Augenblick mal! - Das Festival zeigt die maßgeblichen Arbeiten des jungen Theaters
Jugend ohne Zukunft?
13. Mai 2025. Das Festival Augenblick mal! versammelt alle zwei Jahre die wegweisenden Ästhetiken des Theaters für junges Publikum. In diesem Jahr wird in Berlin einmal mehr klar, wie avanciert die Darstellenden Künste für Kinder und Jugendliche sind. Nur wie lange noch, ist angesichts massiver Kürzungen offener denn je.
Von Elena Philipp
Inszenierung "Wolf" beim Festival Augenblick mal! in Berlin © Fabian Hammerl
13. Mai 2025. Pasta mögen alle. Haustiere wollen nur die Kinder haben, die Eltern lieber nicht. Dafür halten sich auch Erwachsene nicht immer an Regeln. Das ergibt das Positionsspiel, mit dem Die Azubis in ihre partizipative Performance "Der allerbeste Familienstreit" einsteigen. Als eine von zehn Produktionen ist sie zum 18. Augenblick mal!-Festival nach Berlin eingeladen. Alle zwei Jahre sind dort, analog zum parallel stattfindenden Theatertreffen, die bemerkenswertesten Inszenierungen für junges Publikum zu sehen.
Anders als beim Theatertreffen stehen bei Augenblick mal! aber nicht zehn einzelne Inszenierungen nebeneinander, sondern das Kuratorium setzt sie, dem Festivalgedanken folgend, in Bezug. Eingeladen werden die im positiven Sinne exzentrischen Positionen in den Spielplänen. Gut gemachte Sparteninszenierungen, das Brot-und-Butter-Geschäft der Theater für junges Publikum, sind beim Augenblick mal! eher nicht zu finden – auch wenn "Der Katze ist es ganz egal" vom Theater Münster sein Festivalticket doch übers Thema Queerness für Kinder ab 9 Jahren erhalten haben könnte.
Beispiel für partizipatives Theater
Die längste Zeit vor allem für erwachsene Fachbesucher*innen gedacht, will Augenblick mal! seit 1991 ästhetische und auch sozialpolitische Anreize im Theater für junges Publikum setzen. Als Ergebnis eines konsequenten Öffnungsprozesses, der die Zielgruppe der Inszenierungen als Expert*innen anerkennt, waren für diese Ausgabe erstmals zwei Personen unter 21 Jahren Teil des vierköpfigen Auswahlkuratoriums – Mariella Pierza, die lang schon als Spielerin am Deutschen Theater Berlin aktiv ist und während Augenblick mal! ihr Abitur schreibt, und Filmstudentin Alicia Ulfik, die 2023 als Teil der Vertretung für Junge Perspektiven mehr Teilhabe für junge Menschen einforderte. In der gemeinsam mit dem Dramaturgen und Theaterpädagogen Thilo Grawe und der Regisseurin und Schauspielerin Ebru Tartıcı Borchers verantworteten Programmauswahl 2025 ist "Der allerbeste Familienstreit" mit seiner spielerischen Stationendramaturgie und dem offenen, forschenden Setting als exemplarisches Beispiel des partizipativen Theaters für junges Publikum gesetzt.
Jede*r kann T-Rex sein: "Der allerbeste Familienstreit" von Die AZUBIS © Jens Beckmann
Beteiligung ist bei dieser Produktion alles: Wer möchte, bastelt einen Orden für innerfamiliäre Verdienste oder stellt die Konstellation zuhause mit Legofiguren nach. Körperlich austoben können sich die Besucher*innen ab 5 Jahren im Boxring oder beim Fangenspielen mit dem kostümierten T-Rex. Und wer möchte, zieht sich zum begleiteten Familiengespräch in eine Höhle zurück. Neben dem intensiven Austausch fördert die (Selbst-Er-)Forschungsperformance auch analytische Erkenntnisse: Wie oft streitet ihr – und wer streitet mit wem? Rege ist die Beteiligung, am Schluss umarmen sich Eltern und danken einander für die Idee zum Vorstellungsbesuch. Theater wirkt.
Formenvielfalt: Adaption und Überschreibung
Wie "Der allerbeste Familienstreit" aus Hamburg, nämlich vom Thalia Theater, kommt "Wolf" – und zeigt, wie vielfältig die Formen und Formate im Theater für junges Publikum sind. Camilla Ferraz' Adaption von Saša Stanišićs Roman über Mobbing auf einer Ferienfreizeit lässt sich in die Kategorie rampennaher Bühnennarration einordnen. Szenisch einfallsreich, lebt "Wolf" nicht nur vom Live-Soundtrack von Clara Brauer, sondern auch von seinem herrlich trocken, präsent und improvisationsfreudig aufspielenden Hauptdarsteller Johannes Hegemann, 2022 Nachwuchsschauspieler des Jahres und 2024 in Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde" zur Berlinale eingeladen. Sein Sidekick Steffen Siegmund stürzt sich wortwörtlich kopfüber in komische Klischees und mimt, humortechnisch grenzwertig, neben dem gemobbten Natur-Geek auch einen fetten, kotzenden, berlinernden Koch.
