I feel you

von Christian Rakow

Berlin, 30. September 2017. Schöner, als Alaa Naser es an diesem Abend formuliert, lässt sich der Charakter dieser Theaterarbeit gar nicht fassen: "Ich weiß: ich bin keine gute Schauspielerin. Aber, ich will ehrlich mit euch sein, ich hab das Gefühl, dass dieses Projekt mir sehr wichtig ist gerade." Denn das Projekt biete ihr die Gelegenheit, "mich mit den Menschen zu verbinden".

Iphigenie1 560 GianmarcoBresadola uHinter der Kamera: Reham Al Kassar, auf der Bühne Baian Aljeratly, sitzend v.l.n.r.: Nour Bou
Ghawi, Hebatullah Alabdou, Diana Kadah, Layla Shandi, Zina Al Abdullah, Rahaf Salama, Alaa
Naser, Sajeda Altaia. © Gianmarco Bresadola

Naser tritt uns entgegen als eine von neun Laiendarstellerinnen aus Syrien, auf einem weißen Laufsteg im riesigen Hangar 5 der neuen Tempelhofer Spielstätte der Volksbühne Berlin. Unweit einer der größten Flüchtlingsunterkünfte Berlins. Aber was sie sagt, spricht nicht nur über die Arbeit an diesem Ort, sondern für viele Projekte, die an Bürgerbühnen und engagierten Stadttheatern im Zuge der #Refugeeswelcome-Bewegung seit 2015 entstanden sind: Theater "verbindet", es arbeitet gegen die Isolation an, gegen Missverstehen, gegen Fremdheitsgefühle. Es rückt die Kulturen näher zusammen – und ihre Sprachen, so wie an diesem Abend, wo praktisch alles auf Arabisch gesagt und auf Leinwänden Englisch und Deutsch übertitelt wird. Und dieser soziale Wert des Auftritts besteht ganz unabhängig von der Frage, ob jemand jetzt "eine gute Schauspielerin" ist oder wie sich das Projekt in den Kanon der künstlerischen Formen einfügt.

Castingshow

Dennoch sind kunstkritische Fragen natürlich zu stellen. "Iphigenie" von Mohammad Al Attar ist eine Reflexion über den von Euripides überlieferten Mythos der Königstochter, die sich für das griechische Heer opfern soll, damit die Götter wieder Winde wehen lassen und die Krieger nach Troja aufbrechen können (nur um dort noch mehr Frauen ins Unheil zu stürzen). Al Attar und sein Regisseur Omar Abusaada arrangieren dafür eine Castingshow: Die neun Spielerinnen treten je einzeln nach vorn, um sich für eine Rolle in ebendiesem "Iphigenie"-Theaterprojekt zu bewerben.

Iphigenie3 560 GianmarcoBresadola uDas Ensemble von "Iphigenie" im Hangar 5 in Tempelhof © Gianmarco Bresadola

Sie machen Angaben zu ihrer aktuellen Lebenssituation (Ausbildung, Jobcenter, Restkontakt in die Heimat), sprechen über ihre Vorstellung von Theater (wie viel Illusion und Lüge es braucht) und davon, wie sie sich im Mythos der "Iphigenie" wiederfinden (vor allem über die Vaterfigur). Die Befragung führt Reham Al Kassar als eine Art Produktionsassistentin durch, während sie zugleich die Bewerberinnen live mit der Kamera filmt. Die Szenen kulminieren jeweils in der Deklamation kurzer Passagen des Euripides-Dramas, mitunter auch in einer Gesangs- oder Tanzeinlage. In jedem Fall theatralisch.

Diskurs der Innerlichkeit

Al Attar ist sichtlich bestrebt, in den Texten gängige Erwartungen an einen dokumentarischen Abend mit Geflüchteten zu unterwandern. Schlaglichter auf die politische Situation in Syrien fallen aus, Nahansichten von Kriegsgräueln oder Erlebnisse auf Fluchtrouten ebenso. Allerdings erfährt man auch über die Vorkriegszeit oder das Leben jetzt in Berlin so gut wie nichts. Stattdessen setzt das Stück ganz auf einen Diskurs der Innerlichkeit. "Ich habe Angst meine Erinnerungen zu vergessen", sagt Hebatullah Alabdou einmal mit Bezug auf Aleppo. Aber Al Atta gönnt ihr keine Nachfrage, keine Vertiefung, keine eingehendere Erzählung, nichts Anekdotisches. Alles verbleibt bei der Bekundung einer Grundstimmung von Verlust, Angst, Einsamkeit, mitunter sogar Lebensmut und Lebenswitz.

