Vampires don’t cry

von Grete Götze

Mainz, 17. Mai 2019. Nun, wo gewiss ist, dass sie ab der nächsten Spielzeit neue Hausregisseurin an der Berliner Volksbühne ist, wird Lucia Bihler natürlich mit Argusaugen betrachtet, auch wenn sie dort noch gar nicht angetreten ist, und nun am Staatstheater Mainz "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" auf die Bühne bringt. Im Mittelpunkt steht Törleß, der auf ein strenges Militärinternat fernab von der Stadt geschickt wurde und dort auf seinen skrupellosen Mitschüler Reiting sowie Beineberg trifft, der seinen Sadismus mit mystizistischer Ideologie versieht.

Nazis auf LSD

von Esther Boldt

Mainz, 26. April 2019. Die blonden, blauäugigen Übermenschen sind los: nachts ziehen sie durch Bars und Clubs, sie zerren andere Blauäugige in den Schatten, fesseln und knebeln sie, um ihnen mit einem Hammer aus Eis die Brust aufzuschlagen und eine seltsame Beschwörungsformel zu murmeln: "Gib Antwort! Wie lautet dein Name?" Und wenn welche zu ihnen gehören, werden sie dieses Attentat überleben, werden gewissermaßen das Sterben durchschreiten und eine Wiedergeburt erleben – während alle anderen schlicht verrecken. Aber das macht ja nichts, sind sie doch bloß seelen- und leblose "Hohlkörper" und "Fleischmaschinen".

Frustbeulen auf den Barrikaden

von Esther Boldt

Mainz, 28. August 2018. Das Parlament tagt im Museum. Und das tatsächlich schon seit zwei Jahren. Seit Mai 2016 befindet sich der rheinland-pfälzische Landtag im Steinsaal des Landesmuseums, weil der eigentliche Tagungsort, das Mainzer Deutschhaus, saniert wird.

Neuer Wille zur Macht

von Alexander Jürgs

Mainz, 25. August 2018. Wer hat hier das Sagen? Die Männer stehen an der Rampe, vier brutale Typen. Ihre weißen Hemden sind dreckig, der Schweiß steht ihnen in den bleichen Gesichtern und das harte Licht lässt ihre Haut glänzen. Sie zertrümmern ein Versteck und greifen sich den Schmuck, sie schlagen die Amme blutig, sie zetern und fluchen im Chor. Die Musik dröhnt, die Bühne ist dunkel und akkurat. Die Liste der Vorwürfe, die die Männer gegen Maria Stuart, Königin von Schottland und Gefangene der Königin von England, erheben, ist lang. Vier, fünf, sechs Minuten geht das so. Maria Stuart, gespielt von Anika Baumann, bleibt in all dieser Zeit stumm. Im purpurnen Kleid, die Hände hinterm Rücken verschnürt, sitzt sie stoisch da, ohne die Stimme zu erheben. Dann drehen die Männer ab.

Dunkeldeutschland

von Alexander Jürgs

Mainz, 28. April 2018. Wenn der Spielmann Volker von den Hunnen spricht, klingt es wie bei Pegida. Er warnt vor den Horden, die unsere Kultur mit Füßen treten, vor denen, die alles überrollen, die wild wüten. Ein Dutzend Marionetten, nackte Körper und große Augen, trägt er in seinem "Imaginarium", einer fahrenden Theaterbude, vor sich her. Sie treten den Dürer-Hasen aus dem Weg – genauso wie die alten Bücher. Volker schürt die Angst vor dem Fremden und den Hass der Soldaten, er strickt am Mythos. Sterben aber wird Siegfried bekanntlich nicht von Hunnenhand, sondern bei der Jagd, hinterrücks aufgespießt von Hagen Tronje. Die verwundbare Stelle am Rücken des Drachentöters hatte Kriemhild, in der falschen Hoffnung, den Geliebten dadurch zu schützen, extra noch markiert.

Das letzte Leuchten der Macht

von Esther Boldt

Mainz, 15. Dezember 2017. Jetzt geht es doch um ihn. Der anfangs dachte, der Tod ziehe tatenlos an ihm vorüber. Jetzt sind die Schicksalsknoten entwirrt, obgleich so viele sich dagegen sträubten – und Ödipus die Entwirrung beharrlich vorantrieb. Jetzt fällt er bäuchlings auf das königliche Lasterbett, liegt wie ein gestürzter Baum. Jetzt bebt sein Verzweiflungskichern aus den Laken, und rotwangig stößt er aus: "Mutter, freu dich! Ein neuer Sohn kommt dir hinzu!" Seine Krone, sein Goldlorbeer ist ihm da längst vom Haupt gefallen. Sein Kostüm wird er, dessen Welt in einen fundamentalen Taumel geraten ist, ablegen wie seine Privilegien, den Goldmantel, den Fellkragen.

Chamäleons im Arbeitskittel

von Valentina Tepel

Mainz, 4. November 2017. Da sitzen sie nun, die Frauen des Betriebsrats der französischen Fabrik Picard & Roche und sie jubilieren, strahlen, feiern. Denn es gibt einen guten Grund: Nach geballter Angst, Hysterie und Ungewissheit ist alles nochmal gut gegangen. Keine verliert ihren Job. Keine bekommt ihren Lohn gekürzt.

Stalin ruft an

von Alexander Jürgs

Mainz, 17. Juni 2017. Der Teufel heißt hier Woland und sieht aus wie ein Schluckspecht von der Trinkhalle. Wampe unterm Netzhemd, Pferdeschwanz, Sonnenbrille, Typ: kaputter Alt-Hippie. Er ist nach Moskau gekommen, um es den sowjetischen Atheisten einmal so richtig zu zeigen. Denn wer nicht an Gott glaubt, glaubt schließlich auch nicht an seinen Widerpart.

Seelenruhe und Dinkelbrei

von Grete Götze

Mainz, 10. Juni 2017. Wer glaubt, nach diesem Abend viel mehr über die Mystikerin Hildegard von Bingen zu wissen als vorher, der irrt. Die 1991 geborene Zürcher Nachwuchsdramatikerin Katja Brunner hat für das Staatstheater Mainz eher eine freie Assoziationskette zur Ärztin und Äbtissin aus dem Mittelalter geschrieben, die zwei Klöster am Rhein leitete und durch ihren starken Willen in einer männlich dominierten Welt der katholischen Kirche wie ihre Visionen bekannt wurde. Der dreißigseitige Stücktext ist eine wilde Mischung aus Groß- und Kleingeschriebenem, Spiegelstrichen und Überschriften. Figuren oder stringente Handlungen sucht man hier vergeblich. Irritierende Sprachbilder, etwa vom Schambereich einer Hexe, aus der ein Fußballverein raus strömt, oder "durcheinander fahrende Gedanken zwischen Schädelplatten", gibt es dafür umso mehr.

In der Klischee-Falle

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 3. Dezember 2016. Das Performance-Kollektiv She She Pop setzte sich in seiner jüngsten Produktion Fifty Grades of Shame mit Begehren, Scham und Schande auseinander. Kein ganz großer She She Pop-Abend, aber einer, der zumindest mit einigen Humor-Herrlichkeiten und unverfrorenen Unverschämtheiten Lust zu bereiten wusste. Sehr viel reizloser verhandelt jetzt ein kleiner Abend in der Spielstätte U17 am Mainzer Staatstheater das Begehren in seinen heutigen Ausführungen.