Bitte kapitulieren Sie!

von Sophie Diesselhorst

29. Oktober 2013. "Ladies and Gentlemen, while you are with us here tonight, we'd like to ask you to try to forget about the outside world completely" begannen Forced Entertainment vor zwölf Jahren ihre Performance "First Night": "Meine Damen und Herren, für die Dauer dieses Abends hier mit uns möchten wir Sie bitten, alles, was mit der Welt da draußen zu tun hat, zu vergessen."

Das Geisterschloss

von Nikolaus Merck

Oktober 2013. Das Buch sieht schön aus, im Stil der zehner Jahre des 20. Jahrhunderts, mit Lesebändchen, Goldprägung auf Textil und ebenso luftig wie kostbar gesetzt. Ein Handschmeichler, ein Augenschmaus für die Leute seiner Generation. Der Autor Ulrich Tukur, geboren im südhessischen Viernheim, was man ihm manchmal noch anhört, ist Jahrgang 1957. Mithin ein Angehöriger der herrschenden Generation, Angela Merkel, Sigmar Gabriel, die Mehrzahl der Oberherren der DAX-Konzerne, solche Leut'.

Das ist bekannt

von Thomas Rothschild

Oktober 2013. Wann fängt die Gegenwart an? Für Andreas Englhart in den 1960er Jahren. Vielleicht wurde ihm diese willkürliche Setzung durch den Umstand aufgenötigt, dass er "Das Theater der Gegenwart" auf 125 kleinformatigen Seiten unterbringen musste, aber einen geschichtlichen Überblick, nicht einen Essay zur aktuellen Lage liefern wollte. Mehr als eine elementare Einführung konnte und sollte das dem Format der Reihe entsprechend nicht werden. Dass nur das deutschsprachige Theater gemeint ist, unterschlägt der Titel. Versteht es sich von selbst, dass Ariane Mnouchkine oder Robert Lepage nicht zur Gegenwart gehören? Andererseits ignoriert Englhart regionale und sogar nationale Besonderheiten, wenn er etwa Johann Nestroy für das Unterhaltungstheater in Anspruch nimmt, ohne dessen Verwurzelung im Wiener Volkstheater zu erwähnen, die aus benennbaren Gründen außerhalb Österreichs keine Entsprechung fand.

Psychogramm im Anekdoten-Netz

von Wolfgang Behrens

2. Oktober 2013. War Leander Haußmann eigentlich weg? Dass er nach einer allgemein als wenig geglückt empfundenen "Sturm"-Inszenierung am Berliner Ensemble 2003 den Theater-Bettel hinwarf (gelegentliche Rückfälle nicht ausgeschlossen), das wussten wir ja. Doch auch um den Filmregisseur Haußmann wurde es ziemlich still, so dass man schon ins Grübeln kam, ob man nicht in bester Boulevardmanier Sonnenallee und Herr Lehmann hinter seinen Namen setzen müsse, um den Leuten einen Begriff zu geben, wer dieser Herr Haußmann denn sei.

Worte gegen Forellen

von Martin Pesl

September 2013. "Ah, ein Theaterspieler", sagt der ältere Herr zu seinem Neffen, den er gerade erst kennen gelernt hat und in dessen Leben er eintreten möchte. Walter, der noch nie im Theater war, geschweige denn im deutschen – arbeitete er doch als Zirkusartist in Italien –, trifft ausgerechnet auf die Vollblutrampensau, den Figurenpsychologieverweigerer und Textedekonstrukteur Philipp Hochmair. Theaterkenner wissen, wer das ist: Der gebürtige Wiener prägte in Nicolas Stemanns Burg-Jahren dessen Jelinek-Inszenierungen und wechselte 2009 ans Thalia Theater Hamburg.

Als die Nachtkritik erfunden wurde

von Esther Slevogt

Berlin, 18. September 2013. In Europa sortiert sich die politische Ordnung neu. Neue Medien stellen die Struktur der Öffentlichkeit auf den Kopf und sorgen in der Phase ihrer Implementierung für ein allgemeines Krisengefühl, das einem gefühlten Kontrollverlust über die Diskurshoheit geschuldet ist. Denn plötzlich ergreifen neue Stimmen das Wort, die zuvor am öffentlichen Gespräch nicht beteiligt waren. Und verändern es nachhaltig.

Einseitig aufrüttelnd

von André Mumot

18. September 2013. Es ist nun nicht weiter erstaunlich, dass jemand, der viel mit dem Theater zu tun hat, ein Buch schreibt, in dem es darum geht, wie nutzlos das Gegenwartstheater ist, und dass man doch bitte wieder den Realismus auf die Bühne bringen sollte. Schon ungewöhnlicher ist aber, dies gleich mit einem gesellschaftskritischen Rundumschlag zu verbinden und das dramatische Darstellungsversagen mit einem Versagen des spätkapitalistischen Subjekts schlechthin gleichzustellen.

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