Donaudampfschiffreise mit Schlagseite

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 13. März 2009. Jedem Kind in Österreich ist einmal das Wortungetüm "Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän" untergekommen. Auch ein solcher meldet sich mal zu Wort im Laufe des Abends: "Die Donau-Navigation", holt er versonnen-melancholisch mit tiefgründigem Unterton aus und erklärt, wie er früher eine jede Sandbank im Verlauf der 2400 Kilometer zwischen Kehlheim und Ismail mit Bleistift in die Flusskarte eingezeichnet hat. Das ist ein wenig Bildungsprogramm zur Binnenschifffahrt von der Kommandobrücke (sprich: dem Beleuchter-Balkon) herunter. Der Kapitän schaut aus wie von der Iglu-Werbung abgekupfert. Sein weißer Bart ist aberdeutlich kürzer als jener der Witze in dem Stück von Verena Koch.

Der Dieb, der Kapitän, die Allenreisende und der fehlende Liegestuhl
Bei dem Titel "Schöne blaue Donau" hofft man auf Blicke an die Ufer, da sollte sich, möchte man meinen, ein wenig südosteuropäische Welthaltigkeit einschleichen. Keine Spur. Verena Koch ist eine wackere Schauspielerin im Linzer Theaterensemble mit Schreib-Ambitionen. Seit 2001 sind schon fünf Stücke von ihr in Linz uraufgeführt worden. Sie nimmt Schiff und Fluss jedoch nur als Dekor für eine reichlich unbeholfen mit Allgemeinplätzen zusammengepfrofte Boulevardkomödie.

Ein Ehepaar (er allem Ausländischen gegenüber skeptisch, sie eine Dauerquasslerin), ist mit der Tochter unterwegs. Die junge Dame ist – natürlich – in einen Bordsteward rumänischer Herkunft verliebt, der – was sonst – Diebesgut mit sich führt: eine geklaute Madonna des Ulmer Museums. Dann ist da noch ein altes Ehepaar, das sich - klar doch – auseinandergelebt hat. Und eine Alleinreisende ist auch unterwegs, wasserstoffblond, Ungarin. Sie hat "unscheeene Zeiten" hinter sich. Es fehlt kein Klischee.

Die sechs haben nur fünf Liegestühle an Bord, was Bewegung garantiert. Wenn die Schiffsglocke läutet, unterbrechen sie die Konversation und trotten folgsam Richtung Speisesaal. Nur bei der Passage durchs Eiserne Tors lässt man es bimmeln, kotzt lieber über die Reling, während der Pianist "Näher mein Gott zu dir" klimpert. Ironie und Witz kommen eher verhalten daher.

Sehnsucht nach dem Traumschiff
Letztlich krankt die Sache an der fatalen Personalunion (die Autorin führte selbst Regie): Da war offenbar keiner, der dramaturgisch korrigierend eingegriffen hätte. Aber was ließe sich schon groß machen mit einem Text, der selbst für eine Soap Opera à la "Traumschiff" zu nichtssagend wäre? Begänne man damit, Banalitäten zu streichen, bliebe rein gar nichts über.

Das Publikum sitzt längsseits, einige auch achtern. Ausstatterin Monika Biegler hat Liegestühle entlang der Reling aufgestellt und dahinter in einer Reihe 27 kleine Bildern aufgehängt: Donau-Uferlandschaften zeigen sie, alle mit aufdringlich leuchtendblauem Wasser im Vordergrund. Hoher Authentizitätswert immerhin: Theater kann, auch wenn's in Wirklichkeit nur anderthalb Stunden dauert, so lang wirken wie eine Kreuzfahrt in Echtzeit.

 

Schöne blaue Donau (UA)
von Verena Koch
Regie: Verena Koch, Bühne und Kostüme: Monika Biegler, Musik: Nebojsa Krulanovic.
Mit: Eva-Maria Aichner, Thomas Karsten, Barbara Novotny, Silvia Glogner, Sven-Christian Habich, Marianne Bota, Peter Pertusini, Erich Josef Langwiesner.

www.landestheater-linz.at

 

Kritikenrundschau

Die Geschichte einer Donauschiffsreise könnte "durchaus Basis für eine (…) vergnügliche Revue sein", meint Silvia Nagl in den Oberösterreichischen Nachrichten (14.3.2009), doch Verena Kochs "bemüht wirkende, episodenhaft aneindergereihte Text-/Wort-Zusammenstellung" "Schöne blaue Donau" sei "schlicht und ergreifend langweilig und in den Dialogen schwach", zeige "weder Witz noch Charme noch Tempo". Als Regisseurin setze Verena Koch "auf die Eigendynamik ihres hochkarätigen Schauspielensembles" am Linzer Landestheater. "Den Bühnenakteuren ist aber offensichtlich ob der Plattheiten, die sie da zum Besten geben sollen, auch die (Spiel)Laune vergangen." Am Ende verleiht Nagl der Aufführung doch "einen Stern": Er gebühre "Nebojsa Krulanovic am Keyboard, der tapfer (…) den Schwachsinn rund um sich ertragen muss und sich trotzdem Musik und Gesang nicht vermiesen lässt".

 

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