Sind wir dann noch ein lebendiges Haus?

3. Dezember 2025. Der Bund hat dem Bündnis internationaler Produktionshäuser die Förderung gekappt – nach zehn Jahren erfolgreicher Arbeit für die freie Theaterszene. Über eine Ankerinstitution am Kipppunkt sprechen drei der Intendant*innen: Carena SchlewittAnnemie Vanackere und Anna Wagner.

Interview von Elena Philipp und Vincent Koch

Die Intendant*innen des Bündnis internationaler Produktionshäuser: Ingrida Gerbutavičiūtė, Stefan Hilterhaus, Annemie Vanackere, Marcus Droß, Kathrin Tiedemann, Carena Schlewitt, Amelie Deuflhard, Anna Wagner © Dorothea Tuch

Die Intendant*innen des Bündnis internationaler Produktionshäuser: Ingrida Gerbutavičiūtė, Stefan Hilterhaus, Annemie Vanackere, Marcus Droß, Kathrin Tiedemann, Carena Schlewitt, Amelie Deuflhard, Anna Wagner © Dorothea Tuch

3. Dezember 2025. Sieben Spielstätten der Freien Szene in Deutschland haben sich 2015 zum Bündnis internationaler Produktionshäuser zusammengeschlossen. Seit der Spielzeit 2016/17 vom Bund gefördert, ermöglichte das Bündnis in den letzten zehn Jahren internationale Koproduktionen, veranstaltete Festivals und kooperierte kulturpolitisch. Künstler*innen wie Carolina Bianchi, Trajal Harrell oder Nicoleta Esinencu produzieren mit seiner Unterstützung. Choreografinnen wie Florentina Holzinger oder Gruppen wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop arbeiten eng mit den Produktionshäusern zusammen.

Im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung wurde das Bündnis noch als ein "Innovationstreiber" der Freien Szene genannt. Unter Claudia Roth sollte es Ende 2024 aus der Förderung fallen, wurde aber noch einmal mit einer geringeren Summe gerettet. Im aktuellen Haushaltsplan taucht es nun nicht mehr auf. Was bedeutet das Aus nach zehnjähriger Förderhistorie für die einzelnen Häuser? Ein Gespräch mit Carena Schlewitt (HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste, Dresden), Annemie Vanackere (HAU Hebbel am Ufer, Berlin) und Anna Wagner (Künstler*innenhaus Mousonturm, Frankfurt am Main). Das Interview führten Vincent Koch und Elena Philipp.

Wie kam es zum Förder-Aus für das Bündnis und wie haben Sie von der Streichung des Bündnisses erfahren?

Annemie Vanackere: Am 13. November 2025 gab es im Haushalts-Ausschuss eine Bereinigungssitzung. Der Ausschuss hat seine Prioritätenliste abgearbeitet – und für das Bündnis war wohl kein Geld mehr da.

Anna Wagner: Die Intendant*innen des Bündnisses haben einen gemeinsamen Chat, da ging es an dem Tag hoch her.

Carena Schlewitt: Am Morgen danach hatten wir ein reguläres Zoom-Meeting. Es war das erste Mal in diesen zehn Jahren für einen Moment nur still. Das war für mich sehr bewegend. Als Projekt mussten wir unsere Gelder immer wieder neu beantragen, und dieses Mal wussten wir vorher, dass der politische Prozess schwieriger werden würde. Es gab eine neue Regierung und neue Politiker*innen. Einige haben uns sehr unterstützt und verstanden, wie wir arbeiten, für andere war das nicht so relevant. Man kann den Haushältern jetzt nicht die Schuld geben, sondern wir müssen uns eingestehen, dass wir letztlich die Politiker*innen in der Kürze der Zeit nicht in Gänze überzeugen konnten.

Worauf führen Sie es zurück, dass Sie mit Ihren Argumenten nicht durchgedrungen sind? Und welche Rettungsversuche für das Bündnis haben Sie zuletzt noch unternommen?

