Tatort Telefon 

von Esther Slevogt 

Berlin, 26. Oktober 2007. Ein Mann spricht einer Frau auf die Mailbox, dass er ihre Beziehung für beendet erklärt. "Wenn Du willst, kannst Du zurückrufen. Aber mir wäre lieber, Du tätest es nicht." Eine Tochter kann der terroristischen Mutter am Handy endlich mal von sich selbst erzählen. Und für eine frustrierte, nach dreißig Ehejahren verlassene Frau wird die Taste, mit der man Gespräche entweder annehmen oder wegdrücken kann, zum Mittel von Emanzipation und Befreiung.

Sie hat Sex mit einem jungen Mann, und zwar mitten am Schauplatz eines Attentats. Der ebenso attraktive wie labile Mann hat sich kurz vorher gerade erst selbst per Handy von einer dominanten Manager-Mutter befreit: dem leibhaftigen Klischee der kalten Karrieristin und sich nun in die Arme wahrer Mütterlichkeit begeben.

"Comèdia Telefònica Digital" heißt das Stück des 1963 geborenen katalanischen Dramatikers und Theatermanns Sergi Belbel, mit dem der Schauspieler Ingo Hülsmann jetzt auf der Studiobühne Box & Bar des Deutschen Theaters sein Regiedebüt gab. Hülsmann, sonst mit seiner schlaksigen Lakonie prägender Protagonist Michael Thalheimers, der auf der großen Bühne des Hauses unter anderem in dessen "Faust" die Titelolle spielt.

Sehnsucht nach menschlicher Vormoderne

In seinem Stück, das in Klaus Laabs deutscher Übersetzung "Mobil" heißt, hat Belbel etwas sehr Naheliegendes unternommen: Nämlich angesichts der Minidramen und -grotesken, deren Zeuge man tagtäglich mehr oder weniger zwangsläufig wird, weil die Benutzung von Mobiltelefonen das Private inzwischen völlig veräußert haben, das Handy mal zum Protagonisten eines Theaterstücks zu machen.

Mal auf offener Bühne vorzuführen, wie Beziehungen am Telefon geführt oder beendet werden. Wie das Handy zum Zünden von Bomben oder verbalem Terror verwendet wird. Wie es insgesamt die Definition von Nähe auf den Kopf gestellt hat und reale physische Begegnungen die Beteiligten dann entsprechend schnell überfordern. Ein groteskes Kammerspiel, das gelegentlich auf etwas zu wohlfeile Thesen und Sehnsüchte nach vormodernen Zeiten baut, in der man noch "wirklich" miteinander geredet hat. Als hätte es nicht auch ohne Handy immer schon Möglichkeiten genug gegeben, sich gründlich zu verfehlen.

Dankenswerterweise hat Ingo Hülsmann dann auch Belbels plakativen wie platten Schluss gestrichen. Statt demonstrativ ihre Handys wegzuwerfen und eine neues, telefonloses Leben zu beginnen, lässt er seine beiden Paare am Ende zu Eric Saties "Gymnopédies" zunächst eher ziellos und in sich gekehrt aneinander vorbei laufen. So einfach macht er ihnen den Neuanfang nicht.

Sex unter der Schutzfolie

Trotzdem ist der Abend weit entfernt davon, gelungen zu sein. Zwar setzt Hülsmann auf psychologisch komplex gebaute Figuren, was Belbels platten Thesen über das Leben jenseits des Telefons immer wieder zu gewisser szenischer Prägnanz und Tiefe verhilft, die grotesken Handlungsvolten allerdings, mit denen Belbel wohl die Realitätsuntauglichkeit seiner Handyjunkies vorführen will, dann mitunter erst recht unfreiwillig komisch erscheinen lässt.

Wenn zum Beispiel Pedro Stirner als von seiner erpresserischen Mutter gebeutelter Millionenerbe Jan mit der mütterlichen Heroine Sara alias Simone von Zglinicki zum Sex unter den Alufolien verschwindet, die zuvor die Attentatsopfer auf dem Flughafen vor Auskühlung schützen sollten. Da drückt man sich etwas peinlich berührt in seinen Sitz. Auch sonst folgt man den Ausbrüchen, die die Figuren am Telefon immer wieder in emotionale Angründe reißen, mit gemischtem Gefühl.

