Home-Zone-Bewohner unter sich

von Friederike Felbeck

Oberhausen, 27. März 2015. Am Anfang donnert die Brandung vor der Steilküste Lampedusas oder dem Felsen von Gibraltar. Ein Suchscheinwerfer tastet zu kräftig wummernden Basslinien die verschachtelten Gänge und hohen palastartigen Wände ab, die sich auf der Bühne wie in einem Setzkasten zu einem unübersichtlichen Labyrinth ineinander schieben. "Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben", prangt als Überschrift programmatisch auf einer Leinwand. Hinter den Wänden liegen edel tapezierte Zimmer wie Kabinen, gut abgeschottet von der Außenwelt – und menschenleer. Die Inszenierung lässt sich Zeit, in den Köpfen ihrer Zuschauer anzukommen: ein beeindruckendes fünfminütiges Spektakel aus Architektur, Licht und Ton wird zu einer Installation der Macht und unüberwindbaren Mauern, die Europa um sich gezogen hat. Dann trinkt eine kleine erhabene Gesellschaft mit spitzen Fingern Tee aus feinem Porzellan und debattiert ratlos und zutiefst gleichgültig über das Schicksal der "Fremden", die zuhauf vor ihrer Türe stehen und sich in der "Home Zone" ihrer Gated Community breit machen wollen.

Das "ich" der Flüchtlinge ersetzt

Für Elfriede Jelinek war der Ausgangspunkt ihres Textes "Die Schutzbefohlenen" die Besetzung der Wiener Votivkirche 2012 durch pakistanische Flüchtlinge, die so gegen ihre mangelhafte Unterbringung demonstrierten. Vor der Küste Lampedusas ertrinken im Oktober 2013 366 Asylsuchende – das "Massengrab Mittelmeer" ist von zahlreichen ähnlichen Tragödien überzogen. Nicolas Stemanns Auseinandersetzung mit dem komplexen Material, das sich u.a. an Aischylos "Die Schutzflehenden" orientiert, ist sowohl zu den diesjährigen Mülheimer Theatertagen wie auch dem Berliner Theatertreffen eingeladen (zur Nachtkritik). Dem voraus ging eine Ur-Lesung des Textes durch Schauspieler und Asylanten in der Hamburger St. Pauli Kirche, eingerichtet von Joachim Lux. Der Intendant des Theater Oberhausen Peter Carp und sein Dramaturg Tilmann Raabke versetzen Elfriede Jelineks Flüchtlingslamento nun in die Dritte Person.

schutzbefohlenen1 560 Thomas Aurin hMitglieder des stummen Flüchtlingschors © Thomas Aurin

Aus dem "ich" der Flüchtlinge wird das "sie" der beobachtenden Europäer. Was bei Jelinek ursprünglich die Klage der Betroffenen selbst ist, wird hier zur Konversation einer vierköpfigen Gesellschaft, die konservative und libertäre Positionen der öffentlichen Diskussion um Zuwanderung und Überfremdung unter sich aufteilt. Um das Schicksal der Schutzsuchenden aus dem Kosovo, Afghanistan, Eritrea, aus Syrien und den vielen anderen Un-Orten zu versinnbildlichen, stellt Carp den vier Schauspielern einen (stummen) Chor aus Flüchtlingen an die Seite, junge Männer in grau-schwarzem Kapuzenlook aus der "Internationalen Förderklasse" des Hans-Sachs-Berufskollegs in Oberhausen.

