Syrien nach dem Umsturz - Interview mit der Choreografin Mey Seifan
"Egal was, es ist besser als Assad"
19. Dezember 2024. Mey Seifan war Absolventin des ersten Tanz-Studiengangs der Kunsthochschule von Damaskus. Doch dann musste sie ihr Heimatland verlassen. In Deutschland beschäftigte sie sich als Künstlerin weiter mit den Auswirkungen des Arabischen Frühlings. Im Interview spricht sie über Syrien nach Assad und sagt, warum sie und viele Exil-Künstler*innen nach Syrien zurückgehen müssen – und wollen.
Interview von Sophie Diesselhorst
Der zentrale Umayyaden-Platz in Damaskus, den dem auch Opernhaus und Kunsthochschule stehen © Waleed Osman (via Reham Al Azim / Instagram)
Was haben Sie als erstes gedacht, als klar war, dass Assads Herrschaft in Syrien Geschichte ist?
Es hat sich wie ein Traum angefühlt. Mein letztes künstlerisches Projekt hieß "How am I here?", da ging es um einen wiederkehrenden Traum, den viele im Ausland lebende Syrer haben, plötzlich wieder zurückzusein. Erst freut man sich und dann ist man auf einmal in einem Alptraum. Das war ein VR-Projekt. Und ich habe mich an dem Wochenende von Assads Sturz auch ein wenig so gefühlt, als hätte ich eine VR-Brille auf. Es war ja auch nicht so, dass es sich lange vorher abgezeichnet hätte. Dass es soweit kommt, dass das ganze Land mitsamt seiner Hauptstadt von der Assad-Herrschaft befreit wird, war uns nicht klar. Wir haben in den ersten Tagen alle nicht geschlafen, ich habe immernoch viel zu viel Adrenalin im Körper. Aber ich bemerke schon entscheidende Veränderungen: Ich hatte sofort das Gefühl, mein Heilungsprozess fängt an. Ich bin nicht mehr Flüchtling, sondern Expat. Vieles, was ich vorher blockieren musste, um im Alltag weiter zu funktionieren, ist auf einmal offen.
Können Sie das näher erklären?
Man sieht die Folterbilder, man sieht die Leute, die aus den Gefängnissen kommen, den Captagon-Handel. Man sieht, wie Assad das Land systematisch kaputtgemacht hat. Wir Exil-Syrer*innen reden seit Ewigkeiten darüber. Erst waren die Leute geschockt, aber irgendwann wurde es unter den Teppich gekehrt. Ach, die Syrer wieder mit ihren ewigen Geschichten. Aber es ist unerträglich, was da los war. Und jetzt sieht es endlich die ganze Welt.
Eine Impression aus Mey Seifans VR-Arbeit "How Am I Here"
Wie beurteilen Sie die neuen Machthaber aus Sicht der Demokratiebewegung und aus Sicht einer Künstlerin und Theaterschaffenden?
Egal, was ist, es ist besser als Assad und das, was er gemacht hat. Natürlich ist die HTS-Miliz eine terroristische Organisation, in der sich allerdings in den letzten zwei Jahren viel verbessert hat. Der Anführer erinnert einen ja an Fidel Castro, auch äußerlich – ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Ich habe wieder Hoffnung. Auch weil es so passiert ist, wie es passiert ist. Ohne Einfluss von außen, ohne Kämpfe. Wir haben mit einem Schlachtfeld gerechnet, stattdessen haben die Leute sich in den Armen gelegen. Natürlich ist es eine sprudelnde Grauzone und kann in viele Richtungen gehen. Jetzt ist nicht die Phase zum Zuschauen, sondern die Phase, wo man die Ärmel hochkrempeln muss und jetzt erst recht loslegt, und auf gar keinen Fall zuschaut und wartet, bis sich die Lage etwas beruhigt hat! Da ist es schon zu spät.
Was machen Sie?
