Chaos hinter den Kulissen

von Dirk Pilz

Thessaloniki/Griechenland, 29. April 2007. Gut vierhundert Theatermacher, Bühnenfunktionäre und Journalisten sind in den Süden gereist. Zum elften Mal wurde letztes Wochenende dort der "Europa-Preis für das Theater" und zum neunten Mal der "Preis für Neue Theaterwirklichkeiten" verliehen.

Seit zwanzig Jahren gibt es diese Auszeichnung, erstmals ging sie – damals in Taormina – an Ariane Mnouchkine. Achtmal lud man darauf nach Sizilien (aber nicht jährlich); aus finanziellen Gründen pausierte danach für vier Jahre die Preisvergabe, letztes Jahr fand sie wieder statt, in Turin, mit dem Preisträger Harold Pinter. Und nun also Griechenland! Wie schön wäre es, stand im Veranstaltungskatalog, würde "etwas von der Zentralität" des antiken Theaters in der gegenwärtigen Gesellschaft wieder erlangt werden. Auch deshalb also gibt es die beiden Preise. Ein europäischer Theaterpreis als Demonstration von Selbstbewusstsein, inklusive eines Hauchs  Glamour. Zur Eröffnungsgala im Königlichen Theater wurden feine Häppchen und schwere Rotweine gereicht. Draussen vor den Fenstern das aufgeregte Meer, im Foyer grosses Gewusel.

Ohne Reisefleiß kein Preis

Hinter den Kulissen aber Chaos. Peter Zadek und Robert Lepage sind die diesjährigen Empfänger des von der Europäischen Union gemeinsam mit dem griechischen Kulturministerium gestifteten Europa-Preises. Erstmals wurde er an zwei Künstler verliehen. Eigentlich. Denn Peter Zadek ist nicht angereist, und die mit 60.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde ihm deshalb wieder aberkannt. Die Besucher erfuhren es gleich zu Beginn des viertägigen Treffens aus der Gerüchteküche; von offizieller Seite gab's dagegen keine Stellungnahme, lediglich der Hinweis auf das Statut: Wer nicht selbst erscheint, bekommt auch nichts. Zadek blieb in Berlin und sandte einen scharfen Brief an die Organisatoren, in dem er ihnen vorwarf, sich lächerlich zu machen: Er glaubte, den Preis für sein Lebenswerk, nicht für das Benutzen der Olympic Airline zu erhalten.

Das Schreiben wurde eine Woche vor der Preisübergabe aufgesetzt, die Organisatoren antworteten zwei Tage vor dem Treffen mit einem Gegenbrief, in dem sie Zadek Unhöflichkeit vorhielten. Vor Ort hingegen: tagelanges Schweigen. Erst am Tag der Verleihung wurden die Briefe vor dem Gastspiel des Berliner Ensemble mit "Peer Gynt" verlesen. Eine langwierige Debatte folgte, die Angela Winkler nach heftigen Streitereien unterbrach, weil sie lieber spielen als Rechtfertigungen hören wollte. Immerhin wurde so Zadeks offizielle Begründung seines Ausbleibens bekannt: Er probt für seine Premiere von "Was ihr wollt" bei den Wiener Festwochen und muss den erkrankten Otto Sander kurzfristig ersetzen. Die Veranstalter reagierten mit beleidigtem Trotz und sorgten (auch in allerlei anderen Fällen) für ein organisatorisches Chaos. Der Kanadier Robert Lepage war jedenfalls in Griechenland, zeigte Ausschnitte jüngerer Arbeiten und erhielt wie vereinbart die Hälfte des Preisgeldes.

Europa, von den Rändern betrachtet

Die Neuen Theaterwirklichkeiten (dotiert mit 20.000 Euro) erkannte die internationale Jury übrigens wenig mutig bei Alvis Hermanis, Leiter des Neuen Theaters Riga, und in den Stücken von Biljana Srbljanovic, Dramatikerin aus Belgrad. Srbljanovic gehört gewiss zu den bemerkenswertesten Autorinnen derzeit. Mit ihren Stücken reflektiert sie die gegenwärtige Situation auf dem Balkan. Es sind präzise Studien über den deformierten Menschen, die selbst solch hölzerne Inszenierungen wie die des Jugoslawischen Drama-Theaters Belgrad aushalten, das mit "Heuschrecken", ihrem jüngsten Stück, in Thessaloniki gastierte. Wo die Vorlage ihren Figuren jede Eindeutigkeit versagt, standen hier plumpe Ausrufezeichen auf der Bühne. Ratloses Schulterzucken im Publikum. Wohlwollende Zustimmung dagegen für Hermanis, der sich mit "Langes Leben" aus Riga und der Generationsbefragung "Väter" vom Schauspielhaus Zürich präsentierte. Durchaus eindringliche Theaterwirklichkeiten mit dunklen, bissigen, auch komischen Untertönen. Die Preise schüfen, hiess es, "so etwas wie eine neue Bühne für die Theatergemeinschaft Europas". Sie ist bei Srbljanovic und Hermanis der Ort für einen ungeschönten Blick auf ein noch immer fragiles Europa.

 

Kommentar schreiben