Großes Ringen um Macht und Spielzeugschwerter

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 28. August 2008. Am Ende stapft Torquato Tasso einfach von der Bühne und lässt Alfons, die zwei Leonores und Antonio allein zurück. Das passt zu dem trotzig tollen Kind, das er zuvor gegeben hat. Bert Tischendorf spielt Tasso und ist gleichzeitig Polterkönig, Hampelmann, nerviger Jüngling. Stillsitzen kann dieser uneinsichtig agile Mann eher schlecht. Wenn er sich aufregt, rast er, wenn er schreit, wütet er, wenn er sich verletzt fühlt, schlägt er um sich, und zur Strafe verordnet sein Herzog ihm das, was allen unartigen Kindern droht: Stubenarrest.

Und alles nur, weil Tasso mit einem knallroten (Spielzeug-)Schwert auf den gemeinen Antonio losgegangen ist. In diesem Fall wirkt das freilich nicht aufregender als die kindliche Zerstörung der Sandburg des Sandkastenkompagnons. Aber Polemik beiseite und der Reihe nach: Das Frankfurter Schauspiel eröffnet seine Spielzeit mit der Festwoche "goethe ffm". Und zum Auftakt, just an Goethes Geburtstag, durfte Regisseur Urs Troller den Tasso auf die schiefen Bühnenbeine des Großen Hauses stellen.

Manuskriptstapel und viel Papier

Eine schräge Bühne ist bekanntlich längst Standard, wann immer man im Theater gesellschaftliche Schieflagen versinnbildlichen möchte. Stefanie Wilhelm lässt die Bühne von links hinten nach rechts vorne kippen. Obendrein hat sie den Boden mit riesigen Manuskriptstapeln ausgelegt, auf denen sich viele bunte leere Blätter tummeln. Ein langer Tisch, zwei Stühle, zwei bunte Büsten, das war’s. Eine schöne Bühne, auf der die Akteure aber eher zur Versuchsanordnung schreiten als im Leben anzukommen. Man kann darf der Inszenierung jedoch zugute halten, dass sie das Stück aus seinem zeitgeschichtlichen Korsett zu befreien sucht.

Tassos erschöpftes Selbst ringt immer auch mit den Möglichkeiten. Und Leonore von Este, die bei Ruth Marie Kröger als adrette Vorzimmerdame daherkommt, ist eine Frau, die nicht mehr wartet, bis Tasso sich ihr unsittlich nähert, sondern sich ihm ganz und gar freiwillig an den Hals wirft. Noch offensiver agiert Leonore Sanvitale, die Friederike Kammer als lasziv gewieftes Frauenzimmer verkörpert, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgt.

Beziehungen, die ins Stolpern kommen  

Der Herzog (Joachim Nimtz) selbst indes tritt als gemütlich bedächtiger Familienunternehmer in eigener Sache auf, während Antonio (Oliver Kraushaar) sich als Counterpart von Tasso nicht so recht gefällt. Wenn es ernst wird, reagiert er deshalb ebenso aufgebracht und hysterisch wie dieser. Geschrien wird schon auch viel an diesem Abend. Und geturnt. Immer wieder haut es Tasso den Boden unter den Füßen weg, aber auch andere kommen zuweilen ins Stolpern, was nicht nur der schrägen Bühne zu verdanken ist.

Der Zurückhaltung in puncto Bühnenbild und dem beinahe requisitenlosen Spiel, das von keinem Ton Musik begleitet wird, steht eine zuweilen hektisch gehetzte Darstellung gegenüber, die ihren Reiz rasch verliert. Die stärksten Momente dieses Abends bescheren denn auch die vergleichsweise ruhigeren Zwiegespräche, etwa wenn sich die beiden Frauen einen ihrer ausgefeilten Dialoge liefern oder Antonio und Tasso sich artig wieder vertragen, um das sogleich mit harten Worten zu widerlegen. Dabei vergehen vom ersten Auftritt Tassos bis zu seinem Abgang noch nicht einmal zwei (pausenlose) Stunden.

