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Wer Zeichen sucht, wird Zeichen empfangen

von Christian Rakow

Berlin, 12. April 2012. Mutig, selbstbewusst und vital, bis das Adrenalin sprudelt, so sollte das Jahr 2011 sein. Jedenfalls nach dem Wunsch der Marketingexperten. Ein entsprechendes Farbsymbol hatten sie dafür auch parat: das Pink der Heckenkirsche, auf jungmädchenhafte T-Shirts gebannt. Und irgendwie löste sich ihre Intuition ja auch ein: Der arabische Frühling brach aus und das Revival der Anti-AKW-Bewegung nach Fukushima. Lang scheints her; die Zeiten des politischen Erwachens sind schneller vergangen, als uns lieb sein kann, bedeutet uns Chris Kondek im Programmzettel zu seinem verspäteten Jahresrückblick "Please kill 2011" am HAU.

Ein potentiell heroisches Jahr

Warum gibt es eigentlich die besten Texte eines Theaterabends immer häufiger nur im Programmheft, und auf der Bühne begnügen sich die Künstler mit Andeutungen und pointenarmen Minimalerzählungen, die uns einen stabilen Pfad ins intellektuelle Nirwana pflastern? Fürchtet man, sogleich die Maske des Philosophen einzubüßen, wenn man nur einen Gedanken mehr zum Besten gibt? Si tacuisses.

Chris Kondek hat noch einmal die Archive durchstöbert, um ein potenziell heroisches Jahr 2011 ostentativ unheroisch zu den Akten zu legen. Zwischen Regalen mit Ordnern und allerlei Fundstücken lässt er beliebige Ereignishappen wie Kalenderblätter vorüberwehen (und im Video über der Bühne bebildern): Januar: In Arkansas fallen Vögel vom Himmel (ominös), in Spanien entdeckt man Bakterien, die sich von Koffein ernähren und also nie schlafen (witzig), in Südamerika gibt es ein Erdbeben (tja).

Liz Taylor – Kleopatra – Ägypten

Rudimentäre Verweise auf die Aufstände in Nordafrika oder auf die Euro-Rettungsgipfel reihen sich in eine Endlosparade des Gleichrangigen und Gleichgültigen. "Du weißt nie, was ein Zeichen ist, bis du es findest", sagt Kondek einmal. Womit sich die Katze auf höchst gelenkige Weise in den Schwanz beißt. Wer Zeichen haben will, wird Zeichen kriegen. Nüchtern angeschaut, produzieren die hier nach Ähnlichkeitsprinzipien assoziierten Ereignisse noch lange nicht den behaupteten Sinn (das Zeichen!). "7. März, Hollywood: Liz Taylor – Kleopatra – Ägypten, he!", frohlockt Kondeks Mitstreiterin Anna Böger einmal in Anspielung auf die Absetzung von Präsident Husni Mubarak. Nun ja, aber warum nicht: Liz Taylor – Michael Jackson – Planet der Affen? kill20114 560 thomas aurin uPlease kill 2011 © Thomas AurinIn einer seiner letzten Regiearbeiten, Money, it came from outer space, hatte Kondek unter Einbeziehung diverser Horrorfilme für das Theater die kulturphilosophisch einschlägige These erschlossen, dass Geld wie ein Gespenst oder ein Alien Arbeits- und Lebenskraft aussaugt (siehe Karl Marx). In "Please kill 2011" fällt ihm zum Geld-Thema ein, dass sich die Euro-Retter um Merkel und Sarkozy genauso im Kreis drehen wie Knut, der Eisbär, vor seinem Kollaps. So schaut man auf Kondeks Recherchetrophäen an diesem Abend wie auf die Bernsteinfunde von Ostseeurlaubern. Steinchen um Steinchen, alle kaum unterscheidbar, alle brav abgenickt. Man will das Sammlerglück ja nicht trüben.

Nach dem Muster von Adventure-Computerspielen

Eine zweite Zeitreise hat das HAU noch im Premierenprogramm. machina eX ist eine Gruppe von Studenten und Absolventen der Hildesheimer Angewandten Kulturwissenschaften, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, interaktives Theater nach dem Muster von Adventure-Computerspielen zu entwerfen. Viel darf man vom Inhalt ihres Stückes nicht verraten, um nicht die in der Szene verhassten Vorabtipps (Spoiler) rauszuhauen.

Im Keller des HAU2, in einem futuristisch kühlen Setting, reisen wir hundert Jahre in die Zukunft. Nachdem eine Sekte – die "Cryonauten" – 2012 die Zivilisation mit Atombomben ausgelöscht hat, ist es nun an uns, einige der in einem Bunker eingefrorenen Sektenmitglieder zu erwecken und für die Neubesiedlung der Erde vorzubereiten. "Wir aber erwachen…. Aus Jahren der Kälte in einen jungen strahlenden Tag" heißt das Spiel.

