Wie es in der Brust schlägt

von Shirin Sojitrawalla

26. November 2018. Was ließe sich als Nachtkritikerin von Theodor Fontane lernen? Wenn man bedenkt, dass nachtkritik.de gegründet wurde, um die "Einbahnstraße der Kritik für den Gegenverkehr zu öffnen", funktionieren die Theaterkritiken von Theodor Fontane wie Sackgassen. Es geht ihm nicht darum, ein Gespräch zu beginnen, sondern einen Abend fertig zu besprechen. Auch sonst würde man manch eine Kritik, die er verfasste, heutigen Rezensenten um die Ohren hauen: zu viel Inhaltsangabe, zu wenig Beschreibung, zu viel Blabla. Doch Fontane schrieb nicht heute, sondern in einer Zeit als Theaterkritiker noch Stammplätze im Parkett besaßen und sich am Schreibtisch vorkommen durften wie auf einem Thron.

Die besten 46 aus 700 Theaterkritiken

Spät erst hat der gelernte Apotheker, spätere Journalist und noch spätere Schriftsteller Fontane (1819 bis 1898) das Theater entdeckt. Für die Vossische Zeitung amtierte er von 1870 etwa zwanzig Jahre lang als Theaterkritiker. Rund 700 Rezensionen hat er in dieser Zeit verfasst, erstmals vollständig ediert erscheinen sie jetzt im Aufbau Verlag in vier wuchtigen Bänden auf mehr als 3000 Seiten. Glücklicherweise gibt es einen Auswahlband, der sich auf 46 Kritiken beschränkt, herausgegeben von der Philologin Debora Helmer. Der Reiz dieser Sammlung liegt in den Unterschieden sowie in den Gemeinsamkeiten, die sie zum Heute offenbaren.

So verfügte Fontane 1883: "Ein wirkliches Stück muss nach wie vor zwei Dinge haben: erstens eine Fabel und zweitens richtige Menschen." Ein paar Zeilen später fügt er an: "Es giebt auf unserer französischen Bühne keine wirklichen Menschen mehr (...)." Tönt verdammt vertraut und ziemlich kategorisch, wobei das Kategorische zum Markenkern des Kritikers Fontane gehört. Er sieht sich als Richter, der Wahrheiten verkünden muss, auch wenn sie schmerzen. Gefürchtet war so einer, na klar, darauf spielt ja auch der Titel des Buches an, eine Selbstaussage Fontanes: "Da sitzt das Scheusal wieder." Aufgrund seines Quereinstiegs ins Theaterfach wurde er freilich auch verlacht. So veräppelten seine Verächter sein Kürzel Th.F. als Abkürzung für TheaterFremdling, wie Simon Strauß in seinem Nachwort schreibt .

Die schlechtesten Semmeln

Egal, Fontane spuckte Sätze für die Theaterewigkeit aufs Papier: "Fräulein Meyer sentimentalisirt." – "Der ganze Abend litt unter einen gewissen Fläue." – "Aber unser gutes Publikum geht eben nach der Firma und läßt sich die schlechtesten Semmeln gefallen, wenn sie nur von X. oder Z. sind." – "Wenn man lacht, hört die Kritik auf." – "Ein Berliner Kritiker ist eigentlich ein Sportsman und geht auf die Jagd." In diese herrliche Reihe gehört auch der wohl gemeinste Satz, der jemals über eine "Hamlet"-Inszenierung geschrieben wurde: "Gut war nur Herr Wünzer (Geist)." Wie überhaupt die damalige Sitte, die Vornamen der Darstellerinnen und Darsteller wegzulassen, ungeheuren Charme entfaltet.

Cover FontaneLeider lesen sich die Kritiken hintereinander weg nicht so unterhaltsam, wie es jetzt klingen mag. Fontanes Inhaltsangaben von Stücken, deren Autoren man oftmals noch nicht einmal mehr kennt, sind mitunter rasend öde. Oft rezensiert Fontane die Aufführung auch gar nicht, sondern bloß das Stück. Selten nur bekommt man einen wirklichen Eindruck vom szenischen Gehalt der Abende. Stückinhalt und schauspielerische Klasse stehen im Vordergrund, wobei es sich Fontane zuweilen ziemlich einfach macht: "Gespielt wurde gut." Seine unmittelbare Empfindung bleibt der Maßstab: "Ich will nichts gegen das ästhetische Gesetz sagen, aber wichtiger ist das in unserer Brust."

Frappierend auch sein Umgang mit der Wir-Form. Dieser Duktus des "Wir" gehört heute zu den umstrittenen Formen einer Rezension (auch hier auf nachtkritik.de) und tönt für viele anmaßend. Doch wenn Fontane in Wir-Form schreibt, meint er nicht nur sich, die Zunft der Theaterkritiker oder das Publikum im Saal, sondern zielt aufs große Ganze, auf die Nation. Wir als Deutsche sehen das so und so, und der Franzose ist eben so und so. Während heutzutage gestritten wird, wer wen auf der Bühne spielen soll und kann, war Fontane der festen Überzeugung, dass ein Darsteller, je mehr ein nationaler Unterschied zwischen dem Darsteller und dem speziell Darzustellenden zu Tage trete, scheitern werde.

Damit meint er nicht zwingend, nur Dänen dürften Hamlet verkörpern, wiewohl er Ernesto Rossi sein Italienischsein indirekt zum Vorwurf macht: "In der Mehrzahl Shakespearescher Gestalten lebt ein germanischer Geist, zu dem der italienische nicht harmonirt, weshalb ich denn auch den Rossischen Hamlet einem großen, aus einem an und für sich wichtigen Gedanken entwickelten Musikstück vergleichen möchte, das aber aus der falschen Tonart gespielt und außerdem noch mit unstatthaften Schnörkeln vorgetragen wird."

Das Zitat verdeutlicht nicht nur Fontanes ziemlich forschen, heute befremdlich wirkenden Umgang mit Nationalcharakteren, sondern auch seinen etwas umständlichen und wenig schmissigen Sprachduktus als Theaterkritiker. Simon Strauß deutet ihn folgerichtig und in mancherlei Hinsicht als Gegenfigur zum "brillant-bissigen Herzblutschreiber" Alfred Kerr. Fontanes Kritiken lesen sich dagegen tatsächlich vergleichsweise lau. Die oben zitierten Sätze bilden schon ein Best-of des Bandes. Kurzum: nicht die schlechtesten Semmeln, aber auch nicht die besten.

Da sitzt das Scheusal wieder. Die besten Theaterkritiken
von Theodor Fontane
Herausgegeben und mit einer Einführung von Debora Helmer.
Mit einem Nachwort von Simon Strauß.
Aufbau Verlag. 240 Seiten, 24 Euro.

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