Heldenspiele im Erlebnispark

22. Juni 2024. Zwölf Jahre hat die Uni Freiburg gemeinsam mit Einrichtungen der Bundeswehr zum Heldentum in postheroischen Zeiten geforscht. Die Ergebnisse werden jetzt in der großen Ausstellung "Prinzip Held*" in Berlin-Gatow präsentiert. Erhellend inszeniert von Rimini Protokoll.

Von Esther Slevogt

Die Ausstellung "Prinzip Held*. Von Heroisierungen und Heroismen" von Rimini Protokoll in Berlin © Ralf-Walter Heldenmaier / MHMBw Berlin-Gatow

22. Juni 2024. Macron und Marat sind zum Beispiel so ein Heldentypus, wie sie da im offenen weißem Hemd sich präsentieren: als vulnerable Machos, mit einem Hauch von Eros – nicht zu viel natürlich, weil das dem Vertrauen in ihre Führungsqualitäten eventuell abträglich wäre. Das Foto von Macron, der 2022 im Kontext des Wahlkampfs für die Fotografin Soazig de la Moissonnière breitbeinig auf einem Luxussofa posierte, hatte die Gemüter erregt: Ein Staatspräsident als Pin-up? Trägt er am Ende gar ein Brusthaartoupet. Oder wurde der männlichen Pracht mit Fotoshop nachgeholfen?

Breitbeinige Machtdemonstrationen

Jetzt begegnen wir dem Foto (man möchte sagen: standesgemäß) in einem Spind wieder. In einem weiteren Spind hängen auf Bügeln weiße Hemden, just solche, wie sie eben auf dem Bild Macron getragen hat. Davor ist eine kleine Sitzgarnitur aufgebaut, wo auf dem Tisch eine Büste des Revolutionshelden Jean Paul Marat steht, in ein ähnlich dramatisch geöffnetes weißes Hemd gekleidet.

Derweil hat man auf Sesseln Platz genommen, deren Vorderbeine seltsam nach außen gestellt sind, als folgten sie dem Beispiel der breitbeinigen Politikerposen. Durch ein Headset liefert eine freundliche Männerstimme bestechende Analysen der Ikonografie. Und wir erfahren auch gleich, dass derartige Inszenierungen als Machtdemonstrationen allein Männern vorbehalten sind. Der Blick, den etwa Angela Merkel 2008 in der Osloer Oper auf ihr Dekolleté freigab, hatte keinen vergleichbaren Effekt. Im Gegenteil – so weiblich zeigte sich die damalige Bundeskanzlerin danach nie wieder.

Held4 RiminiProtokoll 1200 sleDie Macher*innen der Ausstellung: Helgard Haug, Dominik Steinmann und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll auf dem Rollfeld am Militärhistorischen Museum Berlin-Gatow © sle

Die kleine Inszenierung rund um die beiden Politikerporträts ist eine von insgesamt 44 Installationen, die in der Summe die Ausstellung "Prinzip Held* – Von Heroisierungen und Heroismen" in der Zweigstelle des Dresdener Militärhistorischen Museums in Berlin-Gatow ergeben. Mit der Schau setzen Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll gemeinsam mit dem Szenografen Dominik Steinmann die Ergebnisse eines zwölfjährigen interdisziplinären Forschungsprojekt in Szene, das an der Universität Freiburg seinen Ausgang nahm und als Kooperation mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr und dem ebenfalls von der Bundeswehr betriebenen Militärhistorischen Museum umgesetzt wurde.

Heldentum, ein männliches Phänomen

Ausgehend von Herfried Münklers Befund, dass die westlichen Gesellschaften in einer postheroischen Phase angelangt seinen, hatte man damals noch einmal wissen wollen, was das überhaupt mal war: ein Held.

Dass das ein männliches Phänomen ist, stand dabei wohl auch schnell fest. So hat die männliche Form des Begriffs im Titel zwar einen Stern, aber keine weibliche Form. Denn Frauen, so eine These der Macher*innen, mussten sich männliche Attribute zulegen, um als Helden gelten zu können. Siehe Angela Merkel eben. Oder auch Zarin Katharina die Große, die hoch zu Ross und in Männeruniform gezeigt wird. Derweil kann die Besucherin auf einem alten Hometrainer radelnd den Ausführungen des Spezialisten zu dieser Form der Machtinszenierung folgen.

