deutsche märchen (& super creeps) - Schauspiel Leipzig
Social Medea im Prinzessinland
19. April 2026. Thomas Köck hat die Gebrüder Grimm studiert und zeigt nun, wo die deutsche Seele wurzelt: in populären Märchen und medialem Populismus. Ein Feuerwerk von einem Text, das Elsa-Sophie Jach bei der Leipziger Uraufführung bildmächtig zündet.
Von Matthias Schmidt
Thomas Köcks "deutsche märchen" in der Regie von Elsa-Sophie Jach in Leipzig © Rolf Arnold
19. April 2026. Einer der Sätze, die aus Thomas Köcks Stück in Erinnerung bleiben, lautet, "mein Märchen findet nicht mehr statt." Machen wir es also groß. "deutsche märchen (& super creeps)" ist ein vielschichtiger, streckenweise herausragender Theatertext. Ein Mashup aus heinermüllernden Flächen und rolfhochhuthenden Wutausbrüchen. Ziemlich "deep", wie es mehrmals heißt. Dieses Stück ist ein sprachgewaltiges Konvolut aus Themen und Thesen, ein Spiel mit Formen und Ansprechhaltungen, ein Ritt durch die Geschichte, angereichert mit Scherz, Satire und – ihr wisst schon. Ein Text über Märchen und Mythen und die Frage, welche mitunter befremdlichen Triebe aus den vermeintlichen Wurzeln unserer Nation bis heute sprießen. Ein Text, der vor nichts Halt macht, inklusive janböhmermannschen Polit-Kabaretts, von Merz bis #metoo, von Weimer bis Weidel. Ein Wolf im Wolfspelz, ein Elfmeter für das Theater.
Ausgerechnet Prinzen
Regisseurin Elsa-Sophie Jach hält sich von Beginn an exakt an den Text. Erster Auftritt: die Gebrüder Grimm, die, warum auch immer, wie Hobbits frisiert und bekleidet sind. "Es waren einmal zwei Brüder …". Doch halt, bevor über sie und die Rolle der Märchen von der Werdung der Nation bis zu ihrer heutigen Be-Nutzung nachgedacht wird, gibt es eine Art Bedienungsanleitung vor dem noch geschlossenen Vorhang. Die spielt durch, wie die teils vergifteten Debatten der Jetztzeit ablaufen. Personifiziert treten auf: Die Form. Der Sinn. Die Argumente. Der Dialog. Die Moral. Und so weiter. Man steht sich im Weg, jeder will im Spot stehen, keiner nachgeben, niemand zuhören. Traurig aber wahr, ein Wirrwarr, sehr heiter gespielt. Ein grandioser Start.
Das Ensemble im Bühnenbild von Jessica Rockstroh, in Kostümen von Sibylle Wallum © Rolf Arnold
Nicht minder kraftvoll die folgende chorische Passage. Die Rheintöchter referieren – in grüner Au, umgeben von Mauern –, wo Deutschland herkommt, wo es steht. Dass dabei die linke Abneigung gegen dieses Land aus jeder zweiten Zeile ätzt, kann man mögen oder nicht, aber der rebellische Duktus macht Staunen und hoffen, dass der Abend genau so bleibt. Wild. Politisch. Frei. Was er zunächst tut, indem er auf die berühmten Märchen-Frauen der Gebrüder Grimm schaut. Besser gesagt, indem er sie selbst überhaupt mal zu Wort kommen lässt. Schneewittchen fragt, warum man ihr einen Prinzen wünscht, ausgerechnet ein "rich kid" mit eher schlechtem Ruf, der sie dann auch noch ungefragt (vom Apfelbiss betäubt), auf den Mund küsst. Schneewittchen, Aschenputtel, Blaubarts Frauen – nicht nur feministisch betrachtet sind die Grimm’schen Frauen im Wesentlichen Männer-Opfer. Wenig märchenhaft, eher gruselig, aber traumhaft gespielt, mit scharfem Humor und illustren Bildern.
Hobbits unter Verdacht
Auch bei den Kostümen sitzt das Gestern auf dem Heute: oben trägt frau historisierende Kleider, unten adidas-Turnschuhe. Klischees werden bedient, um sie aufzubrechen. Die bei Disney zu lieblich-zarten Cinderellas umdesignten Frauen – hier treten sie als schwarze Nornen auf. Die aufbegehren, ihre Wurzeln suchend, ihre vor den Brüdern Grimm existierenden Versionen. Die Grimms unterdessen irren als naive Hobbits (jetzt tatsächlich barfuß) durch den Abend, nicht so recht verstehend, was man ihnen eigentlich vorwirft. Womit die weniger gelungenen Szenen beginnen.
"Sag mir, wo du stehst"-Momente
Mit dem Versuch, eine Fernseh-Talkshow zu parodieren. Mit einem modernen, Lederkluft tragenden blonden Rotkäppchen, äh, sorry, "Red Riding Hood", einer "Social Medea", die in der Schweiz wohnt und unverkennbar eine rechte Populistin verkörpert. Mit dunkler Vergangenheit und fremdenfeindlicher Attitüde. Sie dreht den Märchenspieß um und bringt einen Fernsehmoderator (einen Zwerg mit roter Mütze) um, indem sie ihn ins Feuer lockt. Der hatte gerade noch mit drei Puppen über die gesellschaftliche Mitte diskutiert.
Rotkäppchen lockt ins populistische Feuer: Bettina Schmidt (in roter Lederkluft) und Ensemble © Rolf Arnold
Die Mittelschicht ist etwas, das der Text und das Team offensichtlich auch nicht mögen, sie wird verspottet und geframed als Hort des Rechten oder gar Rechtsextremen. Wieder so ein "Sag mir, wo du stehst"-Moment, siehe oben. Fakt ist, dass der Abend genau hier, als er ganz offensichtlich beginnt, sich an der AfD (ohne sie namentlich zu erwähnen) und ihrem Heimatbegriff abzuarbeiten, seinen Schwung verliert. Das zieht sich. Die Leichtigkeit ist weg, die Doppelbödigkeit, und die bis dahin geradezu unerhörte sprachliche Raffinesse kippt in Richtung "Schwarzer Kanal".
Dennoch darf der Theater-Elfmeter als verwandelt gelten. Weil Regisseurin Elsa-Sophie Jach es am Ende schafft, wieder ins große Ganze zu wechseln und fühlbar zu machen, dass es selten gut ist, dem "Es war einmal" zu glauben. An diesem Abend gibt es kein "Und wenn sie nicht gestorben sind". Er führt in den Untergang. Dystopisch. Dramatisch. Doll.
deutsche märchen (& super creeps)
von Thomas Köck
Regie: Elsa-Sophie Jach, Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Max Kühn, Dramaturgie: Marleen Ilg, Videotechnik: Kai Schadeberg, Philipp Schroeder, Videokamera: Hannes Barginde.
Mit: Thomas Braungardt, Anne Cathrin Buhtz, Vanessa Czapla, Christoph Müller, Emmeline Puntsch, Terese Schergaut, Bettina Schmidt, Jacob Agha Ebrahim, Manuel Eistetter, Pauline Malkowski, Konstantin Pfrötzschner, Alvaro José Sanchez Rosero, Lilli Schnabel, Alana Lu Wendsche, Hanna Zürn, Live-Musik: Sophia Günst, Eric Sacher.
Uraufführung am 18. April 2026
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.schauspiel-leipzig.de
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