Hilflos der eigenen Perfektion gegenüber

von André Mumot

7. Oktober 2014. Man kann es sich vorstellen, bildlich, wie er sich dann zwischendurch, inmitten der schönsten Aufbrauserei, an den Kopf fasst und ganz fassungslos ausstößt: "Alles, was ich hier sage, klingt ja wahnsinnig reaktionär!" Aber wenn Thomas Ostermeier einmal im Schwung ist, wird eben ausgeteilt – gegen eine Gegenwartsgesellschaft, die "widerspruchsfrei ist und befriedet und larmoyant" und deshalb auch meistens das Theater bekommt, das sie verdient.

Porno fürs Konto

von Eva Biringer

30. September 2014. Geld oder Liebe, kann es so einfach sein? Es kann. Thomas Melle, Schriftsteller, Dramatiker, Gegenwartsanalyst, weiß um die Verlogenheit unserer hehren Ideale. 2011 war sein erster Roman "Sickster" für den Deutschen Buchpreis nominiert, der Nachfolger "3000 Euro" steht erneut auf der Shortlist. Geliebt wird der Autor für seine rohe Sprache und seinen in-your-face-Humor, der in besonders sozialdystopischen Momenten an den norwegischen Berufszyniker Matias Faldbakken erinnert.

Das Pissoir muss runter vom Sockel

von Esther Boldt

23. September 2014. Inwiefern kann künstlerische Arbeit politisch oder gar politisch wirksam sein? Diese Frage steht in den letzten Jahren verstärkt im Raum, sie wird auf höchst verschiedene Weisen diskutiert und beantwortet. Das gerade erschienene Arbeitsbuch "Truth is concrete" geht noch einen Schritt weiter und untersucht das Verhältnis zwischen künstlerischer Arbeit und politischem Aktivismus: "A Handbook for Artistic Strategies in Real Politics", so der Untertitel. Herausgegeben wurde es vom Festival steirischer herbst in Graz und seinem ehemaligen Chefdramaturgen Florian Malzacher.

Am Abgrund der Poetik

von Thomas Rothschild

9. September 2014. Dieses Buch ist ein Kuriosum. Wenn man es nämlich umdreht, von vorn nach hinten und von oben nach unten, kommt es einem nicht nur spanisch vor – es ist dann tatsächlich spanisch. Anstelle des deutschen Titels "Ja und Nein. Vorlesungen über Dramatik" steht da nun auf dem Umschlag "Sí y No. Conferencias sobre dramática". Denn sein Autor Roland Schimmelpfennig wohnt abwechselnd in Berlin und Havanna, und er möchte – wer könnte das nicht verstehen – hier wie dort gelesen werden. Darauf kommt es ja dem Dramatiker an: ein Publikum zu gewinnen. In welcher Sprache auch immer.

Fremd zu sein bedarf es wenig

von Dirk Pilz

2. September 2014. Zunächst das: Was für ein Luxus, in Zeiten wie diesen ein Buch über Wohl und Wehe der Tragödienkunst zu lesen. Wie beruhigend, versichert zu bekommen, Tragödien gebe es einzig im Theater, nicht da draußen in der Wirklichkeit, auch nicht in uns drin als Wesenszug unserer Seelen oder Sehnsüchte. Bleibt nur zu hoffen, dass sich daran nichts ändert.

Souveränität wegnehmen

von Christian Baron

21. Juli 2014. Glaubt man Florian Kessler, dann ist die deutsche Gegenwartsliteratur zu brav und zu konformistisch. Eine Erklärung, woran das liegt, schob der Kulturjournalist in seinem viel diskutierten Kommentar in der "Zeit" zu Anfang des Jahres auch gleich nach: Jene durch die Schreibschulen von Leipzig bis Hildesheim ausgespuckte Generation junger Autorinnen und Autoren entstamme einem saturierten Mittelklasse-Milieu. Mangels Lebenserfahrung dominiere daher belangloses Gedöns die literarische Republik; relevante Welthaltigkeit sei praktisch inexistent. Gewiss nicht bewusst, aber doch sinnvoll reiht sich eine soeben erschienene wissenschaftliche Publikation in die daraus entstandene hitzige Feuilleton-Debatte ein.

Das Glas wird nicht leer

von Eva Biringer

17. Juni 2014. 2500 Jahre nach seiner Geburt müssen wir uns das Theater als Greis in Kindergestalt vorstellen. Oder ist das Theater schon tot?

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