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Kleist-Förderpreis an Sarah Calörtscher
31. Januar 2024. Das Kleist Forum Frankfurt (Oder) und die Stadt Frankfurt (Oder) haben auf einer Pressekonferenz die Preisträgerin des Kleist-Förderpreises für junge Dramatikerinnen und Dramatiker 2024 bekannt gegeben. In diesem Jahr geht die renommierte Auszeichnung an Sarah Calörtscher für ihr Stück "Herz aus Polyester".
Der Kleist-Förderpreis ist mit einem Preisgeld von 7.500 Euro dotiert und mit einer Uraufführungsgarantie verbunden, die in diesem Jahr vom Deutschen Theater Berlin übernommen wird.
Aus der Begründung der Jury:
"Sarah Calörtschers 'Herz aus Polyester' spielt gleichermaßen an der letzten Station zwischen Erde und Universum sowie im Herzen eines Algorithmus. Das Werk verbindet geschickt den Fluch der Zivilisation mit der Hoffnung auf ein verbessertes Leben auf dem Mars.
Getrieben von der Furcht vor einer alles Leben befallenden geheimnisvollen Krankheit, die die Körper plastifizieren lässt, und Ressourcenmangel, bewerben sich drei Erdlinge um einen der begehrten Plätze auf der Marskolonie, dem einzigen Ausweg für die Menschheit. Die Prüfung ihrer Eignung obliegt einem Algorithmus, der in seinen Interaktionen beweist, dass er längst mehr ist als nur eine simple Rechenbox aus Nullen und Einsen – er ist zu Komplexerem fähig.
Die Schweizer Autorin Sarah Calörtscher beschreibt eindrücklich die Angst vor Stillstand, die Hoffnungen und die Gier der Menschheit nach Fortschritt. Mit beeindruckender Sprachgewalt erschafft sie nicht nur einem abstrakten Algorithmus eine lebendige Präsenz, sondern zeigt in dieser poetischen Science-Fiction auf, welche Möglichkeiten und Ausdrucksmittel das digitale Erzählen auf der Bühne bieten kann, ohne dabei das Menschliche aus den Augen zu verlieren."
Sarah Calörtscher wurde 1991 in Graubünden. Nach einem Bachelor in Musik und Bewegung studierte sie Dramaturgie an der Züricher Hochschule der Künste. Bei Projekten in der freien Szene ist sie als Dramaturgin, Musikerin und Autorin anzutreffen. Sie ist Mitbegründerin der Band "Strange Modes" und komponiert auch fürs Theater. Nach einem Studio-Semester am Theater Neumarkt war sie dort Regieassistentin für Anna-Sophie Mahlers "Whistleblowerin" und Satoko Ichiharas "Madama Butterfly". Nebst weiteren Hörspielen schrieb sie 2020 für das SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) das Kurzhörstück "Oxytocin".
Sie ist Absolventin des Dramenprozessors 22/23, in dessen Rahmen das Stück "Herz aus Polyester" entstand. Im Frühjahr 2023 hat sie am Kellertheater Winterthur ein erstes Engagement als Dramaturgin für die Produktion von Marina Skalovas "Der Sturz der Kometen und der Kosmonauten". Zuletzt hat sie mit dem Verein "soft und sauer" ein dreiwöchiges performatives Recherchezentrum zum Thema Wohnraum geführt. Ihre Stückentwicklung "Grounding" mit der "cie. Softsoil" gewinnt den Theaterwettbewerb Premio-SPRING 2024 und wird im November 2024 Premiere am Südpol in Luzern feiern. Die Suche nach musikalischen Erzählstrukturen und der Zweifel an allem Festgefahrenen sind Kernthemen ihrer künstlerischen Arbeit.
