagenen Türen? Ein Werden, ein Suchen, ein Weitermachen. Und das ist das vielleicht Magischste an diesem Abend: Dass er genau das verkörpert. Pollesch mag nicht mehr hier sein, aber seine Suche, seine Fragen, sein Theater, sein Sound bleiben. Sie haben sich emanzipiert, sie haben erreicht, was Pollesch stets wollte: den Regisseur überflüssig zu machen. Und perspektivisch vielleicht sogar den Autor. Weil der Text sich selbst weiterschreibt, weil Tod und Leben ineinanderfließen, Körper immer neue Texte aufnehmen und abstoße können. „Dieses Herz, das man ihnen eingepflanzt hat, das ist ja ein Wiederschlagen“, heißt es gegen Ende. Das Theater ist tot und es lebt. An diesem Abschieds- und Neubeginnabend womöglich mehr denn je zuvor.

Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2025/01/05/das-wiederschlagende-herz/
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