Narziss lernt schwimmen

von Janis El-Bira

Berlin, 9. Juli 2017. Es lohnt sich immer, das Theater von der Bühne zu holen. Und sei es nur, um zu sehen, was alles fehlt, wenn die Spielenden ihr Spiel diesseits jenes dunklen Kastens versuchen, der ihnen mit all seinen Apparaturen für gewöhnlich Rahmung und Halt spendet. Im Garten der Berliner Akademie der Künste jedenfalls war am Sonntagabend zu beobachten, wie anders Tänzer wirken, wenn sie ihre Tänzerdinge einmal vor dem Hintergrund sauber gereihter Rosen und Begonien verrichten dürfen: kleine Menschen, fast wie erschlagen vom nachkriegsmodernen Düttmann-Bau mit seinen strengen Linien und gleichmachend ausgeleuchtet durch die untergehende Abendsonne.

Und so zählte es zu den schönsten Momenten dieses sehr langen Abends, als man in seiner zweiten Hälfte, nachdem die Sonne längst verschwunden war, noch einmal in den Garten geladen wurde, um festzustellen: Dunkelheit und ein paar Scheinwerfer machen aus Grünflächen und Wasserbassins plötzlich eine Bühne mit Tiefe und Kontrasten und aus kleinen Menschen große Erscheinungen.

The Pose1 560 Thomas Aurin uDie Akademie der Künste als Bühne der Selfie-Darstellung © Thomas Aurin

Das passte, denn auch dazwischen ging es im weitesten Sinne um Inszenierungsfragen. Die Choreographin Constanza Macras und ihre Kompanie Dorky Park strengen mit "The Pose" eine Reflexion über das Selfie-Zeitalter an – also über den Blick auf sich selbst mit eigenen Augen, die doch fremde sind. Denn was sonst geschieht im Moment des Selfie-Machens als die vollumfängliche Selbstinszenierung vor einem immer mitgedachten Publikum? Im Selfie realisieren wir uns so, wie wir gesehen werden wollen. Es ist die Pose schlechthin. Die lebenslange Fortsetzung des euphorischen, frühkindlichen Spiegelstadiums mit erweiterten Gestaltungsmöglichkeiten – Duckface inklusive.

Noch ein Selfie und noch ein Selfie

In Macras' "The Pose" sind es die Tänzer und Performerinnen, die vor allem in der ersten Hälfte ihre eigenen Selfies und Porträtposen im Schnelldurchgang kommentieren: Betrunken an den Flughäfen dieser Welt, ganz mit sich zufrieden im eigenen Badezimmer, frisch verliebt, kürzlich getrennt; Tinderprofil-Selfies, Langeweile-Selfies, Katastrophen-Selfies, Touristen-Selfies. Dabei folgt der Abend, an dem die Zuschauer in kleinen Gruppen durch Innen- und Außenbereiche der Akademie geführt werden, einem recht schematischen Aufbau – die jeweils halbstündigen Szenen werden durch Tanzperformances ein- und ausgeleitet, dazwischen Self(ie)-Analyse, anschließend wechselt man die Spielstätte.

Es wird deutlich atemberaubender getanzt als gesprochen, mit den Körpern mehr über die Kontexte der digitalen Selbstporträts verraten als in den oft recht dünnen verbalen Einlassungen. Wenn etwa ein japanischer Tänzer sich zu Beginn seiner Szene in sich selbst verknäult, seine Haut in die Länge zieht und unter dem Sand des Bühnenbodens ein Paar Handschellen hervorzieht, dann sind alle weiteren Ausführungen über seine Selbstdarstellung auf Dating-Portalen eigentlich längst auserzählt.

Auf der Ebene einer privaten Nabelschau unterläuft man allerdings zwangsweise die medientheoretische Komplexität des Selfie-Phänomens. Die unzähligen, mehr oder weniger originellen Anekdoten rund um das Entstehen der Selbstbildnisse lassen den ohnehin episch dimensionierten Abend mitunter wahnsinnig lang werden. Deshalb ist es gut, dass Macras zur Hälfte hin den Bruch wagt und nach einer Choreographie auf der Hauptbühne, bei der alle erdenklichen Posen wie durch den Zerhäcksler gedreht und mit falsch angeklebten Gliedmaßen wieder ausgespuckt werden, die Selfie-Exegese großenteils im digitalen Orkus verschwinden lässt.