Unbekanntes Terrain

Man erlebt hier das Pionierstadium eines neuen Genres, mit allen Makeln und Unzulänglichkeiten. Aber so war es einst auch beim Film. Als die ersten Zelluloidbilder im Theater ankamen, gab es statische Einspielungen und längst nicht die dynamischen Symbiosen von Kamera und Bühnenaktion wie man sie heute etwa von Frank Castorf kennt und schon gar nicht den Medien-Mix einer Katie Mitchell.

machina eX erkunden in ihrer Computerspiel-Aneignung ebenso unbekanntes Terrain wie God's Entertainment 2007 in ihrer Kickbox-Show Fight Club – Realtekken in Anlehnung an das Videospiel "Tekken". In Signas Die Erscheinungen der Martha Rubin (2007) haben wir künstliche Welten mit einem hohen Grad von Handlungsfreiheit erlebt (ähnlich wie in den Computerwelten von "Grand Theft Auto" oder "Second Life"), aber es mangelte an epischer Führung. erwachen4 janniskeil 560 uWir aber erwachen © Nele Katharina Lenz

machina eX kommen in der Orientierung am Adventure-Genre, dessen vorzüglichster Vertreter vermutlich immer noch "The Secret of Monkey Island" von LucasArts (1990) ist, demgegenüber ganz von der Erzählung her, wenngleich diese hier noch sehr schlank ausfällt. Auch die Fortbewegung in einer Gruppe von etwa 15 Mitstreitern hemmt die Spielfreude. In meiner Truppe waren einige echte Cracks, die in Sekundenschnelle Hotspots fanden und Rätsel knackten, während der ungeübtere Zeitgenosse noch damit beschäftigt war, den Raum nach brauchbaren Utensilien und Hinweisen abzusuchen.

Bekanntwerden mit einer fiktiven Welt

"The Longest Journey" heißt eines der legendären Adventure-Spiele für Computer (1999), das ohne Komplettlösung einige Wochen Spielzeit beansprucht. Bei machina eX ist man in 75 Minuten draußen (unsere Gruppe absolvierte den Parcours in Rekordzeit). Das langsame Eintauchen in die Rätsel, wie es ein PC-Game ermöglicht, das Knobeln, das Bekanntwerden mit einer fiktiven Welt, das Erkunden ihrer Details – das alles wird das Theater so kaum reproduzieren können.

Aber man kann sich sehr wohl ausmalen, wie Welten entstehen, die ebenso offen wie die Simulationen von Signas Ruby Town sind und dabei starke narrative Spuren legen. Ihre Vorteile wären die Spontaneität des menschlichen Spielers, die weitaus freiere Interaktivität im Handlungsvollzug und der touch of the real: "Die Realität hat die geilste Graphik", lautet das Credo von machina eX. Wenn man einen Vorgeschmack auf solche künftigen Entwicklungen im interaktiven Theater kriegen will, dann lohnt das Werk von machina eX allemal den Besuch.


Please kill 2011
von Chris Kondek
Konzept/Regie: Chris Kondek, Co-Autor: Robin Detje, Bühne / Kostüme / Objekte: Sonja Füsti, Video: Chris Kondek, Marc Stephan, Video Game Design: Victor Morales, Komposition: Hannes Strobl, Dramaturgie: Carolin Hochleichter, künstlerische Mitarbeit: Sascha Hargesheimer.
Mit: Anna Böger, Chris Kondek, Victor Morales, Marc Stephan.

Wir aber erwachen…Aus Jahren der Kälte in einen jungen strahlenden Tag
von machina eX
von und mit: Anna Fries, Julia Hundt, Robin Krause, Nele K. Lenz, Lasse Marburg, Laura Naumann, Mathias Prinz, Yves Regenass, Franziska Riedmiller, Anton Rose, Laura Schäffer, Philip Steimel, Sander von Lingelsheim.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Mehr zum Thema Computerspiele im Theater hat Christian Rakow in einem Beitrag geschrieben, der auf goethe.de erschienen ist.

Kritikenrundschau

Doris Meierhenrich schreibt in der Berliner Zeitung (14.4.2012): Bei Kondeks Performance handele es sich um ein "ironisch-ernstes kleines Enthüllungsspiel", das die "verborgene Gesetzmäßigkeit des Jahres 2011" suche und "ein sehr provisorisches, ausuferndes Monstergebilde" finde. Nach siebzig Minuten stehe es vor der "aufgelösten Regalwand" wie ein "Menschen-Kasten-Zerstückelungsverhau von Picasso". Dass "Geschichtswahrnehmung" auch "unterschwelligen Sehnsuchtsdramaturgien und Spektakelbedürfnissen" folge, zeige diese "krause Skulptur wunderbar". Mehr als von Bekanntem erzählten die Performer vom "kaum Beachtetem" und fänden dabei neben einem "Erdbeben auf den Loyalty Islands, Vogelsterben in Schweden" auch den Eisbären Knut, der sich mehrmals im Kreis drehte, bevor er ins Wasser fiel und ertrank. Und plötzlich sei da ein Gesetz. "Please kill 2011" sei eine "kleine, feine Studie unberechenbaren Fallens".



 
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