Gegen die Wand

von Anne Peter

Minsk, 1. Juli 2008. Schnurstracks nach Osten. 18 Schlafwagenstunden, 960 Kilometer Luftlinie, zwei Ländergrenzen und sehr viel flaches, grünes Land liegen zwischen Berlin und der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Das sind drei Fünftel der Strecke nach Moskau.

Wo die Worte zünden

von Ute Nyssen

Paris, Juli 2008. Welche Rolle spielen "Klassiker" in Paris? Quantitativ erscheinen sie in den Spielplänen so häufig wie im deutschsprachigen Bereich, füllen aber besser noch als dort die Kasse. Was sich vielleicht daraus erklären lässt, dass hier, a priori, die Klassiker qualitativ die Vergangenheit als Gütesiegel tragen. Das ist eine zusätzliche Facette der ungebrochenen Hochachtung gegenüber jeder geistig-schöpferischen Leistung – keineswegs nur der von gestern oder nur der von Franzosen -, wovon auch die auffallend vielen Pariser Straßen zeugen, die nach Künstlern und Wissenschaftlern benannt sind, sowie die unzähligen Denkmäler von Geistesgrößen aller Art.

Geliebtes, leidgeprüftes Land

von Dorothea Marcus

Bonn, 16. Juni 2008. Dass in Deutschland rund 2,5 Millionen Türken leben, merkt man vor allem dann, wenn die Türkei unerwartet im Viertelfinale ist. In deutschen Stadttheatern hingegen ist davon noch nie groß etwas davon zu spüren gewesen. Die größte Einwanderungsgruppe im Land nimmt am deutschen Kulturangebot schlichtweg nicht teil. Meist wird es damit erklärt, dass damals eben keine weltmännischen Istanbuler nach Deutschland gekommen sind, sondern bäuerliche Ostanatolier, die es allenfalls zum Taxifahrer und Gemüsehändler gebracht haben.

Ein roter Lastwagen türkischer Bauart

von Steffen Kopetzky

Türkei, 2008. Meine erste Station war Istanbul, und so wundersam es mir jetzt gerade ist, dass ich mir unter dieser Traummetropole meiner Kindheit nun tatsächlich etwas vorstellen kann, so selbstverständlich normal war meine Ankunft. Noch war der Flughafenbus nicht abgefahren, da rief mich Sabo an und fragte wo ich sei. Ich sagte, im Bus, und er meinte dann nur noch, dass er mich abholen werde, und legte auf.

Vom Aufladen der Denkbatterie

von Szymon Wróblewski

Krakau, Juni 2008. In Lexika der polnischen Sprache wird das Wort "Dramaturg" als Synonym für "Dramatiker" geführt, und auch Theaterexperten machen oft keinen Unterschied zwischen den beiden Begriffen. Das entspricht den Verhältnissen im polnischen Theater, das bis vor kurzem die Position des Dramaturgen nicht kannte. Es gab und gibt zwar den Posten des Literarischen Leiters, der für die Textauswahl zuständig ist und bei der Erarbeitung von Inszenierungen assistiert. Ein Charakteristikum des polnischen Theaters, auch was die Auswahl und Bearbeitung von Texten angeht, ist aber bis heute die weitgehende Autonomie des Regisseurs.

Das Handy ist der beste Bauchredner

von Ute Nyssen

Paris, Juni 2008. Will man in Paris ins Theater, so empfiehlt es sich, über die zahllosen Streiks auf dem Laufenden zu sein, sonst passiert es immer wieder, dass man vor geschlossenen Métrogittern steht. Das kann lästig sein für die Besucher, aber schlimmer noch: ans Eingemachte gehen bei den Theatern, denn ihren Einnahmeausfall bei leeren Häusern gleicht keine Subvention und keine Versicherung aus.

Französische Gartenpflege deutscher Dramatik

von Ute Nyssen

Paris, Mai 2008. Deutschsprachige Autoren können sich in Paris nicht über mangelndes Wohlwollen beklagen, obwohl das französische, erst recht das Pariser Publikum, insbesondere aber das Theatersystem so ganz anders ist als in Deutschland. Der Weg zur Métro, in das Théâtre des Abesses am Montmartre zu Ernst Tollers "Hop là, nous vivons!" (Hoppla, wir leben!) in der Inszenierung von Christophe Perton, führt durch den 370 Jahre alten Jardin des Plantes. Wenn man die aufwendige Pflege dieses zauberhaften Lehrgartens beobachtet, begreift man, dass das Verhältnis zur Vergangenheit und deren Schönheit ebenfalls ein anderes ist.

Zwischen menschlich und möglich

von Dorothea Marcus

Russe/Bulgarien, Februar 2008. Bulgarien bestätigt auf den ersten Blick manches Klischee. Zuerst fallen die maroden Gründerzeitfassaden auf, verklebt mit westlichen Firmennamen: Postbank, Prada, adidas. Dazwischen blinken bunte Wegweiser zu den Sexshops. Restaurants gibt es immer noch kaum, wir gehen meist ins Happy, ein Schnellrestaurant, wo es mit Schafskäse bestreute Pommes und Tomaten-Gurken-Salat gibt.

Regimekritik unter Fußballfans

von Dorothea Marcus

Teheran, Februar 2006. Warum gab es in Teheran letztens eine Wasserknappheit? Der Präsident hat endlich ein Bad genommen! Warum gab es Cholerafälle, als Ahmadinedschad an die Macht kam? Weil er zur Feier des Tages seine alten Socken in den Kanal warf! Das Erste, wovon uns Iraner erzählen, sind die Witze. Sie kursieren in 90 Prozent aller SMS-Botschaften. Nun versucht der iranische Präsident, ein Kontrollsystem für Mobiltelefone zu entwickeln - aber er hat genug damit zu tun, das Internet zu kontrollieren und die NGOs zu bespitzeln. Im Iran werden immer neue Webseiten blockiert, allein 90 Prozent der feministischen Seiten - während wir da waren, kam die persische BBC-Seite dazu.

Hotdogs und Hamlet

von Dorothea Marcus

Teheran, März 2005. Rauchschwaden ziehen durch das Theatercafé, als gäbe es in der verschmutztesten Stadt der Welt nicht schon genug Staub in der Luft. Anfang Januar hat die Stadtregierung die Kindergärten wegen Smog geschlossen. Nichts, was jemanden abhalten würde, am Wochenende auf die Skipiste in den nahen Bergen zu gehen - und das süße Leben der jeunesse dorée zu feiern, so westlich aussehend, als hätte es nie eine Revolution gegeben. Wenn man dagegen nach unten in den armen Süden fährt, ein U-Bahn-Ticket kostet 7,5 Cent, erstrecken sich kilometerweit die Gräber der „Märtyrer“ im Iran-Irak-Krieg. Zehntausende junge Männer mit Samtblicken, jeder hat ein Foto in einem Schränkchen unter einem Areal von Wellblechdächern. Die gleichen, die noch vor sechzehn Jahren als Kanonenfutter dienten, stürmen heute das Theater in Teheran.