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Venedig: Ursina Lardi erhält Silbernen Löwen
Ursina Lardi © Benjamin Pritzkuleit
23. Mai 2025. Ursina Lardi wird auf der Biennale Teatro in Venedig 2025 mit dem Silbernen Löwen für darstellende Künste ausgezeichnet. Das gibt die Agentur der Schweizer Schauspielerin in einer Presseaussendung bekannt.
Als Markenzeichen ihres Spiels hebt der künstlerische Leiter der Theater-Biennale, der Schauspieler Willem Dafoe, "Radikalität und Einfühlungsvermögen" hervor. Lardi sei "eine Schauspielerin von gleichbleibend intensiver Tiefe, die bereit ist, Risiken einzugehen und sich auf Regieansätze einzulassen, die auf unterschiedlichen Perspektiven beruhen", heißt es in der Jurybegründung. Vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Milo Rau habe sie "ihre eigene individuelle Geschichte zu einer kollektiven gemacht, indem sie die Widersprüche des bürgerlichen und kapitalistischen Westens klar und mit Würde auf sich nahm, fast so, als wäre die Schauspielerin immer wieder eine Personifizierung ihrer eigenen Zeit." Mit der "Zärtlichkeit eines Lächelns oder dem bitteren Schrecken eines Blicks" verkörpere Lardi "die tausend Nuancen einer Epoche, die am Rande des verzweifelten Zusammenbruchs steht, und zeigt gleichzeitig die Möglichkeit eines Widerstandes, der nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch und menschlich ist".
1970 geboren, studierte Lardi von 1992 bis 1996 an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin und war anschließend unter anderem am dortigen Maxim Gorki Theater, dem Düsseldorfer Schauspielhaus, dem Schauspiel Frankfurt, dem Schauspiel Hannover und dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg engagiert. Seit 2012 ist Lardi Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne. Im Herbst wird dort ihre jüngste Zusammenarbeit mit dem Regisseur Milo Rau – "Die Seherin" – Berlin-Premiere feiern, die im Juni 2025 im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführt wird.
(Die Agenten / Wikipedia / cwa)
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Ich möchte dem Präsidenten der Biennale Pietrangelo Buttafuoco, dem ganzen Team der Biennale Teatro und ganz besonders dem künstlerischen Leiter William Dafoe für diese außerordentliche Auszeichnung danken.
Außerdem möchte ich meine Gäste begrüßen, die aus der Schweiz, aus Deutschland und Irland angereist sind, um mit mir diesen Tag zu feiern, meine Familie, meine Freunde.
Ich danke den Künstlern und Künstlerinnen, die mich auf meinem Weg begleitet, befördert, gefordert, kritisiert und beflügelt haben. Ganz besonderen Dank an Milo Rau, Thorsten Lensing und an alle Mitarbeitenden der Schaubühne, wo ich seit vielen Jahren im Ensemble bin.
Ich hatte mein Leben lang Mühe, die Bedeutung von Preisen allzu ernst zu nehmen, manchmal selbst dann, wenn ich ich sie selber bekommen habe. Warum ist das heute anders? Vielleicht ist es so, dass man den Wert einer Sache erst begreift, wenn diese Sache bedroht ist. Nicht ich bin bedroht, aber die Sache, für die dieser Preis steht: Die Wertschätzung für die Kunst.
In Zeiten, in denen nicht nur von der extremen und der libertären Rechten, sondern auch von gemäßigten konservativen Kräften Finanzierung, Ermöglichung und Infrastruktur von Kunst immer weiter abgebaut und vernichtet wird, ist das Spielen von Theater ein politischer Akt an sich geworden. Das Theater zeigt durch sein bloßes Vorhandensein, wie frei wir sein können. Es verhindert, dass der Mensch vergisst, was der Mensch vom Menschen weiß.
