altTriumph des Handwerks

von Rudolf Mast

Berlin, 10. Juni 2012. Mit etwas Pomp und viel Würde hat Elisabeth II., Königin des britischen Empires, ihr 60. Kronjubiläum begangen. Nun, eine Woche später, hatte am Berliner Ensemble im Rahmen eines ominösen "Wien-Festivals" die Inszenierung eines Stückes Premiere, das den Namen der Jubilarin im Titel führt. Um die Koinzidenz allein einem Vorsatz zuzuschreiben, ist die Aufführungsgeschichte allerdings zu verwickelt.

"Elisabeth II." ist das vorletzte Stück von Thomas Bernhard, doch die von ihm ersehnte Uraufführung zu Lebzeiten war ihm nicht vergönnt – schon gar nicht in Wien, der Hauptstadt der gehassliebten Heimat. Sie fand ausgerechnet im November 1989, ein halbes Jahr nach dem Tod des Autors, im Berliner Schillertheater statt, das unterdessen längst abgewickelt ist. In Wien, wo das Stück spielt, konnte es wegen des testamentarisch verfügten Aufführungsverbotes erst 2002 inszeniert werden. Regie führte Thomas Langhoff, der vor wenigen Monaten verstorben ist.

Keine Komödie

Die Begleitumstände mögen unerfreulich sein, sie passen aber zu einem Stück, das im Untertitel die Gattungsbezeichnung "Keine Komödie" trägt. Auch der Haupttitel ist mit Vorsicht zu genießen, weil es im Stück nicht um das geht, was er verheißt. Denn nicht von Elisabeth II. ist die Rede, sondern von ihrem Staatsbesuch, und nicht die Regentin selbst tritt auf, sondern "30 bis 40 Vertreter der Wiener Bourgeoisie", wie es im Rollenverzeichnis heißt, die sich nach und nach in einer großbürgerlichen Wohnung am Opernring einfinden, um vom Balkon aus den Einzug der Queen in Wien zu verfolgen.

Die Wohnung gehört dem alternden Großindustriellen und Waffenhändler Rudolph Herrenstein, der seit 25 Jahren im Rollstuhl sitzt. In der Burg-Inszenierung von 2002 spielte Gert Voss diese Rolle, der für die Neueinstudierung sämtliche Nebenfiguren gestrichen hat und den Abend allein bestreitet. Das passt insofern zum Stück, als dass es darin, wie bei Bernhard nicht unüblich, ohnehin vornehmlich um die Abrechnung mit dem österreichischen Bürgertum, dem Katholizismus und der tiefen Verstrickung in das nationalsozialistische Unwesen geht.

elisabethii 280 barbara braun xGert Voss in Aktion © Barbara Braun

Der Großindustrielle im Rollstuhl

Von der Wiener Bourgeoisie sind auf der nachtschwarzen Bühne des BE nur mehr 30 bis 40 Stühle geblieben, vor denen ein Tischchen und ein Ohrensessel stehen. Zwischen beide rollt Gert Voss in einem Rollstuhl, den er in den kommenden 90 Minuten nur für eine Episode im Sessel verlassen wird. Er beginnt den Abend, indem er das Publikum begrüßt, sich in seiner Rolle als Herrenstein vorstellt und dessen Wohnung mitsamt der Einrichtung beschreibt. So wenig wie die ist auch sein Diener Richard zu sehen, in Wien gespielt von Voss' ständigem Bühnenpartner Ignaz Kirchner.

Dessen Text wird Voss aber ebenfalls sprechen, zumindest dann, wenn es als Stichwort für seine Tiraden erforderlich ist, die sich gegen alles und jeden richten und ausdrücklich nur Mozart ausnehmen. Das ist stets böse, meistens wahr und auf die Dauer ein wenig monoton. Spannend ist an diesem Abend aber ohnehin etwas anderes. Denn weil Voss im Rollstuhl sitzt, ist er einer wesentlichen Ausdrucksmöglichkeit eines Schauspielers beraubt: Körperlich kann er fast gar nichts machen, allenfalls Arme und Hände stehen ihm zur Verfügung. So bleibt der Großteil der Arbeit dem Gesicht und der Stimme überlassen.

