"Ich hatte eine Kuh!"

von Michael Laages

Hamburg, 3. Dezember 2015. Was wohl wirklich wichtig ist bei dieser Beschwörung, dieser Erinnerung an eine der grausigsten Schlächtereien in der Welt-Geschichte jüngerer Bürgerkriege? Dass so viel fehlt. Im Grunde wird in der Garage des Thalia an der Gaußstraße so gar nichts von dem zum Thema, was normalerweise Erinnerung stiftet: Politik zum Beispiel; oder wie und warum sich die Teil-Staaten der lange Zeit so stabil wirkenden Republik Jugoslawien des Partisanen-Generals Josip Broz, genannt Tito, so untrennbar feindselig ineinander verbissen hatten bald nach dem Tod dieses Garanten halbwegs friedlichen Zusammenlebens im Vielvölkerstaat... Auch von den verschiedenen Religionen ist nur im Vorübergehen die Rede. Und wer war eigentlich dieser Izetbegović, von dem da plötzlich kurz die Rede ist im "Srebrenica"-Projekt von Branko Šimić und Armin Smailovic? Und wer waren die anderen handelnden Politiker: Mladić? Karadžić? Tuđman? Schon mal gehört?

Wenn der Himmel so schön schweigt

von Jens Fischer

Hamburg, 26. November 2015. Mit zauberischem Funkeln locken sie von fern, bescheren beim Heranschreiten ein glitzerndes Glühen und spiegeln das umgebende Lichtermeer. Weihnachtsbaumkugeln faszinieren als Traumblasen oder Illusionsbälle – derzeit direkt neben dem Thalia Theater. Dank Florian Löscher auch in aufgeblähten Varianten über seiner Bühne. Als Christbaumschmuck für das kalte, gottlose Universum: Gestirne im leeren, schwarzen Raum. Ein Luftschiff imaginieren die Schauspieler hinein und blicken wunschbeladen hinauf. Der silbrig bunt changierende Schimmer wirkt weihnachtlich verheißungsvoll. Hilft aber nicht weiter.

Was die Taliban gemacht haben

von Falk Schreiber

Hamburg, 25. Oktober 2015. A. serviert Tee. Würzigen, stark gesüßten Tee, ich mag keinen Tee, aber ich bekomme das Glas in die Hand gedrückt, und ich weiß nicht, ob es grob unhöflich wäre, abzulehnen. Es ist nicht leicht, irgendwo anzukommen, wo man die Konventionen des Miteinander nicht versteht, also macht man erstmal mit. A. lächelt mir aufmunternd zu, ich lächle unsicher zurück, A. telefoniert, ich höre: Er kommt aus Afghanistan, die Taliban haben sein Dorf drangsaliert, seit einem Jahr ist er in Hamburg, er geht zur Berufsschule.

Mit dem Flügelschlag der Lebenslügen

von Jens Fischer

Hamburg, 17. Oktober 2015. Es war einmal ein Engel in Amerika. Tony Kushner fantasierte ihn in seine "schwulen Variationen über gesellschaftliche Themen". Fünfzehn Jahre vor der Jahrtausendwende sollte er mit lässigem Flügelschlag die Lebenslügen von den Lebensängsten wirbeln und als Bote der Hoffnung von einem großen Werk künden, das bald beginnen würde. Nachdem aber die epiphanischen Worte landauf, landab auch in Deutschland abgefeiert und die Silvesterfeuerwerke 2000 verpufft waren, galt es zu konstatieren, dass weder die Apokalypse entzündet noch das Jüngste Gericht einberufen wurde.

Die Aufstiegs-Monologe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. September 2015. An diesem Abend wird ein Kinderschokoriegel auftreten, ein Parfümflakon und ein Karriere-Coach. Da wird eine Trauung vollzogen und Bargeld geklaut, ein Arbeitssuchender abgefertigt, Eifersucht geschürt und – statt eines Sommerhauses – Tafelsilber vererbt. Zusammengehalten von der Frage nach dem Wert des Geldes, hat Jonas Hassen Khemiri ein Stück über fünf unterschiedliche Figuren geschrieben. Sie alle bewegen sich am (ökonomischen) Rand der Gesellschaft. Alle haben ungefähr die gleichen schlechten Perspektiven, alle träumen von einem anderen Leben, einem Leben mit mehr Anerkennung, einem Leben mit einer stärkeren Kaufkraft.