Rehabilitation der Fotografie

Stattdessen widmet sich der zweite Teil den letzten Lebenszügen der analogen Fotografie und damit unweigerlich auch: Dem Tod. Denn während das Selfie mit seinem geschwätzigen Offenbarungscharakter alle Nachfragen erübrigt, ist es das aufwändige analoge Foto, das sie förmlich erzwingt: Warum wurde das fotografiert? Wer ist darauf zu sehen? Wann war das? Macras geht es nun also um die Fotografie als biographisches Gedächtnismedium, als Existenzzeugnis Verstorbener, an die niemand mehr zu denken scheint, und als Dokumentation banalster Alltagsschönheit. Roland Barthes' "Helle Kammer" flimmert plötzlich durch die Textpassagen, "The Pose" pegelt sich im Melancholischen ein.

The Pose3 560 Thomas Aurin uPosen werden zerhäckselt © Thomas Aurin

Ganz am Ende dieser viereinhalb Stunden hebelt schließlich ein nacktes Spiegelbild, das bei seiner alternden Betrachterin keinerlei Schrecken auszulösen scheint, die Wirkmacht der Posen aus. Narziss ist ins Wasser gefallen, aber hier hat er das Schwimmen gelernt. Auf die beim Verlassen der Akademie im Garten weiter performenden Tänzer richten sich indes schon die Handykameras: Man ist dabei gewesen.

The Pose
Regie und Choreographie: Constanza Macras, Musik: Robert Lippok, Dramaturgie: Carmen Mehnert, Licht: Catalina Fernandez, Ton: Fabrice Moinet, Bühne: Laura Gamberg, Veronica Wüst, Chika Takabayashi, Kostüme: Constanza Macras, Daphna Munz, Regieassistenz: Helena Casas.
Von und mit: Emil Bordás, Diane Gemsch, Luc Guiol, Fernanda Farah, Nile Koetting, Thulani Lord Mgidi, Ana Mondini, Daisy Philips, Felix Saalmann, Miki Shoji, Momo Akkouch.
Dauer: 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.dorkypark.org
www.adk.de

 

Kritikenrundschau

"Wie verändert sich unser Selbstbild in Zeiten des Selfies?" Constanza Macras zeige in "The Pose" verschiedene Strategien der Selbstinszenierung und "dass die Foto-Manie ganz eigene visuelle Codes hervorgebracht hat", schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel (11.7.2017). Das Denken sei dabei "meist mit sehr dynamischen Bewegungen verbunden". Die Selfie-Szenen seien zwar amüsant, "führen aber nicht unbedingt zu neuen Erkenntnissen", so Luzina. "Spannender ist der Teil, in dem es um Fotos und Gedächtnis geht."

"Dass die Tanzstücke von Constanza Macras oft von der Offenheit der Choreografin leben, die die unterschiedlichsten Performer unter ihre Fittiche nimmt und mit deren Eigenheiten arbeitet, zeichnet auch 'The Pose' aus", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (11.7.2017). Was der Abend dagegen an Theorie zu Fotografie, Selfies, Authentizität und Pose anbiete, sei eher von bescheidenem Erkenntniswert. "Ein Viel-zu-viel, eine voll geschriebene Welt, ein Untergehen in schon vorhandenen Bildern, so stellt sich das Leben hier dar", so Müller. Am Ende werde aber doch "aus den vielen kleinen alltäglichen Dramen ein großes Panorama der Geschichten vom Werden der so unterschiedlichen Personen. Eine Feier der Diversität, könnte man auch sagen."

Der globale Kult ums Ich werde sommerlich leicht und humorvoll parlierend gespiegelt, schreibt Karin Schmidt-Feister im Neuen Deutschland (12.7.2017). "'The Pose' ist ein mehrstimmiger Langzeitkommentar zur weltumspannenden Selfie-Manie." Er verweise auf die Hoffnungen und Ängste hinter den Bildern, den Posen, dem Lächeln. Die Überlänge des Projektes erschöpfe sich jedoch in Wiederholungen mit Variationen und nehme dem Anliegen den Biss.

 
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