Neben Romanadaptionen wie "Wolf", wie sie auch im Abendspielplan eine führende Position einnehmen, widmet sich Augenblick mal! 2025 intensiv einem weiteren aktuellen Theatergenre: den Klassikerüberschreibungen. Mit "Faust – eine Tragödie" vom stellwerk – junges Theater in Weimar und "Peer Gynt" von der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden rahmen sie den Spielplan. In beiden Inszenierungen stehen junge Menschen selbst auf der Bühne – eine Einladungspraxis, die noch nicht gänzlich durchgesetzt ist beim einzigen bundesweiten Festival des Theaters für junges Publikum, ist darauf doch eigentlich das Theatertreffen der Jugend bei den Berliner Festspielen spezialisiert. Aber das ästhetische Ergebnis rechtfertigt allemal die Einladung.
Fulminante Klassikerüberschreibung: "Peer Gynt" kommt vom Dresdner Staatsschauspiel © Sebastian Hoppe
Ibsens Peer Gynt, der sich selbst sucht und doch nicht finden kann, wird bei Joanna Praml und ihrem jugendlichen Ensemble als Figur aktualisiert: zu einer jungen Person, die gerne in den Sozialen Medien ankommen möchte, zugleich aber die hohlen Personae der Influencer durchschaut und die Einsamkeit zwischen den Dopamin-Höhenflügen fürchtet. Wobei: Alle zehn Mitwirkenden sind Peer Gynt, alle wollen sie die Hauptrolle spielen und fighten auf offener Bühne erst einmal um ihren Platz im Ensemble.
Gretchen verabschiedet sich
Form und Inhalt sind aufs engste verschränkt: Peer Samuelsson etwa wedelt mit einem Pass – er ist der richtige Peer, trägt er doch den selben Vornamen; und Schwedisch, also fast Norwegisch, spricht er auch. Ibsens Text clasht in Joanna Pramls Version mit Jugendsprache, in rasanten Spielszenen verbinden sich die Persönlichkeiten der zehn Spieler*innen mit der Figur des Peer. Handwerklich auf höchstem Niveau, macht es auch über 120 Minuten Spaß, wie hier der Klassiker zu neuem Leben findet. Und doch strahlt die Bürger:Bühnen-Inszenierung, die Joanna Pramls bewährtem und zu Recht hoch geschätztem inszenatorischem Baukastenmodell folgt, etwas Elitäres aus. Alle Beteiligten performen als würden sie sich um einen Platz an der Schauspielschule bewerben.
Ganz dieses Eindrucks erwehren kann man sich auch nicht bei der "Faust"-Inszenierung des stellwerk-Theaters Weimar, die Till Wiebel mit acht jungen Erwachsenen erarbeitet hat, von denen fünf auf der Bühne stehen. In der Goethe-Stadt ideal platziert, finden sie für die wichtigsten Szenen im Buch eine aktuelle Überschreibung: Beim Prolog im Himmel schauen fünf Riesengesichter vom Vorhang aufs Publikum im Theater an der Parkaue hinab – wer von denen würde seine oder ihre Seele verkaufen? "Habe nun, ach…", ja: was gelernt? Und schon beginnt das große Überbieten mit (außer)schulischen Fähigkeiten wie Flötespielen, Zitronensäurezyklus oder Nicki Minaj-Lyrics auswendig kennen. Und Margarete emanzipiert sich nicht nur mit dem "kann ungeleit nachhause gehen" von ihrer Rolle als ewiges Opfer, sondern erklärt explizit, dass sie sich von Fausts Drama verabschiedet. Mit einer abwechslungsreichen Dramaturgie und endlos überraschenden Szeneneinfällen spricht dieser "Faust" ebenso für die an der Parkaue laut jubelnden Zielgruppe ab 14 Jahren wie er sich souverän am derzeit virulenten Diskurs über Klassikerüberschreibungen beteiligt.
Aus für die Zukunft?