Und Olaf Scholz lächelt

von Falk Schreiber

Hamburg, 13. September 2015. Auftritt der Autor. Jörg Pohl schlappt als Brecht über Florian Lösches Bühne: Blaumann, Schiebermütze, Nickelbrille. Und baut aus dem Geist des epischen Theaters eine Szene. Das Büro Peachums, eine leere Bühne, die Pohl mit Requisiten vollschwadroniert, ein Stuhl, ein Schrank. Und ebenso verwandelt sich Brecht in Peachum, der einen armseligen Bittsteller (Paul Schröder) in die Kunst des Bettelns einweist: "So, so, und gleich nochmal von vorn". Eine Szene wird geprobt, und genau so legt Antú Romero Nunes auch seine Neuinszenierung von Brecht / Weills Abonnentenschmeichler "Dreigroschenoper" am Hamburger Thalia Theater an: als große, kluge Probe.

An der Klagemauer

von Falk Schreiber

Hamburg, 30. April 2015. Die Agora ist schonmal weg. Schrieb zumindest Moritz Schuller am Premierentag im Berliner Tagesspiegel, in einem Abgesang auf den öffentlichen Raum namens "Bühne ohne Volk": "Jene Orte, die traditionell Gemeinschaft schufen, haben diese Funktion verloren", heißt es da. "Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft macht den Raum, den alle gemeinsam haben, kleiner. Selbst das Einkaufen findet nicht mehr auf dem Markt, sondern im Internet statt – ohne soziale Interaktion." Ein Befund, der unbeabsichtigt auch Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" trifft, jene fast ein Vierteljahrhundert alte Szenenfolge von einem namenlosen, belebten Platz in der Großstadt. Wo aber kein Leben mehr stattfindet, haben auch die Plätze keine Bedeutung mehr, wie das Theater: "Die Gesellschaft ist kein Theater mehr, sie hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; umgekehrt ersetzt das Theater die Gemeinschaft nicht mehr."

Kunstblut unter Kokospalmen

von Falk Schreiber

Hamburg, 26. April 2015. Mit die skurrilste Variante des deutschen Rechtsradikalismus repräsentierte der vergangenen Juli gestorbene Dr. Axel Stoll. Im Internet kursieren unzählige Videos, in denen der promovierte Geologe über Reichsflugscheiben oder Chemtrails schwadroniert. Stoll war unappetitlich, aggressiv, antisemitisch; ein unterhaltsamer, aber gefährlicher Spinner, der in seine kruden Vorträge immer wieder die besserwisserische Floskel "Muss man wissen!" einflocht.

Im Schonwaschgang

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. März 2015. Wenn es im Ensemble des Hamburger Thalia Theaters jemanden gibt, dessen Erscheinung denkbar weit davon entfernt ist, wie man sich Günter Grass' Blechtrommler Oskar Matzerath vorstellt, dann ist das Barbara Nüsse: 72 Jahre alt, dünn, hochgewachsen, abgeklärter, dunkler Blick. Das absolute Gegenteil eines Teenagers, der sich in früher Kindheit entschieden hat, nicht mehr zu wachsen, und der seine Abgeklärtheit angesichts Weimarer Republik, NS-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg hinter der Maske des kleinen Jungen versteckt.

Stoffschablonen für Großstadtneurotiker

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Februar 2015. "Ein großes historisches Ritterschauspiel in fünf Akten" versprach Heinrich von Kleist im Untertitel seines 1810 uraufgeführten Stücks, ein massiver, effekt- und wendungsreicher (Sprach-)Brocken ist das "Käthchen von Heilbronn" für die Bühne. Naiver Liebeswahn, Traumdeutung oder Schicksal – was treibt die Hauptfigur an, diesem Graf Friedrich von Strahl so hemmungslos nachzulaufen und bei jedweder Gelegenheit in Ohnmacht zu fallen?

