Bitte starten Sie die Welt neu

5. Mai 2022. Sibylle Berg rechnet ab. Mal wieder. Mit Alt- und Neu-Nazis, Tech-Giganten und überhaupt mit jenen, "die den Planeten besitzen". Doch ihr nun erschienener, über 700 Seiten starker Nachfolger zum Bestseller "GRM. Brainfuck" hat mit Lamenti nichts am Hut. Stattdessen liefert "RCE" eine Handreichung für das Hacking der Gegenwart.

Von Sascha Westphal

5. Mai 2022. Es geht weiter, wie es schon immer weitergegangen ist. Anders gesagt, es wird also alles noch viel schlimmer. Aber was heißt das schon, die Menschen, die Mehrzahl von ihnen zumindest, haben sich schließlich in allen Epochen mit allem arrangiert, was ihnen die Herrschenden und Besitzenden zugemutet haben. Wenn sie sich doch einmal aufgelehnt haben, wenn sie sich an Aufständen und Revolutionen versucht haben, ist das meist eher schlecht ausgegangen. Im 20. Jahrhundert, in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg, sah es in einem Teil der Welt, dem reichen Westen, so aus, als ob es tatsächlich mal besser würde. Aber das war, wie sich schon bald nach der Jahrtausendwende gezeigt hat, eine Illusion. 

Systemsturz verschoben

Auf das kurze Zwischenhoch, das auf der kolonialistischen Ausbeutung großer Teile der Welt und der Menschheit basierte, folgte ein ausgedehntes, allem Anschein nicht enden wollendes Tief. Dieses Tief, das immer neue Krisen mit sich bringt, hat Sibylle Berg in ihrem Roman "GRM. Brainfuck" nicht nur wortreich beschrieben. Sie hat es gleich noch weitergedacht und anhand der Verhältnisse im Post-Brexit-England eine Vision davon entwickelt, wo es in den kommenden Jahren hingehen könnte.

"RCE. #RemoteControlExecution", Bergs neuer Roman, der Mittelteil einer Trilogie, schließt direkt an seinen Vorgänger an. In "GRM" sind die "Freunde", fünf Hacker:innen, denen die vier jugendlichen Protagonist:innen in Cover BergLondon begegnet sind, mit ihrem Versuch gescheitert, das System aus Überwachung und Demütigung, aus Ausbeutung und Lenkung, zu stürzen. Die Menschen hatten keinerlei Interesse an einer Veränderung oder gar an einer Revolution. Also haben sich die Wege der "Freunde" ebenso wie die von Don, Peter, Hannah und Karen, den Protagonist:innen des Romans, getrennt. Sie alle haben sich auf ihre eigene Weise dabei ihre Wunden leckend mit den bestehenden Verhältnissen arrangiert, sind zu einem gewissen Grad Teil des Systems geworden. Bis zu dem Tag, an dem Ben, dessen Wut ebenso groß wie sein Sendungsbewusstsein ist, eine Eingebung hat: "Wenn man siegen will, muss man von Menschen lernen, die den Planeten besitzen, ihn ruinieren und im Anschluss verlassen wollen."

Vom stumpfen Wesen der Menschen

Dieser Gedanke markiert nicht nur den Beginn der Handlung in "RCE". Er führt die "Freunde" wieder zusammen und wird zum Ausgangspunkt für einen neuen Versuch, die Welt doch noch zu retten. Zugleich ist er der Kern von Sibylle Bergs Denken und Schreiben. Der Glaube, dass es reicht, es anders machen zu können und damit zu den Guten zu gehören, ist eine Form von Selbstbetrug, gegen den Berg konsequent mit ihren Kolumnen, Theaterstücken und Romanen anschreibt. In diesem Sinne ist auch der Titel "RCE" zu verstehen. Remote Control Execution bezeichnet einen (Hacker-)Angriff, bei dem der Angreifende insoweit die Kontrolle über das angegriffene System erhält, dass er aus der Ferne innerhalb des Systems Befehle ausführen kann.

Bergs Schreiben mit seinem Stakkato-Rhythmus, dieses nüchterne, aber dabei insistierende Beschreiben der Schlechtigkeit der Zustände, ist ihre Version von RCE. Mit jeder neuen Scheußlichkeit, die sie beschreibt, mit jeder weiteren Figur, die einmal mehr von dem stumpfen Wesen der Menschen zeugt, von deren Hang zu Gewalt und Zerstörung, dringt sie tiefer in das System, also das Gehirn des Menschen, ein, nicht um ihn zu steuern, aber um Ideen in ihm zu säen, aus denen dann vielleicht ein anderes Handeln erwächst.

Alte Eliten, Nazi-Erbinnen & die Kirche

Von denen zu lernen, "die den Planeten besitzen", bedeutet für Ben und die "Freunde", dass sie rechte und faschistische Methoden für eine linke Revolution adaptieren. Mehr als zwei Jahre dauern die Vorbereitungen auf den Tag, an dem die Welt neugestartet werden soll. Zwei Jahre, in denen die Hacker:innen/Revolutionär:innen sich ihre eigenen Bot-Armeen schaffen, in denen sie auch mit Hilfe von Deep Fake-Videos immer neue Verschwörungstheorien kreieren, die die verängstigten und hoffnungslosen Massen aus ihrer Lethargie reißen und von einer Wut befreien sollen, die sich immer nur gegen noch Schwächere, also meistens Frauen, Homosexuelle oder Fremde, richtet. In diesen Verschwörungstheorien, die teilweise von einer derart unglaublichen Absurdität sind, dass sie wie in unserer Realität, in der Menschen tatsächlich an Echsenwesen und an ein Zentrum eines Rings von pädophilen demokratischen Politiker:innen und Milliardär:innen im Keller einer Pizzeria glauben, einfach funktionieren müssen.

Wie schon in "GRM" vermischt Sibylle Berg auch in "RCE" auf überwältigende Weise Fakten und Fiktion. Natürlich ist auch dieser Roman eigentlich viel zu lang und viel zu ausufernd. Viele ihrer Betrachtungen, ihrer bitterbösen Abrechnungen mit den alten und den neuen Eliten, mit Nazi-Erbinnen und der katholischen Kirche, mit korrupten Politikern und räuberischen Tech-Mogulen (hier erübrigt sich das Gendern), wiederholen sich oder sind Variationen eines Befunds, den sie einmal so auf den Punkt bringt: "Jene, die die Welt beherrschten, wollten nur: Die Welt beherrschen." Diese Variationen des Immergleichen haben durchaus etwas Enervierendes. Aber auch das ist Teil der Berg'schen RCE-Strategie. Um in unser System einzudringen, braucht es diese brachiale Form der Überwältigung durch Wiederholungen. Nur so können ihre Wahrheiten auch wirken.

RCE: #RemoteControlExecution
von Sibylle Berg
Kiepenheuer&Witsch 2022, 704 Seiten, 26 Euro

www.kiwi-verlag.de

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