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Prozess-Niederlage: Buch von Milo Rau zurückgezogen
19. September 2025. Wie verschiedene Medien, unter anderem der ORF, berichten, wird die Essaysammlung "Widerstand hat keine Form, Widerstand ist die Form" des Regisseurs und Intendanten der Wiener Festwochen Milo Rau vom Berliner Verbrecher Verlag zurückgezogen. Grund ist ein falscher SS-Vorwurf gegen den ehemaligen FPÖ-Chef und österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache.
Auf seiner Facebook-Seite hat der Verbrecher Verlag im Anschluss an einen gegen Strache verlorenen Prozess einen gemeinsam mit Milo Rau gezeichneten Widerruf veröffentlicht. Er lautet:
"Wir stellen in dem Buch 'Widerstand hat keine Form Widerstand ist die Form' auf Seite 100 die Behauptung auf, Heinz-Christian Strache hätte das SS-Lied 'Wir schaffen die siebte Million' gesungen. Diese Behauptung widerrufen wir als unwahr. Wir entschuldigen uns für diese falsche Behauptung."
Eine korrigierte Neuausgabe des Rau-Buches werde im Oktober erscheinen.
In einem Text für Die Welt, diskutiert Jakob Hayner die umstrittene Stelle und verortet sie im Kontext der "NS-Liederbuch-Affäre" von 2018, in der umgedichtete Burschenschaftslieder bei einem FPÖ-Spitzenkandidaten entdeckt worden waren. Rau hatte die Zusammenhänge in einer Rede aus dem März 2025, die Basis der Publikation war, komprimiert. Dort hieß es, wie Hayner zitiert: "Was ist aus einer Zeit – unserer – zu lernen, in der ein Angehöriger der größten österreichischen Partei, der FPÖ, ein Mann namens H.-C. Strache, morgens das Lied 'Wir schaffen die siebte Million' singt und nachmittags die Gedenkstätte Yad Vashem besucht, wo der Toten des Holocaust gedacht wird?"
Hayner präsentiert in seinem Welt-Bericht auch Milo Raus Einschätzung des Prozessergebnisses. "Das war eine metaphorische Aussage über den Zustand unserer Welt. Wenn ein rechter Politiker mit einer Burschenschaftermütze – und in Burschenschaften werden eben nachweislich auch SS-Lieder gesungen – nach Yad Vashem geht, sind alle ethischen Orientierungen abgeräumt", sagt Rau zu der fraglichen Stelle. Das Gericht sei dieser Argumentation nicht gefolgt.
Der Verlag müsse nun Anwaltskosten und Schadensersatz zahlen. Außerdem drohten weitere Klagen gegen den Verein "Die Vielen", der Rau für die Rede eingeladen hatte, gegen die Wiener Festwochen, die die Rede auf ihrer Internetseite veröffentlichten, und gegen Rau selbst. Rau nennt diese Klagen im Welt-Artikel "Einschüchterungsklagen von rechts".
(orf.at / www.facebook.com/verbrecherei / welt.de / chr)
Medienschau
Für die Berliner Zeitung (€ | 24.9.2025) hat Ulrich Seidler noch einmal mit beiden Prozessparteien gesprochen und ihre Argumente hinsichtlich des Vorwurfs der "Einschüchterungsklagen" aufgedröselt. Er hat von Milo Rau auch die Höhe der Schadensersatzforderung in Erfahrung gebracht, die zwischen 11.000 bzw. 35.000 Euro betrage.
