Die Verhältnisse – sie sind nicht so?

von Nikolaus Merck

5. März 2016. In einem Gespräch mit dem Norddeutschen Rundfunk hat der Schauspieler Edgar Selge, einer meiner großen Schauspielhelden, einen Satz gesagt, der einerseits enorm hoffnungslos, andererseits enorm befreiend wirkt. Selge: "Du findest einen großen Trost in diesen Theaterfiguren, die mit ihrer großen Verzweiflung dir die Hände herreichen und sagen: Komm, das Leben ist so."

Edgar Selge Berlinale 2008 200 Siebbi CC BY 3.0Edgar Selge, Berlinale 2008
© Siebbi CC BY 3.0, wikimedia

Mad Men

Wenn etwas furchtbar schief läuft im Leben, oder schlimmer, wenn eine oder einer stirbt, die dir nahe steht, dann kommen für normalhin solche Sätze: "Komm, das Leben ist so." Sie erscheinen, unausgesprochen, selbst am Horizont einer viel geliebten Fernsehserie wie "Mad Men". Dort bricht der Held am Ende aus seinem Werbemann-Leben an der New Yorker Madison Avenue aus, lässt alles hinter sich, reist übers Land und landet zuletzt, nichts lag ihm bis dahin ferner, in einem Selbsterfahrungscamp in Kalifornien. Nur um dort, nach all den Mühen, ein neues Leben zu beginnen, eine geniale, die Weltverbesserungsideale der Hippie-Generation plündernde Coca Cola-Werbung zu ersinnen. Oder anders gesagt: Das erhoffte neue Leben landet nur wieder bei dem effektvoller und erfolgreicher geführten alten. Es gibt keinen Ausweg aus dem Kapitalismus, alle Veränderungsversuche werden amalgamiert, aufgesogen und machen das System bloß effektiver.

Hoffnungslos und befreiend

Der Satz "Komm, das Leben ist so", der von modernen Epen wie "Mad Men" großartig illustriert wird, ist so gesehen ein komplett hoffnungsloser Satz, denn wenn das Leben so ist, wie es ist,können wir dieses Leben auch nicht wirklich verändern. Zugleich ist dieser Satz "Komm, das Leben ist so" aber eben auch ein befreiendes Diktum, weil – wenn wir dieses Leben nicht planvoll revolutionieren können, auch wenn es das dringend nötig hätte, auch wenn wir also keine Veränderung ins Werk setzen können, die wie eine Kausalkette abläuft, dann müssen wir vielleicht auch nicht mehr wie RuchUndRau den missionarischen Terror des "Du sollst dein Leben ändern jetzt und hier" ausüben und aushalten.

Wir müssen unser Leben ändern

Denn – natürlich müssen wir unser Leben ändern jetzt und hier, menschlich werden, überhaupt erst Menschen, wie Heiner Müller gesagt hat, anders leben, umweltschonender, solidarischer mit Mensch und Tier, gesünder an Geist und Körper – natürlich. Aber andererseits dürfen wir auch mit Brecht singen: "Ja, mach nur einen Plan! / Sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch’nen zweiten Plan / Gehn tun sie beide nicht." Vielleicht müssen wir einfach ertragen lernen, dass die Dinge nicht so laufen, wie wir es erhofften, planten, anstrebten und können uns in all unserer Verzweiflung darüber nur sicher sein, dass auch für die Gegenseite, die Grenzzäunler, die Flüchtlingsheim-Zündler, die Menschenschinder die Dinge nicht so laufen werden, wie sie glauben.

 

 
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