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Tübingen: Zimmertheater droht Schließung

21. Januar 2025. Dem Tübinger Zimmertheater droht die Schließung. Das schreibt die Wochenzeitung "Kontext". Schon im Dezember sind dem Bericht zufolge Absichten der Stadt durchgesickert, den Zuschuss zum Betrieb des Theaters um 290.000 Euro zu kürzen. Das sei mehr als ein Viertel des aktuellen Etats von 1,09 Millionen Euro. Das Zimmertheater sehe auf dieser Basis keine Möglichkeit, die Arbeit fortzusetzen.

Das Tübinger Zimmertheater wurde 1958 gegründet von einer freien Theatergruppe, die im Haus der Bursagasse 16 eine feste Spielstätte fand. Es ist eines der kleinsten Stadttheater Deutschlands. Die geplante Kürzung der städtischen Förderung werde zur Einstellung des Spielbetriebs im Frühjahr 2026 führen, da kaum Budget zur Kunstproduktion übrig bleibe, schreibt dazu der Reutlinger Generalanzeiger. Einsparmöglichkeiten seien im Jahr 2026 nur in sehr engem Rahmen möglich, da laufende Verträge mit Personal und Dienstleistenden in der Regel bis September 2026 bindend seien. Die durch Stellenabbau ab September 2026 möglichen Kostenreduktionen reichten allerdings nicht zur Einsparung der von der Stadtverwaltung geforderten 290.000 Euro.

Sieben Trägervereine aus Tübingen und Umgebung haben sich, so "Kontext" weiter, nun zusammengeschlossen und einen offenen Brief an den Gemeinderat adressiert, darunter der Förderverein des Landestheaters Tübingen, der Tonne-Theaterverein in Reutlingen, das Tübinger Sudhaus, das Reutlinger Kulturzentrum franz.K, der Freundeskreis der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, der Förderverein des Theaters Lindenhof in Melchingen und der Förder- und Trägerverein des Theaters am Torbogen Rottenburg.

"Die Finanzierung der Kultur steht im Moment mit vielen anderen wichtigen Bereichen in einem außerordentlichen Wettbewerb", heißt es in dem Scheiben unter anderem. In der Güterabwägung brauche es daher einen scharfen Blick darauf, was mit welcher Entscheidung bewirkt werde: "Über Jahrzehnte gewachsene Strukturen sind, einmal zerstört, nur über lange Zeiträume hinweg wiederherzustellen – oder nie mehr."

Der Brief wurde mit Blick auf den 30. Januar versandt. Dann sind in Tübingen die interfraktionellen Gespräche abgeschlossen, dann tagt der Gemeinderat. "Wir bitten Sie als Entscheidungsfindende, mit dem kulturellen Erbe in der Stadt Tübingen verantwortungsvoll umzugehen", schreiben die Kulturvereine daher an die Stadt.

(Kontext / Reutlinger Generalanzeiger / sle)

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Kommentare  
Zimmertheater Tübingen: Katzenjammer
Das Tübinger Zimmertheater ist jahrzehntelang eine florierende freie Bühne gewesen.
Es zu einem Stadttheater zu machen, obwohl es nicht einmal im Ansatz Strukturen eines Stadttheaters hatte und auch nie haben wird, war eine absurde Entscheidung.

Nicht dass es prinzipiell schlecht wäre, stabile Strukturen zu schaffen, wie es Reutlinger mit dem Theater Die Tonne gemacht hat. Aber Tübingen hat im Gegensatz zu Reutlingen ein vollausgestattetes öffentliches Theater, das Landestheater, das - trotz des Gastspielauftrags - mit seinen drei Bühnen vor Ort eben auch Stadttheaterfunktionen erfüllt.

Das Zimmertheater hätte das bleiben sollen, was es immer war. Eines der besten freien Theater Deutschlands. Hätte man nicht neben dem Landestheater noch ein Stadttheater haben wollen, wäre der Katzenjammer jetzt nicht so groß.

P.S.: Es gibt in Deutschland keine andere Stadt, die ein Landestheater UND ein Stadttheater hat.
Zimmertheater Tübingen: Fehlentscheidung NV-Bühne
Ein zentraler Punkt, der in diesem Kontext kritisch betrachtet werden sollte, ist die Entscheidung aus 2018, den Tarifvertrag NV Bühne (Normalvertrag Bühne) anzuwenden.
Der NV Bühne ist ein Tarifvertrag, der auf die Anforderungen großer Theater und Opernhäuser zugeschnitten ist. Für kleine Häuser wie das Zimmertheater, mit begrenztem Etat und weniger umfangreicher Personalstruktur, erweist sich die Anwendung dieses Tarifvertrags häufig als finanziell untragbar. Er erhöht die Fixkosten erheblich. Für ein Theater mit dem ohnehin knappen Budget des Zimmertheaters stellt dies eine unverhältnismäßige Belastung dar, die die finanzielle Flexibilität und die Möglichkeiten zur künstlerischen Gestaltung massiv einschränkt.
Ein alternatives, flexibleres tarifliches Modell, das den spezifischen Anforderungen kleinerer Theater gerecht wird, könnte diese Situation abmildern. Der NV Bühne erscheint in diesem Fall als Fehlentscheidung, da er nicht den Bedürfnissen eines so kleinen Hauses wie dem Zimmertheater entspricht und letztlich zu einer Kostenexplosion beiträgt, die den Fortbestand des Theaters gefährdet. Die Stadt Tübingen und die Trägervereine sollten gemeinsam die Möglichkeit prüfen, angepasste Lösungen zu finden, um solche existenzbedrohenden Situationen in Zukunft zu vermeiden. Dies könnte nicht nur das Überleben des Zimmertheaters sichern, sondern auch ein nachhaltigeres Modell für andere kleinere Kultureinrichtungen schaffen.
Zimmertheater Tübingen: Erschließt sich nicht
@ Johannes R.: Ich kenne die Situation zwar nicht im Detail, aber: Aus dem Bericht ist doch nicht zu entnehmen, dass die drohende Schließung auf z.B. Tarifaufwüchse zurückzuführen ist. Es geht also nicht um den fehlenden Ausgleich des sicherlich auch in Tübingen gestiegenen Finanzierungsbedarfs, sondern um die Kürzung eines bestehenden Zuschusses. Wieso dazu der NV verantwortlich sein soll, erschließt sich mir nicht. Es ist doch viel eher begrüßenswert, wenn sich ein Theater in Richtung größerer Sicherheit für die Beschäftigten entwickelt, selbst wenn es die relativ knapp bemessene Sicherheit ist, die der NV bietet. Ohne Tarifverträge wären Budgetkürzungen sicherlich einfacher umzusetzen. Oft sind daher Tarifverträge geradezu eine "Versicherung" für prekäre Theater, da sie gegenüber der Politik zutreffend argumentieren können, dass durch Zuschusskürzungen angesichts der Zahlungsverpflichtungen für laufende Verträge die Insolvenz droht.
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