Verpönte geköpfte Könige

von Falk Schreiber

Hamburg, 7. Februar 2015. Abstrakter kann man das Macbeth-Schloss kaum darstellen. Annette Kurz hat ein riesiges Mobile aus Stahlrohren gebaut, dazu wabert ein wenig Bühnennebel, und im Bühnenhintergrund fällt Licht durch ein riesiges Tor. Ein Tor, durch das nach und nach alle Protagonisten auftreten und fortan keinen Ausweg mehr finden: Willkommen in Inverness. Beziehungsweise in St. Petersburg, am Baltiysky Dom Theater, wo Luk Percevals Shakespeare-Inszenierung im Mai 2014, parallel zur Eskalation der Ukraine-Krise, Premiere hatte.

Unsere Lieblingsdinge

von Katrin Ullmann

Hamburg, 26. Januar 2015. Am Ende von Pascal Ramberts "Eine (mikro)ökonomische Weltgeschichte, getanzt" greift Johanna Link zur Gitarre und singt: "Knockin' on Heavens Door". Ein Chor mit 50 Laiendarstellern stimmt mit ein. Es ist ein Gänsehautmoment. Nicht etwa, weil er berührt, sondern weil sich die ganze körpereigene Wahrnehmung sträubt gegen diese geballte Plumpheit, gegen diese schlimme Rührseligkeit, gegen dieses schlechte Pathos.

Lost in Jelinek

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. Januar 2015. Fünf Frauen recken sich, fünf Frauen in weißen schulterfreien Kleidern mit zarten Hochsteckfrisuren und niedlichen Löckchen: beschützenswerte Wesen im Biedermeierstil (Kostüme: Silja Landsberg). Kindlich – auch weil das Piano auf Stelzen übergroß daherkommt – greifen fünf Hände in die Tasten. Spielen stockend ein paar Takte und sprechen dann im Chor.

Ein Traum von einer Oper

von Falk Schreiber

Hamburg, 18. Januar 2015. In zeitgenössischen Heldenerzählungen ist meist der zweite Teil am spannendsten. "Star Wars", "Herr der Ringe", die zweite Staffel von "Game of Thrones": Da leisten sich die Drehbücher Abschweifungen, da werden die Helden brüchig, da kann noch einmal alles umgeschmissen und neu erzählt werden, außerdem muss man in zweiten Teilen so wenig ein Setting aufbauen wie man Handlungsstränge zu einem Ende führen muss. Wenn man also bei Wagners "Ring des Nibelungen" "Das Rheingold" als Vorabend sieht und "Die Walküre" als ersten Tag, dann darf man den zweiten Tag, "Siegfried", als zweiten Teil sehen. Und kann sich entsprechend freuen auf "Der Ring 2", den zweiten Teil von Antú Romero Nunes' "Nibelungen"-Verknappung am Hamburger Thalia, deren erster Teil Ende Oktober noch ein wenig ziellos im Popmythologischen waberte.

Stürzende, schiebende, rutschende Körper

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. November 2014. Nasser Sand und schwere Brandung, angriffslustige Lachmöwen und der Rhythmus der Dünung. Da ist ein Gewitter über dem Meer, da fallen Bomben in die See, pfeift der Wind über den Deich: In dem fiktiven Dorf Rugbüll irgendwo in Schleswig-Holstein spielt der großartige und wohl bekannteste Roman des Anfang Oktober verstorbenen Siegfried Lenz: die "Deutschstunde" aus dem Jahre 1968. Der Regisseur Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele und außerdem Deich liebender Niederländer, hat den Roman am Hamburger Thalia Theater auf die Bühne gebracht. Ganz ohne Sand, Brandung und Gewitter. Ganz ohne Meer, Wind und Bomben. Nur ein bisschen Möwengeschrei, knarzende Bohlen und Windmühlenschlag sorgen (akustisch) für küstennahe Atmosphäre.