Schlewitt: Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung steht, dass die "Systematisierung der freien Szene" vorangetrieben werden soll. Wir haben uns gefragt: Was ist damit gemeint? Sollen sich einzelne Projekte zusammentun und schauen, mit wem sie die meisten Überschneidungen haben? Wir haben uns mit dem Fonds Darstellende Künste zusammengetan, um zielgerichteter zu kommunizieren. Der Fonds, der die gesamte Breite der Darstellenden Künste abdeckt, schien uns das passende Dach für unsere Arbeit als Produktionshäuser. Dieser Vorschlag hat im politischen Raum aber bisher nicht verfangen.

Das Bündnis internationaler Produktionshäuser ist ein Ort für Austausch und Vernetzung in den freien Künsten, hier beim Festival Claiming Common Spaces 2025 auf Kampnagel © Antje Sauer

Vanackere: Ich bin ja eher Pessimistin und horche mittlerweile auch auf, wenn ich den Begriff "Systematisierung" höre. Das geht, wie bei "Konsolidierung" oder "Rationalisierung", sehr oft einher mit Abbau und undifferenzierten Zusammenlegungen. Mit dem Bündnisende ist ein ganzer Bereich der Freien Szene "wegsystematisiert" worden. Da schwingt auch eine bestimmte politische Programmatik mit. "Repräsentative Kultur" ist unter Wolfram Weimer wieder angesagter. Der Aufwuchs des Bundeskulturetats um zehn Prozent, von dem der Kulturstaatsminister spricht, fließt nur in Infrastruktur und traditionsreiche Bauten, nicht in künstlerische Programme oder internationale Projekte, worauf unter anderem wir im Bündnis spezialisiert sind.

Wagner: Wir können nur spekulieren und uns fragen, welche Themen politisch gerade diskutiert werden. Wir setzen uns zum Beispiel intensiv mit der Migrationsgesellschaft auseinander, und zwar nicht im Sinne einer Bedrohung, sondern im Sinne einer Bereicherung. Das ist bekanntermaßen kein Schwerpunkt der aktuellen Bundesregierung.

Das beschlossene Förder-Aus für das Bündnis internationaler Produktionshäuser steht am Ende einer Kette von Kürzungen für das Bündnis.

Wagner: 2024 wurden wir mit 5 Millionen Euro gefördert. Zu Beginn des Jahres 2025 gab es von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Claudia Roth noch eine Überbrückungshilfe über 1,8 Millionen Euro.

Schlewitt: Wir hatten noch nie einen eigenen Haushaltstitel, sondern waren immer Teil eines Sammelpostens. Als Projekt mussten wir uns jedes Jahr neu um Förderung bewerben. Aber weil wir unter der Ampel-Regierung im Koalitionsvertrag standen, war nach unserem Verständnis die Absprache mit der Politik, dass wir bis Ende der Legislaturperiode gefördert werden würden. Und wir hatten in den Legislaturperioden davor eine relative Sicherheit der Förderung – aber eben als Projekt.

Das Künstler*innenhaus Mousonurm hat sein Zuhause in Frankfurt © Jörg Baumann

Vanackere: Im Herbst 2024 haben wir Lobbyarbeit bei den Parlamentarier*innen betrieben. Es sah gut aus für uns. Dann ist im November 2024 die Ampel-Regierung geplatzt und unser Posten im Bundeshaushalt war Geschichte. Der ganze Resonanzraum in der Politik hat sich mit den letzten Wahlen geändert. In unserer Lobbyarbeit oder Kontaktpflege ist das Personal ausgewechselt worden.

Schlewitt: Aber wir kamen auch bei Claudia Roth eben zuletzt nicht im Haushaltsplan vor. Obwohl die freien und darstellenden Künste schon lange zur DNA der Bundesrepublik gehören und in Ostdeutschland seit 35 Jahren mühsam aufgebaut wurden, muss man für das Feld immer noch stärker argumentieren als für das Ensemble- und Repertoiresystem. Die freien darstellenden Künste haben sich in den letzten Jahrzehnten professionalisiert, aber sie sind nicht abgesicherter.