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danke, dass ihr aus meinem Artikel in der WELT (https://www.welt.de/kultur/plus68ca9b18f10a2c069c8dde6f/Wiener-Intendant-Milo-Rau-vor-Gericht-Wir-schaffen-die-siebte-Million-Heinz-Christian-Strache-die-SS-und-der-Skandal-um-ein-Sauflied.html) ausführlich zitiert. Eine Sache würde ich gerne ergänzen, weil es auch in dem ORF-Artikel wieder behauptet wird: Der "falsche SS-Vorwurf" ist vor allem eine falsche Berichterstattung. In seiner Rede spricht Rau nicht von SS, komischerweise wird das Burschenschaftslied mit den Strophen, in denen der Massenmord an den Juden verharmlost wird, allerdings auch vom Verlag und Rau in der Stellungnahme als "SS-Lied" bezeichnet. Etwas verwirrend, zugegeben. Der eigentliche inhaltliche Vorwurf, so scheint mir, ist doch, dass Strache sich damals in der FPÖ als Antiantisemit präsentiert hat, während er das antisemitische Burschenschaftsmilieu in der Partei gefördert hat. Und da wäre ja immerhin zu diskutieren, ob das richtig oder falsch ist. Dass Strache allerdings nachweislich nicht das inkriminierte Lied gesungen und am gleichen Tag Yad Vashem besucht hat, ist wiederum nun auch gerichtlich festgestellt worden.
Freundliche Grüße,
Jakob Hayner
In dieser „Akte“ kommt einiges zusammen: Die Entwicklung von einer Jugend unter Neonazis zum Aufstieg in der FPÖ, von Haider Ziehsohn zu dessen parteiinternen Widersacher, bis er schließlich, wie jener, Vize-Kanzler wurde: Europas erster Vize-Kanzler mit einer Vergangenheit unter Neonazis, z.B. der Wiking-Jugend in Deutschland, die 1994 als Nachfolge-Organisation der HJ verboten wurde. Oder beim Wehrsportspielen mit Sturmhaube mit einer deutschnationalen Burschenschaft. Wir wissen zwar nicht, ob Strache jemals das Lied „Wir schaffen die siebte Millionen“ aus dem Liederbuch der deutschnationalen Burschenschaft GERMANIA gesungen hat (er selbst war bei VANDALIA), aber wir wissen, dass er dabei war, als die Wiking Jugend mit Fackeln in der Hand die verbotene erste Strophe des Deutschland-Liedes in einem Steinbruch bei Fulda gesungen hat, denn kurz darauf wurde er verhaftet und verbrachte die Silvesternacht 1989 bei der deutschen Polizei.
Dagegen ist gut belegt, wie er als Vize-Kanzler die israelische Gedenkstätte Yad Vashem besucht hat, denn dieser Besuch ist dadurch in Erinnerung geblieben, dass er statt einer Kippa eine eigene Kopfbedeckung trug: seinen Burschenschaflerhut. Milo Raus Satz, HC Strache sei ein Typ, der morgens jenes widerlich antisemitische Lied aus dem Liederbuch einer deutschnationalen Burschenschaft singt und abends nach Yad Vashem geht, verdichtet zwei Skandale aus der kurzen Zeit von Straches Vize-Kanzlerschaft: Das Bekanntwerden des Liederbuches einer Burschenschaft, der hohe Funktionäre seiner Partei angehörten und Straches skandalträchtigen Besuch in Yad Vashem.
Was Milo Rau damit aufs Korn nimmt, ist eine bestimmte Inszenierung, die typisch ist für die „neuen Rechten“. Sie distanzieren sich scheinbar von der Nazi-Vergangenheit (auch ihrer eigenen Jugend unter Neonazis), aber sie inszenieren ihre Distanzierung so, dass sie verschiedene Lesarten zulässt. Warum hat Strache seinen eigenen Hut mitgebracht, statt eine Kippa zu tragen, die man ihm dort zur Verfügung gestellt hätte? Es muss einen Grund gehabt haben, denn er hat sich extra vorher informiert bei einem Parteimitglied mit jüdischem Hintergrund, den er als Kronzeugen anführen konnte. Dieser habe ihm gesagt, es spiele keine Rolle, welche Kopfbedeckung man trage, die Hauptsache sei ein bedecktes Haupt. Also bringt Strache einen Hut mit, der ihn als ehemaligen Burschenschaftler ausweist.