Am Arsch der Welt

von Falk Schreiber

Hamburg, 8. November 2014. Im Foyer der Hamburger Thalia-Außenstelle Gaußstraße ist ein Boot aufgebockt. "Hoffnung" heißt es, und Julian Greiß, Nicki von Tempelhoff, Pascal Houdus und Camill Jammal sitzen drin. Erwartet wird noch ein weiterer Schauspieler, um den einleitenden Monolog von Wolfram Lotz' "Die lächerliche Finsternis" zu sprechen: die Verteidigungsrede eines somalischen Piraten vor dem Internationalen Seegerichtshof. Allein – der Kollege taucht nicht auf. Weswegen Greis sich ans Publikum wendet: "Ob hier vielleicht jemand so freundlich wäre ..." Es erbarmt sich: Katinka, 34, die auf Nachfrage zugibt, kürzlich erkältet gewesen zu sein. Woraufhin sich Greis sicherheitshalber einen Mundschutz überzieht, man weiß ja nie, in Zeiten von Ebola. Angesichts dieses Prologs ist jedenfalls klar: Die "Neger aus Somalia" (O-Ton Lotz), das sind wir selbst!

Willkommen im Neandertal

von Falk Schreiber

Hamburg, 25. Oktober 2014. Stumpf starrt die Horde vor sich hin. Mal grunzt einer, mal faucht eine zurück, aber viel ist nicht zu erwarten von diesem Haufen. Und als sich endlich die Erkenntnis verbreitet, nutzen die Figuren das neu gewonnene Wissen als erstes, um einander an die Gurgel zu gehen. Respekt: So schlüssig wie Antú Romero Nunes hat wohl bislang noch niemand die Anfangsszene von Stanley Kubricks "2001" in Richard Wagners "Ring des Nibelungen" hineininterpretiert. Keine Götter und Halbgötter agieren hier, sondern Neandertaler, die sich 30 Minuten lang nicht einmal halbwegs zu artikulieren verstehen – und deren Persönlichkeitsentfaltung als Sprachfindung schon die Richtung der Inszenierung vorgibt.

Es gibt keine Morde im heiligen Krieg

von Jens Fischer

Hamburg, 26. September 2014. Wie kommt man aus der Nummer wieder raus? Gebatikte Kleidchen für die Damen, Rauschebärte, Wuschelperücke, Sonnenbrillen, fransende Lederjacken für die Herren. Randvoll mit Flower Power betankt, blickt das Ensemble glücksrosa durchs wüstengelbe Ambiente: Death-Valley-Zierrat schmückt die Rockkonzertbühne. Zur Feier eines populären Mythos. Neue Werte, Lebensformen, kulturelle Ausdrucksformen braucht das Land. Vom Aufbruch ins Unbekannte wird erzählt, von einem Dasein in friedvoller Freiheit einer Gruppenehe, gesättigt mit drogenberauschter Liebe und ernährt aus den Mülleimern der Überflussgesellschaft. Volle Hippiedröhnung im Thalia Theater.

Autsch, Liebe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 6. September 2014. Zunächst steht da nur einer inmitten der Dunkelheit. Ganz in schwarz und ganz allein. Am Bühnenrand. Einer mit seiner E-Gitarre. Zwei Akkorde sind es nur, die Anton Spielmann stetig wiederholt, zwei Akkorde, für eine Liebe, zwei Akkorde eines lonesome Cowboys. Einsam, traurig und allein.

Er sagt, sie sagt

von Falk Schreiber

Hamburg, 27. April 2014. Das Ende einer Liebe ist eigentlich kein Stoff fürs Theater. Wenn die Liebe zu Ende geht, dann ist das unspektakulär und traurig, aber es ist im Grunde banal. Ein alltäglicher Weltuntergang. Zudem ist das Liebesende eine zutiefst ernste Angelegenheit und kollidiert entsprechend mit der ironischen Grundhaltung, die sich auf den deutschen A-Klasse-Bühnen durchgesetzt hat, einer Haltung, die auch am Hamburger Thalia auf fruchtbaren Boden fällt. Was nicht zuletzt an Ensemblemitglied Jens Harzer liegt, dessen Spiel mittlerweile so von Trauer über die Mittelmäßigkeit der Welt angefüllt scheint, dass man sich den 42-Jährigen gar nicht mehr anders vorstellen kann als mit hoffnungslos ätzender Ironie die Bühne überziehend.

Nah bei Gott?

