Der Alf vom Rosa-Luxemburg-Platz

von Wolfgang Behrens

August 2015. Die Theatermagazine bekämpfen das Sommerloch: Die deutsche Bühne wertet ihre Saisonumfrage aus, Theater heute führt das Festival Foreign Affairs als Argument für Chris Dercon ins Feld.

Die deutsche Bühne

Noch immer jagt ein Statement das andere, wenn es um die im Jahre 2017 bevorstehende Übernahme der Berliner Volksbühnen-Intendanz durch den Kurator Chris Dercon  geht. Im August-Heft der Deutschen Bühne meldet sich nun die designierte Programmdirektorin Marietta Piekenbrock zu Wort: "Ich glaube", sagt sie, "es gibt keinen Grund, so zu tun, als sei ein neoliberales Raumschiff versuchsweise und zufällig auf dem Rosa-Luxemburg-Platz gelandet. Die Entscheidung ist kein Unfall, sondern vergangene Politik, also absichtsvoll und geplant getroffen. Der neue Intendant heißt Chris Dercon und nicht etwa Johann Holtrop. Seine kosmopolitische Biographie ist ein Plädoyer für die Kongenialität des Fremden. Denken Sie nur an die Serie Alf. Außerirdische Lebensformen sind unkonventionell! Sie kommen als tollpatschige Monster, machen eine Bruchlandung, lösen Horrorgefühle aus (Hilfe, der Kurator kommt!), aber plötzlich bezaubern sie alle, weil sei Unruhe, Innovation, Impulse und ein paar Eskapaden in unsere Vorgärten bringen!" Wenn ich das richtig lese, dementiert Piekenbrock aber keineswegs, dass das Raumschiff Volksbühne künftig neoliberal sein wird ...

Deutsche Buehne AugDas Hauptaugenmerk der August-Ausgabe der Deutschen Bühne liegt indes auf der Autor*innenumfrage der Zeitschrift samt der aus ihr resultierenden Saisonbilanz. Chefredakteur Detlef Brandenburg hatte in diesem Jahr den "dummen Gedanken", einmal "sämtliche Autorenumfragen seit 2003 hintereinander auf den Fußboden" seines Büros zu legen – und er hat "dort tatsächlich den Weg des Theaters nach der Postmoderne wiedergefunden: von einer Phase der Verunsicherung zu einem Theater der sozialen Aufmerksamkeit, der Diversifizierung für eine immer heterogenere Bevölkerung, bis hin zu den neuen, für ein neues politisches Theater geeigneten performativen Formen."

Diesmal indes habe man sich in der Redaktion "zunächst doch ein bisschen die Augen gerieben." Denn eine offenbar signifikante Anzahl der befragten Kritiker*innen formulierte durchaus etwas wie Überdruss an der skizzierten Entwicklung der letzten Jahre, so etwa Andreas Berger aus Braunschweig: "Statt lauter Laientheater mit Experten des Alltags und ihren selbstgestrickten Äußerungen wünsche ich mir wieder mehr Experten des kunstvoll verdichteten Dramas, der Regie und des Schauspielens." Oder Reinhard Wengierek aus Berlin: "Es ärgert das Zuviel an Illustration und Dokument, das Zuwenig an Kunst und Poesie!"

Zugleich gehe aus den Voten der Kritiker*innen aber auch hervor, dass sich "die Grenzen zwischen den Theaterdisziplinen Regie, Choreographie, Bühnenbild, Kostüm und Dramaturgie mehr oder minder" auflösten, die Kunstformen "scheinen sich in organischer Verschmelzung zu entwickeln". Und – hier sieht Brandenburg die "Spur der Zukunft" – in den "Totalkunstraum" kehre dann auch das Politische wieder zurück, etwa bei Susanne Kennedy oder Milo Rau. Das Politische werde "nicht nur 'verkunstet'", es werde "vollkommen in die Kunstform eingeschmolzen, so dass es hier tatsächlich 'der Kunst' gilt – aber im gleichen Maße eben auch der Wirklichkeit." Wenn es das ist, was die Kritiker*innen wollen, dann müssen wir sie uns wenigstens nicht als apolitische Menschen vorstellen ...