Korsett Leben

Der Abend schreitet zügig voran, gönnt sich aber dennoch die eine oder andere Pause, die sich auch schon mal bleiern hinzieht, alles streng nach der Regieanweisung "nach einer Pause" oder wahlweise "nach einer langen Pause". Die Straffung des Textes schadet dem ziemlich handlungsarmen Stück indes nicht, ein richtiger Gewinn ist sie jedoch auch nicht. Immerfort scheint uns die Inszenierung nämlich zuzuflüstern, sie habe ganz viel mit unserem Leben zu tun, was Troller ja auch in seinem Beitrag fürs Programmheft klug zu erläutern versteht. Das haben wir wohl vernommen. Doch gesehen und gespürt haben wir‘s kaum einmal.

Auf dem Weg nach draußen drückt uns dann eine Mitarbeiterin des Theaters noch einen Zettel in die Hand. Gegen Vorlage der Tasso-Eintrittskarte, heißt es dort, erhalten wir bei einem der vier Faust-Gastspiele im Rahmen der Festwoche eine Ermäßigung von 20 Prozent. 20 Prozent? Hm, dürfte gerne mehr sein. Das gilt auch für den Abend insgesamt.

 

Torquato Tasso
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Urs Troller, Bühne: Stefanie Wilhelm, Kostüme: Katharina Weißenborn.
Mit: Friederike Kammer, Oliver Kraushaar, Ruth Marie Kröger, Joachim Nimtz, Bert Tischendorf.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Peter Michalzik beschäftigt in der Frankfurter Rundschau (30.8.) unter anderem die Frage, warum es nun ausgerechnet der Tasso sein mußte, mit dem Elisabeth Schweeger ihre letzte Frankfurter Spielzeit eröffnen ließ. "Klar, Goethegeburtstag!" Doch den 'Tasso' führe man im allgemeinen doch wohl auf auf, "weil man sich über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft klar werden möchte, so war das die vergangenen Jahrzehnte, oder weil man diese Sprache als Herausforderung empfindet". Und Michalzik kann nicht erkennen, daß Regisseur Urs Troller eines von beidem tiefer interessiert hätte. So kam für ihn eine Aufführung "für niemanden" heraus: "nicht für Goethefreunde, die den Tasso hören wollen, noch für Freunde zeitgenössischen Theaters, für die das trotz aller Anstrengung eine blutleere und hochkonventionelle Veranstaltung bleibt. Und für die, die über den Abstand zwischen 1796 und 2008 oder auch etwas anderes nachdenken wollen, schon gar nicht."

Jens Frederiksen, der für den Wiesbadener Kurier (30.8.) nach Frankfurt gefahren ist, hatte auch wenig Freude an dem Abend, zumal ihn die Lesart "Tasso, das verwöhnte Einzelkind", nicht sonderlich überzeugt. Tasso-Darsteller Bert Tischendorf rase, wüte und motze und schüttele zu "seinem maschinengewehrschnell herausgeknatterten Text die schweißfeuchte Mähne", um zuletzt trotzig den Rückzug anzutreten. Was alle Akteure aus Sicht des Kritikers mit Tasso teilen, "ist dessen atemberaubendes Sprechtempo. Das hat zwar zur Folge, dass der Abend schon nach gnädigen eindreiviertel Stunden vorbei ist. Aber man versteht über weite Strecken so gut wie nichts - vom Text nicht, und von den Vorgängen auf der Bühne leider auch nicht."

Als "hastig vernuschelt und angestrengt ironisch dargeboten" kritisiert Tilman Spreckelsen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.8.) Urs Trollers Inszenierung. Auch Bert Tischendorfs Darstellung des Dichters Tasso als "Rotzlöffel" geht ihm sichtlich gegen den Strich. "Der soll als Autor auch nur einen einzigen geraden Satz zustande bringen?" Spreckelsen hat seine Zweifel! Am Ende ergeht es der Aufführung aus Sicht des Kritikers wie dem Papierflieger, den Tassos Antipode Antonio aus dessen Schriften faltet: Sie stürzt ab.

   
 
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