Der Typ ist irre!

von Falk Schreiber

Hamburg, 30. Mai 2015. Previously on Deutsches Schauspielhaus: Der Petersburger Jurastudent Raskolnikow entwickelt eine krude Theorie, nach der es "außergewöhnlichen Menschen" gestattet sei, sich über ethische Grenzen hinwegzusetzen und, zum Beispiel, ihre "gewöhnlichen" Mitmenschen zu meucheln. Lange überlegt Raskolnikow hin und her: Soll er die Theorie in die Tat umsetzen oder nicht? Am Ende bringt er eine alte Pfandleiherin um, die nun tatsächlich ein wahres Ekel ist, sowie nebenbei auch deren Schwester, die den Tod wirklich nicht verdient hat. Soweit, so ungut.

"Steenblaiben vaboten!"

Vor gut einem Jahr inszenierte Karin Henkel den ersten Teil von Dostojewskis 1866 erschienenem Roman "Schuld und Sühne" unter dem Titel Schuld im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses als zerquältes Theater im Theater, mit einem in sechs Schauspieler aufgespaltenen Raskolnikow, die das Für und Wider des Mordens als endlose Probensituation durchdeklinierten. Ein aus der Not geborener Abend: Eigentlich wollte Henkel schon damals den gesamten Stoff auf die Bühne bringen, ein Probenunfall brachte allerdings den Spielplan durcheinander, so dass "Schuld" zu einer Art Prolog wurde für "Schuld und Sühne", das jetzt zum Spielzeitabschluss mit nahezu dem gleichen Team (Matthias Bundschuh hat das Ensemble verlassen, dafür ist neu Götz Schubert mit dabei) auf der Hauptbühne Premiere feierte.

SchuldundSuehne 560a lefebvre u© Klaus Lefebvre

Was beim Umzug vom Malersaal auf jeden Fall verloren ging: der unfertige, postdramatische Charme von "Schuld". Ziemlich schnell wird klar, dass Henkel recht nahe an Dostojewskis Prosavorlage rückt – die Spaltung Raskolnikows in unterschiedliche Schauspielerpersönlichkeiten etwa wird nur noch sporadisch eingesetzt, dafür gibt es verhältnismäßig klar umrissene Rollen. Jan-Peter Kampwirth spielt den Mörder fiebernd, fahrig, dem Wahnsinn nahe, Charly Hübner Staatsanwalt Porfirij mit der coolen Autorität des Fernsehkommissars, Bastian Reiber Raskolnikows Freund Rasumichin mit patenter Nervigkeit. Was recht widerhakenfrei als Kriminalspiel über die Bühne schnurrt, mit Schlenkern mal zur Burleske, mal zum Sozialdrama, und wenn die Geschichte während immerhin vier Stunden zu erlahmen droht, wird die Drehbühne angeschmissen (an die Bühnenbildner Thilo Reuther in eigenwilliger Orthografie "SteenblaIben vaboten!" geschrieben hat), und Raskolnikow verliert sich in Alpträumen. Sehr schön, das alles, sehr klug gelöst, aber doch ohne Sinn für die metaphysische zweite Ebene der Vorlage.

Gelegenheit für große Bilder

Zumal diese "Schuld und Sühne"-Bearbeitung auch als Krimi zunächst stimmiger wirkt als sie tatsächlich ist. Immerhin entspringt bei Dostojewski Raskolnikows Theorie aus der Anschauung massiver gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten: Man weiß zwar, dass der Student ein Mörder ist, aber ob er tatsächlich moralisch schuldig ist, ist längst nicht eindeutig. Kampwirths Raskolnikow hingegen ist von Anfang an so porös, dass sich die Frage erst gar nicht stellt – der Typ ist irre, für eine nachvollziehbare Auseinandersetzung mit moralischen Fragen steht der nicht zur Verfügung. Immerhin bekommt die Inszenierung diese Auseinandersetzung nach einer Weile aufgedrängt: zunächst von Hübners Staatsanwalt, später von Schuberts pädophilem, manipulativem Gutsbesitzer Swidrigailow, dessen Aasigkeit doch noch die Frage aufwirft, ob es womöglich wirklich gerechtfertigt wäre, andere Menschen zu töten. Leicht macht es einem "Schuld und Sühne" nicht, und dass Henkel allzu häufig den vorgeblich leichten Weg wählt, ist nicht immer die beste Entscheidung.

Immerhin gibt es auf diesem leichten Weg die Gelegenheit zu großen Bildern – die Kneipenszene, in der Raskolnikow mit dem wodkaschweren Abschaum der Menschheit konfrontiert wird, eine schmerzhaft intime Totenfeier, vor allem aber eine Szene in der Polizeiwache, in der der zunehmend instabile Mörder parallel von Mutter (Lina Beckmann mit augenrollender Penetranz) und Schwester (Angelika Richter als ebenfalls gefährdeter Leidensleib) bedrängt wird. Toll. Aber ebenso konventionell wie das Musiktrio (Kay Buchheim, Alain Croubalian, Friedrich Paravicini), das nahezu jede Szene mit düster verhalltem Sibirien-Blues beschallt und der Inszenierung einerseits eine große Musikalität verleiht, andererseits vor allem eine Musikalität auf Kasatschok-Ebene etabliert, mithin allzu naheliegend.

