Wash your dirty hands

von Sarah Waterfeld

5. November 2020. Neuerdings beharren Kulturschaffende auf der Systemrelevanz der Kunst. Die Systemrelevanz der Theater wollen nicht wenige im löblichen Engagement gegen Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungsformen oder gar kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse sehen, denn Theater sind dezidiert keine reinen Unterhaltungstempel, sondern Diskursstätten, in denen aufgeklärt, analysiert, historisiert wird.

Berlin Denkmal für Bertolt BrechtBrecht-Denkmal von Fritz Cremer auf dem Vorplatz des Berliner Ensembles © Marek Śliwecki, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia CommonsDoch sehen wir uns diese Relevanz etwas genauer an: Theater sind verpflichtet, ihre Finanzkooperationen auf ihren Webseiten aufzuführen. Das Berliner Ensemble etwa arbeitet mit der Deutsche-Bank-Stiftung oder der Aventis Foundation zusammen. Berliner Volksbühne und Gorki-Theater pflegen u.a. ein partnerschaftliches Verhältnis zur Allianz-Kulturstiftung.

Kulturinstitutionen sind neben ihrem vordergründigen politischen Engagement nämlich auch zu Artwashing-Pionieren avanciert. Niemals zuvor hatten Großkonzerne einen derart massiven Einfluss auf die angeblich freie Kulturlandschaft. So lassen sich im Programm der Theater auch keine Verweise darauf finden, dass die Allianz während des NS-Faschismus Gebäude und Personal der Vernichtungslager in Auschwitz und Dachau sowie Teile der NSDAP versicherte. Das Unternehmen vermehrte seinen Reichtum maßgeblich durch die Shoah und zählt noch immer zu den ganz Großen im Investmentbankgeschäft. Es spielt auch keine unwesentliche Rolle im Vorantreiben des Klimawandels oder über Nahrungsmittelspekulationen bei Hungersnöten.

Wir könnten uns zu der Aussage hinreißen lassen, die Allianz verfolge per se ein rassistisches, menschen- und umweltfeindliches Geschäftsmodell. Oder, weniger dramatisch, Profit geht ihnen über alles. Es könnte zudem behauptet werden, es liege in der Aufgabe der Theater, solche globalen Zusammenhänge aufzudecken, künstlerisch aufzubereiten und die fortdauernde Macht dieser Konzerne historisch einzuordnen.

Brecht und die Deutsche Bank

Das "Brechttheater" Berliner Ensemble lässt sich eine "Exzellenz-Reihe" von der Deutschen Bank finanzieren. Brecht dürfte im Grab rotieren. Karen Breeces Stück "Auf der Straße", das im Rahmen dieser Reihe herauskam, handelte von Wohnungslosigkeit. "Echte Wohnungslose" wurden aufgefahren, ihre individuellen Lebenswege nachgezeichnet, während unerwähnt blieb, dass die Deutsche Bank heute etwa in Los Angeles aufgrund ihrer brutalsten Entmietungsstrategien als "Slumlord" gilt.

Auch Agrarspekulationen und ihre Folgen oder die Rolle der Bank während der NS-Diktatur interessieren offenbar weniger. Indem der aktuelle Vizepräsident der AG im Vorstand der Villa Romana sitzt und der Akademie des Deutschen Buchpreises angehört, hat eine Interessensvertretung der Bank sogar ganz direkten Einfluss auf die Frage, welche Kunst heute förderungswürdig ist.

Brechts "Baal", auch am Berliner Ensemble inszeniert von Ersan Mondtag, wurde von der Aventis Foundation kofinanziert. Das Unternehmen Aventis, von dem das Stiftungsgeld kommt, heißt seit 2011 Sanofi und ist Weltmarktführer im Impfstoffgewerbe, macht aber auch eine gute Figur in Sachen Pestizide und Rüstungsindustrie. Hoechst (eine Gesellschaft der Sanofi-Gruppe) stand während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs für Rüstung, chemische Kampfstoffe, Zwangsarbeit und Menschenversuche. Im Jahr 2001 verklagte Hoechst die südafrikanische Regierung, weil diese Aids-Patient*innen per Gesetz mit billigeren Generika-Medikamenten versorgen wollte. Die Liste der Verbrechen von Chemie- und Pharmariesen an der Menschheit dürfte endlos sein.