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. April 2014. Vielleicht sollte man sich diesen Abend betrunken ansehen. Oder verkatert. Zumindest mit etwas Alkohol im Blut. Das könnte helfen. Dann würden all diese pathetischen Allgemeinplätze und Sinnfälligkeiten, die ganzheitlichen Aussagen und Absagen, die überschwänglichen Gefühle nicht so schwer im Raum hängen. Sondern, gemeinsam mit dem Alkohol, nach und nach verdunsten.

Stahl auf Stahl

von Falk Schreiber

Hamburg, 22. März 2014. Ein Konzert. Neun Notenständer sind an der Rampe im Hamburger Thalia Theater aufgestellt, Bierkisten als Sitzgelegenheiten. Im Hintergrund ein Gebilde, das sich im Laufe des Abends als riesiges stählernes Schlagwerk entpuppen wird. Ein Trompetensignal hebt an. Das Ensemble betritt die Bühne, gekleidet in neutrales Schwarz, stellt sich in Position, lässt seine Instrumente erklingen: seine Stimmen. Es ist ein Textkonzert, die Partitur ist Sprache.

Geldsorgen der anderen Art

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. März 2014. "Hey du, ich mag dich, ja, wirklich. Ich mag, wie du denkst, wie du lachst". So flirtet sie mit dem Publikum. "Willst Du mein Freund sein? Wollen wir Freunde sein?" Ihre Stimme ist sanft, lockend. Verraucht. Auch weil sie raucht. Sie lehnt lässig auf einer Schaukel, schwingt, lockt und lacht. In Overall, mit Sonnenbrille, ihre Haut vergoldet. Ja, klar! Freunde sein. Mit dieser exzentrischen, schillernden Person da auf der Bühne, gespielt von Anne Ratte-Polle. Wer möchte das in diesem Moment nicht? Doch dann bricht sie ihr Angebot mit einem harschen "Es wird nicht funktionieren." Warum? "Es wird unsere Freundschaft zerstören, weil du kein Geld hast. Und weil ich all dieses ererbte Geld habe."

Der lächelnde Schmerz

vom Jens Fischer

Hamburg, 23. Februar 2014. Bastian Kraft ist von seinen zu inszenierenden Stoffen (Felix Krull, Orlando, Axolotl Roadkill) manchmal so trunken, dass er Figuren doppelt, dreifach, vierfach sieht – und mehrere Darsteller für eine Rolle braucht. Oder er ist so verkatert nüchtern, dass er alle Figuren (als Projektionen, Gedanken) in einer konzentriert – und so Kafkas Amerika oder Hugo von Hoffmansthals Jedermann als Schauspielsolo für Philipp Hochmair inszeniert. Und dabei gern Licht, Text, Spiel, Musik und Video mit- und nebeneinander ausprobiert, ihre Gleichwertigkeit für den Bühneneinsatz behauptet. All diese Mühen des Bewusstseinsstromtheaters nahm ihm jetzt am Thalia Theater die Vorlage ab. "Die Sehnsucht der Veronika Voss" hat Rainer Werner Fassbinder bereits als Kopfkunstkino angelegt.

In der Komfortzone

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. Februar 2014. Im dritten Akt kommt sie in Sweatshirt und Jeans. Mittelgrau, dunkelgrau. Ihr Blick irrt wie ihre Hände. Ihre Finger suchen vorsichtig fahrig nach Halt. An der Stuhllehne, am Haar, am Tisch. Schließlich knibbelt sie an ihren Fingerkuppen, genau dort wo die Nerven enden. Birte Schnöink spielt Nina, "die Möwe" in Tschechows gleichnamigem Stück. Sie spielt sie leise und groß zugleich, existenziell und verloren, fragil und klar. In der Inszenierung am Hamburger Thalia Theater trägt sie den stärksten Moment des Abends: ihre Wiederbegegnung mit Konstantin Treplew (Sebastian Zimmler). Dieser ist mittlerweile ein erfolgreicher Schriftsteller und noch immer unglücklich in sie verliebt. Sie ist eine gescheiterte Schauspielerin mit Auftritten in der Provinz und einem verlorenen Herzen, verloren an den Schriftsteller Trigorin (Jens Harzer).