Das Salzburger große WeltSaufDuellGericht

12. August 2025. Sommerzeit ist Festspielzeit, in Salzburg etwa, wo 1919 die Mutter aller Festspiele gegründet wurde. Als künstlerische Intervention für die Academy "FRAUEN*.FESTSPIELE.SALZBURG" wurde ein Salzburger Klassiker einer Dramatikerin zur Revision vorlegt. Ein Textauszug.

Von Lydia Haider

Lydia Haider © Appollonia T. Bitzan

12. August 2025. Im Auftrag Gottes (genannt "der Meister") erhalten noch ungeborene Seelen ihre jeweilige Rolle in dem Leben, in das sie bald geworfen werden. Vorab verteilt werden in Hugo von Hofmansthals allegorischem Mysterienspiel "Das Salzburger große Welttheater" – 1922 von Max Reinhardt bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt – mit Hilfe von Engeln unter anderem Schönheit, Reichtum, Armut und Macht. Einer der derart Prädestinierten aber lehnt sich dagegen auf. Das ist der Kern der Geschichte, die nun, über einhundert Jahre später, in Lydia Haider eine ganz neue Widersacherin findet.


Vorab zu wissen: WIDERSACHER LYDIA HAIDER bittet nach Totsprechung KÖNIG SALZBURGER FESTSPIELE um ein Duell mit einem Genie, das sie nicht ist. KÖNIG schickt ihr ENGEL HELMUT QUALTINGER, BETTLER VOODOO JÜRGENS und am Ende WELT GOTTFRIED HELNWEIN.

(...)

Symphonie hebt an für BETTLER
Fanfaren, minderwertig, beim Kommen des MEISTERS

BETTLER VOODOO JÜRGENS spricht wie ein Kind: Muss ich?

KÖNIG SALZBURGER FESTSPIELE: Spiele die Rolle, und dir wird sich enthüllen, was sie gehaltet. Das ist ganz normal.

WIDERSACHER LYDIA HAIDER zu VOODOO: Hast du diese Worte deutet auf das Blatt gelesen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das ist ein Trauerspiel hier bist deppert.

BETTLER VOODOO JÜRGENS: Ich habe bis jetzt gemeint, das Ganze wird eine recht lustige Kreuzerkomödie – aber mir scheint, wenn das so wird, werd ich mein Schneuztüchel auch strapazieren müssen, beispielmäßig. Das ist unverhofft.

WIDERSACHER LYDIA HAIDER: Intercedo! Ich tue Einspruch! Ich protestiere: Den kann ich ja nicht umbringen. Und weiß auch nicht, ob das mit dem Genie bei dem stimmt. Der beugt sich ja nicht, etwa Salzenburger Fetzenspielen… die Wahl stimmt nicht!

KÖNIG SALZBURGER FESTSPIELE: Sie sind des Todes, so oder so, wehren Sie sich bitte nicht recht interessant da glauben Sie, ich hörte Ihre Rede wie Sie verworfen und der Verwerfung ganz nah ist das wahre Wort von wer hat das gesagt: Ja Sie selbst! Denn Sie wollen ge-sehen sein! Denn Sie sind interessant - dass ich nicht lache!

WIDERSACHER LYDIA HAIDER: Ich dachte, Sie schicken mir ein Geniebeidl von Schau-spielperson wie Otto Schenk oder Lars Eidinger. Und jetzt diese Sekkaturen…

BETTLER VOODOO JÜRGENS resigniert: Heast Lydia: Ich mag deine Predigt nicht. Ich will nichts von der Welt. Mit der Kunst ist’s lang vorbei und ich bin eh am End – weil mittlerweile Bettler und mir ist voll der Scheiß passiert: Da sind so ein paar fremde Hund über die Grenz daherkommen, und da hat’s mit meiner Oidn jählings ein End genommen. Die Hütten war verbrannt und die Frau halt auch und die Kuh dazu. Ganz still hat die Brandstatt geraucht in einer besonderen Ruh. Die Kinder haben sich versteckt im Wald. Und die Geißen in ein Dörnicht getrieben, so sind sie den Tag am Leben geblieben. Ist ausgangen das Licht, noch nicht den Tag, wo’s mir die Frau erschlagen haben, nein später, wie ich hab müssen die Kinder in einer selbstgrab’nen Gruben begraben. Nein, nein: Auf einmal sind nicht alle viere g’storben an der schandgierigen Hungerseuch’. Am Mittwoch nur zwei, am Donnerstag eins, dann am Sonntag das letzte – es war eine stille Leich', die Verwandtschaft, die Leichenträger und der Totengräber dazu war alles die nämliche Person. Und du? Du hast den Tag fleißig geschrieben ja, du?

WIDERSACHER LYDIA HAIDER: Ja sicher hab ich fleißig geschrieben, neben meinen noch lebenden Sohneskrüppeln her, um mich zu wehr’n und diesem Salzburg anzuzeigen, wie es steht um uns’re schöne Sprach, unser schönes Spiel hier.

