Durchs Kinderzimmer am laufenden Band

von André Mumot

Hamburg, 21. November 2010. Manchmal wirkt ein bisschen Abstand Wunder. Deshalb ist es ein Segen, dass der Fall Hegemann samt Skandal längst abgeschlossen ist. Und vielleicht ist es auch ganz gut, dass die erste ernst gemeinte Dramatisierung von "Axolotl Roadkill" (nach der Puppenparodie von "Das Helmi") nicht am Ort der Handlung über die Bühne geht und Berlin somit keine Gelegenheit bekommt, sich selbstverliebt in abgefuckter Ödnis zu suhlen.

In der Hamburger Gaußstraße geht es nämlich nicht um die Stadt, nicht um Exzess und Szene, sondern schlicht um die pubertäre Lust, sich in Szene zu setzen. Also: Keine nachempfundenen Berghain-Anekdoten diesmal, auch keine kaltblütigen Technoschläge. Stattdessen rauschhafter Big-Band-Swing, nostalgische Show-Tunes, warmer 60er-Jahre-Glanz. Und keine Röhrenjeans weit und breit, kein Verlotterungs-Schick, sondern Abendkleider und Ballettröckchen und glitzernde Hosenanzüge. Das Entscheidende aber in dieser Kontextverfremdung: Regisseur Bastian Kraft lässt vier Schauspielerinnen und einen Schauspieler die drogenkaputte 16-jährige Mifti und ihre Bezugspersonen verkörpern und schenkt ihnen dabei nicht nur strahlende Euphorie, sondern – unerhört – glaubhafte Unschuld.

Kuscheltiere und High-Heels

Auf einer altmodischen Revuebühne präsentieren sich diese grandios zwischentönenden Miftis und kommen manchmal auch separat monologisierend auf einer Rampe nach vorn. Es dreht sich dort in Endlosschleife zudem eine Collage, die per Video auf die Rückwand der Bühne projiziert wird: Barbiepuppen zeigen sich und Zeitungsausschnitte, Zuckerstangen und Hackenschuhe. Die eigentliche Spielfläche aber wird von einem Laufband dominiert, auf dem die Darsteller mit ihren bemerkenswert bunten Requisiten unterwegs sind und manchmal geschwind zwischen parallelen Dialogen hin- und herspringen.

axolotl_hejishin
Miftis Perlenkette: Victoria Trauttmansdorff in "Axolotl Roadkill" © Heji Shin

Sebastian Zimmler etwa zielt bäuchlings mit einem Gewehr auf den Wecker, der ihn zum Schulbeginn treiben wird. Cathérine Seifert und Birte Schnöink kommen von Sex und Liebe redend auf einem Karussellpferd vorbei, Lisa Hagmeister feilt sich mit einer gigantischen Nagelpfeile die Nägel, und Victoria Trauttmansdorff trägt nicht nur eine gewaltige Kette mit fußballgroßen Perlen, sie hält sich auch den Hörer eines mit rosafarbenem Plüsch bezogenen Telefons ans Ohr. Aber da ist noch mehr, so viel mehr: Verkehrszeichen, Sofas, Sitzbälle, Kuscheltiere, Einkaufswagen, mannshohe Lutscher, riesige Tabletten, Spritzen, Halbmonde – Alltagsmobiliar und verheißungsvoll sexualisierte Kinderzimmerversatzstücke.

Der Griff nach der Alternativexistenz

Die hervorragende Textfassung, die Bastian Kraft und Tarun Kade erstellt haben, macht also einen Bogen um den unter unkontrolliertem Überdruck stehenden Expressionismus des Hegemann-Buches und fischt sich das klar, bissig und klug Formulierte aus dem ergiebigen Reservoir der Vorlage. Nicht auf grell ausgekosteten Fetischpartys, Drogennächten und vollgekotzten Laken liegt der Fokus, sondern auf den verstörten Erinnerungen an die traumatische Kindheit mit der psychotischen Mutter.