Sie beklagen, dass das kulturpolitische Verständnis für Ihr Fördermodell fehlt. Was verstehen die Politiker*innen aus Ihrer Sicht nicht?

Wagner: Die übergeordnete Debatte war immer: Welche Ebene hat die Verantwortung? Kultur ist Ländersache – warum fördert Euch der Bund? Dabei geht es nicht um uns als einzelne Häuser, sondern um unsere Zusammenarbeit. Wir sind ein Bündnis, wir sind die Schaufenster der Freien Szene. Zugleich tragen wir ein riesiges Netzwerk. Ich finde, da muss ein Umdenken stattfinden. Bundesrelevante Kultur kann nicht nur an einem einzigen Leuchtturm-Ort stattfinden, wie im Festspielhaus in Bayreuth, sondern kann, wie bei uns, an mehreren Standorten gerade durch die Vernetzung entstehen.

Schlewitt: Bundeskanzler Merz ist derzeit international viel unterwegs und auf einer seiner Reisen sprach er kürzlich von "Völkerverständigung". Aber wie soll das gehen, wenn das Bündnis internationaler Produktionshäuser auf Null gesetzt wird oder auch bei den Goethe-Instituten gespart wird und nicht einmal mehr bestehende Kooperationen weitergeführt werden können?

Was bedeutet der Wegfall der Bundesgelder konkret für Ihre drei Häuser?

Wagner: Das ist wie ein Schneeballeffekt: Wir können für Künstler*innen, die wir seit Jahren begleiten und die in teils bedrohten Kontexten arbeiten, wie etwa Lia Rodrigues aus Brasilien, Eisa Jocson von den Philippinen oder die israelische Choreographin Yasmeen Godder, keine verlässlichen Partner mehr sein. Das Wegfallen unseres Engagements destabilisiert ihre Arbeit noch mehr. Auch die für den Mousonturm zentrale Arbeit mit Künstler*innen mit Behinderung, die wir durch das Bündnis anstoßen und weiterentwickeln konnten, ist gefährdet. Barrierefreiheit ist nicht nur für die Kultur ein zentrales Thema, in dem sich Deutschland auch in Zukunft dringend weiterentwickeln muss. Wir haben Gelder umgruppiert, um die in diesem Kontext wichtige Stelle der Koordination für Barrierefreiheit und inklusive Kulturpraxis zumindest für die kommenden zwei Jahre zu sichern.

HAU1 Love c DorotheaTuch 277 95 Kopie 2Das HAU – Hebbel am Ufer © Dorothea Tuch

Wie ist die Lage in Berlin, Annemie Vanackere? Dort gibt es auf Landesebene erhebliche Kürzungen, fürs HAU Hebbel am Ufer sind nach den Einschnitten 2025 für 2026 weitere drei Prozent weniger Mittel vorgesehen.

Vanackere: Auch wir haben schon im letzten Jahr alles daran gesetzt, keine Kolleg*innen gehen lassen zu müssen. Die gestiegenen Personal- und Betriebskosten bedeuten natürlich auch bei uns weniger Geld fürs Programm. Wir müssen vermehrt Anträge stellen, und gerade ist bei der Einzelprojektförderung des Landes Berlin von zehn Anträgen, die wir unterstützt haben, kein einziger bewilligt worden. Das ist ein harter Schlag. Unsere Mittel für internationale Koproduktionen sind nach ersten Schätzungen halbiert.

Viele unserer Häuser stehen bereits an einem Kipppunkt.

Anna Wagner

Wie die Haushälter im Bundestag führen wir eine Prioritätenliste, mit welchen Künstler*innen wir kooperieren möchten, und künftig ist unser Etat dann vielleicht schon bei Nummer 5 ausgeschöpft. Aber wir haben Hoffnung, dass das Land Berlin in letzter Minute, das heißt am 18. Dezember, noch reagiert und die Bundeskürzung etwas abmildert. Unser Engagement mit Künstler*innen wie Carolina Bianchi aus Brasilien oder Ali Chahrour aus Beirut, aber auch Forced Entertainment aus UK möchten wir unbedingt weiterführen.

