Ruhrgebiet, Sommer 2010. Was mache ich hier eigentlich? Ein gelber Regenponcho unter vielleicht 15 anderen. Auf einer Halde im Ruhrgebiet morgens um fünf Uhr schutzlos Regen und Sturm ausgesetzt. Per rauschender Radioansage die Sonne mit einer Reihe von Ritualen begrüßend. Eine Sonne, die an diesem diesig-grauen Morgen nur erahnbar ist, deren Aufgang aber von den Stimmen im Ohr akustisch konsequent in kulissenreiche Szene gesetzt wird: "Die Sonne scheint für alle. Sie erleuchtet die Bergwerke und stellt die Verhältnisse auf den Kopf, wenn wir sie als Stern begrüßen."

Die Ruhr.2010 hat noch einmal – im Jahr nach der Kulturhauptstadt und im Dienste der Nachhaltigkeit – ein Großprojekt veranstaltet: die Haldensaga. Eine nächtliche Erwanderung des Ruhrgebiets in 26 Touren auf acht Halden, die Touren zwischen 13 und 21 Kilometer lang, jeweils von 18 bis 6 Uhr. Zwölf Stunden zwischen Abraumbergbesteigung, erzählter Geschichte und erfahrbarem Wandel. Und fürs kollektive Intervenieren hat die Hamburger Künstlergruppe LIGNA eines ihrer performativen Radiohörspiele beigesteuert, das auf allen acht Halden parallel zu empfangen ist.

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Haldensaga von LIGNA: Halde Rungenberg.
© Manfred Vollmer

LIGNAS "Serenade", das Abendständchen zum Sonnenuntergang, und ihre "Aubade", das Morgenlied zum Sonnenaufgang, sind vor allem Handlungsanweisungen im Imperativ: "Folgen Sie den Schritten unseres Rituals", fordert uns eine Stimme auf. Eine andere: "Drehen Sie sich einmal im Kreis", "Bleiben Sie stehen", "Legen Sie sich hin", "Tanzen Sie", "Verketten Sie sich miteinander". Nur wenn wir mitmachen, funktioniert das Spiel. Oder ist dies gar kein Spiel? Und wessen Aufforderungen folgen wir hier eigentlich? Die Macher bleiben unsichtbar, das gehört zum Konzept. Aber kopflose Stimmen haben entweder den Beigeschmack der manipulativen Einflüsterung oder sie geraten schnell in Vergessenheit. Nur einmal, da spricht die Halde zu uns, und schon ergibt sich eine spannendere, weil personalisierte Kommunikation.

Es gibt auch poetische Passagen, die regelrecht einlullen: "Sie liegen, sie werden kleiner. Oder wird alles andere größer? Um sie herum wogen die Wälder aus Schachtelhalm, Farn und Siegelbaum, dessen Blätter sich schraubenförmig den Stamm hinauf winden und haarig sind wie das Fell eines Tieres, das ihnen irgendwie bekannt vorkommt. Kein Ohr hört dem Flüstern des Laubs zu. Nur Sie." Also liegen wir Nachtwanderer – zumindest ein Teil von uns – tatsächlich auf dem kalten Schotterboden der 159 Meter hohen Halde Haniel in Bottrop. Im Rücken die Landmarke aus Agustin Ibarrolas bunten Eisenbahnschwellen, die auch in Wim Wenders "Pina" zu sehen ist, und über uns – nein, kein Sternenhimmel, auch wenn LIGNAS Stimmen davon erzählen.

LIGNA inszeniert eine Wirklichkeit, die sich offensichtlich zur Wehr zu setzen weiß. Mit Wolken, die jede noch so reflektiert beschriebene Aussicht verunmöglichen. Mit Sturm und Regen, die auch die Hartgesottensten unter den Interventionswilligen zum Resignieren zwingen. Denn morgens um fünf ist dann niemand mehr bereit, sich auf den nassen Haldenboden zu legen, um Berg und Insekten zu begrüßen. Die haben sich bei dem miesen Wetter eh verkrochen.

Der fürs praktische Funktionieren der Radiotheorie erforderliche Schwarm, das zerstreute Kollektiv ist an diesem Morgen zu einem mickrigen Häufchen zusammengeschrumpft. Ein traurig-absurdes Bild. Und eine ziemlich ärmliche politische Bewegung. Diese paar Performance-Produzenten haben sich nicht den Ort angeeignet, sondern der Ort hat das Machtgefüge zwischen Kunst und Wirklichkeit wieder klargestellt. Da hilft auch kein Imperativ. Denn die Verhältnisse, sie sind nicht so.

(Sarah Heppekausen)

 
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