Ernsthaft gebraucht

Athen, 17. Oktober 2012. Dass ein Theater besetzt wird, erfolgreich arbeitet und geschlossen wird, kennen wir aus dem kriselnden Italien: vom Teatro Valle in Rom. Ähnlich aber scheint der Fall in Athen, wo jetzt das Theater Embros geräumt werden soll, wie Fatma Aydemir für die taz (16.10.2012) und Alkyone Karamanolis für den Deutschlandfunk (24.10.2012) berichten.

Im November 2011 hat das Künstlerkollektiv Mavili, dem sechs Regisseure angehören, das zuvor seit 2006 leer stehende Schauspielhaus besetzt. Seither sei es als "Ort für das junge avantgardistische Theater" wiederbelebt worden, schreibt Aydemir. Der freie Eintritt zu den Veranstaltungen trage "wesentlich zur Popularität des Embros-Theaters bei", gerade in der derzeitigen Lage, da fast ein Viertel der Griechen arbeitslos sei und Renten und Löhne im Zuge der staatlichen Sparmaßnahmen gekürzt würden.

Dass die "Stadtverwaltung nun die Räumung des staatseigenen Gebäudes gefordert hat", weil angeblich ein Kaufinteressent aufgetreten sei, der das Theater aufwendig erneuern wolle, bezweifele der Theatermitgründer Vassilis Noulas. "Selbst wenn es so wäre, ist es doch schwachsinnig in solch dunklen Zeiten für die Kultur, eine künstlerische und gleichzeitig soziale Einrichtung, die die Sympathie der Bewohner hat, zu schließen, um Platz für ein weiteres Theater für die Bourgeoisie zu schaffen."

Eine Petition oder eine Vereinsgründung als Reaktionen auf den Räumungsbescheid ließ sich allerdings in der Kürze der Zeit nicht realisieren. "So wird man erst mal einen Anwalt schicken müssen. Wenn die Truppe nicht freiwillig geht, wird die Polizei das Haus räumen", berichtet Aydemir.

Zur Situation der Theaterschaffenden sagt sein Interviewpartner Vassilis Noulas: "Der positive Effekt dieser Krise ist, dass wir Künstler wie die gesamte Bevölkerung auf Zusammenhalt und Solidarität angewiesen sind. Das Politische, das in meiner Generation lange vergessen war, ist komplett zurück." Eine Abwanderung ins Ausland komme für ihn daher nicht infrage. In Paris, wo er Dramaturgie studierte, habe er sich wie im "Supermarkt" gefühlt, "weil es ein langweilendes Überangebot an Kunst gibt. Hier dagegen glaube ich, ernsthaft gebraucht zu werden."

Auch im Deutschlandfunk (24.10.2012) kommt bei Alkyone Karamanolis Vassilis Noulas zu Wort: "In Athen fehlt ein Ort für die Avantgarde, ein Ort, für interdisziplinäre Kunstprojekte aber auch ein Ort, an dem Kunsttheorie und Praxis zusammenfinden können. Das war das eine, was wir hier versucht haben. Ganz wichtig war aber auch, dass wir aus diesem Projekt neue Hoffnung bezogen haben. Zuvor haben wir alle isoliert voneinander gearbeitet. Hier ist ein kreatives und soziales Netzwerk entstanden." Im wiederbelebten Embros-Theater, das zuvor Jahre lang brachgelegen hatte, habe eine intellektuelle Elite zusammengefunden. Dabei sei das Embros-Theater "ein Laboratorium für neue Ideen, eine Zone für freies Denken, ein Ort, an dem im weitesten Sinne Perspektiven, künstlerische, gesellschaftliche, gesucht und diskutiert wurden."

Gigi Argyropoulou, ebenfalls Mitglied des Künstlerkollektivs Kinisi Mavili, ergänzt: "Es war auch der Versuch, diesem Gefühl des Verfalls und des Untergangs etwas entgegenzusetzen. Zu sagen: doch, wir können etwas tun. Wir haben viele Theater, aber wir haben keine Orte, wo ein Dialog und Experimente stattfinden können, wo das Geld keine Rolle spielt und der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind."

Weniger als 0,3 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts bilden den griechischen Kulturetat; selbst etablierte Kultureinrichtungen müssten ihr Programm anpassen und seien oft ausschließlich auf private Sponsoren angewiesen, die vielfach selber in Geldnöten sind. "Für die Theater ist es besonders schwierig. Seit 2009 sind keine staatlichen Subventionen mehr ausbezahlt worden." Obwohl Noulas die Zusage besaß, für eine seiner Produktionen 30.000 Euro aus dem staatlichen Subventionstopf zu erhalten, habe er bislang keinen Cent gesehen und die Vorstellung nun im Embros-Theater auf die Bühne gebracht: "Das Problem für uns als Künstler ist, dass uns dieser Geldmangel zu Amateuren degradiert. Ich habe oft Schwierigkeiten, professionelle Schauspieler zu engagieren, weil ich ihnen kein Geld bieten kann. Die meisten kellnern ja inzwischen zum Überleben. Sie machen trotzdem mit - aber wie sollen sie nach einem Tag hinterm Tresen die Energie und die Begeisterung eines Profis aufbringen?"

Trotzdem seien in den vergangenen zwölf Monaten wichtige Dinge im Embros-Theater passiert, hätten Menschen hier die Kraft des Politischen wieder entdeckt. "Natürlich sei das Projekt nicht an den Ort gebunden. Natürlich könnten sie es woandershin verlegen, wenn sie die Energie dazu finden, sich wieder aufzurappeln, sinniert der Regisseur. Doch immer öfter überlege er, nach Paris zurückzukehren, wo er studiert hat."

(chr / geka)

 

 
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