Als ob es kein Morgen gäbe

14. März 2022. Schillerndes Figurentableau, sprachgewaltiger Rausch: Der kongolesisch-österreichische Autor Fiston Mwanza Mujila hat einen Roman über Abenteuersuche und Alltagskämpfe im postkolonialen Afrika geschrieben. Auch dieser Text könnte schnell seinen Weg auf die Bühne finden.

Von Leopold Lippert

14. März 2022. Die Stimmung ist einfach zu gut im Club "Mambo de la fête" in Lubumbashi. So gut, dass niemand auch nur daran denkt, die ausschweifende Garderobe abzulegen – und dementsprechend ist der sensorische Overkill. Man tanzt und feiert also im Zaire der späten Mobutu-Jahre, "trotz der tropischen Hitze, der Rauchschwaden, des schlechten Atems aus dreckigen Mäulern, den Körpergerüchen, den diversen Ausdünstungen, dem Ruß, dem Schluckauf, dem Erbrochenen, des Pissegestanks, des Schweißes, des Rotzes, den Hustenanfällen und den Boxen, die seit Ewigkeiten die immergleiche Rumba ausspuckten".

Ein theatral angelegter Roman

Man gibt sich dem Rausch hin, als ob es kein Morgen gäbe. Und Rausch, das kann Fiston Mwanza Mujila, dessen 2020 auf Französisch erschienener Roman "La Danse du Vilain" nun in deutscher Übersetzung als "Tanz der Teufel" vorliegt. Doch die flirrende Sprache zelebriert nicht bloß den Exzess als Selbstzweck, sondern will dem alltäglichen Irrsinn, den Hoffnungen und Enttäuschungen des postkolonialen Afrikas Ausdruck verleihen.

Cover MujilaDer kongolesisch-österreichische Autor Mwanza Mujila ist kein Unbekannter in der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Sein Stück Zu der Zeit der Königinmutter stand am Wiener Akademietheater und am DT Berlin auf dem Spielplan, und sein Debütroman Tram 83 lief in unterschiedlichen Spielfassungen am Nationaltheater Mannheim und am Schauspielhaus Graz. Und auch der neue Roman dürfte seinen Weg auf die Bühne schnell finden, denn theatral ist er bereits angelegt: ein schillerndes (sprich schauspieler:innenfreundliches) Figurentableau, andauernde Wechsel der Erzählperspektive, teilweise gar dialogisch geschrieben, und plotredundant genug, um mühelos auf hundert Minuten Spieldauer zusammengekürzt zu werden.

Immer größer wird das Ensemble der Teufel

Der titelgebende Tanz der Teufel ist dabei irrwitziger musikalischer Stilmix in zwei Versionen – "die längere dauerte eine Stunde und siebenunddreißig oder neununddreißig Minuten, die kürzere dauerte achtzehn Minuten oder auch zehn wenn der DJ genug Klebstoff intus hatte". Und getanzt wird von einem im Laufe des Romans immer größer werdenden Ensemble an Teufeln, die zwischen Lubumbashi und den Diamantengebieten der Provinz Lunda Norte im bürgerkriegsgeplagten Nachbarland Angola hin und herstreifen: die klebstoffschüffelnden Jungs Molakisi, Ngungi und Sanza, die aus ihren sicheren Elternhäusern ausreißen, weil das Leben auf der Straße sie männlicher macht; der in St. Pölten geborene österreichische Schriftsteller Franz Baumgartner, der als unbeholfener Weißer die Geschichten "seiner" Schwarzen Protagonisten aufsaugt; der mysteriöse Monsieur Guillaume vom Geheimdienst, der Kinder von der Straße weg als Spitzel rekrutiert; der ehemalige Geschichtslehrer und politische Aktivist Magellan, der den Aufstand probt; der reggaedröhnende Taxifahrer Djibril; der Prophet Singa Boumbou; und schließlich die von den Diamantenschürfern abgöttisch verehrte Frauenfigur Tshiamuena, magisch-realistische zweihundert Jahre alt, mit japanischer Vorgeschichte und hellseherischen Fähigkeiten. 

Auf emotionaler Distanz

Mwanza Mujila erzählt meist lakonisch und hält so Gewalt, Willkür und Verwahrlosung auf emotionaler Distanz. Den Roman prägt ein rasanter Goldgräberton – kaum Einfühlung, dafür eine immer schon ironisierte Faszination für Figuren, die sich einen politisch hochgradig instabilen Kontext zum eigenen Vorteil einrichten können. Denn: "In diesem Land des Glücks, des schmutzigen Geldes und des sauberen Geldes, des Tanzes der Teufel, war alles möglich". Vor allem aber nutzt Mwanza Mujila das Stilmittel der Aneinanderreihung, um die überfordernde sensorische Gleichzeitigkeit ohne inhaltlichen Zusammenhang zu fassen, die für den Roman die zentrale Alltagserfahrung des postkolonialen Afrikas zu sein scheint.

Das klingt dann etwa so: "Sobald die ersten Töne erklangen, stürmten alle Leute, die draußen vor dem Schuppen herumlungerten, ins Mambo – Bettler, Kleinganoven, Amateurdiebe, abgehalfterte Zuhälter, einstige Größen des zairischen Fußballs, abgebrannte Alkoholiker, potenzielle Spione, Banditen, Papasöhnchen, Ingenieure, Lehrer im Anzug oder im Brautkleid". So stimmig und sprachlich gewitzt diese Gästeliste sein mag, lädt die penetrante Wiederholung desselben Tricks die Leser:innen allerdings auch dazu ein, Abkürzungen zu nehmen, mit dem Rhythmus zu brechen und zum nächsten Verb zu springen, statt sich dem Rausch hinzugeben.

Wo sind die komplexen Frauenfiguren?

Bei aller Anerkennung für die sprachlichen Qualitäten des Romans ist "Tanz der Teufel" aber hauptsächlich eines: ein fast schon altmodischer Jungsroman, der die Abenteuer (oder den Überlebenskampf) der harten Männer abfeiert, auch wenn die Männer manchmal noch Kinder sind. Und obwohl die selbstüberschätzte, klebstoffschnüffelnde Männlichkeit eh immer ein bisschen lächerlich daherkommen soll, so ist die Abwesenheit von komplexen oder auch nur irgendwelchen Frauenfiguren bezeichnend: Tshiamuena bleibt als gottgleiche "Madonna" platte Musenprojektion, und Monsieur Guillaumes Frau ist als namenlose Nebenfigur genau das: Monsieur Guillaumes Frau. Es bleibt die Hoffnung, dass man am Theater Wege findet, mit den Männerfantasien in Mwanza Mujilas sprachgewaltigem postkolonialem Rausch zu brechen.

 

Tanz der Teufel
Von Fiston Mwanza Mujila
Aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller
Paul Zsolnay Verlag, 2022, 288 Seiten, 25 Euro

 

 

 

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