Es soll hier sicher kein Appell gegen Impfstoffe formuliert, sondern vielmehr die Profitorientierung von Pharmaunternehmen angeprangert werden, die Forschung in vielen Bereichen eher verhindert als vorantreibt. Indem Theater solche Gelder nehmen und somit zwangsläufig bestimmte Zusammenhänge unerwähnt lassen, sind sie unbedingt als "systemrelevant" zu betrachten. Das ist jedoch anders zu verstehen, als sich so manche Theaterschaffenden vermutlich zugestehen möchten.

Theater ist nicht nur systemrelevant, sondern systemstabilisierend

Das bürgerliche Theater mit seinen antiken Wurzeln hatte von jeher eine ganz maßgebliche "systemstabilisierende" Rolle. Das Wesen des dionysischen Opferkults, genau genommen aller Opferkulte, lag in der gewaltpräventiven Funktion für die jeweilige Gesellschaft. Das aus dem Opferkultischen hervorgegangene Theater sollte Stabilität und Fortdauer der Verhältnisse garantieren. Das Konservieren war seine primäre Aufgabe. Mitnichten hatte das Theater jemals subversiven Charakter. Explizit ausgenommen sind all jene linksradikalen dialektischen Theaterformen, über die versucht wurde, ein revolutionäres Anti-Theater zu etablieren, das die Emanzipation der Arbeiter*innen-Klasse zum Leitmotiv hatte.

Die aktuelle bürgerliche Exklusivität unserer Theaterlandschaft mit ihren sleeken, ehrfurchteinflößenden, schicksterilen Palästen, mit ihren thematischen Leerstellen und ihrem Geniekult ist jedoch in einem Maße "systemrelevant", dass einem schlecht werden könnte. Welches Bild bieten streng hierarchisch bis monarchisch organisierte Theater mit ihren outgesourcten Reinigungskräften und ihrem geringen Anteil an FLINT*-Personen in Entscheidungspositionen? Welches Bild geben sie ab mit ihrem technischen Personal, das laut Vertrag zu 51 Prozent künstlerisch arbeitet, um mit einem Künstler*innen-Vertrag prekär beschäftigt werden zu können? Wie steht es um das künstlerische Prekariat, das in totaler Abhängigkeit von der Willkür von Intendant*innen und deren Vertrauenskreis lebt? Was sagen uns die aktuellen Zahlen zu sexuellem Missbrauch und einem Klima der Angst? Wie verhält es sich mit der Familienfreundlichkeit der Probenzeiten, wie mit demokratischer Teilhabe? Diese Kritik ließe sich auf die Bildende Kunst mit ihren durch Stiftungen finanzierten Museen übertragen sowie auf den Literatur- oder Filmbetrieb.

Strategische Spitzfindigkeit? Heuchelei!

Indem wir uns in der Coronakrise mit der Frage nach unserer Systemerelevanz konfrontiert sehen, liegt aber auch die Chance einer Begriffsauseinandersetzung. Dafür jedoch sind Selbstreflexion und Klassenbewusstsein unabdingbar – auch und insbesondere für die bürgerliche Klasse. Es ist doch nachgerade zynisch im Kapitalismus auf die eigene Systemrelevanz zu beharren. Wir sollten vielmehr fragen, wie viel inneren Widerspruch so ein kritisches Kunstwerk aushält, bis es als billigste Heuchelei enttarnt werden muss.

Diese Stiftungsgelder zu nehmen, mögen manche einwenden, sei eine strategische Spitzfindigkeit. Dann lasst euch sagen: Diese Strategie muss mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung und in Anbetracht des allgemeinen Rechtsrucks endgültig als gescheitert betrachtet werden.

