Warmer Theaterwinter – aber für wen?

30. August 2022. Noch schlägt sich die Energiekrise vor allem auf der Betriebskostenabrechnung nieder. Doch mit Beginn der kälteren Jahreszeit könnte es drastisch werden: Abgedrehte Warmwasserhähne auf den Theatertoiletten und unbeheizte Treppenhäuser, damit es im Saal gemütlich bleibt. So könnte der Sparplan aussehen. Viele werden wohl trotzdem nicht kommen.

Von Natasha A. Kelly

30. August 2022. Russland reduziert ohne erkennbare technische Gründe im Zuge seiner Angriffe auf die Ukraine die Gasflüsse durch die Pipeline Nord Stream 1, die durch die Ostsee von Wyborg, Russland, nach Lubmin in der Nähe von Greifswald verläuft, und sorgt bewusst für eine Energieknappheit in Deutschland und Nordeuropa. Die Folge: Gasunternehmen müssen erheblich höhere Preise kalkulieren. Großflächige Lieferausfälle drohen, ebenso wie gesteigerte Heizkosten: Müssen wir bald mit Mänteln im Theater sitzen? Oder werden sie, wie zu Corona-Zeiten, ganz geschlossen, um Energie einzusparen? 

Deutschland braucht dringend flüssiges Erdgas für den reibungslosen Ablauf seiner Energieerzeugung. Kanada, das zweitgrößte Land der Welt, verfügt zwar über vergleichbar viele Rohstoffe wie Russland, kann aber kurzfristig nicht liefern. Das ist aber nicht das einzige Problem. Erdgas wird in Kanada per Fracking gewonnen, eine Methode, die Methan freisetzt und daher umweltschädlich ist. Die Leittragenden: Die indigene Bevölkerung der Wolastoqiyik am Wolastoq im Osten Kanadas. Ihr Gebiet würde zerstört, Grund- und Trinkwasser kontaminiert werden. Schon 2013 gab es Versuche, Fracking Projekte in der Region durchzusetzen, die durch massive Proteste verhindert werden konnten. Dabei könnte Deutschland per Fracking im eigenen Land seine Gasproduktion steigern. Grüne und SPD lehnen diese Methode hierzulande allerdings ab, sind sie sich doch der verehrenden Folgen bewusst.

Alternative "Grünwasserstoff"

Als Alternative soll nun "Grünwasserstoff" her, der (fast) nur mit erneuerbarer Energie wie Wind- und Wasserkraft gewonnen wird. Dazu haben Scholz und Habeck ein Deutsch-Kanadisches Wasserstoffabkommen unterzeichnet, das bis 2025 einen Exportkorridor von der Atlantikküste Kanadas nach Deutschland zusichert. Wie das Ganze aussehen soll oder was es kostet, kann zu diesem Zeitpunkt niemand sagen. Die Methode ist bislang nur minimal erprobt. Der Transport schwierig, da Wasserstoff auf minus 253 Grad geeist werden muss, aber kaum an Volumen verliert. Der Prozess ist daher aufwendig und teuer, die transportierte Menge gering. Hier sind die Chemiker*innen gefragt: Es soll wohl möglich sein, Wasserstoff in Form von Ammoniak NH3, der aus einem Atom Stickstoff und drei Atomen Wasserstoff besteht, zu transportieren. Ammoniak müsse "nur" auf minus 33 Grad heruntergekühlt werden, auch verfüge er über eine deutlich höhere Energiedichte als flüssiger Wasserstoff.

Alternative "Afrika"

Auch auf dem afrikanischen Kontinent wurde bereits nach neuen "Gas-Partner*innen" gesucht. An der Küste Senegals und Mauretaniens will der Ölkonzern BP zusammen mit weiteren Investor*innen ein großes Flüssigerdgasfeld ausbeuten. Dazu hat Kanzler Scholz eigens eine Klausel in der G7-Erklärung eingefügt, um die Finanzierung zu sichern. Wir erinnern uns: Beim letzten Klimagipfel in Glasgow verpflichteten sich die Regierungen und Banken ab 2023 keine neuen Kohle-, Öl- oder Gasprojekte mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen. Das nicht genug: Eine Beeinträchtigung der biologischen Vielfalt and der westafrikanischen Küste würde in Kauf genommen, der Fischfang verhindert und damit den Bewohner*innen die Existenzgrundlage genommen werden. Aus Sicht von Klimaschutzaktivist*innen würde das Vorhaben auch Senegals Anstrengungen zur Energiewende zunichte machen. Dabei verfügt das Land in unbegrenztem Maße über Quellen für Solarenergie und Windkraft, wofür die nötigen Mittel allerdings fehlen. Als Trostpflaster bot Scholz dem senegalesischen Präsidenten Sal eine Zusammenarbeit bei der Nutzung der Erdgasressourcen an. Auf Augenhöhe versteht sich. Nötige Zulieferungen wie Rohre, Turbinen oder Kompressoren kämen ja schließlich aus dem industriellen Deutschland.

Was bedeutet die Energiekrise für Deutschland?

