Andreas Beck – Schauspielhaus Wien, Künstlerischer Leiter

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Christoph Schlingensiefs Mea culpa war für mich rückblickend ein bewegender, und darum der bedeutsamste Theaterabend des zu Ende gehenden Jahres. Warum dem so war, will ich – obwohl ich meine, dass den Leserinnen und Lesern die Hintergründe dieses Theaterabends ebenso wie der Abend selbst bekannt sind – kurz meinem Empfinden nach darstellen: Jede Kunst oder in unserem Fall: jede Theatervorstellung, die uns nicht nur die eigene Vergänglichkeit vorführt, sondern darüber hinaus, ob dieser Tatsache, Trost schenkt, ist bemerkenswert.

Schlingensiefs Theaterabend war aber nicht nur tröstlich, was bereits großartig gewesen wäre, sondern als großes Fest des Lebens angelegt. Das Lebensfest der vielen Momente, in denen die alte menschliche Sehnsucht keimt, gleich dem Brandner Kaspar, der den Tod beim Schnapseln übertölpelt, dem eigenen Tod davon zu kommen, sozusagen: "von der Schippe zu springen". Es sind der Versuch und das Hoffen, dem eigenen Tod bis auf weiteres zu entgehen, die diesen Abend ausmachen, der weder Kosten noch Mühen, weder Mittel noch Möglichkeiten, weder Intimes noch Privates, weder Angst noch Euphorie, weder Pein noch Peinlichkeit scheut, um sich, und schließlich mich, den Zuseher, in der fatalen Sicherheit zu wiegen, gerade noch einmal davon gekommen zu sein. Doch bleibt alles immer Verzögerung, das Ende ist definitiv – ob in Sicht oder in noch vermeintlicher Ferne.

Der Abend zeigt, wie sehr wir alle klammern und halten, wie viel wir wollen und was wir durchaus zu Recht verdrängen und fliehen. Er zeigt, wie wichtig wir uns wähnen und wie wichtig wir sind oder werden, wenn wir erkennen, wie kostbar und limitiert unsere Möglichkeiten sind. Und er entlässt einen mit der Hoffnung, dass die "Guten Werke" am Ende mehr sind als die Angst. Und das Ende, "mild und leise", eine neue Möglichkeit in sich birgt. Mich hat das berührt und verzückt. Danke.

Was man in deutschsprachigen Theaterleitungen über das Jahr 2009 sonst noch denkt, sagen: Andreas Beck (Schauspielhaus Wien), Karin Beier (Schauspiel Köln), Thomas Bockelmann (Staatstheater Kassel), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Matthias Fontheim (Staatstheater Mainz), Elmar Goerden (Schauspielhaus Bochum), Markus Heinzelmann (Theaterhaus Jena), Jan Jochymski (Theater Magdeburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin), Sewan Latchinian (Neue Bühne Senftenberg), Julia Lochte (Münchner Kammerspiele), Enrico Lübbe (Theater Chemnitz), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Stephan Märki (Nationaltheater Weimar), Roland May (Theater Plauen-Zwickau), Barbara Mundel (Theater Freiburg), Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf), Christoph Nix (Theater Konstanz), Elias Perrig (Theater Basel), Oliver Reese (Schauspiel Frankfurt), Friedrich Schirmer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Holger Schultze (Theater Osnabrück), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Lars-Ole Walburg (Schauspiel Hannover), Barbara Weber (Theater Neumarkt Zürich), Hasko Weber (Staatstheater Stuttgart), Tobias Wellemeyer (Hans-Otto-Theater Potsdam), Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin).

 

 
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