Carena Schlewitt, in Dresden summieren sich die Kürzungen. Zusätzlich zur fehlenden Bündnisförderung von rund einer halben Million Euro streicht auch die Stadt massiv Gelder.

Schlewitt: Viele Länder und Kommunen leiden unter der Last der Pflichtaufgaben, so auch Dresden. Die Kürzungen heißen jetzt neu "Konsolidierung". In Dresden gab es seit der Corona-Pandemie immer wieder solche Konsolidierungsmaßnahmen – Haushaltssperre, strenge Bewirtschaftungsauflagen, abgesenkte Zuschüsse –, für alle Bereiche. Es geht dem Stadtrat hier auch um eine möglichst geringe Schuldenlast. Im nächsten Jahr steht nun eine Haushaltsperre von 50 Prozent im Raum. Die regionale und lokale Szene wird massiv gekürzt, was wir als Institution nicht auffangen können. Außerdem geht es um die Reduktion internationaler Projekte und um das Residenzprogramm, um unsere Kooperationen mit osteuropäischen Künstler*innen und Partnern. Lang entwickelte Arbeitsbeziehungen regional und international werden gekappt – das ist bitter.

festspielhaus hellerau peter r fiebig 23 1Das Festspielhaus HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste trifft es besonders hart, weil die Stadt Dresden zusätzlich Gelder kürzt © Peter R. Fiebig

Wie steht es um die Finanzsituation von Hellerau?

Schlewitt: HELLERAU ist eine Institution der Landeshauptstadt Dresden. Unsere Personal- und Betriebskosten blieben bisher unangetastet. Aber die Programmmittel werden über die Kürzung des Zuschusses effektiv sehr stark abgesenkt, so dass wir auch immer weniger Spielräume haben, um Drittmittel zu beantragen. Für Drittmittel-Anträge brauchen wir diese Eigenmittel – das ist ein Teufelskreislauf. Wir werden den Ausfall nicht mehr ohne weiteres kompensieren können. Eine neue Praxis bei uns ist, dass wir mit Künstler*innen gemeinsam Optionen setzen. Wir planen etwas und fragen, bis wann sie die Option halten können. Bekommen wir bis dahin das Geld zusammen, sagen wir zu, falls nicht, müssen wir absagen. Diese Praxis belastet mich und unser Team sehr.

Was ist Ihre Prognose für die nächsten zwei bis drei Jahre?

Schlewitt: Die Lage ändert sich von Woche zu Woche. Diese Spielzeit werden wir noch gut über die Runden bekommen. Gerade wird in Dresden der Doppelhaushalt für 2027/28 aufgestellt. Die große Frage ist: Wo steht da ein Haus wie HELLERAU auf der Prioritätenliste? In Dresden haben wir neun Fraktionen im Stadtrat, es gibt keine verlässlichen politischen Mehrheiten, und in Sachsen regiert eine Minderheitsregierung.

Verlängert man diesen Zustand der finanziellen wie politischen Unsicherheit auf mehrere Jahre, was geschieht dann Ihrer Ansicht nach mit den Produktionshäusern?

Wagner: Aufgrund der geringeren Bundesmittel mussten wir bereits 2025 unser Programm drastisch reduzieren. Das Kernproblem ist die Kofinanzierung, wie Carena schon sagte. Die Arbeitsweise der Produktionshäuser beruht darauf, dass wir die von unseren Trägern bereitgestellten Mittel und auch das Bündnisgeld durch Förderanträge vermehren. Sind keine Mittel mehr frei verfügbar, geht das irgendwann an die Substanz. Ich würde sagen, viele unserer Häuser stehen bereits an einem Kipppunkt.

Vanackere: Das ist eine Art niedergehende Spirale. Wir Intendant*innen sind teilweise auch Geschäftsführer*innen und müssen auf die Kennzahlen achten. Wenn wir weniger Aktivitäten und damit weniger Zuschauer*innen vorweisen können, sind wir dann noch ein lebendiges Haus? Wie sollen wir Parlamentarier*innen gegenüber dann unsere Relevanz begründen?