Wie eine Lesung ohne Manuskript

Nun gehört Voss unzweifelhaft zu den Granden des deutschsprachigen Theaters, und wie er die Schwierigkeit meistert, ist selbst dann ein Ereignis, wenn man solcherlei Präzisionsarbeit nicht schätzt. Jemanden zu beobachten, der die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, beherrscht, ist immer ein Genuss. Das gilt für Handwerker wie für Schauspieler, ist bei Letzteren zuletzt aber ein bisschen aus der Mode geraten.

Den Parforceritt durch den Bernhard'schen Text gestaltet Voss wie eine Lesung ohne Manuskript. Er lässt Figuren auf- und abtreten und spricht Bühnenanweisungen mit. Unterschiede und Differenzen entstehen durch Modulationen der Stimmhöhe, der Lautstärke und der Sprechgeschwindigkeit. Den Balanceakt hält er bis zum bitteren Ende des Stücks durch, an dem die versammelte Besucherschaft mitsamt dem Balkon aus dem 3. Stock abstürzt. "Wahrscheinlich sind alle tot", lässt Voss Herrenstein sagen. "Sicher", gibt er als Richard zurück.

Das Licht ist kaum aus, da brandet begeisterter Applaus auf. Den hat sich Gert Voss fraglos verdient. Und dass die Zustimmung – zumal in einer Premiere – aus jenen Schichten stammt, denen die Beschimpfungen gelten, ist ein Paradox, das dem Theater wahrlich nicht erst seit den Zeiten Thomas Bernhards vertraut ist.


Elisabeth II.
von Thomas Bernhard
Textfassung und Einrichtung: Ursula Voss
Mit: Gert Voss.

www.berliner-ensemble.de

Zuletzt sah man Gert Voss in Shakespeares Maß für Maß, inszeniert von Thomas Ostermeier für die Salzburger Festspiele 2011 und die Berliner Schaubühne.

Kritikenrundschau

Ein "fulminantes Voss-Solo" hat Andreas Schäfer vom Tagesspiegel (12.6.2012) im BE erlebt. Zwar handle es sich bei "Elisabeth II." um "ein schwächeres Bernhard-Stück" (denn: "Alle bekannten Motive sind dabei. Aber weil sie so routiniert aufgerufen wirken, möchte man lieber von Versatzstücken sprechen."). Aber Voss' Vortragskunst überzeugt den Kritiker: Man erlebe "Beschimpfungen und selbstreferenzielle Kalauer, die Gert Voss freilich in allen Schattierungen auskostet, ohne sie an den billigen Effekt zu verraten. Ekel, Wehleidigkeit, Hass, dämonische Bösartigkeit. Voss' Präzision, die Sicherheit, mit der er immer den jeweiligen Ton trifft, die schnellen Wechsel und rhythmischen Steigerungen, sind beeindruckend."

Auch Peter Hans Göpfert würdigt im Kulturradio des rbb (11.6.2012) die Leistung von Gert Voss: "Mit großen Augen, schon mal bis ins Falsett gehobener Stimme durchlebt dieser Herrenstein all die Phobien gegen eine als verkrüppelt empfundene Welt, gegen Verdi und das Klavierspiel, er lauert hinterhältig, ob der Richard womöglich ein Faible für Giordano haben könnte." Das alles sei "hochvirtuos, ungeheuer komisch, genau genommen auch schon wieder routiniert". Der eigentliche Verlust liege in der Einrichtung des Abends als Solo. Das Stück "ist eben doch ein Monolog, der Reibung und Widerpart brauchte, ja aus dieser Spannung heraus seine eigentlich Tiefe und Intensität gewinnt". Bei Voss fehle dem Monolog wegen der körperlichen Abwesenheit des Dieners "etwas Wesentliches": „die tiefe Einsamkeit dieses alten, so abgrundverbiesterten Mannes, der nichts mehr fürchtet als verlassen zu werden, allein zu sein bis zum Tod. (...) Diese schreckliche Wahrheit hinter der Komödie geht verloren."

Im Unterschied "zu vielen anderen, die derzeit in Deutschland das Theater nur 'erzählen'", sei Voss beides: groß als Erzähler und als Spieler, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (14.6.2012). "Er lässt sich nicht verführen, die Nebenfiguren zu verkörpern, er zischt nur deren Sätze seitwärts herein, um den Helden mit ihnen zu reizen und zu schärfen." Voss gebe seinem Herrenstein auch etwas Verführerisches: "Sieht man den Alten lachen, so ahnt man den jungen Mann, der in ihm steckt und in den er sich zurückverwandeln würde, wenn er lang genug lachen könnte."

 
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