Flankierend dazu thematisieren die Selbstreflexionen auf das Casting-Theater denn auch nur die Authentizität der Geste: Wie echt ist das, was Du hier machst? Einmal tippt Sajeda Altaia als Kopftuchträgerin einen schönen Widerspruch zwischen religiösen und ästhetischen Handlungsmaximen an: Kann man als Iphigenie mit Hidschab auf der Bühne einen Achilles küssen, ganz wie im wirklichen Leben? Und sogleich hört die Interviewerin auf, sich zu interessieren.

Zeugen ohne Zeugnis

Regisseur Omar Abusaada setzt dazu auf ungebremste Einfühlung. Die Stimmen hallen über Mikroports ins weite Rund, und die Kamera zoomt näher und näher, zeigt bebende Gesichter, feuchte Augen. Eine Verdoppelung des Gefühls in Ultra-Großaufnahme. Womit der Abend maximal beglaubigt wirkt, aber auch seltsam immunisiert.

Die radikale Subjektivität des "So geht es mir" entzieht sich der Kritik. Anders als etwa ein Dokumentartheater mit "Experten des Alltags", wie es Rimini Protokoll entwerfen, wo der Mensch mit einer Praxis auftritt und sich als Träger eines konkreten Wissens zur Disposition stellt. Das Theater von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada bietet demgegenüber die reine Befindlichkeit, Zeugenschaft ohne Zeugnis. Man kann ihm nur mit Mitfühlen und Mitglauben begegnen. Oder wie der Brite sagt: "I feel you".

 

Iphigenie
von Mohammad Al Attar
Deutsche Übersetzung von Christopher Fares Köhler und Sandra Hetzl
Regie: Omar Abusaada, Dramaturgie: Mohammad Al Attar, Bühne & Kostüme: Bissan Al-Charif, Schauspieltraining: Reham Alkassarbanialmarjeh, Video: Reem Al Ghazi, Licht: Christian Maith, Kamera: Mohammad Samer Alzajat, Regieassistenz: Amer Okdeh, Produktionskoordination: Ameenah Sawwan.
Mit: Alaa Naser, Nour Bou Ghawi, Layla Shandi, Sajeda Altaia, Diana Kadah, Baian Aljeratly, Rahaf Salama, Hebatullah Alabdou, Zina Al Abdullah Alkafri.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne.berlin

 

Kritikenrundschau

Die Antworten der Frauen auf die Casting-Fragen seien "in der Verdichtung des Textes genau, reflektiert und persönlich, aber keinen Moment selbstentblößen", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (1.10.2017). "Es scheint sogar, dass sie es genießen, wie sich jemand für sie interessiert − auf so andere Weise interessiert als zum Beispiel die deutschen Behörden und Medien." Einmal rolle auch eine Träne die Wange herab. "Dies aber, als eine Kandidatin ein paar Verse von Euripides spricht. Und der gestaltete tragische Konflikt, der jedes individuelle Leben in die Zange nimmt, seine Wucht entfaltet."

"Die Darstellerinnen machen ihre Sache toll. Die Probleme liegen auf Seiten von al Attar und Abusaada." Schon rein formal habe sich die Casting-Situation spätestens nach dem dritten Auftritt erschöpft, schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (1.10.2017). Was entgegen der Behauptung eben nicht stattfinde, und das wiege am Schwersten, sei der Bruch mit der Reduktion der Frauen auf Herkunft und Fluchtgeschichte.