 Die "Stellvertreterfrage" vermeiden

Die vier Schauspieler, allen voran Anja Schweitzer und Hartmut Stanke, verhelfen Jelineks Texten zu einer großen Klarheit. Doch erst als sie in weißen historischen Kostümen von ihrer Wunsch-Zuwanderin Anna Nebtrebko schwärmen, die im Hintergrund "Casta Diva" singt und als bildungsbürgerliche Opernliebhaber in Ekstase geraten, bekommt die Aufführung ein wenig von der Bösartigkeit und Schärfe, die sie verdient hätte. Dann nimmt sich der im Luftzug klappernde Behang eines Art-déco-Kronleuchters wie die Vorankündigung eines Erdbebens aus. Moritz Peschke erklärt umständlich und herablassend das Prinzip Einbürgerung und spricht mit dem Flüchtlingschor wie ein Kolonialherr mit seinen Sklaven. In einem weiteren Maschinentheater fährt der Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer zur beeindruckenden Tonkollage des Komponisten Jan-Peter E.R. Sonntag einen riesigen Leuchter bedrohlich im Bühnenraum auf und ab. Diese Bilder verschaffen dem Abend eine kraftvolle Dimension, die sich der verhaltenen Steh- und Parlierparty der Schauspieler entgegenstellt. Letztlich geben diese aber das realistische Abbild einer ratlosen Betroffenheits-Gesellschaft ab, auf deren Facebook-Seite sich Hunde- und Katzenvideos mit denen von abgeschlagenen Köpfen paaren.

Schon bei Nicolas Stemanns Inszenierung stand die Fage im Raum, ob wir überhaupt für die Flüchtlinge sprechen können – oder damit nur Strategien der Entmündigung wiederholen. Carps Inszenierung der "Schutzbefohlenen" jedenfalls wirkt wie eine geladene Waffe ohne Schlagbolzen. Sie entscheidet sich von vornherein dazu, die Betroffenen nicht schauspielerisch zu vertreten und sich die Position der Flüchtlinge nicht zu eigen zu machen. Doch mit der schlichten Vermeidung dieses "Stellvertreterproblems" geht der Inszenierung buchstäblich die Luft aus. Erst am Ende ist der Saal hell erleuchtet, und drei der jungen Männer aus dem Chor sprechen – für sich selbst. Von in den Hosentaschen hineingeschmuggelten Spickzetteln lesen sie die Topografie ihrer eigenen Flucht ab. Das wäre ein Anfang gewesen.

 

Die Schutzbefohlenen
von Elfriede Jelinek
Regie: Peter Carp, Bühne: Kaspar Zwimpfer, Kostüme: Gabriele Rupprecht, Musik: Jan-Peter E.R. Sonntag, Dramaturgie: Tilman Raabke.
Mit: Anja Schweitzer, Lise Wolle, Moritz Peschke, Hartmut Stanke; und: Ahmad Abduloahalb, Tubec Darod Adawe, John Paul Akpotuo, Haben Araya, Idlir Dajcaj, Alpha Oumar Diallo, Guuleed Muhumed Faarah, Filmon Fesseha, Kahsay Hagos Gebremariam, Bajram Hazizolli, Robel Kesete, Alireza Khodaparast, Aden Musse, Ahmed Soumah, Selomun Wederfael, Ajmir Zadran.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Zur Nachtkritik der Inszenierung von Nicolas Stemann (5/2014)

 

Kritikenrundschau

Eine "eindrucksvolle Inszenierung", so Stefan Keim in der Frühkritik von Deutschlandradio Kultur (28.3.2015): "Böse, bitter, mit starken Bildern und ausgezeichneten Schauspielern". Im Gegensatz zu den wilden, fantasieprallen Jelinek-Inszenierungen von Karin Beier oder Nicolas Stemann wirkt der Oberhausener Abend auf Keim "bescheidener, unspektakulärer. Aber gerade dadurch kommt Peter Carp den Inhalten des Stückes sehr nahe und zeigt, dass Jelineks Texte auch so große Wirkung entfalten."

Von einem Erfolg spricht Gudrun Matern auf dem WAZ-Portal Der Westen (29.3.2015). "Besonders hebt die Kritikerin hervor, dass die Anonymen, über die alle reden, auf der Bühne auftauchen. "Sie sind auf einmal da, die Unbekannten, zunächst als stumme Statisten gespielt von einer internationalen Klasse des Hans-Sachs-Berufskollegs." Doch, so die Beobachtung Materns, "ein echter Kontakt zwischen ihnen und dem Publikum entsteht nach der Vorstellung nicht. Man bleibt auf Distanz, quasi als Bestätigung für den Inhalt der Aufführung: Berührungsängste."

 

 
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