Draußen ist die Wirklichkeit

von Eva Biringer

Juli/August 2013. Wer kennt nicht das Phänomen der Menschen, die gaffend um Unfälle herumstehen? Und woher kommt diese Lust am Ausnahmezustand? Warum richtet humanitäre Hilfe oft mehr Schaden an als Nutzen? Und warum sind Katastrophenfilme für die Kinokasse eine sichere Sache? Fragen wie diese faszinieren die österreichische Schriftstellerin und Dramatikern Kathrin Röggla. Ihr kürzlich erschienenes Buch "besser wäre: keine" bündelt Essays und Stücke, in deren Zentrum die Frage nach der Realität in Abgrenzung zum Ausnahmezustand steht. Weil unsere durchmedialisierte Welt mehr und mehr ins Fiktionale abgleitet, sehnen wir nichts so sehr herbei wie Realität. Und was wäre realer als eine Katastrophe?

In "Geisterstädte, Geisterfilme" geht die 1971 in Salzburg geborene Autorin der Frage nach, woher die Lust kommt, Welten beim Untergehen zuzusehen. Filme wie Michael Hanekes Wolfszeit (2003) bedienen ihr zufolge unsere Sehnsucht nach kathartischer Erfahrung; ein Verlangen, das auch das Theater stillt. Dabei braucht es Röggla zufolge nicht erst den cineastischen Blick, denn der städtische Raum sei bereits voll realer Katastrophen, Leerstellen, die sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit entziehen, Reichen- und Armenghettos, Brachflächen und die "disneyfizierte" Architektur der Shoppingmalls.

Kreuz und quer

Rögglas Zustandsbeschreibungen kollektiver Paranoia passen gut in diese Zeit, in der täglich neue Spähskandale und Terrorbehauptungen hinein explodieren. Oft staunt der Leser über die antizipierte Aktualität der Texte, etwa wenn es heißt: "nur von der CIA finanzierte aussagen brächte er mehr zustande. so CIA-vollfinanzierte aussagen, so CIA-innenfinanziert sein geistiges leben, vom CIA gesponsert seine gedanklichen aktivitäten könne man wohl schon sagen..."

cover roeggla besser ware keine 180Im Essay "Gespensterarbeit und Weltmarktfunktion" münzt die Autorin dann die Gesetzmäßigkeiten des Katastrophenfilms auf die Wirtschaftskrise um. Diese brachiale Logik hinkt an manchen Stellen, beispielsweise wenn sie die Machtakkumulation der Wirtschaftselite mit einem Shakespearedrama zu erklären sucht. Großartig ist hingegen die Anekdote, dass die Herrentoiletten in einem Frankfurter Wolkenkratzer deswegen komplett verglast sind, damit "man beim Pinkeln den Eindruck haben kann, man pinkle auf die Stadt Frankfurt".

Und nicht nur Frankfurt! Die in Berlin lebende Autorin ist viel unterwegs, besucht Bergbauminen im Kosovo (woraus für das ZDF die Dokumentation Die bewegliche Zukunft – Eine Reise ins Risikomanagement entstand), jettet mit "Angestellten irgendwelcher UNO-Unterorganisationen" um die Welt und begutachtet Baumwollfelder in Usbekistan.

Mindestens so viel Zeit wie mit Reisen verbringt sie offenbar mit Lesen, und zwar alles kreuz und quer, Tageszeitungen, Fachliteratur, Romane, weswegen sie über ein beeindruckendes Wissen verfügt, an dem sie den Leser teilhaben lässt. Das hält auf Trab, jedoch: Ohne der Autorin den Verdacht des Namedroppings unterstellen zu wollen, ermüdet die Fülle von akademischen Zitaten, stellenweise kommt man gar nicht mehr hinterher vor lauter Deleuze und Foucault und Sennett.

Eine Feldforscherin

Auch die vier den Essays beigestellten Theaterstücke fordern den Leser mit ihrer typischen Röggla'schen Fragmenthaftigkeit, und manche eignen sich nur bedingt zur Aufführung, was für das Theater aber keine Hinderung, sondern Herausforderung sein kann. In "draußen tobt die dunkelziffer", das von zynischen Sparmaßnahmen für Menschen am Existenzminimum handelt und 2005 von Schorsch Kamerun in Wien uraufgeführt wurde, ist weder die Besetzung noch die Szenenfolge klar bestimmt, sondern es "funktioniert wie ein außer rand und band geratener wunderwürfel."

Theaterstücke zur Wirtschaftskrise haben Hochkonjunktur, man denke an Elfriede Jelineks Kontrakte des Kaufmanns oder Andres Veiels Das Himbeerreich. Dadurch, dass Rögglas Stücke und ihre Essays ineinandergreifen, erhält der Leser einen unverstellten Blick in die Arbeitsweise der Schriftstellerin, was den Verdacht des bloßen Kapitalismusbashings entkräftet.

Röggla ist eine Feldforscherin der Wirklichkeit: Wo andere Autoren sich in die Innerlichkeit versenken, verlässt sie den sprichwörtlichen Elfenbeinturm und sucht das Gespräch mit echten Menschen. Diese von ihr sogenannten Experten sind Dolmetscher, Katastrophenforscher, NGO-Mitarbeiter oder Unternehmensberater. Manche ihrer Aussagen finden sich unverändert in den Stücken wieder und man staunt, dass einem das Artifizielle daran nicht vorher aufgefallen ist. Röggla betreibt Phrasendrescherei auf höchstem Niveau – denn die Phrasen sind es, für die wir wieder sensibilisiert werden müssen.

Stottern, stolpern, schreiben

Zwar ist vieles, was die Autorin anprangert, nicht neu: die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die ständig nach neuen Thrills verlangt, die Lüge der medialen Objektivität (Röggla spricht von "magischen Darstellungen"), die Kaputtheit unseres Wirtschaftssystems. Dass man trotzdem aus "besser wäre: keine" Gewinn zieht, liegt nicht zuletzt daran, dass Röggla ihre eigene Sozialisation stets im Blick behält.

Im Essay "Stottern und Stolpern. Strategien einer literarischen Gesprächsführung", der so etwas ist wie die Genese von Rögglas 2004 erschienenem Roman "wir schlafen nicht", stellt sie fest, dass ihre Haltung als Interviewerin keine neutrale, sondern eine affirmative ist, und spinnt in diesem Zusammenhang Judith Butlers These der machtvollen Sprache weiter.

Im Gespräch mit einem Katastrophensoziologen fordert dieser die Autorin auf, eine "Röggla-Diktatur" zu errichten. Man müsse die Leute anweisen, was in Notfällen zu tun sei, wer den Rettungswagen rufe und wer den Verbandskasten suche, andernfalls stünden sie nur rum und gafften.

Auch Kathrin Röggla gehört zu denen, die an einer Katastrophe nicht vorübergehen. Anders jedoch als die Glotzer um sie herum, die den Rettungsweg versperren, handelt sie. Anders als das Personal im Theaterstück "fake reports", das feststellt: "konkret tun kann man im augenblick natürlich nichts", verharrt sie nicht im "fachmännischen warten". Sie schreibt.

 

Kathrin Röggla
besser wäre: keine. Essays und Theater
Verlag S. Fischer,
Frankfurt am Main 2013
412 Seiten, 22,99 Euro

 

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