BETTLER VOODOO JÜRGENS resigniert: Ich hab schön g’sungen und mit Weihrauch geräuchert auch, all’s nach der Ordnung und heiligem Brauch, und dicke Mauern um dich herum und eiserne Gitter vor jedem Loch, dass nur sicher war! Nur recht sicher doch! Und andre – andre sind vogelfrei und können Händwinden und Blutschwitzen und zwingen sich kein Hilf herbei! Warum?

KÖNIG SALZBURGER FESTSPIELE: Es hat sein müssen. Trotzigem Warum. Bleibt der saphir’ne Gerichtshof stumm. Du musst leiden, sonst kannst du nicht so tolle Musik machen und so superne Liedtexte schreiben, lieber Voodoo.

BETTLER VOODOO JÜRGENS schreit: Nein: Es hat nicht sein müssen! Lüg nicht! Nein! Andern ist nichts passiert! Wer reich war, ist davon! Wer sich ein Pferd hat kaufen können,
hat mögen der Seuch’ aus dem Netz rennen! Warum? Warum? Wo steht das geschrieben!
Mein Fleisch und Blut hat müssen auf den Mist, ein andern ihr’s ist springlebendig blieben! Wo steht das? Wo? Wo steht, dass meine Brut zum frühzeitigen Sterben hat getaugt, den andern ihre war dafür zu gut! Das Maul auftun jetzt! Her mit dem Gericht, das zwischen dir und diesem König läuft! Schrei ich nicht mehr um mein Recht, so tue es dieser und jeder Widersacher von uns, denn wir schreien ab jetzt nur mehr! Selbst hinig und im Grab schreien wir noch, denn unsere Schreie bleiben für immer.

KÖNIG SALZBURGER FESTSPIELE: Dein Schrei ist Qual der Kreatur, doch gegen wen vor irdischen Schranken willst du klagen? Wer von den Unseren hat an dir missgetan?

BETTLER VOODOO JÜRGENS: Lydia: Töte mich und rette dich. Sei nicht ruhig und pudel dich immer weiter so auf. Bleibe nie in Maßen, Mensch! Todsündig ist kein Zorn!

WIDERSACHER LYDIA HAIDER: Ich bin ruhig. Ruhig ist es hier in Salzburg generell zu

KÖNIG denn hören Sie etwas, Sie König, hören Sie? Ja wie ruhig ist es bei Ihnen und ich frage Sie der Länge nach tritt wie nebenher dem Bettler Voodoo Jürgens den Kopf ab: Ihr habt, und ich hab nicht – das ist das Geld und die Macht. Ich hab die Red’ und so könnt ihr nie reden, wie ich rede. Denn ich rede, was ihr kaufen wollt. Doch ihr könnt die wahre Kunst nicht kaufen. Das ist der Streit und das, um was es geht!

KÖNIG SALZBURGER FESTSPIELE: Schweig! Meine Red hab ich aus MIR gefunden, brauch keinen Fürsprech! Von sowas wie Ihnen ja sicher nicht.

WIDERSACHER LYDIA HAIDER: Ihr habt das Haus, den Hof und auch das Ingesind, Ihr habt das Feld und habt die Kuh und habt das Kleid und auch den Schuh und habt ein warm satt Blut im Leib und habt die Zeit und noch den Zeitvertreib. Ihr habt den Tag und habt als zweiten Tag durchgemacht die Nacht mit Schwarzlicht, Kerzen, Glanz und Pracht. Ihr habt den Wein und noch ein Subwoof hin zum Wein und habt den Schnaps und noch den Schein und habt das ganze Erdenwesen und noch das Buch, darin recht schön und faul zu lesen, darin wird eure Welt beschmeichelt und bewitzelt, damit euch, was ihr habt, noch einmal geil den Schwanz da kitzelt. Das alles habt ihr und woher? Weil ihr’s gestohlen, gebaut das Haus auf uns’rem Schmäh und ganz Verderbe! Salzburger Festspiele: Du sitzest in gestohl’nem Erbe und wer kommt jetzt, das Seine sich zu holen? Ja niemand. Niemand kommt. Keine Sau interessiert’s. Keinen Arsch juckt das, was ihr da habt!

 

Lydia Haider, 1985 in Steyr geboren, ist Schriftstellerin. Seit 2021 schreibt sie Stücke für die Volksbühne Berlin und für das Volkstheater Wien.
Ihr Text "Das Salzburger große WeltSaufDuellGericht" ist im Auftrag des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums entstanden – als künstlerische Intervention für die Festspiel Academy 2025 "FRAUEN*.FESTSPIELE.SALZBURG. Impulse und Manifeste", die vom 15. bis 17. August 2025 in Salzburg stattfindet. Die Academy ist Teil eines wissenschaftlich-künstlerischen Forschungsprojekts des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums und des Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek, das sich mit der (Nicht-)Präsenz von Frauen* bei den Salzburger Festspielen beschäftigt. Ziel ist es, Frauen* sichtbarer zu machen, patriarchale Strukturen zu hinterfragen und neue Perspektiven auf Programmatik, Repräsentation und ästhetische Praxis zu eröffnen. Zentrale Werke der Festspielgeschichte werden dabei nicht nur analysiert, sondern auch künstlerisch befragt und neu gedeutet. 

www.ifvjelinek.at

Mehr dazu: Hier geht's zum Originaldrama Hugo von Hofmannsthals im Projekt Gutenberg.

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