Systemimmanente Erotik?

25. Oktober 2017. Alle in der Film- und Theater-Welt könnten "Geschichten von sexuellen Belästigungen, Anzüglichkeiten, Übergriffen" erzählen, schreiben die fünf Autor*innen Christine Dössel, David Denk, David Pfeifer, Thorsten Schmitz und Ulrike Schuster der Süddeutschen Zeitung (23.11.2017), die im Zuge der Diskussion um Harvey Weinstein und #MeToo verschiedene Schauspieler*innen und Regisseur*innen zum Thema Sexismus befragt haben. Dabei hörten sie z.B. von dem "ehemaligen Theaterdirektor, der bei Bewerbungs- und Besetzungsgesprächen die Tür zum Büro abgeschlossen und die Rollläden heruntergelassen haben soll. Eine Informantin zitiert ihn mit den Worten: 'Über dein künstlerisches Engagement können wir ja danach noch reden.'"

"Öffentlich die Akteure beim Namen nennen, sich als Opfer zeigen", das wolle in Deutschland kaum jemand, aus Angst oder Scham. Nirgendwo in der Arbeitswelt sei "das festbetonierte System aus Männerallmacht und dem Ausgeliefertsein der Frauen so klar wie in der Welt von Film und Theater", wenn es auch schwerer zu greifen sei. Im Theater werde "gespielt, geflirtet, sich ausprobiert, verstellt. Da ist Erotik systemimmanent. Verführung gehört zum Geschäft." Schauspielerin Birgitte Hobmeier etwa findet eine gewisse "Erotik des Arbeitens" ganz wichtig: "Zum Spielen brauche ich das, dieses Flirten, den Witz, das Flirren. Aber deshalb hau ich noch lange keinem auf den Arsch."

Gerade jungen Schauspielerinnen falle es schwer, sich zur Wehr zu setzen, z.B. aus "Angst, nicht besetzt zu werden". Da griffen simple Machtmechanismen ebenso wie "subtilere Formen der Druckausübung. Wenn ein Regisseur eine Schauspielerin nicht mehr anschaut, sie (…) links liegen lässt, (…) kann das Menschen mürbe machen." Es gehöre schließlich zum schauspielerischen Kerngeschäft zu gefallen und gut anzukommen; die Übergänge zwischen Beruflichem und Privatem seien fließend: "Wo hört das Spiel auf, wo fängt der Übergriff an?" Und wann müssen sich Schauspielerinnen auf der Probe wirklich "im Namen der Kunst" nackt ausziehen, wann eher aus "Machtgeilheit" oder "Voyeurismus" der Regisseure?

Frank Castorf, mit dem die Zeitung ebenfalls gesprochen hat, könne mit dem Sexismus-Vorwurf gut leben, weise sexuelle Übergriffe allerdings "strikt von sich." Auch wenn es in seinen Inszenierungen "immer sexuelle Komponenten und das Element der Hemmungslosigkeit" gebe, müsse er daran ja "nicht privat partizipieren." In seiner gesamten Zeit an der Volksbühne habe er nur von einem einzigen Fall gehört. Auch Ulrich Khuon vom DT Berlin meint, dass das Thema Sexismus "bisher nicht virulent" gewesen sei. Außerdem verweist er auf "institutionalisierte Ansprechpartner - Ensemblesprecher, Personalrat und, jawohl: Gleichstellungsbeauftragte." Bei Khuon ist ebenfalls nur ein einziges Mal ein Fall von sexueller Belästigung angezeigt worden.

Regisseurin Amina Gusner vom Verein "Pro Quote Bühne" glaubt, dass es eine Frauen-Quote auch "für den Respekt zwischen Mann und Frau" brauche: "Wird das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern kleiner, werden die Abhängigkeiten kleiner und der Sexismus weniger", sagte sie der SZ. "Solange die Hierarchien im Theater in dieser Form bestehen und es noch den Unterschied zwischen Männerhöchstgage und Frauenhöchstgage gibt, ist der Respekt nicht da" und bleibe "ein Nährboden für Angst und Fehlverhalten", äußert sich Schauspielerin Catrin Striebeck, die es angenehm findet, als älterwerdende Schauspielerin das Gefühl zu haben, "wirklich als Schauspielerin gemeint zu sein und es nicht zusätzlich um etwas anderes geht." Ihre Kollegin Caroline Peters prangert die "Komplizenschaft" einiger Männer an und plädiert an junge Schauspielerinnen, sich nicht aus Angst zu fügen: "Man muss nicht mitmachen. Die Karriere hängt nicht nur von einem einzigen Typen ab. Keiner hat so viel Macht. Es gibt immer noch andere Wege, andere Produzenten, andere Rollen. Das sieht man oft nicht, wenn man jung ist."

(ape)

 

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