Und wie bei allen Inszenierungen der „neuen Rechten“ muss man sich fragen, ob nicht ein weiteres Bedeutungssystem im Spiel ist, das Nicht-Eingeweihte nicht gleich verstehen. Wird hier auf der „dog-whistle“ gespielt, deren Töne nur die vernehmen, die den Code kennen? Handelt es sich beim Besuch in einer Gedenkstätte mit Burschenschaftlerhut um eine Distanzierung von der eigenen Distanzierung? Ist es eine Geste, die den Followern etwas verrät, was sie uns verbirgt wie ein Augenzwinkern oder das Fingerkreuzen hinter dem Rücken beim Schwur? Wir wissen es nicht und es spielt am Ende auch keine Rolle.
Wichtig ist nur, dass wir uns klar machen, dass sich diese Typen inszenieren und mit Codes und Bedeutungen spielen – fast wie Künstler*innen. Aber eben nur: fast. Sie sind keine Künstler*innen, sie imitieren uns nur. Und das tun sie nicht in einem von der Gesellschaft dafür vorgesehenen Bereich, dem Theater, sondern auf der Bühne der Politik. Während wir Künstler*innen auf der Bühne lügen dürfen, um eine höhere Wahrheit auszusprechen – das ist der Pakt mit dem Publikum – lügen sie, um ihre Wahrheit durchzusetzen. Das ist der Unterschied und es ist ein Unterschied ums Ganze! Insofern besteht eine große Ironie darin, wenn ein Politikertyp wie HC Strache einen Künstler wie Milo Rau verklagt.
Denn wer hier klagt, ist eine Art „Doppelgänger“ – wie wir aus Naomi Kleins neuestem Buch wissen, ist die gesamte Parallelwelt der radikalen Rechten von ihnen bevölkert: Sie beobachten uns sehr genau, sie ahmen uns nach. Auch sie spielen Theater. Nur spielen sie kein Theater, um die Macht zu kritisieren, sondern um Macht zu erlangen: Macht über Menschen, Macht über die Wirklichkeit. Und so zwingen sie uns manchmal dazu, die Rollen zu wechseln, in eine andere Rolle zu schlüpfen, in diesem Fall in die Rolle von Theaterkritiker*innen, um zu sagen: Das ist eine schlechte, sehr durchschaubare Inszenierung. Denn dieser Prozess zielt auf einen Künstler, der sich dem raketenhaften Aufstieg der Rechten in Europa und dem Rest der Welt entgegenstellt. Und sie zielt auf einen Verlag, der wie kaum ein anderer die Mimikry, die Raus Satz beschreibt, entlarvt – wie z.B. in dem gerade erst erschienenen Band „Antisemitismus und die AfD“. Denn wie in vielen anderen Bereichen, schaut sich die AfD bei der FPÖ hier viel ab. Sie geben sich reuig, aber wenn sie zu Hause ihre paranoiden Pläne aufzeichnen, kritzeln sie die Jüdische Gemeinde wieder auf die Liste ihrer Hauptgegner*innen wie Strache nach dem Sturz wegen der Ibiza-Affäre.
Was von Strache in Erinnerung bleibt, ist das Gebrüll auf der Empore des Burgtheaters bei der Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ im Jahr 1988 – einem Stück, in dem es um die Traumata der verfolgten JüdinnenJuden Wiens geht, die ihr Leben lang das Gebrüll nicht vergessen konnten, das in den Jahren der Verfolgung durch Wiener Straßen schallte. Wie Doron Rabinovici anlässlich einer Wiederaufführung dieses Stückes sagte: „Wir alle leben im Widerhall vom Heldenplatz“ – auch hier in Deutschland. HC Strache war und ist ein Kulturkämpfer von rechts und wir als VIELE haben uns ihm hier in Berlin genauso entgegenzustellen wie Milo Rau in Wien: No pasaran!