Denn das ist die Crux dieser Ausstellung, die in einem alten Flugzeughangar die Forschungsergebnisse als Erlebnispark inszeniert, die von Alexander dem Großen bis Edward Snowden und Greta Thunberg reichen: dass man gleichsam selbst die ironischen bis melancholischen Kommentare körperlich miterleben kann, die die kleinen Bilder und Inszenierungen rund um Thesen und Exponate der Ausstellung darstellen, die sie höchst sinnig und beziehungsreich illuminieren.

Das Mobiliar kommentiert die Mächtigen

Als Grundlage hat Dominik Steinmann Mobiliar gewählt, das für die Ausstattung des Olympischen Dorfs 1972 in München hergestellt worden ist: Nach der Olympiade sollte es (aus Kosten- und Nachhaltigkeitsgründen) in Einrichtungen der Bundeswehr weiter verwendet werden. Spinde, Stühle und Tische, die in der Tradition des Bauhaus von Otl Aicher entworfen wurden: Aicher, nicht nur als Designer eine westdeutsche Legende, sondern auch als Ehemann der überlebenden Schwester der Geschwister Scholl, passt auch biografisch damit gut ins Gesamtkonzept.

Nicht selten hat Steinmann die Möbel verfremdet und im Sinne des Ausstellungsthemas bildlich angepasst. Um etwa das kompetitive Machotum der Tech-Miliardäre Elon Musk und Mark Zuckerberg zu verbildlichen, wurden die Stahlrohrbeine der Stühle ins Baumhohe verlängert. Für die breiten Rücken von Typen wie Wladimir Putin wurde an einem nach unten abfallenden langen Tisch die Rückenlehne ins Überdimensionale verbreitert. Da grüßt dann leise auch Charlie Chaplins berühmte Stuhl-Szene aus dem Film "Der große Diktator", wo die Hitler-Persiflage Hynkel der Mussolini-Karikatur einen Stuhl mit viel zu kurzen Beinen zuweist.

Prinzip Held 1 Dr. Doris Mueller Toovey MHMBw Berlin GatowLebt nur, solange das Publikum Luft zuführt: das heldenhafte Gummi-Riesenmonster © Dr. Doris Mueller Toovey / Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Berlin-Gatow

Zehn Bausteine, die für die (gesellschaftliche) Konstruktion eines Helden erforderlich sind, hat das Forschungsprojekt identifiziert. Der Parcours illustriert sie nun an verschiedenen Fallbeispielen und macht sie in der Analyse erfahrbar: Maskulinität, Vorbild, Einsatz, Handlungsmacht (und sei es auch nur in einem Moment) oder Grenzüberschreitung, Kampf und Medialisierung.

Wie bei einer Messe schweben diese Begriffe als Holzschriftzüge über den jeweiligen Themenfeldern des Parcours. Es macht großen Spaß, hier auf den kenntnisreich ausgelegten Fährten der Signifikanten zu surfen. In einer Ecke: der eher immaterielle Geistesheld und Dichter Stefan George, dem gebannt die beiden Stauffenbergbrüder folgen, die bekanntlich später selber zu Helden wurden. Freilich nur für einen Teil des Publikums, denn für andere waren sie einfach Verräter. Dass Helden und ihre Taten stets spalten, ist eine weitere These, für die die Ausstellung immer wieder interessante Belege liefert.

Wir treffen sehr laute und sehr leise Helden, etwa jene einfachen Leute, derer im Londoner Postmans Park mit schlichten Keramiktafeln gedacht wird: Menschen, die beim Versuch, andere zu retten, selbst ums Leben kamen. Dem Hörstück dazu folgt man auf einer Parkbank sitzend. Davor ein alter Getränkeautomat, in dessen Fächern sich Repliken der postkartengroßen Gedenktafeln befinden. Dahinter türmt sich finster die Präsentation des Themas "Heldentod" auf, jenes millionenfachen sinnlosen Sterbens in verbrecherischer Mission, das im Nationalsozialismus mit pathetischen Ideologien ins Sinnhafte eines "Heldentods" gewendet werden sollte.