Offenheit für das nur vermeintlich "Andere", das mit etwas Empathie ganz nah kommen kann, ist mit dem Fokus auf Barrierefreiheit erneut ein starkes Motiv bei Augenblick mal!, das sich insbesondere einem Tauben Publikum geöffnet hat. In "O (Die ShOw)" verbinden baff, das Trio vom Feld Theater in Berlin, das 2023 zum ersten Mal zu Augenblick mal! eingeladen war, Performance, Tanz und Gebärdensprache zu einer spielerischen Erkundung von runder Form und dem Buchstaben O. "Follow me" von tanzmainz und Felix Berner widmet sich – tänzerisch exzellent und mit ausdrucksstark und liebenswert modellierten Gruppendynamiken, dramaturgisch allerdings eher redundant – dem Prinzip von Anführen und Mitmachen in Gruppen, auch in den sozialen Medien. "Talking About Silence" hat das Helios Theater Hamm mit dem Ishyo Arts Centre aus Ruanda entwickelt – hier wird das Thema der Stille aufgespannt zwischen dem schmerzvollen Schweigen in Familien und dem heimlichen Flüstern widerständiger Gruppen vor dem Ausbruch einer Revolution. Der relevante Stoff geht in der gleichförmig sanften Tonlage bisweilen etwas verloren, zumal die textlastige Performance in englischer Sprache aufgeführt wird – eine Zugangsschwelle anderer Art errichtend. Die perfekte Aufführung lässt sich nicht stricken.
Verweile doch? "Faust" © Jan Kobel
Bei aller Freude über die ästhetische Vielfalt überschattet die Furcht vor einem Aus für die oft jahrzehntelange Arbeit der freien Gruppen im Theater für junges Publikum die sechs Tage positiven Ausnahmezustands. Während des Festivals wird bekannt, dass NRW die Spitzenförderungen für Kinder- und Jugendtheater einstellt. Dieser Förderabbruch betrifft etliche Stammgäste von Augenblick mal!, die für die künstlerische Qualität im jungen Theater stehen, etwa das Theater Marabu, das mit seinem avancierten Musiktheater, konkret: Splash", erneut zu Gast ist, oder auch pulk fiktion von und mit Hannah Biedermann, die dieses Mal lediglich eine lobende Erwähnung erhält, aber zu den Absender*innen der Pressemitteilung freier Gruppen aus NRW zählt.
"Hier geht es um Zukunft", mahnten die moderierenden Jugendlichen bei der Eröffnungszeremonie. Junge Menschen haben nicht nur ein verbrieftes Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft, die Kürzungen in Berlin und NRW betreffen gerade sie überproportional. Und es sieht nicht so aus, als hätten Kinder und Jugendliche in den kommenden Jahren eine starke Lobby in der Politik: Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD werden junge Menschen und ihre Anliegen nicht erwähnt, wie die Vertreter*innen der ASSITEJ bei der Eröffnung betonten. Der demographische Wandel – noch eine Krise, die die neue Regierung lieber beiseite schiebt. Dabei betrifft sie uns alle. Und anders als bei Pasta kann man sich nicht aussuchen, ob man das mag oder nicht.
Augenblick mal!
Das Festival des Theaters für junges Publikum
6. - 11. Mai 2025 am Theater an der Parkaue, Berlin
augenblickmal.de
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Der Stücktext ist von Joanna Praml und Dorle Trachternach geschrieben. Grundlage dafür waren (neben Ibsens Peer Gynt) viele Gespräche, Improvisationen, Schreibaufgaben mit den Jugendlichen und insgesamt eine gemeinsame Annäherung und Recherche zum Thema (wie zum Beispiel ein Gespräch mit einer Influencerin). Die Jugendlichen haben einen essenziellen, partizipativen Anteil an der Entwicklung des Stückes. Der Probenprozess findet mit einer Person, die Regie führt statt, ist aber trotzdem ein gemeinsamer Prozess mit dem Ensemble. An der Bürger:Bühne arbeiten wir viel mit den biografischen Geschichten von nicht-professionellen Darsteller*innen und es ist uns besonders wichtig, dass es immer auch die Möglichkeit eines Vetos der Spieler*innen gegen biografische Stellen oder Texte gibt. Wir entwickeln unsere Inszenierungen mit den Regieteams und Ensembles immer mit großer Verantwortung. Das gleiche gilt auch für solche Bühnenvorgänge wie z.B. das Ausziehen von Kleidungsteilen auf der Bühne, dass für den Moment des „Nacktmachens“ im Internet steht.
Der tosende Applaus bei beiden Vorstellungen von vorwiegend jungem Publikum hat uns darüber hinaus bestärkt, dass die Inszenierung aus gutem Grund eingeladen wurde…
Herzliche Grüße aus Dresden,
Lena Iversen, Dramaturgin der Produktion