Witz als Waffe 

von Jürgen Reuß

Freiburg, 11. Juli 2008. Der Name des privaten Freiburger Wallgraben-Theater ist irreführend. Längst ist es aus der vom Wallgraben markierten Peripherie der Stadt in das Zentrum der Macht, die Rathausgasse, umgezogen. Das ist zwar in Mittelalterkategorien gedacht, denn tatsächlich war es nur ein Umzug von wenigen hundert Metern, aber das mit dem Machtzentrum stimmt auch nach heutigen Maßstäben. Schließlich befindet sich die Bühne im Gewölbekeller des Rathauses. Als Zuschauer bekommt man von dieser räumlichen Nähe zur Politik in der Regel nicht viel mit, da sich der Eingang des Theaters in der Fußgängerzone befindet.

Nur im Sommer, wenn der gewöhnlich sonnenreiche Südwesten mit lauen, sternklaren Abenden verwöhnt, zeigen sich die vielen Hintertüren, die vom Keller der Kunst in den Hinterhof der Macht führen. Dann lädt das Wallgraben-Ensemble nämlich traditionell zu den Rathaushofspielen, diese Jahr zum 33. Mal.

Ausdünstungen aktueller Realintrigen

Auf dem Programm steht "Der tollste Tag", Peter Turrinis Version von Beaumarchais Komödie "Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro". Zur Premiere sammelte sich das Publikum zunächst unter den Rathaus-Arkaden und bangte, ob es nicht doch wieder in den Keller muss. Bis eine halbe Stunde vor der Vorstellung schüttete es wie aus Eimern. Aber wie in Robert Klatts Inszenierung von Turrinis böser Komödie hatte der Himmel in letzter Minute ein Einsehen. Es klarte auf.

Es wäre auch schade um die Hofkulisse gewesen. Das auf historisch restaurierte Gebäudekarree verströmt die passende eklektizistische 18. Jahrhundert-Stimmung zu einem Intrigenspiel mit Grafen und Bediensteten. Vom Ruch aktueller Realintrigen, die kommunale Schaltzentralen ja immer irgendwie ausdünsten, ganz zu schweigen. Als Bühne genügen da ein Podest, ein paar Paravents, ein Tisch, zwei Stühle und eine Chaiselongue. Auftritt Figaro. Und was tönt aus den Boxen? Natürlich Mozart. Aber die Kunst leichter Sommerkomödien besteht ja darin, das Unvermeidliche und Erwartbare so geschickt und elegant zu präsentieren, dass es entzückt und unterhält. Und um es vorweg zu nehmen: Das gelingt dem Wallgraben-Ensemble.

Die Verhältnisse sind stärker als die Sprache

Die berühmte Geschichte ist schnell noch mal erzählt: Figaro will Susanne heiraten. Ihr Herr, Graf Almaviva, hat zwar der Gräfin zuliebe das Recht der ersten Nacht abgeschafft, geht aber stillschweigend davon aus, es weiter zu nutzen. Nur dass er jetzt zu diesem Zweck ein paar Intrigen spinnen muss. Das besorgt Bazillus für ihn. Um Susanne unversehrt zu bekommen, muss Figaro nun gegenintrigieren. Am Ende gibt's ein Happy End: die Gräfin kriegt ihren Graf zurück und Figaro seine Susanne. Natürlich geht es bei Beaumarchais auch um Emanzipation des Bürgertums.

Turrinis Stück aktualisiert und verschärft den Konflikt. Anders als in der Vorlage, findet am Ende weder die allseitige Versöhnung noch Figaros Hochzeit statt. Der ermordet stattdessen den Grafen bei seinem Versuch, Susanne zu vergewaltigen. "Bei Beaumarchais besiegt der Witz die Gewalt, Figaro den Grafen. Die Möglichkeiten der Sprache sind größer als die der Macht. Ich verstehe das als ein Kriterium der Komödie, gemessen an den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen halte ich es für eine Illusion," beschrieb der Autor selbst, warum aus seiner Sicht das Happy End ausfallen muss.

Denn die Gewalt, die Macht, erlaube den Witz des Machtlosen nur so lange, wie ihre Interessen davon nicht bedroht würden. "Geschieht dies, so dreht sich der Mechanismus um. Die Verhältnisse sind stärker als die Sprache. Wenn die Gewalt die Tatsachen schafft, ist der Witz keine Waffe mehr." 

Es geht auch anders, doch ohne Utopie geht es auch

Doch für den Freiburger Regisseur Robert Klatt taugt der Witz durchaus noch als Waffe. Er hat Turrinis geschliffene Dialoge zur rasanten Screwball Comedy hochpoliert, mit ein wenig Slapstick garniert und wohl dosiert running gags gesetzt. Auch das beaumarchaissche Happy End wird am Ende reinstalliert: Das Stück nimmt die unwahrscheinliche Wende, dass sich die Oberintriganten plötzlich als Eltern des Opfers entpuppen und am Ende doch geheiratet werden kann.

Auch der Graf bleibt am Leben und findet zurück zu seiner Gräfin. Zwar verliert Figaro trotz erheblicher rhetorischer Stärke am Ende vor Gericht sein Gefecht. Denn Wortwitz wiegt heutzutage viel, aber wohl immer noch keinen Geldmangel auf. Doch diese Einsicht taugt kaum zur gesellschaftlichen Utopie. 

Klatt kehrt also zu Beaumarchais' versöhnlicher Sicht auf die Verhältnisse zurück und stattet sein Personal lediglich mit Turrinis scharfen Zungen aus. Dazu hat er ein Ensemble, das diese Komik auch auf die Bühne bringen kann. Weder eine ungeplante Regenpause, noch das penetrante Läuten der Rathausglocken bringt die Schauspieler aus dem Trott. Zusammen ergibt das eine bissige, äußerst amüsante Intrigenkomödie, die vielleicht nicht unbedingt Peter Turrini, aber sicher viele Zuschauer fröhlich macht.

 

Der tollste Tag
von Peter Turrini
Inszenierung: Robert Klatt.
Mit: Hans Poeschl (Graf Almaviva), Regine Effinger (Gräfin Almaviva), Tim Riedel (Figaro), Olga Heinz (Susanne), Tino Leo (Cherubin), Peter W. Hermanns (Bazillus), Lisbeth Felder (Marcelline).

www.wallgraben-theater.com

 
 
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