Schlewitt: Die Frage ist, wie wir zukünftig trotzdem die Stärke unserer Institutionen und unseres Netzwerks behaupten. In HELLERAU haben wir immer schon viel mit Partnern gearbeitet und das gilt es zu verstärken.

Vanackere: Vorhin habe ich gesagt, ich sei Pessimistin, aber bin zugleich natürlich eine Zwangsoptimistin, sonst könnte ich diese Arbeit, für die ich brenne, nicht machen. Wir alle denken lösungsorientiert.

Im Bündnis internationaler Produktionshäuser haben sich 2015 sieben Häuser zusammengeschlossen: FFT Düsseldorf, HAU Hebbel am Ufer Berlin, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden, Kampnagel Hamburg, Künstler*innenhaus Mousonturm Frankfurt a.M., PACT Zollverein Essen und tanzhaus nrw Düsseldorf.

produktionshaeuser.de

Kommentare  
Interview Produktionshäuser: Schon im Schutt?
alle reden jetzt vom kipppunkt, als wäre das ein natürliches wetterphänomen und nicht das resultat jahrelanger politischer verwahrlosung. während wolfram weimer im fernsehen kultur gegen migration und feminismus ausspielt, während europa die grenzen hochzieht und überall kriegsrhetorik herumschwappt, tun unsere häuser so, als wären die kürzungen einfach administrative fehler. dabei sind sie teil derselben verschiebung, derselben härte, derselben lust an ordnung und sparsamkeit, die alles lebendige verdächtig macht. plötzlich gibt es kein geld mehr, aber unendlich viele meinungen darüber, wer hier überhaupt noch kunst machen soll. und wieder schauen alle auf uns, die ohnehin schon am boden arbeiten, als wären wir das problem, das zu teuer geworden ist. die häuser lamentieren über sinkende budgets, doch sie haben jahrelang weggesehen, während sich die politische stimmung verengt hat, während krieg normalisiert wurde, während rechte kulturdeutungen an macht gewonnen haben. jetzt bricht das auf, und sie tun überrascht. performances brechen weg, genau in dem moment, in dem die welt am meisten brennt. wie soll man da nicht denken, dass diese kulturpolitik gar keine kultur mehr schützen will, sondern nur das, was ihr noch nützt. vielleicht ist dieser moment kein kipppunkt, sondern der spiegel, der ihnen vor die füße fällt. die wahrheit, dass ein system, das sich progressiv nennt und gleichzeitig angst vor wirklicher veränderung hat, irgendwann implodieren muss. vielleicht bricht hier nicht etwas ein, vielleicht zeigt sich nur endlich, was schon längst im schutt liegt.
Interview Produktionshäuser: Skandal!
Ein Skandal! Was die Produktionshäuser hier erleben, ist auf dem Gebiet des Theaters die Fortsetzung der "Stadtbild"-Politik mit anderen Mitteln: man streicht denen das Geld, die besonders sensibel für Ausgrenzungen, für die Ränder des etablierten Kulturbetriebs und für die internationalen Verflechtungen sind. Man setzt dagegen wieder auf den nationalen Kontext. Man kürzt dort, wo die Zukunft des Theaters erfunden wird, wo diese ihr Experimentallabor haben und wo heute am meisten von dem verwirklicht wird, was sich das 18. Jahrhundert vom Theater versprochen hat: Bei einem Theater, das sich als Ort der Integration aller Teile der Gesellschaft, der Aushandlung von Differenzen, der Selbstverständigung auch derer begreift, die noch nicht die Sprache der Mehrheit sprechen. Bei einem Theater, das die Inklusion vorantreibt, denen eine Stimme gibt, die uns über die andere Seite der ökonomischen Globalisierung aufklären, und das uns nicht zuletzt immer wieder die künstlerischen Sprachen neuer Generationen entdecken lässt.
Empörung wird überall laut, wenn Merz das "Stadtbild" beklagenswert findet.