Letzte Woche sagte mir eine Journalistin während eines Interviews: Si parla sempre meno e con difficoltà del teatro. (Man spricht immer weniger und nur noch mit Mühe vom Theater) Ein schrecklicher, ein bedeutsamer Satz. Das Theater, die Kunst erfahren gerade einen großen Bedeutungsverlust. Und dabei geht es nicht allein um Kürzungen, nicht nur Geld wird der Kultur, den Kulturschaffenden entzogen, sondern Respekt, Achtung. Wir werden lächerlich gemacht, für nutzlos, überflüssig und harmlos erklärt. Mich persönlich kränkt das mehr, als es Zensur und Druck tun könnten.
Es herrscht ein grober, aggressiver Ton überall. Was für ein Getue, was für ein Lärm! Die politische Elite tritt breitbeinig, brutal, betont maskulin, ja geradezu primitiv und menschenverachtend auf. Mit großer Wirkung. Jeden Tag Angst und Schrecken und Säbelrasseln, wohin man auch schaut. Überall einfache Antworten auf komplizierte Fragen. In diesem Klima ist jeder differenzierte Gedanke, jedes sensible Gesicht, jede zärtliche Berührung, jeder zarte, leise Ton ein Ereignis. Es stört und wirkt wie ein Kontrastmittel. Ja, es hat schon eine Logik, warum es zur Zeit politisch angesagt ist, uns zu banalisieren und zu versuchen, uns trockenzulegen. Natürlich müssen wir Künstler und Künstlerinnen uns organisieren, solidarisieren, wir müssen uns gegen die Versuche positionieren, uns
gegeneinander aufzuhetzen in den anstehenden Verteilungskämpfen. Wir müssen uns auf und auch neben der Bühne mit all den Fragen auseinandersetzen, die unsere Zeitgenossenschaft uns aufgeben, aber wir dürfen dennoch nicht zum reinen Reflex auf politische Entscheidungen werden, diese Macht über uns dürfen wir ihnen nicht geben. Und deswegen so schnell wie möglich zurück zur Kunst: Ich möchte eine Stelle aus einem Gedicht von Walt Whitman lesen:
Wer weiß?
Man wagt kaum, es zu sagen
Nach all den Legenden, Gedichten, Gesängen, Dramen,
Den Griechen, den Indern...Homer...Shakespeare....
Zeitläuften, Straßen, Landschaften,
Sternencluster, die Milchstraße...
Der Herzschlag der Natur ist abgeerntet, durchschaut...
Alle Epochen bis auf den Grund ausgelotet
Erinnerungen an Leidenschaften, Helden, Krieg, Liebe, Anbetung...
Alle Menschenleben, Stimmen, Wünsche, Gedanken...
Alle Erfahrungen sind benannt...
Und doch:
Nach zahllosen Liedern, lang oder kurz
In allen Sprachen, allen Ländern...
Immer noch ist Manches nicht erzählt
Nicht ausgedrückt in Poesie, nicht mündlich und nicht schriftlich
Es fehlt etwas
Wer weiß...Vielleicht das Beste....
Freunde, wie ihr seht, es gibt noch immer einiges zu tun, denn die Komplexität, der Welt entzieht sich dem Zugriff von Ideologien, sie zu erfassen braucht es die Kunst.
Wir müssen also weitermachen und wenn wir uns dabei auch manchmal in diesen Zeiten wehrlos fühlen, das macht nichts, denn die Kunst ist vielleicht wehrlos, aber unzerstörbar.
In der Begründung für den Silbernen Löwen schreibt William Dafoe über Radikalität und Empathie in meiner Art zu spielen. Genau: Lass uns radikal und empathisch sein. Lass uns die menschliche Fähigkeit feiern, trotz allem, trotz aller Verstrickungen unseres Alltags und unserer politischen Gegenwart, zur Seite treten zu können und uns auf einer Bühne frei zu bewegen. Ohne Angst, ohne Schonung, kraftvoll und zerbrechlich, mit kühlem Verstand und heißem Herz, denn das ist Widerstand.