Die Jury setzte sich folgendermaßen zusammen:
Florian Vogel, Künstlerischer Leiter des Kleist Forums Frankfurt (Oder) und Leitung der Jury
Thomas Köck, Autor und Laudator
Milena Manns, Dezernentin für Kultur, Bildung, Sport, Bürgerbeteiligung und Europa der Stadt Frankfurt (Oder)
Jasmin Maghames, Dramaturgin am Deutschen Theater Berlin
Harald Wolff, Mitglied Dramaturgische Gesellschaft
Beata Anna Schmutz, Vorstand der Dramaturgischen Gesellschaft, Künstlerische Leiterin Mannheimer Stadtensemble am Nationaltheater Mannheim
Petra Thöring, Dramaturgin Hessisches Landestheater Marburg
Anke Pätsch, Direktorin Kleist-Museum Frankfurt (Oder)
Jack Kurfess, Theater Consultant
Die offizielle Preisverleihung mit der Laudatio von Thomas Köck findet im Rahmen der diesjährigen Kleist-Festtage am 9. Oktober 2024 statt. Das prämierte Stück "Herz aus Polyester" wird an diesem Abend erstmals in Frankfurt (Oder) gezeigt. Die Uraufführung produziert das Deutsche Theater Berlin in Zusammenarbeit mit dem Kleist Forum. Die Uraufführung wird am 27. September 2024 in der Box im Deutschen Theater Berlin Premiere haben. Regie führt Daniel Foerster.
Seit 1996 vergeben die Kleist-Stadt Frankfurt (Oder), das Kleist Forum und die Dramaturgische Gesellschaft jährlich den Kleist-Förderpreis für junge Dramatikerinnen und Dramatiker. Anwärterinnen und Anwärter, die bei Einsendeschluss nicht älter als 35 Jahre alt sind, können sich mit noch nicht uraufgeführten Theatertexten bewerben.
(jeb)
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Ihr gehe es darum, die Hoffnung wie einen Muskel zu trainieren, sagte die aus dem Schweizer Kanton Graubünden stammende Autorin in einem kurzen Interview auf dem Programmzettel. Alles andere als hoffnungsvoll, sondern gespeist aus Motiven der Klassiker von Sci-Fi-Literatur- und Kino sowie aktuellen Krisenmeldungen verläuft die erste Stunde des kurzen Abends. Drei Erdlinge (Folkwang-Absolvent Leon Rüttinger als Gast und die beiden DT-Ensemble-Mitglieder Svenja Liesau und Peter René Lüdicke) versuchen, auf den Mars zu fliehen. Mikroplastik hat von den menschlichen Körpern Besitz ergriffen und bricht wie das Alien aus ihren Körpern heraus. In ihrer Verzweiflung zucken und zappeln die drei in ihren Strampelanzügen und suchen einen letzten Ausweg vor der Plastifizierung.
Doch ein Algorithmus (Off-Stimme von Daria von Loewenich) hat sich als Torwächter postiert. Mit spöttischem Unterton á la HAL aus „2001 – Odyssee im Weltraum“ hakt sie einen langen Fragenkatalog ab, den das Trio beantworten soll. Im Überlebenskampf zeigen sie keine Solidarität, sondern lassen sich in einen Wettbewerb gegeneinander hetzen, in dem keiner der drei Erdlinge eine gute Figur macht. Sie stottern sich durch die Antworten und schwitzen bei den sportlichen Übungen, die sie am Gerüst aus LED-Lampen (Bühne und Kostüme: Robert Sievert) auf Anweisung der KI vorturnen müssen.
Kurz vor Schluss kommt der überraschende Kipppunkt: die KI entwickelt Gefühle, in Menschengestalt von Daria von Loewenich tritt sie zu den Erdlingen auf die Bühne und lädt das Trio zum kuscheligen Schlussbild ein. Bis dahin gibt es noch einige komödiantische Einlagen: Lüdicke hat ein Solo als Rumpelstilzchen-hafter Urzwerg, der die Feuerkugel reitet, aus den Off pludern Voyager I und II (gesprochen von Almut Zilcher und Beatrice Frey). Regisseur Daniel Foerster inszeniert dieses Satyrspiel des Untergangs-Triples als unterhaltsamen 90 Minüter in der DT-Box.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/10/24/herz-aus-polyester-deutsches-theater-kritik/