Was man hegt, das wälzt man nicht

von Susann Oberacker

Hamburg, 20. September 2008. "Gute Schauspieler, schlechtes Stück." Der Zuschauer in Reihe zwölf hatte sein Urteil ebenso rasch wie präzise gefällt. Der Tatort: Das Hamburger Thalia Theater. Die Tat: "Happiness" – eine Bühnenbearbeitung nach dem gleichnamigen Film von Todd Solondz. Die Täter: Die Regisseurin Alize Zandwijk und der Autor John von Düffel. Wenn es doch so einfach wäre! Wenn man den "nachtkritik"-Kollegen salopp von Hamburg nach Berlin schreiben könnte: "Kinners, ich brauch nur eine Zeile."

Der Sturm ist aus

von Daniela Barth

Hamburg, 11. September 2008. Wanderprediger-Atmosphäre im Thalia in der Gaußstraße. Eine kleinwüchsige Frau mit Kopftuch bespritzt die Hereinströmenden zu Orgelmusik mit "Weihwasser", die Hände werden mit Frotteewaschlappen sauber gerieben. Ein paar Grabkerzen flackern. Ein dürftiger Versuch, der gezimmerten "Aushilfskirche" einen sakralen Schein zu verleihen. Jeden Augenblick vermutet man den Auftritt eines Augen rollenden und irgendwie diabolisch grinsenden, in Verzückung sich windenden Predigers, der die Arme nach oben reißt und die Massen mit: "Jesus liebt euch! Yeah! Yeah!" in Ekstase versetzt.

Volk im Schlafsack

von Daniela Barth

Hamburg, 6. September 2008. Reclams Schauspielführer von 1953 ist immer für eine Pointe gut. Denn der versteht sich wirklich noch als solcher – als Führer nämlich – und gibt auch gerne subtile Hinweise zur Regie. Zu Georg Büchners satirischem Lustspiel "Leonce und Lena", das aus heutiger Sicht hart am Absurden vorbei schrammt, aber dem es genau deshalb an aktuellen Parallelen nicht mangelt, ist beiläufig bemerkt: "Ein äußerst feines Stilgefühl beim Regisseur ist unbedingte Voraussetzung für die Wirkung des Stückes auf der Bühne."

Papiergoldkrone und Weltbelehrung

von Dirk Pilz

Hamburg, 14. Juni 2008. Am Schluss lässt es sich Stefan Bachmann dann nicht nehmen, hinter seine legere Inszenierung einen dicken Moral-Doppelpunkt zu setzen. Held Sigismund schreitet als glücklich Geläuterter von der Bühne und verkündet dem verdutzten Personal: "Seid edelmütig! Übt Nachsicht!"

Junge Dramatik macht Lust auf mehr

von Simone Kaempf

Hamburg, 6. Juni 2008. Vier neue, bisher noch ungespielte Stücke werden in vier Werkstattinszenierungen vorgestellt – so simpel könnte man die Lange Nacht der Autoren am Hamburger Thalia Theater beschreiben, zumindest ganz von außen betrachtet. Aber so simpel ist die Grundidee natürlich nicht oder besser: nicht mehr. Im Laufe der vergangenen acht Jahre ist der Marathon-Abend am Thalia Theater (und zuvor bereits am Schauspiel Hannover) zu einem Spektakel für alle geworden: für die Zuschauer als Abschluss der Autorentheatertage, an denen zwei Wochen lang Inszenierungen zeitgenössischer Stücke gastieren; für Dramaturgen, Regisseure, Journalisten zeigt der Dramatikerwettbewerb – der die Lange Nacht in ihrer Organisationsform auch ist –, wie die Stücke, die aus der Menge geschriebener Dramen herausragen, auf der Bühne funktionieren könnten.

Alles aus Liebe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Mai 2008. Gleich am Anfang, bevor das Theaterlicht angeht, ruft er die Polizei. Leise spricht er in ein Mikrofon, stottert und stockt. Erstattet Anzeige. Mit einem knappen Telefonat denunziert Heinrich die jahrzehntelang untergetauchten (Ex)-Terroristen, verrät ihr Versteck in der "Villa Stahl". Sein Motiv? Die Liebe. Doch die ist danach weg. Mit einer Szene, die in Christian Petzolds Film "Die innere Sicherheit" gegen Ende vorkommt, beginnt Frank Abt den Theaterabend und erzählt die Ereignisse rückwärts.

