Stanislawski-Powerplay im Sommerhaus

von Guido Rademachers

Mülheim, 5. Juli 2010. Ein paar Gläser klirren im Foyer der Mülheimer Stadthalle. Gespräche plätschern vor sich hin. Hinter Brezeln und Warmhalteplatten langweilen sich Kellner. Das gemeinsame Theater-Public-Viewing mit Vilnius verzögert sich um eine halbe Stunde, weil es in der litauischen Hauptstadt noch zu hell ist für eine Außenübertragung. Zeitverschiebung eben. Keine schlechte Einstimmung auf Tschechows "Kirschgarten" und sein von der Geschichte aussortiertes Personal.

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© Ville Hyvönen

Im Mai 2009 begann der finnische Regisseur Kristian Smeds mit Schauspielern aus Litauen in einem kleinen Sommerhaus am Stadtrand von Vilnius mit den Proben. Das Haus wurde vor 30 Jahren, noch zur Sowjetzeit, gebaut, damals eines von vielen, inzwischen das letzte verbliebene. Die alten Gebäude wurden abgerissen und große Villen errichtet. Die letzte alte Datscha, die an ihr ablesbare Überlagerung von Zeitebenen, schien Smeds die ideale Kulisse für Tschechows Stück.

Alles Gesellschaftliche weglassen
Jetzt steht Smeds vor dem Haus und begrüßt per Video-Lifestream das Publikum. Die Aufführung wird in einem Zimmer stattfinden, in das gerade einmal ein Dutzend Zuschauer passen, und für weiteres Publikum auf eine Videoleinwand im Garten des Hauses sowie nach Mülheim übertragen. Bevor allerdings die eigentliche Aufführung beginnt, werden noch 45 Minuten lang Filmausschnitte vom bisherigen Probenprozess gezeigt.

Man müsse alles Gesellschaftliche bei Tschechow weglassen, äußert gleich zu Beginn ein Schauspieler im Gespräch mit Smeds: Wichtig sei einzig die persönlich-psychologische Ebene. Und Smeds erklärt, dass für ihn nicht das Ergebnis, sondern der Prozess, der Austausch mit den Schauspielern, das Wichtigste sei. Zwei Schauspieler diskutieren über Utopien und stellen im Gras liegend fest, dass während der kurzen, für längere Zeit unterbrochenen Probenphase eine Gemeinschaft entstanden sei, in der man sich vorstellen könne, ewig zu bleiben.

Das erinnert an Selbsterfahrungstheater der 60er- und 70er-Jahre. Und ist auch nur wenig entfernt von der 42. Straße in New York, wo Louis Malle 1994 das Zwischenergebnis fünfjähriger "Onkel Wanja"-Proben in einem baufälligen Theater verfilmte. In Vilnius sitzen die elf Schauspieler mit ihren Textbüchern auf abgewetzten Sofas um einen Tisch, auf dem eine Schale mit Kirschen steht.

Kaum einen Meter von ihnen getrennt drückt sich das handverlesene Publikum auf Stühle und den Boden. Auf der holzverkleideten Wand hinter den Schauspielern sind Schwarzweiß-Fotos von verstorbenen Theatergrößen gepinnt. Heiner Müller und Pina Bausch sind darunter. Stanislawski auch. Nur mit letzterem hat die Aufführung zu tun.

Split-Screen mit Bild aus dem Garten
Gleich die ersten Worte machen klar, um was für Erste-Sahne-Schauspieler es sich handelt. Das Personenverzeichnis wird vorgelesen, bereits der Rollenname, mit dem sich der jeweilige Schauspieler vorstellt, charakterisiert so wie er ausgesprochen wird, in Vollkommenheit die Figur. Minimale Regungen auf dem Sofa, mal hier eine Handbewegung, dort ein Blick, das reicht schon aus. Sehr leise, sehr langsam, sehr konzentriert, sehr intensiv. Das Textbuch braucht eigentlich keiner mehr.

Die Kamera zoomt sich vorsichtig-langsam heran. Hin und wieder eine Gegenaufnahme vom Publikum, eine split-screen mit Bild aus dem Garten oder vom Mülheimer Publikum. Virginija Kelmelytė spielt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja als elegant-attraktive Mitvierzigerin. Und doch: die Hand ein wenig zu oft an der Schläfe, die Blicke etwas zu flackrig, das häufige Lachen die kleine Spur zu schrill.

Juozas Budraitis als ihr Bruder Gajew gibt den guten Onkel im Morgenmantel, der staunend und suchend durch seine Nickelbrille in eine nie zu verstehende Wunderwelt blickt. Und Jonas Vaitkus als Kaufmann Lopachin singsangt leise vor sich hin und braucht, um auf der Stelle brandgefährlich zu wirken, nur einmal nachdrücklich auf gleicher Tonlage zu sprechen.

Wasserdicht gegen alle Realität
Litauisches Stanislawski-Powerplay ist das – mit geringstem Aufwand, kleinste Gesten zu Großkunst aufpoliert – und wasserdicht gegen alle Realität. Die Kunstnachricht aus der globalen Datscha bleibt bei allem Auflösen von Raum und Zeit völlig auf sich selbst bezogen. Am Ende vertreibt nach einer Groteskeinlage, die sich die Inszenierung auch einmal erlaubt, Lopachin mit einer Axt die Zuschauer aus dem Garten, seinem gerade ersteigerten Kirschgarten, und knallt hinter ihnen die Gartentür zu. Ein großes Schild mit der Aufschrift "Privat" ist darauf angebracht.

Wenn die Aufführung mit der Bemerkung begann, dass bei Tschechow jede gesellschaftliche Ebene wegzulassen sei, dann ist dies das letzte sie treffende Wort.

 

Vysniu Sodas - Der Kirschgarten
von Anton Tschechow
Regie: Kristian Smeds, Video: Ville Hyvönen, Ausstattung: Jurate Paulekaite, Kamera: Lennart Laberenz.
Mit: Vytautas Anužis, Juozas Budraitis, Paulius Budraitis, Aldona Bendoriūtė, Dainius Gavenonis, Virginija Kelmelytė, Irina Lavrinovič, Gytis Padegimas, Rasa Samuolytė, Benas Šarka, Jonas Vaitkus.

www.theaterderwelt.de

 

Der finnische Regisseur und Dramatiker Kristian Smeds, 1970 in Helsinki geboren, war 2009 mit seinem Stück Gott ist Schönheit auch Gast beim Osnabrücker Festival Spieltriebe, das Deutschsprachigen Erstaufführungen europäischer Stücke gewidmet war. Mehr auf der nachtkritik-spieltriebe-Seite.

 

 

 

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