Kolumne: Als ob! - Warum die Theater alte Erfolgsinszenierungen wiederbeleben sollten
Alles für die Tonne
25. Juni 2024. Die Theater sind Wegwerfbetriebe. Kaum ist eine Produktion fertig, ist sie oft auch schon wieder abgespielt, also faktisch schrottreif. Stattdessen spräche vieles dafür, legendäre Inszenierungen aus der Vergangenheit neu aufzulegen. Ein Plädoyer für eine sinnvolle Praxis der Reproduktion.
Von Michael Wolf
25. Juni 2024. In Theaterkreisen ist viel von Nachhaltigkeit die Rede. Dabei produziert kaum eine Branche im Kunstbetrieb so unwirtschaftlich. Mehrere Wochen arbeitet eine Gruppe Menschen an einem Produkt, man übt eine Inszenierung ein, baut ein Bühnenbild, schneidert Kostüme, bastelt Requisiten. Und dann fliegt das Ergebnis oft nach nur zwei Handvoll Aufführungen aus dem Repertoire.
Ein Buch kann in einer weiteren Auflage erscheinen, Bildende Kunst weiterverkauft werden. Die Stadt- und Staatstheater produzieren dagegen systematisch für den Papierkorb, den Kostümfundus, den Werkstoffhof. Nur wenige Arbeiten schaffen es auch nur ins Programm der nächsten Spielzeit. Wenn wir den Erfolg von Kunst an der Anzahl an Vorstellungen bemessen, müssen wir konstatieren, dass die meisten Arbeiten wenig taugen.
Zu viel Neues auf gut Glück
Ökonomisch betrachtet verfolgen Theater eine äußerst fragwürdige Strategie. Denn es ist ja nicht so, dass keine erfolgreichen und auch künstlerisch herausragenden Arbeiten verfügbar wären. Wenn auch nur jede 100. Theaterproduktion der letzten Jahre ein Hit gewesen wäre, dann könnten Theater sich leicht aus einem reichen Erbe bedienen. Ich plädiere in diesem Sinne für einen Paradigmenwechsel: Weg von der Produktion, hin zur Reproduktion. Zumindest ein Teil des Repertoires von Theatern könnte aus Reenactments gut dokumentierter Erfolgsinszenierungen anderer Häuser und/oder weit zurückliegender Spielzeiten bestritten werden.
Es ergibt wenig Sinn, auf gut Glück so viel Neues zu produzieren, wenn in derselben Zeit auch legendäre Erfolgsinszenierungen eingeübt werden könnten. Ich zumindest würde sehr gerne einmal Leander Haußmanns Münchner "Romeo und Julia" (1993), Einar Schleefs Wiener "Sportstück" (1998) oder Jürgen Goschs Düsseldorfer "Macbeth" (2005) sehen. Und zwar nicht als Video, sondern auf der Bühne.
Im kommerziellen Bereich wird längst fleißig lizenziert und kopiert, während man im E-Theater schon misstrauisch die Brauen lüpft, wenn irgendwo ein Bühnenbild recycelt wurde. Woher rührt der Dünkel? Theater wird als Gegenwartskunst verstanden, als etwas Ephemeres, das nicht konservierbar wäre. Dabei ist das technisch gesehen völliger Blödsinn, da die Mittel für eine detaillierte Dokumentation seit Jahren bestehen. Sie müssten nur genutzt werden.
Imitieren sollten sie ja können
Zudem sitzt, wer so argumentiert, einem Missverständnis auf. Ja, Theater ist aufs Engste mit der Gegenwart verknüpft, doch handelt es sich dabei nicht um eine zeitliche Kategorie, es geht vielmehr um Präsenz. Wichtig ist, dass der Schauspieler da auf der Bühne jetzt gerade den Arm hebt, nicht aber, dass genau diesem Schauspieler gerade erst von einem Regisseur gesagt wurde, dass er das tun soll.
Auch den vorhersehbaren Einwand, dass eine Reproduktion notwendigerweise daran scheitern müsste, dass andere Schauspieler die Rollen übernähmen, halte ich für nicht überzeugend. Sicher könnte man nicht jede Inszenierung reproduzieren. Arbeiten, in denen das Spiel zu stark an den Persönlichkeiten der Spieler hängt, kämen nicht in Frage, aber in vielen Fällen sähe ich kein Problem. Die Imitation gehört schließlich zum Handwerk der Schauspieler.