Wie viele Exil-Syrer*innen bin ich schon lange politisch organisiert. Wir versuchen nun zum Beispiel, über Unterschriftensammlungen und Social Media-Kampagnen Druck aufzubauen sowohl auf die Übergangsregierung in Syrien als auch auf die Regierungen in Europa und der Welt, damit sie wiederum Druck auf die Regierung in Syrien ausüben, dass es eine Trennung zwischen Religion und Staat geben muss. Übrigens ist das auch aus ganz pragmatischen Gründen sinnvoll. Wenn es da einen islamischen Staat gibt, dann werden nur sehr wenige zurückwollen. Wer also seine Flüchtlinge loswerden will, sollte uns helfen!
Außerdem gehört es dazu, zurück zu gehen. Präsenz zu zeigen.
Planen Sie, zurück nach Syrien zu gehen?
Zu Besuch auf jeden Fall, bald. Natürlich wäre es der Traum, wieder "richtig" in Syrien leben zu können, da weiterzumachen, wo ich 2011 aufgehört habe. Aber das kann ich nicht alleine entscheiden, sondern muss erst einmal unsere hier in Deutschland geborenen Kinder überzeugen, die die Sprache nicht so gut beherrschen und die keine starke Verbindung zum Land haben, da sie Syrien noch nie besucht haben. Fragen über Fragen. Aber der Bauch sagt ein klares Ja.
Im schlimmsten Fall würde ich sogar den Kompromiss eingehen, mit Burka auf der Straße zu laufen – dafür, dass die Gefangenen, die seit 40 Jahren gefoltert wurden, aus dem Gefängnis gekommen sind und die Familie wieder sehen können. In meiner Euphorie gerade wäre ich dazu bereit. Aber wenn da wirklich ein islamischer Staat etabliert wird, kann ich mir so wie die meisten anderen Exil-Syrer*innen doch nicht vorstellen, dauerhaft zurückzukehren.
Mey Seifan © privatWas ist die Position und die Rolle der Kunst in der aktuellen Lage?
Ein Kulturministerium wurde in den Reden der neuen Machthaber noch nicht erwähnt. Aber die Kunst hat eine große Rolle in der Revolution gespielt, auch wenn es den Leuten nicht immer klar war, dass das, was sie tun, Kunst ist! Die großen Demonstrationen hatten alle Elemente einer Performance. Dort wurden Lieder gesungen, Gedichte geschrieben, Fotos gemacht, und mehrere Ebenen an Publikum bewusst angesprochen. Alles voller Kampfeslust – und Humor. Auch jetzt singen und tanzen alle. Das ist Kunst! Daran muss man anknüpfen. Wir planen Aktionen auf der Straße, wo ohnehin gerade das meiste passiert.
Sie sind schon länger in Deutschland, nach der Revolution sind viele weitere Künstler*innen auch hierher gekommen – wie viele Theaterschaffende gibt es eigentlich noch in Syrien?
Einige sind noch da in Damaskus. Dort gibt es die Hochschule für Theater, Musik und Tanz, die direkt neben dem Opernhaus ist, am Umayyaden-Platz, den man jetzt immer im Fernsehen sieht, also mittendrin. Das Opernhaus und die Hochschule haben nie zugemacht, aber natürlich hat sich das Niveau verändert. Viele Künstler*innen haben das Land verlassen. Immerhin ist die Infrastruktur noch da. Und das Opernhaus ist wirklich ein Hightech-Theater. Ich habe damals ein Tanzfestival dort gegründet und es war eine Freude dort zu arbeiten. Es gibt abgesehen davon kleinere Theater in Damaskus, die auch noch spielen, es gibt halt sehr wenig Geld. Aber vor allem von den Schauspieler*innen sind einige geblieben. Denn es lief doch immer ein bisschen weiter. Und auch die syrischen Telenovelas, die sehr bekannt sind in den arabischen Ländern, wurden weiter produziert.