Sowie auf jenen Passagen, in denen Helene Hegemann (und zwar schon vor dem Empörungswirbel um die abgeschriebenen Fremdtexte) deutlich macht, dass ihrer Erzählerin nicht zu glauben ist, dass die scheinbar so abgeklärte Mifti gierig ist nach Inspiration, gierig nach der Selbststilisierung, mit der sie sich um eine Alternativexistenz bemüht. Um ein Leben, in dem sich rohe Hemmungslosigkeit schützend über hilflose Dünnhäutigkeit legt, die hier sehr deutlich zu Tage treten darf.

Das reine Glück des Theaters

Schon der Roman tendiert zum Theater, weil er unruhig hadernd die Erlösung im Rollenspiel herbeisehnt. In der Gaußstraße wird diesem Wunsch nach Fiktionalisierung nun mit zärtlichem Einverständnis begegnet – was einen unwiderstehlichen Höhepunkt erreicht, als die Projektionsfläche im Hintergrund fällt und das Publikum ins Requisitenlager schauen darf, in dem all die Laufbandmöbel auf ihren Einsatz warten. Vorne aber steht Birte Schnöink und strahlt und ruft in kindlicher, ungekünstelter Demonstrations-Verzückung immer wieder: "Das ist mein Leben! Das ist mein Leben!"

Dann lässt sie nach Lust und Laune das Laufband anhalten und weiterfahren, die eigenen Lebensepisoden von den anderen Darstellern in immer neuen Versionen vorführen, unterbricht, inszeniert ihre eigene Geschichte, beginnt von vorn. Es steckt ein existentielles Glück in dieser Szene, das der Roman selbst nicht erreicht. Ein Glück des Spiels und der Selbsterfindung, das sich mit Wucht auf das berückte Premierenpublikum überträgt. Der alte Skandal ist spätestens jetzt sehr weit weg, das reine Glück des Theaters aber so nah und rührend wie selten.

 

Axolotl Roadkill
nach dem Roman von Helene Hegemann
für die Bühne bearbeitet von Bastian Kraft und Tarun Kade
Uraufführung
Regie: Bastian Kraft, Bühne und Video: Peter Baur; Kostüme: Dagmar Bald; Dramaturgie: Tarun Kade.
Mit: Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Cathérine Seifert, Victoria Trauttmansdorff, Sebastian Zimmler.

www.thalia-theater.de

 

Eine andere Version von Helene Hegemanns "Axololotl Roadkill" zeigte die Gruppe "Das Helmi" am Ballhaus Ost: Axel hol den Rotkohl.

Bastian Kraft inszenierte am Wiener Burgtheater Oscar Wildes Dorian Gray und gewann mit einer Adaption von Kafkas Amerika den Puiblikumspreis beim Münchner Festival "radikal jung".

 

Kritikenrundschau

"Ohne Hegemanns Prinzip der Tagebuch-Collage aufzugeben, verdichten Kraft und Kade die Betrachtungen über Party, Psycho und Palaver auf wesentliche Textstellen und entspannen dabei Hegemanns Sprache von ihrem anstregenden Originalitätskrampf", berichtet Till Briegleb (Süddeutsche Zeitung, 23.11.2010) Vor allem dem "Zickzack des Textes" werde hier "eine stabile Balance aus Parodie und Ernst" gegeben. Bastian Krafts Inszenierung schaffe "einen wohl austarierten Rhythmus aus manisch und depressiv". Die "Sex-, Drogen-, Club- und Alltagserlebnisse" befreie er dagegen "von ihrem Coolness-Faktor" und veranstalte "mit einer Orgie an Requisiten und pointierten Szenen einen rasanten Spott über die Selbstinszenierung Jugendlicher". Die Schauspieler erfänden "eine spielwütige Groteske nach der anderen". Der "erstaunliche Effekt dieser Revue" sei, "dass Mifti (...) mehr Persönlichkeit gewinnt, als im Original". Kraft jedenfalls müsse man "als ebenso großes Talent registrieren wie seinen Kollegen Antú Romero Nunes", dem am Thalia in der Gaußstraße mit Atropa von Tom Lanoye "eine formstarke Antiken-Modernisierung" gelungen sei. "Der Krise in der deutschen Kulturpolitik entspricht ganz offensichtlich keine Krise im Theater."