Tschechows traurige Clowns

von Susann Oberacker

Hamburg, 3. Mai 2008. "Stille." Mit diesem Wort beginnt im Hamburger Thalia Theater Anton Tschechows "Onkel Wanja". Stille wird auch am Ende dieser Inszenierung von Oberspielleiter Andreas Kriegenburg herrschen. Dazwischen liegen vier Akte unerfüllter Sehnsüchte. Für die hat Kriegenburg, Regisseur und Bühnenbildner in einer Person, ein traumhaftes Theaterland geschaffen. Eine Welt, in der Tschechows leblose Menschen wie traurige Clowns aussehen. In der ein Birkenwald in raschelnden Stoffbahnen vom Bühnenhimmel hängt. In der zu den Worten "ein Gewitter ist im Anzug" ein Blitz als gezackter Pfeil auf die Bühne getragen wird. Eine Welt, in der alles behauptet werden darf.

Zwischen Trash, Komik und Gewalt

von Katrin Ullmann

Hamburg, 7. April 2008. "Man darf sich nicht beklagen. Man darf sich nicht beklagen. Es geht uns gut." Wie ein Mantra sprechen die Figuren diese Worte immer und immer wieder. Als ob die Wiederholung sie zu einer wirksamen Zauberformel machen könnte. Als ob sich dadurch das behauptete "Es geht uns gut" in ein glaubwürdiges "Wir sind glücklich" verwandeln könnte. Doch das wird nicht funktionieren.

O, schmölze dieser allzu Feste

von Susann Oberacker

Hamburg, 5. April 2008. Der Rest ist Schweigen in Shakespeares "Hamlet". Im Thalia Theater in Hamburg ist auch der Anfang Schweigen. Regie-Minimalist Michael Thalheimer platziert zu Beginn seiner "Hamlet"-Interpretation die sechs Hauptfiguren auf einem Podest dicht an der Rampe. Dort hocken sie wortlos mehrere Minuten lang. Eine Besichtigung der Personage – unterbrochen nur vom Husten einiger Zuschauer.

Glückssucher im Überlebenszelt

von Katrin Ullmann

Hamburg, 2. April 2008. Dunkel ist die Welt, unmenschlich und lebensfeindlich. Die Temperatur hat sich auf 60º Celsius eingependelt, die Sonne ist verschwunden und ins Freie kann man nur noch mit Schutzanzug. So sieht die Zukunft aus im Jahre 2175. Zumindest hat sie die Dramatikerin Anja Hilling in ihrem jüngsten Stück "Nostalgie 2175" so ausgemalt. Hilling, 2005 wurde sie zur "Nachwuchsautorin des Jahres" gekürt, hat es als Auftragswerk für das Thalia Theater geschrieben. Dort, am Thalia in der Gaußstraße, hat es Rafael Sanchez nun uraufgeführt.

Suche nach der eigenen Handschrift

von Susann Oberacker

Hamburg, 20. März 2008. Was macht eine Inszenierung zu einer guten Inszenierung? Im Thalia in der Gaußstraße traf sich der Theater-Nachwuchs beim Körber Studio Junge Regie, mittlerweile bereits zum fünften Mal. Und weil der Mensch in seiner Natur ein Wettkämpfer ist, wurde am Ende dieses Treffens ein Sieger gekürt, wählte eine Jury aus drei Dramaturgen, einer Intendantin und einem Kulturjournalisten die beste Nachwuchsregisseurin. Heike Marianne Götze heißt sie. Geboren 1978 in Osnabrück. In der Schweiz studierte sie Regie – an der Zürcher Hochschule der Künste, im Departement Darstellende Künste und Film. Inszeniert hat sie "Spieltrieb" – nach dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh, bearbeitet von Bernhard Studlar.