Angebrachter noch wäre sie hier, wo das Stadtbild aktiv homogenisiert wird: Denn mit den Mittelkürzungen für Häuser wie Kampnagel, Mousonturm, Hellerau, HAU, FFT oder PACT Zollverein wird effektiv aus unserem Stadtbild der Teil der Kultur herausgestrichen, der die Städte daran erinnert, dass sie mittlerweile um so vieles bunter, diverser, heterogener und schlicht anders sind als es in ihren großen besser ausgestatteten Kulturinstitutionen und Festspielen abgebildet wird. Weimer nimmt damit vorweg, was die blaue Partei überall, wo sie sich zur Kultur äußert, fordert. Wo bleibt der lautstarke Protest der Kulturpolitiker der SPD? Wo bleibt der Protest der Grünen und der Linken?
Wo bleibt die Solidarität der Stadt- und Staatstheater, der Sprechtheater, Opern, Tanzensembles? Warum lassen sie es zu, dass man einer Sparte unseres Kulturbetriebs den Hahn abdreht, und ausgerechnet der, die ohnehin unter den prekärsten Bedingungen arbeitet? Ist es das alte Motto, das uns Brecht im Keuner vorgeführt hat: Wenn Du Dich nicht erfolgreich beschweren konntest, dass man Dir die eine Hälfte Deines Geldes schon gestrichen hat, dann auch noch her mit der anderen Hälfte?
Interview Produktionshäuser: Entscheidungen überdenken
Ich teile die Sorge von #1, dass es sich um viel längerfristige Verschiebungen handelt, kann aber nicht nachvollziehen, dass dies den freien Produktionshäusern angelastet werden könnte. Im Gegenteil: Als einige der wenigen Institutionen haben sie sich gerade mit diesem Bündnis explizit und mit Vielfalt dagegen gestemmt - und das trotz großer Planungsunsicherheit und wirklich sehr beschränkten Budgets. Die Themen und künstlerischen Positionen aus dem internationalen Kontext, die sie in den letzen Jahren durch die Bundesmittel im Bündnis sichtbar machen konnten, haben uns einen anderen Blick auf unsere gesellschaftlichen Situationen und Einbettungen in größere Zusammenhänge erlaubt. Ich mag mir nicht ausdenken, wo wir stünden ohne diese Reflexions- und Debattenimpulse. Dass sich überhaupt ein Bündnis zusammengerauft, koordiniert und lernfähig entwickelt hat, ist schon eine große Leistung. Dass diesem innovativen Impuls statt Verstetigung nun der Teppich weggezogen wird, gibt Anlass zu großer Sorge. Und das in einer Zeit, in der gerade die Politik jenseits der extremen Ränder so sehr auf demokratische Impulse aus anderen Bereichen angewiesen ist. Liebe Politiker*innen und Haushälter*innen, denkt darüber bitte nach: Woher sollen denn sonst Impulse für eine differenziertere und menschlichere Debattenkultur kommen als durch Erfahrungsräume mit internationalen Begegnungen, wie sie diese Häuser im Zusammenschluss ermöglichen? Dieses Bündnis ist doch der einzige wirkliche Beitrag zur gefragten "Systematisierung der freien Szene".
Interview Produktionshäuser: Impact vermisst
Puh, hier werden ja die ganz großen Bühnenbilder aufgebaut. Tatsächlich habe ich das Bündnis in all den Jahren kaum wahrnehmen können, insbesondere eine nationale oder gar internationale Strahlkraft hat sich aus der Bundes(!)-Förderung nicht ableiten lassen. Stattdessen haben sich all die Millionen auf die verschiedenen Häuser und dort auf die verschiedenen Programme und dort wiederum auf die verschiedenen Projekte verteilt und verläppert – schön fair, divers und gerecht, aber eben auch föderalistisch kleinteilig und insgesamt visionslos. Ein richtig fassbarer und klar kommunizierbarer Impact ist dabei augenscheinlich nicht entstanden, und dann darf ein Förderer vielleicht auch mal entscheiden, dass die Mittel woanders womöglich besser aufgehoben sein mögen.
(...)

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(Anm. Redaktion. Eine pauschale und unüberprüfbare Tatsachenbehauptung wurde aus dem Kommentar entfernt.)
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