Am Ende hat Porfirij den Mörder überführt (und Hübner spielt diesen Krimihöhepunkt wunderbar mit Columbo-hafter Jovialität), der fiese Swidrigailow ist tot (und die Welt ein bisschen besser), und Raskolnikow hat zumindest ein bisschen Aussicht darauf, seinen Frieden zu finden. Was "Schuld" im Malersaal versprochen hatte, konnte "Schuld und Sühne" nicht einhalten, zu konventionell ist Henkel der Abend geraten, zu sehr auf Nummer sicher. Aber würde man "Schuld" nicht kennen, wahrscheinlich fände man das nicht einmal schade.

 

Schuld und Sühne
nach Fjodor M. Dostojewski
Deutsch von Swetlana Geier und Herrmann Röhl, Regie: Karin Henkel, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Nina von Mechow, Musik: Kay Buchheim, Alain Croubalian, Friedrich Paravicini, Licht: Susanne Ressin, Dramaturgie: Christian Tschirner
Mit: Lina Beckmann, Charly Hübner, Jan-Peter Kampwirth, Michael Prelle, Bastian Reiber, Angelika Richter, Götz Schubert. Musiker: Kay Buchheim, Alain Croubalian, Friedrich Paravicini
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Bieder" sei die ganze Inszenierung, so Michael Laages auf der Webseite des Deutschlandfunks (31.52015). "Wandlungsreich zwischen Bretterbude, Kneipe und kühlschrankkaltem Sterbezimmer ist zwar Thilo Reuthers Bühne, zwischen altrussisch und hässlich-prekär changieren Nina von Mechows Kostüme; aber mit all dem gelangt Henkel nie auch nur in Sicht- oder Hörweite der Abgründe in Dostojewskis Denken." Vom bewusst unfertigen Abend "Schuld", noch ohne "Sühne" – "dass er so bewusst unfertig blieb, bleiben musste, machte den Charme der Arbeit aus" – sei nur die Idee geblieben, dass fast jeder und jede mal Raskolnikow war: "es ist aber leider die Einzige".

Karin Henkels Inszenierung habe "eine Menge zu bieten: Sorgfalt, schöne Details, Ideen für große Bilder und vor allem ausgezeichnete Schauspieler. Wenn es dennoch für mehr als einen passablen Abend nicht gereicht hat, muss das wohl an Dostojewski liegen", schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen (1.6.2015). Und vielleicht auch daran, dass niemand "diesen Raskolnikow ernst nehmen" könne. Bei Dostojewski sei er "ein Mann, der mit Nietzsche das 'Glück des Messers' sucht, den Mut zur Tat aufbringt und erst unter der Last ihrer Folgen zusammenbricht, weil er nicht das moralische Monster ist, das er so gern wäre. Kampwirths Raskolnikow hingegen ist ein neurotisches Nervenbündel, das kaum das kleine Hackebeilchen halten kann, mit dem er der Pfandleiherin den Schädel spalten will."

So "überzeugend der fliegende Wechsel" zwischen den verschiedenen Raskolnikows anfangs sei, "so lähmend ist er auf langer Strecke: Denn Kampwirths Raskolnikow wird damit reduziert auf den verzagt-bekümmerten Wimp im lächerlichen Secondhand-Outfit, der mit wirren Haaren und Panik im schwarzumrandeten Blick von der Monströsität seiner Tat verfolgt wird", meint Anke Dürr auf Spiegel online (Zugriff 1.6.2015). Henkel verweigere Raskolnikow Glauben und Liebe. "Kein Glaube, keine Liebe – also auch keine Hoffnung auf Erlösung? Das könnte ein Ansatz sein, aber bevor man ihn weiterdenken kann, wird er schon begraben von neuen Textbergen und Nebenhandlungen. Je später der Abend, desto mehr steht die reine Nacherzählung im Vordergrund". So bleibe "bei allem Respekt für die Mannschaft, das Ding endlich auf die Bühne gestemmt zu haben, doch nur ein ziemlich müder Applaus."

Karin Henkels Dostojewski-Adaption sei "eine knackige Konfrontationstherapie für nervös-überspannte Großstadtbewohner", diagnostiziert Stefan Grund in der Welt (1.6.2015). "Für vermeintlich gesunde Zuschauer, die nicht an Haarrisse in Synapsen glauben, rechtfertigen die meisterhaften vier Stunden auch den Untertitel 'Geduld und Bühne'. Die aufgeworfenen Fragen lassen sich allesamt auch gesellschaftlich deuten." Auf der Bühne seien "Grenzüberschreitungen offenbar segensreicher als für die Psyche des Einzelnen. Wie sollte man auch leben ganz ohne Idee, so lautet die berechtigte Schlussfrage, auf die es nur nihilistische Antworten gibt." Grund lobt zudem das "starke Ensemble", über das Charly Hübner in der Rolle des Ermittlungsrichters noch hinausrage.

Die Aufspaltung Raskolnikows ist für Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (1.6.2015) ein "schlüssiges und deutlich theatraleres Prinzip, als hätte Henkel ihre Hauptfigur durch endlose Monologe geschickt." Endlos sei "die ganze Sache nämlich auch so schon genug. Vier Theaterstunden mögen angesichts der Fülle des Romanstoffs verschwindend wenig sein. Im Schauspielhaus aber werden diese Stunden dann doch sehr ermüdend, Wiederholungen lassen manche Szenen redundant und nicht nur lang, sondern auch weilig erscheinen." Das Ganze erfordere "vom Publikum einiges an Konzentration und Ausgeschlafenheit. Das Ensemble (...) zeigt diese Konzentration seinerseits durchgängig" und habe "ergreifende Momente".

 

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