Emotionale Wasserschäden

von Simone Kaempf

Hamburg, 23. Februar 2008. Wenn Blanche aus dem Badezimmer kommt, dann sieht man erst einmal ihr ausgestrecktes Bein. Ein makelloses Bein, eigentlich, das sich lang in die Luft streckt. Und doch ein Fremdkörper vor der Kulisse schwarzer Plastikbauplanen, mit denen der Raum verhängt ist. Anfangs rinnt ein Regenguss laut plätschernd wie eine sommerliche Gewitterfront die Planen herunter.

Im Kupferstollen verschütt gegangen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 20. Februar 2007. Ein Unglück kommt selten allein. Das weiß eigentlich jeder. Und wenn alle Unglücke irgendwann beisammen sind, ist man – zumindest in der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik – mit Sicherheit in Deutschlands Osten. Denn im Osten gibt es noch immer nicht viel Neues und damit ausreichend Stoff für bühnentaugliche Hoffnungslosigkeit. Im Osten ist die Arbeitslosenquote schrecklich hoch, die Zukunft gänzlich abgebaut und die Gegenwart tatsächlich hart. 

Berückende Agonie des Alltags

von Frauke Hartmann

Hamburg, 26. Januar 2008. Manchmal nimmt das Leben einen nicht ernst. Ein Kind stirbt. Und Gewalt breitet sich aus wie Wellen von einem Stein, der ins Wasser gefallen ist. Eine allumfassende Bewegung der Oberfläche, des Sichtbaren, entsteht. Unwillkürlich überträgt sich die Gewalt auf das Schicksal derer, die beteiligt sind. Bis auch wir im Publikum Beteiligte sind.

Sternschnuppen über Mansfeld

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. Januar 2008. Er habe beim Schreiben immer ein Theaterstück im Kopf gehabt, nie ein Drehbuch. "Ich find' Theater geil", schwärmt Dirk Laucke im Programmheft-Interview, "wenn das ganz klar ist: Hier wird gespielt – und trotzdem packts einen! Das ist vielleicht Lego für Große."

Wen liebt Mutter?

von Simone Kaempf

Hamburg, 22. November 2007. Fast könnte man meinen, es ist wie früher. Zwischen den Szenen läuft Popmusik, die einem sofort vertraut vorkommt, wie in den Fernsehserien, die man auch immer gleich an der Titelmusik erkennt. Da ist die Bühne fröhlich-bunt zugebaut, mit einer Küchenzeile im Vordergrund, an der sich die Figuren treffen zum neurotischen Schnellsprechen. Und diese Küchengespräche beginnen stets mit dem unverkennbaren "Ja gut". "Ja gut, ich bin deine Mutter und wir bewegen uns hier zuhause auf einer außerökonomischen Matrix."

Unter Hip-Hop-Kiddies

von Katrin Ullmann

Hamburg, 6. November 2007. "Ich strick dir'n Pullover", sagt Pam einmal zu Len. Da rudern sie – eine umgedrehte Parkbank dient als Boot – über einen imaginären See, essen Schokolade, und die Welt scheint in Ordnung. Len (Ole Lagerpusch) sinniert über seine liebste Pulloverfarbe und Pam (Lisa Hagmeister) über ein möglichst einfaches Strickmuster. Wieder und wieder streicht sich Pam dann über ihre weißen Schienbeine und hat mit "Ich strick dir'n Pullover" den wahrscheinlich zärtlichsten Satz aus Edward Bonds "Gerettet" gesagt.

Das soll Sittenverfall sein?

von Anne Peter

Hamburg, 27. Oktober 2007. "Ääähm... Maß für... ähh... Maß", stellt Lucio nach der ersten Szene noch mal klar, was hier gespielt wird. Fettige Haarsträhnen hängen ihm durchs Gesicht bis auf das ranzig grüne Samtjackett, in dem schlaff die langen Arme baumeln. Später lacht er dann bei jedem Auftritt ein schmieriges Lachen. Das klingt auch so: "Ähe ähe ähe". Ein müde dreckiges Lachen, in dem von Lust nichts zu spüren ist.

So sieht Leben aus in der Discounter-Branche

von Katrin Ullmann

Hamburg, 6. Oktober 2007. Am Ende sind die Väter schuld. Die, die abwehrend die Hand erhoben haben, wenn der ungeratene Sohn mit einer neuen Lebensidee oder Weltweisheit anrückte. Am Ende, wenn Peter Vischer seinen perfekten Selbstmord beschreibt, den ohne Zeugen und ohne Vorwurfsnummer, dann findet er die Anerkennung seines Lebens, dann hört er seinen Vater "Hast Du gut gemacht" sagen.