"Lauter wunderschöne, starke, kluge Frauen. Und sie haben – fast alle sind Laiendarstellerinnen – eine erstaunliche Bühnenpräsenz", schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (1.10.2017). Der Abend habe nur ein Problem: Seine antike Vorlage wolle einfach nicht passen. Denn: Die Frauen hätten sich eben – "zum Glück" – nicht wie Iphigenie geopfert. Und weiter: "Das Stück folgt einer Nummerndramaturgie, die an keiner Stelle aufgebrochen wird: die Nächste, bitte. Was dem Ganzen Tiefe verleihen könnte, wäre eine Figurenentwicklung. Doch die fehlt." Die Chorszenen blieben seltsam körperlos.

Bernhard Doppler vom Standard (1.10.2017) zweifelt "an der ausgestellten Authentizität der Auftritte, und grübelt, ob die Texte der Bewerberinnen nicht doch ziemlich stark von Mohammad al-Attar in poetische Bilder oder psychologische Selbstdeutungen gefasst und literarisiert frisiert worden sind". Ein Statement für eine neue Dramaturgie dieses Berliner Theaters sei diese Iphigenie hoffentlich nicht. "Denn mehr als nettes, gefälliges Bürgertheater sollte man sich schon von der neuen Volksbühne erwarten dürfen!"

"Wir sehen sehr jungen, sehr unterschiedlichen Frauen zu. Und sie lassen das Publikum angenehm im Ungewissen, welcher Schritt nun der größere sei: der 'raus aus dem Krieg oder jener 'rein in die Arena der Erwachsenen", beschreibt Tobi Müller den Abend auf Deutschlandfunk Kultur (1.10.2017). Mal blitze Kitsch auf und mal wirkten sie sehr ernst, aber auch wunderbar furchtlos. "Es ist ein Sprung ins Offene, privat wie politisch. Zerstörung und Krieg im Rücken erzwingen diesen Sprung tragisch, die Schwelle zum Erwachsenenalter ist derweil auch komödiantisch zu meistern, vielleicht weil dieser Sprung etwas Allgemeines darstellt und keinen besonderen Riss wie jeder Krieg."

Was sich in den anderthalb Stunden dieser Inszenierung "abspult, ist von wahrhaft niederschmetternder Schlichtheit", wettert Tilmann Krause in der Welt (2.10.2017). Wenn "diese weichgespülte Fassung einer Berliner Dramaturgie des erzählten Migrantenschicksals jetzt die Zukunft der Volksbühne sein soll, können wir auch gleich zum Meininger Naturalismus des 19. Jahrhunderts zurückkehren."

"Hat man mehr erwartet?", fragt Katrin Bettina Müller von der taz (1.10.2017) und antwortet: "Eigentlich ja." Es sei ja ein Ansatz von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada gewesen, "gegen die reale Tragödie, in der sie sich als Syrer jetzt befinden, die antiken Tragödien-Texte als ein Instrument zu halten, das Sagbare auszuloten".  Letztendlich aber scheine die Figur des Opfers die falsche Frage, um dem jetzigen Drama dieser Frauen auf die Spur zu kommen.

Simon Strauß schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.10.2017): "Aufmüpfige Ehrlichkeit bei der Selbstbeschreibung, vorsichtige Konzentration beim Ausdruck" – diese Haltungen machten den Volksbühnen-Abend "besonders". Dass diese Frauen "Geflüchtete" seien, spiele nur von Ferne eine Rolle. Vor allem handele es sich um "junge Frauen mit quirligem Innenleben und großer Inszenierungslust". Sie spielten "mutig mit sich selbst", stellten nicht "vorwurfsvoll" etwas für andere dar. "Dokumentartheater im besten, weil unzweideutigen Sinne."

Dieses Projekt "entwaffnet alle Kritik, indem es sich kaum als ästhetisches Projekt präsentiert, sondern viel eher als Akt der organisierten Anteilnahme", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (online 4.10.2017). Der "dramaturgische Rahmen des Abends schnürt die Darstellerinnen ein, und so liegt die wahre Größe dieser arabisch gesprochenen 'Iphigenie' im Mangel, welchen sie erzeugt: Man möchte viel mehr wissen, als man erfährt. In den Gesichtern der Spielerinnen liegt große Würde, man ahnt, dass sie das Wesentliche nicht verraten können – und dass sie das Spiel brauchen, um uns teilhaben zu lassen."

 

 
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