StaubzuGlitzerDemo 1000 DavidBaltzerGemeinsam mit Nachbar*innen und verschiedenen Bündnissen positioniert sich die Volksbühne im Mai 2020 gegen die rechten "Hygiene-Demos" am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. © David Baltzer

Unterdessen konnten Kulturschaffende, diese rechtschaffene Vorhut der kulturellen Intelligenz, nicht aufhören, sich über die staatliche Aufforderung zu echauffieren, sie sollten HartzIV beantragen. Völlig unverschuldet, wegen einer Pandemie. Als hätten nicht schon zuvor tausende diese enervierenden Anträge ausfüllen müssen, trotz ihres Anstellungsverhältnisses, Hochschultitels, Talents oder Fleißes. Als wäre nicht bekannt, dass abertausende von Literatur-, Kunst- und Theater- oder Filmschaffenden nicht von ihrer Arbeit leben können, trotz hervorragender Referenzen und Ausbildungen.

Als hätten sich Erntehelfer*innen, Minenarbeiter*innen, Näher*innen und andere weltweit ihren Knochenjob aus purer Leidenschaft für die Sache ausgesucht, als seien sie absichtsvoll in ihrer "systemrelevanten" Lage. Und als sei es nicht völlig unbestritten, dass wir das dringend benötigte Antibiotikum oder sauberes Trinkwasser dem Buch oder der Netflixserie vorziehen würden, ja müssten sogar im existenziellen Notfall.

Kein Aufschrei wegen kultureller Unterversorgung

Während sich auf dem Rosa-Luxemburg-Platz im April auf "Hygienedemos" die rechtsextreme Szene zusammenrottete, wurden Haus-Musicals für die Ausstrahlung auf youtube gedreht. Sänger*innen rannten darin über ihre 30qm-Luxusterrasse, weil sie so empört waren über ihren Zwangsurlaub. Sie sind wirklich gerannt. Auf ihrer Terrasse. Gerannt.

Es wurde vor der Kamera auch weiter in die Klaviertasten gehauen oder im Akkord gelesen, als habe es einen Aufschrei gegeben wegen kultureller Unterversorgung. Die Wahrheit ist: Den gab es nicht. Denn außerhalb der bürgerlichen Kunstblase waren die Leute mit dem eigenen wirtschaftlichen Überlebenskampf befasst. Ein Zusammenhang zwischen ihrer prekären Lebenssituation und Theaterkunst drängte sich ihnen offenbar nicht auf. Die arrivierte Kulturszene ist so was von krank und kaputt, und nicht erst seit Corona, dass wir ihr wirklich nur gute Besserung wünschen können. Wenn wir diesen Planeten und alle Lebewesen auf ihm vor der Klimakatastrophe bewahren wollen, wenn wir Rassismus, Sexismus, Sklaverei und Ausbeutung beenden, Grenzen abschaffen und gleichwertige Lebensverhältnisse durchsetzen wollen, bedeutet das für uns in erster Linie Verzicht.

Hier wird eine Kulturlandschaft gefeiert, die auf Konkurrenz und Wettkampf basiert, eine Szene, in der auf die Abgehängten hämisch herabgeblickt wird, aus der weite Teile der Gesellschaft ausgeschlossen sind und die strukturell völlig kongruent zum Rest der Gesellschaft funktioniert, den sie angeblich kritisieren will.

Was die Theater(schaffenden) tun sollten

Theater sollten die Corona-Krise nutzen, um sich basisdemokratisch zu organisieren. Sie sollten beraten, wie sich egalitäre Entlohnungsmodelle einführen ließen von der Reinigungskraft bis zur Intendanz. Strenge Frauen*quoten sollten durchgesetzt werden in diesem institutionellen Weltspiegel, im Mikrostaat Theater. Nach der Abschaffung von Supergehältern vermeintlicher Stars, muss die Abkehr von jeglicher Drittmittelförderung folgen, von Stiftungen, die den globalen Multikonzernen zur Steuervermeidung und Geldwäsche dienen. Der vorauseilende Gehorsam von Antikapitalist*innen bei der Themenwahl könnte vielleicht ein Ende finden, linksradikale Begriffe müssten nicht länger vermieden werden aus Angst vor der Nichtbewilligung eines Antrags.