Beim Riesenmonster

Und weil eben ein Held* niemals ohne das Publikum existieren kann, das ihn* als einen solchen überhaupt erst erkennt, ja, anerkennt – also letztlich dazu macht, gibt in einem weiteren Saal dann die sogenannte Held*maschine: eine riesige, vielleicht zehn Mal zehn Meter große Arena, in dem sich enormes schlaffes Stoffgebilde befindet. Mit Hebeln am Rand kann das Publikum es zu düsterem Sound mit Luft auffüllen. Bald erheben sich die vielen schlaffen Stoffteile, werden zu einem gorgonenhaften Riesenmonster mit vielen Spitzen und Häuptern, die aber sofort in sich zusammensacken, wenn die Luftzufuhr via Publikumsbeteiligung stoppt. Das ist ebenso klug wie lustig. Wie übrigens auch die unaufgeregten Stimmen der jeweiligen Expertinnen, die in den Hörstücken die von ihnen bearbeiteten Themen kompakt erläutern. Und sehr angenehm postheroisch.

 

Prinzip Held* – Von Herorisierungen und Heroismus
von Rimini Protokoll und anderen

Ausstellungskonzeption: Doris Müller-Toovey (MHMBW), Produktionsleitung: Stefan Kontra (MHMBW), Projektleitung Teilprojekt T SFB 948: Ralf von den Hoff (SFB), Gorch Pieken (ZMSBW), Leitung wiss. Kuratierung und Konzeption: Gorch Pieken (ZMSBW), Wiss. Kuratierung, Textredaktion und Lektorat: Katja Widmann (SFB), Wiss. Kuratierung und Curator on Site: Andreas Geißler (MHMBW), Museumsberatung: Heiner Bröckermann (ZMSBW), Ausstellungstexte: Katja Widmann (SFB), Gorch Pieken (ZMSBw), Andreas Geißler (MHMBW).

Künstlerische Leitung: Helgard Haug und Daniel Wetzel / Rimini Protokoll, Konzept und Gestaltung: Helgard Haug, Daniel Wetzel, Dominik Steinmann, Szenografie: Dominik Steinmann, Mitarbeit Szenografie: Anna Knöller, Grafik Konzept & Design: Ilona Marti, Gestaltung Inflatables in Zusammenarbeit mit: Urs Meier, Luft&Laune, Interaction & Interface Design, Programmierung & Elektronik Inflatables: Georg Werner, Audios / Interviews: Helgard Haug, Daniel Wetzel, Licht Design, Layout LED-Wand, technische Leitung: Robert Läßig, Mitarbeit Licht Design, Layout LED-Wand, technische Leitung: Friedrich Schmidt, Sound Design: Rozenn Lièvre, Video Design: Stefan Korsinsky.
Mitarbeit Recherche & Koordination: Grit Lieder, Werkplanung technische Umsetzung, Bauüberwachung: Thomas Bache, kursiv | text – objekt – raum GmbH, Produktion Inflatables: Urs Meier, Luft & Laune, Produktionsleitung: Juliane Männel, Mitarbeit Produktion: Ksenia Lukina, Ausstellungsproduktion– und aufbau: MHMBw Berlin-Gatow, Abt. Restaurierung

Eröffnung: 21. Juni 2024 (bis 3. November)

www.sfb948.uni-freiburg.de
zms.bundeswehr.de
www.mhm-gatow.de
www.rimini-protokoll.de

 

Kritikenrundschau

"Es geht um finstere wie strahlende Helden, ja um das 'Prinzip Held', wie es im Ausstellungstitel heißt, das uns gerade in krisenhaften Zeiten immer leuchtender erscheinen mag. Vielleicht ja, weil es denjenigen zum Helden werden lässt, den wir dazu machen", sagt Barbara Wiegand im Inforadio des rbb (20.6.2024).

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