Theater heute

Der Kommentar zur Dercon-Volksbühnen-Debatte fehlt natürlich auch in Theater heute nicht, er versteckt sich indes im Bericht von Tobi Müller über Foreign Affairs, das Avantgarde-Festival der Berliner Festspiele. Müller bemerkt, dass Foreign Affairs oft in der Volksbühnen-Debatte genannt worden sei – "als Beweis, dass ein Festival in Berlin reiche für das ganze Projektgedöhns [sic!], erst recht im Verbund mit dem – fast komplett von Drittmitteln abhängigen – Theater Hebbel am Ufer." Das Festival müsse so gewissermaßen als Illustration herhalten für den Kampfbegriff des "Eventtheaters", mithilfe dessen viele ihre Ablehnung von Chris Dercon begründeten. Die Dercon-Kritiker errichteten ein Schisma, in welchem "das Stadttheater mit mehr oder weniger festen Schauspielensembles und Regisseuren, die Texte erarbeiten, als letzter Hort gegen Geschichtsvergessenheit und Marktlogik" erscheine.

TH 8 15Tobi Müller hält dagegen, dass Foreign Affairs gezeigt habe, "wie praxisfremd der Vorwurf des wahlweise geschichtslosen oder neoliberalen Theaters der Produktionsnetzwerke" sei. "Matthias von Hartz, künstlerischer Leiter von Foreign Affairs, hat sein Programm vor dem Berliner Theaterstreit kuratiert, und doch wirkt es nun in weiten Teilen wie eine Antithese zu den Debattenbehauptungen." Jan Fabres 24-stündige Performance Mount Olympus etwa erfülle "auch nach viel Alkohol oder Koks keine der Kriterien des Eventtheaters. Das Event wird bei Fabre geradezu pathetisch wieder dem Ereignis zugeführt, im Sinne einer Unterbrechung des Gewohnten oder eines Punktes im Lauf der Dinge." Auch eine Truppe wie die Needcompamy zeige bei Foreign Affairs einen "Selbsteinsatz", eine "Selbstbefragung des eigenen Tuns ohne Angst vor Peinlichkeit", wie man sie an deutschen Häusern kaum noch sehe. Und für die Arbeit mit einem Ensemble stehe die Needcompany ohnehin. Was also – diese Frage könnte man pointiert aus Tobi Müllers Festivalbericht herauslesen –, was wollen die Dercon-Gegner eigentlich?

Apropos Ensembletheater: Finster blickt Johan Simons, der scheidende Intendant der Münchner Kammerspiele und derzeitige Leiter der Ruhrtriennale, vom Titel der August-Ausgabe von Theater heute herab, und dies, obwohl ihm Silvia Stammen im Heft bescheinigt, in München eine Art Ideal-Ensembletheater betrieben zu haben: "Denn bei aller Berührungslust über Sparten- und Ländergrenzen hinweg, verkörperten die Kammerspiele unter Johan Simons in ihrem Kern nichts anderes als eine zeitgemäße und aussagekräftige Inkarnation des mittlerweile so gerne zum Auslaufmodell erklärten Ensembletheaters, dessen vitalen Grundstock er fast unverändert von seinem erfolgreichen Vorgänger Frank Baumbauer übernahm." Simons habe allerdings "eine Spur gelegt, die zeigt, dass dieses vielgerühmte Relikt deutscher Kleinstaaterei tatsächlich das Zeug zu einem veritablen Weltkulturerbe haben könnte, wenn es sich selbst – möglichst ohne allzu großen Demonstrationsdruck – als Modell einer offenen Gesellschaft zur Verfügung stellt. 'Die Kammerspiele sind zu einem europäischen Stadttheater geworden', stellt der aus eigenem Entschluss scheidende Chef denn auch nicht ohne Zufriedenheit fest" – womit natürlich auf die vielen neuen, nicht ursprünglich deutschsprachigen Schauspieler*innen im Ensemble der Kammerspiele angespielt wird.

"Modell Stadttheater – Johan Simons weiß, wie es geht", heißt es auf dem Titel. Na also, wäre das nicht auch ein Modell für Chris Dercon? Alle Castorf-Schauspieler bleiben zusammen, und dann kommen einfach noch Elsie de Brauw, Lorna Ishema, Benny Claessens und Risto Kübar hinzu?

Theater der Zeit genießt auch in diesem Monat noch das Sommerloch.

 

 
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