Sie selbst denken über eine Rückkehr nach – wissen Sie, ob andere im Exil lebende syrische Künstler*innen ähnlich planen?
Wenn die Lage im Land stabil bleibt und es etwas klarer wird, wie die kommende Zeit aussehen wird, werden sehr viele zurückgehen. Es sind ja schon vor Assads Sturz einige zurückgekehrt. Die Beweggründe sind nicht nur Heimweh und Nostalgie, sondern auch der Schmerz dessen, was man hier in Deutschland erlebt und empfindet.
Können Sie das ausführen?
Deutschland hat keine Willkommenskultur und pflegt eine neokolonialistische Einstellung, die sich auch sofort nach Assads Sturz offen zeigte: Oh nein, wir wollen unsere syrischen Ärzte nicht verlieren! Andererseits wurde am nächsten Tag sofort die Bearbeitung von Asylanträgen aus Syrien gestoppt (anstatt den syrischen Mitbürgern zu gratulieren). Die Experten dürfen also hierbleiben, alle anderen müssen draußen bleiben. Und dann wundert Ihr Euch, warum das Land Probleme hat und die Menschen flüchten beziehungsweise nicht zurückwollen.
Auch sonst waren die Reaktionen auf Assads Sturz hierzulande ziemlich seltsam. In den arabischen Ländern gibt es gerade diesen Riesen-Social-Media-Trend, wo Leute ihre Koffer packen, um auch nach Syrien zu reisen, oder ihre syrischen Freunde anketten, weil sie Angst haben, sie zu verlieren. Wenn man sich hierzulande die Kommentare zu den Berichten von den Feiern anguckt, strotzt es vor Aufforderungen, doch bitte direkt zurückzugehen und aus Deutschland abzuhauen. Leute, was ist falsch mit Euch?
Sie haben sich neben Ihrer künstlerischen Arbeit viel mit den Themen Integration und Diversität auseinandergesetzt. Was ist Ihr Fazit?
Nach Berlin ist seit dem arabischer Frühling die Creme de la Creme der syrischen zeitgenösischen Kunstszene gekommen. Wo siehst du diese Menschen? Nicht hier. Die arbeiten außerhalb. Die leben hier, weil hier alle sind. Aber sie bekommen hier in der Hauptstadt keine wirkliche Chance. Und daran hat sich in mehr als zehn Jahren auch nichts geändert. Regelmäßig finden zu dem Thema Symposien statt, wo immer die gleichen Leute sind und immer die gleiche Leier runterbeten. Da sind auch Leute, die Macht haben und Dinge ändern könnten. Aber sie tun es nicht. Sie reden nur. Ich habe aufgehört, dahin zu gehen. Die Pauschalcancellation aller arabischen Künstler nach dem 7. Oktober hat mir dann komplett den Rest gegeben. In anderen Ländern sind die Leute übrigens happy, Frankreich, England, Holland, Spanien. So hermetisch ist nur Deutschland. Hier kann man nicht ankommen. Ich bin hier seit 1999, da war ich 18. Ich habe hier länger gelebt als in Syrien, drei Kinder bekommen, meine Mutter begraben, aber es ist immer noch keine Heimat, und das tut weh. Ich hab's wirklich versucht.
Was kann die deutsche Gesellschaft aus den Geschehnissen in Syrien lernen?
Wichtig ist, dass wir als Gesellschaft Verantwortung für internationale Gerechtigkeit übernehmen. Konflikte wie in Syrien zeigen, wie eng die Welt vernetzt ist, und dass wir nicht wegschauen dürfen, wenn es um Fluchtursachen oder globale Krisen geht. Denn keiner verlässt gerne seine Heimat, auch wenn viele hier das nicht glauben wollen.
Sicherlich kann man sich die Leichtigkeit und den Humor vieler Syrer trotz schwerster Zeiten abschauen – eine Stärke, die hilft, auch in Krisen nicht die Menschlichkeit und Zuversicht zu verlieren.