Viel Mensch, wenig Mythos

von Dirk Pilz

Hamburg, 22. September 2007. Am Ende dann wird Iphigenie einfach zur Tür hinausmarschieren, als sei sie mal eben auf eine Tasse Kaffe vorbeigekommen. Und Thoas, König auf Tauris, setzt sich an einen kleinen Quadrattisch, nimmt das Messer in die Hand, schaut auf seine Hände und ins Publikum: "Nun. Was ich damals verkehrt gemacht, das mach' ich jetzt wieder gut."

Vergeblich am Haus der Liebe geklettert

von Stefanie Waszerka

Hamburg, 19. September 2007. Leise, fast unmerklich erscheinen blassgesichtige Gestalten, deren lange, weiße Haare kunstvoll zum Zopf gebunden sind oder offen über die Schulter fallen, auf einem Plexiglaslaufsteg. Dieser Laufsteg mit schmiedeeiserner Verzierung verläuft halbmondförmig über den Köpfen der Zuschauer im Foyer des Thalia Theaters in der Gaußstraße. Die Gestalten in barockanmutenden Kostümen grüßen fröhlich ins Publikum hinunter. Sie betreiben munter Konversation und erinnern an die Untoten aus Roman Polanskis "Tanz der Vampire" – ungemein elegant, stilvoll, schön, aber eben tot. Tot und gefährlich, denn dieser Chor der Blutlosen ist mit Schlagstöcken und Pistolen bewaffnet.

Spiel über Bande draußen im Weltall

von Peter Hartwig

Hamburg, 16. Juni 2007. Statistiker wissen, dass ein Angler zehn Mal seinen Haken ins Wasser werfen muss, um einen Fisch an der Angel zu haben.
Als Finale seiner Autorentheatertage präsentierte das Thalia Theater Hamburg vier Werkstattinszenierungen von noch unaufgeführten Stücken.

Ganze Arbeit, Null Null Smilla!

von Simone Kaempf 

Hamburg, 13. April 2007. Beim Spielen ist der Junge vom Dach des Wohnblocks gestürzt. Ein tragischer Unglücksfall, glaubt die Polizei. Nichts weist auf Mord hin. Wozu auch Mord an einem kleinen Jungen grönländischer Herkunft? Smilla aber kombiniert aus den Spuren im Schnee und den dunklen Machenschaften, zu denen sie bald führen. Dubiose Pathologen und redselige Angestellte durchschaut sie wie James Bond und Sherlock Holmes in Person, um am Ende nicht nur die Hintergründe des Mordes aufzudecken, sondern auch die geheime Existenz eines Meteorits, der in der Arktis eingeschlagen hat. Ganze Arbeit, Null Null Smilla.

Und jetzt erzählen sie wieder

von Georg Kasch

Hamburg, 5. April 2007. Wie eine Barrikade liegt der Baumstamm quer auf der Bühne. An ihn lehnen sich die sechs jungen Menschen Anfang zwanzig, die im Mai 1968 in einer kommuneartigen Gemeinschaft leben. Ihn berührend singen sie Revolutionslieder, auf ihm balancieren sie, hier umarmen sie sich kollektiv.

Abschied von den Prinzipien

von Dirk Pilz

Hamburg/Berlin, 24. Februar 2007. Als ein "dramatisches Gedicht", das "den Menschen zu rechtfertigen" versucht, wollte Schiller "Don Karlos" verstanden wissen. Nicolas Stemann hat mit seiner jüngsten Inszenierung am Berliner Deutschen Theater den Menschen nicht gerechtfertigt, sondern als unbegreiflich vorgeführt. Stemanns "Don Karlos" zeigt keinen Konflikt verschiedener Herrschaftsprinzipien, sondern unterschiedliche Spielarten des einen Menschenschlages. Alles überforderte Zeitgenossen, die auf der hell erleuchteten Drehbühne von Katrin Nottrodt zappeln. Getrieben von seelischer Unordnung sind sie, keine Träger von sicheren Idealen.