Doch hat Hülsmann vier starke Protagonisten, die die flache Vorlage tragen und auch Belbels reichlich schablonenhaften Figuren immer wieder zu einiger Glaubwürdigkeit verhelfen. Alwara Höfels als emotional unausgepegelte Rosa, die an ihre Mutter Sara mit einer Mischung aus Helfersyndrom und kindlicher Liebessehnsucht gekettet ist. Isabel Schosnig als kalte, terroristische Managermutter und Double-Bind-Spezialistin, Pedro Stirner als ihr weicher, liebhaberhafter Sohn. Und dann Simone von Zglinicki, deren Entsagungsterror das Kraftzentrum des Abends ist.

Trotzdem fragt man sich die ganze Zeit, ob es dem Stückchen nicht besser bekommen wäre, wenn Hülsmann es nicht ganz so ernst genommen hätte.

 

Mobil
von Sergi Belbel
aus dem Katalanischen von Klaus Laabs
Regie: Ingo Hülsmann, Bühne und Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Matthias Lunow und Martin Person.
Mit: Alwara Höfels, Isabel Schosnig, Pedro Stirner und Simone von Zglinicki

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Ist es eine Farce? Oder gar der Versuch eines Problemstücks?", fragt sich Christine Wahl im Tagesspiegel (28.10.2007). Man weiß es nicht, immerhin aber blieben einem "die Entscheidungsschwierigkeiten, unter denen Belbel beim Schreiben gelitten zu haben scheint (...) beim inszenatorischen Debüt" von Ingo Hülsmann erhalten. Die "guten Schauspieler" bewegten sich zwar "abendfüllend auf dem Mittelton", das sei "weder besonders spannend noch lustig", aber wenigstens werde so der "Tritt ins Pathosnäpfchen" vermieden. Nur einmal werde der Abend "richtig peinlich": "Wenn der junge Mann nackt unter die Havariedecke zur Kleinbürgerin schlüpft, während sich seine Mutter daneben in Tragödinnenpose das T-Shirt abstreift." Diesen "Griff in die unterste Emotionalschublade" halte selbst "Belbels Komödchen" nicht stand.

Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung, 29.10.2007) meint dagegen, man habe es mit einem "Enthüllungsstück" zu tun: ein Stück "über den Terror in uns allen". Theatertechnisch sei es aber "ein ziemlich undankbares Konstrukt, da sich auf der Spielfläche Menschen drängen, die eigentlich Kilometer weit voneinander entfernt sein sollen". Durch "Blickvermeidung und vorsichtigen Augenkontakt" versuchten die Darsteller in der DT-Box deshalb "die Spannung zwischen räumlicher Ferne und emotionaler Nähe zu halten". Mit mäßigem Erfolg, und so bleibe es "rätselhaft, warum sich der Schauspieler-Purist Ingo Hülsmann ausgerechnet dieses Telefongeschwätz als Regiedebüt gewählt hat". Umso bedeutender wirke aber "seine Leistung, durch rigide Streichungen zumindest eine kleine Generationenkomödie daraus kondensiert zu haben".

Peter Hans Göpfert wird in der Berliner Morgenpost (29.10.2007) grundsätzlich: "Jeder Theaterbesuch beweist: Die Handy-Gesellschaft kann nicht abschalten. Bei Goethe, Fosse, Beckett – immer wieder klingeln die lästigen Dinger mitten in der Vorstellung." Es sei daher nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Mobiltelefone auch "zum bestimmenden Requisit eines Bühnenstücks" avancieren würden. Was Belbel aber geschrieben habe, sei nichts weiter als eine "nette kleine Boulevardfarce. Sie funktioniert mit diversen Klischees." Hülsmann nehme den Text, "der sich eigentlich recht komisch liest", allerdings "eher schwerfällig". Denn er "will nicht auf Satire hinaus. Das leichtgewichtige Stück könnte mit etwas mehr Witz und Übertreibung nur gewinnen. Hier bleibt es mäßig lustig."
 

 

 
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