Inszenierung des Diktatoren-Sturzes in Damaskus © privatMan sieht derzeit in den Nachrichten viele schockierende Bilder von Foltergefängnissen und Zerstörung. Was ist die Rolle der Kunst in der gesellschaftlichen Aufarbeitung solcher Traumata?
Kunst hat die Kraft, Transformation zu ermöglichen. Sie kann die Verbindung zu den Selbstheilungskräften stärken, tiefsitzende Traumata bearbeiten und das scheinbar Unerträgliche zugänglich machen. Es gibt so viel Trauma und Schmerz, doch wer es bis heute geschafft hat, trägt immer noch einen Schimmer von Licht in sich. Ich arbeite seit 13 Jahren mit den Träumen der Menschen – insbesondere mit Albträumen, Traumata, tiefen Ängsten und Zweifeln. Immer wieder habe ich erlebt, wie wichtig diese Arbeit für die Betroffenen ist. Es hat mich oft so tief berührt, dass ich die Worte dafür nicht finden konnte.
Nach den ersten Aktionen auf der Straße und auf den verschiedenen Plattformen wird es vor allem darum gehen, Kunst in Bildung und öffentliche Diskurse einzubringen. Institutionen wie Museen, Schulen und Kulturzentren sollten verstärkt mit betroffenen Communities zusammenarbeiten, um langfristige Formate zu entwickeln.
Gleichzeitig muss die Kunst ihre kritische Unabhängigkeit wahren – sie darf nicht angepasst oder bequem werden, sondern muss unbequem bleiben, um wirkliche Veränderungen anzustoßen.
Besonders wichtig ist es, mit der neuen Generation zu arbeiten – einer Generation, die ohne Kindheit aufgewachsen ist. Kunst kann für sie ein Werkzeug sein, um ihre Stimmen zu finden und sich mit der Welt zu verbinden.
Wo sehen Sie sich selbst und Syrien in einem Jahr?
Syrien kann ein einzigartiges Beispiel weltweit dafür werden, wie Konfliktlösungen aussehen können. Wie ein Land, trotz all des Leids, Schmerzes und der Traumata, wieder aufersteht, sich gegenseitig stützt und die Heimat neu aufbaut. All den Menschen, die ihr Leben für dieses Ziel geopfert haben – die gestorben sind, bevor sie den Tag erleben konnten, an dem die Assad-Regierung doch noch stürzt – schulden wir diesen Neubeginn. Ob sie unter Folter, vor Kummer oder auf der Straße ihr Leben verloren haben: Wir können sie nur ehren, indem wir ein neues Syrien schaffen, das ihrer würdig ist. Mit viel Liebe, Hingabe und heilender Kraft.
Ich sehe mich ganz klar dort – entweder in Damaskus, am Opernhaus, auf den Straßen als Kulturarbeiterin, Choreografin oder Festivalleiterin. Oder im Dorf meiner Mutter in den Bergen, mit Tieren auf dem Feld, während ich ein kleines Permakulturprojekt umsetze. Oder vielleicht beides!
Mey Seifan (*1981 Damaskus) ist Choreografin, Kulturmanagerin und Diversitätsexpertin. Nach einer Ballettausbildung in Damaskus hat sie ihr Tanzstudium an der Frankfurter Hochschule für Darstellende Kunst 2004 absolviert. Danach arbeitete sie sowohl in Deutschland als auch in Syrien, wo sie die Tanzinstitution TANWEEN und die Damascus Contemporary Dance Platform am Opernhaus Damaskus ins Leben rief. 2011 verließ sie Syrien aus politischen Gründen und rief das Syrian Dreams Projekt ins Leben, in dem sie Träume der Syrer während der Revolution archivierte. Seitdem basieren ihre Projekte auf diesem Archiv und den Fragen, die daraus entstehen.
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