Den Namen Bastian Kraft sollte man " tatsächlich unbedingt merken", meint auch Monika Nellissen (Die Welt, 23.11.2010), dieser Abend jedenfalls sei "hinreißend". Kraft habe nämlich "das radikale, krude, verstiegene, beim Lesen schwer erträgliche Rebellionsdrama aus Koks-, Kotz- und Weltekelzutaten in Poesie gehüllt". Sie sei "leicht und schillernd wie eine Seifenblase". Dabei richte die Regie "auf den beinahe klassisch anmutenden Konflikt zwischen versoffen verkommener Mutter und deren Kind, das um keinen Preis erwachsen werden möchte" ihr Hauptaugenmerk. Helene Hegemann müsse Bastian Kraft "ewig dankbar sein".

"Für all jene, die ohnehin davon überzeugt sind, das Theater schmeiße sich heute hemmungslos an jeden Krümel Gegenwart und jede Mode heran, um dann umso älter auszusehen", sei dies "ein super Abend", behauptet volc in einer Glosse der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.11.2010). Der Regisseur stürze sich offensichtlich auf eine Aussage Miftis: "Ich schäme mich zu Tode für alles, was ich hier gerade so, mit der Wurst nach der Speckseite werfend, auf diese Revuebühne bringe." Da habe er sich wohl gedacht: "Klasse Idee, ich mach 'ne Revue draus." Von der "erschreckenden Leere" aber, von der "Axolotl Roadkill" erzähle, von "der Wahrhaftigkeit, die in diesem Roman immer stärker durchschimmert", sehe man nichts. "Warum aber hat man es dann auf die Bühne gebracht?"

Auch für Sebastian Hammelehle (Spiegel online, 22.11.2010) war's nur eine Nummernrevue.
Die Bühnenfassung sei zwar "recht stringent geraten", das Stück gleich auch dem Aufbau des Romans: "Werktreue galore". Doch das Buch sei "entschlackt und dabei genau an seiner Schwachstelle gepackt worden: Die Drogen- und Nightlife-Geschichten (...) kommen in dem Theaterstück eher am Rande vor." Der Abend konzentriere sich auf die Hauptfigur Mifti: "Selbsthass, Selbstzweifel." Offenbar trauten aber Kade und Kraft ihrem eigenen Text nicht: "Statt ihr Kondensat des Romans auf der Bühne umzusetzen, bringen sie (...) eine Revuemaschinerie in Gang. Als würde man einen Brühwürfel in einen Becher Himbeerbrause werfen, hindern sich Text und Inszenierung fortlaufend gegenseitig an der Entfaltung."

Indem Bastian Kraft "die Lebens- und Zitatversatzstücke zu einer schrillen Nummernrevue" ordne, mache er die "Künstlichkeit des Buches" zum Thema, meint hingegen Elske Brault (Deutschlandradio Kultur, 21.11.2010). Dieses erweise sich dabei als der "ideale Stoff fürs Theater, das sich zwar von den realen Gefühlen und Körpern seiner Darsteller nährt, aber immer alles ins Spiel, in die Inszenierung wendet". Es sei "schlichtweg genial, wie Bastian Kraft und sein Dramaturg Tarun Kade aus Hegemanns schwer verdaulichem Tagebuchnotizenwust eine Geschichte destilliert haben und wie die fünf Schauspieler diese präsentieren, schwankend zwischen überdrehter Pose und echter Verzweiflung". So werde aus "einem bescheuerten Text ein großartiges Theaterstück".

Auch für Thomas Andre (Hamburger Abendblatt, 23.11.2010) ist es eine "gelungenen Nummernrevue mit allerlei Lacheffekten". Jeder Satz aus der Romanvorlage komme als Slogan daher, "so dass einem manchmal der Kopf schwirrt". Das liege auch "tollen Bühnenbild" liege. Was man aber auf der Bühne "erst richtig merkt, ist im Buch nur angelegt: Wie rotzig, wie lustig und unernst diese drogenaffine Schulschwänzerin Mifti eigentlich ist".

 

 
Kommentar schreiben