Diese obsessive Beschäftigung mit rechten Denkmustern, rechten Strukturen und rechten Argumenten muss, in Anbetracht mimetischer Welterzeugung, endlich aufhören.

Schließlich könnte wieder tatsächlich kritisches Autor*innentheater möglich werden, das nicht nur so tut, als würde es wachrütteln, während es eigentlich konserviert und reproduziert. Wir brauchen die Vernetzung von Theaterarbeit und tagesaktuellen Arbeitskämpfen.

Mit unserer Kunst sollten wir jene Konzerne und ihre Machenschaften bloßstellen, die ihre Logos momentan in Prospekte, auf Plakate, Homepages, auf Sessellehnen und Sponsor*innenwände scheißen. Vielleicht würde dann bei der nächsten Pandemie als erstes an andere gedacht. Vielleicht würden Kulturschaffende nicht nur nach einem bedingungslosen Grundeinkommen für die eigene Kaste krähen, sondern die Vergesellschaftung von Pharmaunternehmen und Krankenhäusern sowie die Abkehr von einem profitorientierten Gesundheitssystem verlangen und sich mit anderen Prekarisierten verbünden. Vielleicht würde eine absolute Mehrheit der Bevölkerung in der nächsten Pandemie dann tatsächlich als allererstes die Öffnung ihrer Theaterhäuser, ihrer Diskursstätten verlangen.

Vielleicht gäbe es in der nächsten Pandemie schon viel mehr Theater. Theater in jedem Kiez und jedem Dorf, in denen Gesellschaft von allen gemeinsam verhandelt wird. Die staatlichen Mittel an diesen Theatern wären unbegrenzt, weil alle Menschen dies so verlangten, weil eine Demokratie gar nicht mehr anders denkbar wäre. Vielleicht begäbe sich dann nie wieder jemand impulskontrollgestört lesend, tanzend oder sonst wie produktiv-kreativ vor die Webcam in der ersten Woche einer Pandemie, um sich über Klickzahlen die eigene Systemrelevanz versichern zu lassen, die es doch eigentlich abzulehnen gilt, solange alles ist, wie es eben ist.

Nicht nur Viren werden von Mensch zu Mensch übertragen, sondern eben auch Hoffnung, Mut und Standhaftigkeit. Alerta!

Dies ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung eines Textes, der im Mai 2020 in der Benefiz-Anthologie "Tage wie diese" hrsg. von Alexander Broicher im Fine Books Verlag erschienen ist.

Sarah Waterfeld, geboren in Berlin, studierte Neuere deutsche Literatur, Politik- und Medienwissenschaften an der FU Berlin und der Universität Potsdam. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin der LINKEN im Deutschen Bundestag und veröffentlichte 2015/16 ihre transmediale Romanreihe "Sex mit Gysi" und "Was vom Hummer übrig blieb". Außerdem war sie Lehrbeauftragte der Universität Potsdam für transmediale Strategien politischer Intervention. Seit 2017 ist sie Mitglied im Künstler*innen-Kollektiv Staub zu Glitzer, das mit der transmedialen Inszenierung "B6112" an der Volksbühne intervenierte und seither künstlerisch-aktivistisch in Berlin arbeitet. Seit Beginn der Corona-Pandemie engagiert sich Staub zu Glitzer mit Bündniskundgebungen gegen Verschwörungsideolog*innen und organisierte zuletzt den Zusammenschluss von Theatern und Deutscher Oper in Berlin Charlottenburg gemeinsam mit lokalen Gewerbetreibenden gegen einen Szenetreff von Reichbürger*innen (hier die Rede des Regisseurs Volker Lösch bei der Kundgebung).

 

 

 
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