Sparen ist angesagt! In der neuen Spielzeit sind wir dazu angehalten, die Heizung etwas runter zu drehen, die Werbelichter nach 22 Uhr auszuschalten und mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto ins Theater zu fahren. All das lässt sich sofort umsetzen, kostet kein bis wenig Geld und entlastet auch ohne Energiekrise die Theaterkasse spürbar. Ob es in Zukunft ohnehin nur für Großverdienerinnen "warme Winter mit Theater" geben wird, wird sich zeigen: Aus einer neuen Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft geht nämlich hervor, dass eine "Energiearmut" droht. Der Anteil der gefährdeten Haushalte sei im Mai 2022 bereits auf 25,2 Prozent gestiegen, Tendenz aufgrund des Kriegs steigend. Damit es nicht zu zusätzlichen Belastungen kommt, plant die Regierung das Wohngeld um einen Heizkostenzuschuss zu erhöhen. Ein Ticket an der Abendkasse wird dann für viele nicht mehr ins Budget passen, weshalb uns nicht nur am Ende die Wärme, sondern auch die Zuschauer*innen ausbleiben könnten.

Ungenütztes Sparpotenzial

Doch Sparen geht auch anders! Während die Zuckerindustrie ohne Gas nicht auskommt, spielt der Rohstoff für andere Branchen nur eine rudimentäre Rolle, so z. B. in der Automobileindustrie. Damit bei Lackier- und Beschichtungsprozessen kein Smog entsteht, wird Erdgas dazu eigesetzt, um die Abgabe von Schadstoffen wie Ester und Phenol in die Luft zu verhindern. Doch die Richtwerte stammen noch aus den 1980er und -90er Jahren und müssten dringend angepasst werden, da die Lacke heutzutage wasserlöslich sind und weniger Schadstoffe abgeben als vor vierzig Jahren. Es bietet sich also an zu prüfen, inwieweit ein Teil der Nachverbrennungsanlagen ausgeschaltet werden können.

Auch in der Lebensmittelindustrie wären weitere Einsparungen möglich. Um Fleisch, Käse und Eis am Stiel zu kühlen, braucht es zahlreiche Kühlhäuser, um die Lieferketten zu garantieren. Diese verbrauchen aber unnötig viel Erdgas. Als Alternative bieten sich sogenannte Blockheizkraftwerke (BHKW) an. Zwar zählen sie nicht zu den erneuerbaren Energien, allerdings bringen sie bei der Einsparung von Gas erheblich Vorteile: BHKWs heizen, kühlen und klimatisieren zugleich, wenn sie mit den entsprechenden Absorptionsmaschinen gekoppelt sind. Der Energieverlust ist daher extrem gering. Ihr Einsatz wäre in öffentlichen Gebäuden wie Schulen und Krankenhäuser, aber auch in Hotels, Restaurants und Theatern denkbar.

Was "demokratische Sozialpolitik" wirklich heißt

Wenn also ein demokratischer Konsens her muss, müssten wir uns vorab die Frage stellen, was das denn eigentlich bedeutet. Denn Gerechtigkeit und Gleichheit mögen ähnlich klingen, sind aber fundamental anders: Während Gleichheit nahelegt, dass alle Bürger*innen die gleichen Möglichkeiten (und damit auch dieselbe Last) zukommt, erkennt Gerechtigkeit an, dass jede Person unterschiedliche Umstände hat und weist genau die Ressourcen zu, die erforderlich sind (oder zieht sie entsprechend ab), um das bestmögliche Ergebnis für alle zu erzielen. Nicht zuletzt sei noch einmal daran erinnert, dass soziale Systeme, wie die soziale Marktwirtschaft, nicht von Natur aus ungerecht sind, sondern von der weißen, männlichen Mehrheitsgesellschaft entworfen wurden, um bestimmte Wirtschaftsunternehmen zu belohnen. Ihnen liegt eine soziale Diskriminierung zugrunde.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Kelly: Soziale Marktwirtschaftmartin baucks 2022-08-30 23:26
Das Ahlener Programm wurde am 3.Februar 1949 von der CDU beschlossen. Dort taucht der Begriff Soziale Marktwirtschaft prominent auf und wurde erst später von der SPD übernommen. Entwickelt wurde der Begriff in den zwanziger und dreißiger Jahren. Als er staatstragend wurde, lebte so gut wie keine schwarze Bevölkerung in der BRD. Ich glaube nicht, dass weiße Männer wie Frauen eine vorsätzliche Diskriminierung ins Auge fassten, als sie die soziale Marktwirtschaft als Mittel gegen Marxismus und Kapitalismus durchsetzen, um soziale Ungerechtigkeiten auszugleichen, denn es gab innerhalb von Deutschland so gut wie niemanden, den man hätte mit dieser Wirtschaftsform diskriminieren können.
#2 Kolumne Kelly: Gerne planvoller!SL 2022-08-31 08:06
Dieser Kolumne hätte eine redaktionelle Betreuung vielleicht gut getan. Danke für den tagespolitischen und physikalischen Input, der mir teilweise neu war, aber der Bezug zum Theater fällt doch arg schmal aus. Und den - sorry - oberlehrerhaften und überhaupt nicht an das vorausgehende angebundenen letzten Absatz zu Gerechtigkeit und Gleichheit hätte es wirklich nicht gebraucht.

No offense – lasst uns gerne die Folgen der Energiekrise für die Theater diskutieren. Aber gerne etwas planvoller.

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