Auch muss man auf der Bühne nicht zwangsläufig den aktuellen Zeitgeist – was in der Regel heißt: die neuesten Debattenthemen und Moden – gespiegelt sehen. Jene Inszenierungen, die für Reproduktionen in Fragen kämen, zeichneten sich eben dadurch aus, dass sie überzeitlich, zumindest aber auch noch Jahre und womöglich Jahrzehnte nach ihrer Premiere faszinieren können.
Nichts Museales
Bei Filmen, in der Literatur oder der Bildenden Kunst funktioniert das doch auch, warum nicht im Theater? Zumal in Reenactments auch gewisse Aktualisierungen möglich wären. Schließlich ginge es nicht um eine Retrospektive, nicht um ein museales Konzept, sondern um großes Theater aus der Vergangenheit, dem man zutraut, heute noch zu begeistern.
Natürlich besitzt das Alte keinen Wert an sich. Das Neue aber ebenso wenig. Es muss im Theater immer darum gehen, Kunst zu zeigen, die im Jetzt bestehen kann. Und zwar ganz unabhängig davon, aus welcher Zeit sie selbst stammt. Einem Großteil der im Sechswochentakt produzierten Arbeiten gelingt das ganz offensichtlich nicht. Ein Blick in den Rückspiegel könnte sich also lohnen.

Kolumne: Als ob!
Michael Wolf
Michael Wolf hat Medienwissenschaft und Literarisches Schreiben in Potsdam, Hildesheim und Wien studiert. Er ist freier Literatur- und Theaterkritiker und gehört seit 2016 der Redaktion von nachtkritik.de an.
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Und die Neue Rechte propagiert mittlerweile auch einen bewahrenden Spielplan. Wie ist es, wenn Theater eher ein Medium denn ein Museum ist?
Übernahme über mehrere Spielzeiten - kein Thema!
Ich gähne jetzt schon bei dem Gedanken an noch mehr selbst-referentielles Theater, wenn Nina Hoss den Faust von Bruno Ganz "imitiert".
Eine Replik KÖNNTE nur dann spannend sein, wenn die Auseinandersetzung mit dem früheren Original als Prozess mitgezeigt/-dargestellt/-geschrieben wird, andernfalls: gääähn... Die Dauer-Herausforderung dieses Präsenzbewusstsein gehört zu den beglückendsten Eigenschaften des Theaters. Ein imitierendes Nach-Spielen alter Inszenierungen als Theaterzuschauerfangmethode würde den Tod des Theaters an sich bedeuten, wäre aber für einige wenige Künstler undoder ihre Erben eine prima, heutige KünstlerInnen von Einnahmen ausschließende, Einnahmequelle, das geb ich zu -
Letztens sah ich am BE ein Gastspiel aus Prag. Dušan David Pařízek hatte Jurij Andruchowytschs "Moskoviada" inszeniert. Im anschließenden Publikumsgespräch schlug ein junger Mann vor, die auf tschechisch inszenierte Arbeit schlichtweg an einem deutschsprachigen Haus neu aufzulegen. Ich habe das à la Hanekes "Funny Games" verstanden: Gleiches Bühnenbild, gleiche Fassung, gleiches Regiebuch, gleiche Gänge, alles gleich, nur halt andere Schauspieler/innen und andere Sprache. Fand ich einen klasse Vorschlag; weiß aber nicht mehr, was die Reaktion vom Podium war. Zumal es für ein produzierendes Haus einerseits eine vergleichsweise günstige Produktion wäre, im Grunde erweiterte Wiederaufnahmeproben. Und das Bühnenbild, so erwähnte es Parizek dann, sei ohnehin ein Rezyklat aus (unter anderem) seiner "Die lächerliche Finsternis". Das wäre also frei Haus. - Die Prager Inszenierung war übrigens ein Juwel.
An Opern ist das doch gängig. An der Deutschen Oper Berlin gibt es eine "Tosca" von Boleslaw Barlog. Nun ja, nun mag man meinen, dass das Musiktheater stärker kanonisiert ist und das Repertoire schmaler, aber das sind ja alles keine Gründe, es nicht auch mal im Sprechtheater so zu handhaben.
Übernahmen von einem Haus zum anderen müssen ja nicht nur bei Intendanzwechseln sein. Dass Iris Laufenberg am DT Rüpings Züricher "Das Ende der Welt" übertragen hat, ist - auch wenn ich die Inszenierung an sich für Quark halte - genau das Richtige in diese Richtung. Aufrichtiger Dank, und mit Corinna Harfouch hat man sicherlich eine Besetzung gefunden, unter der die Inszenierung kein verbleichendes Abziehbild geworden ist.
Leonie Böhms "Medea", ein Solo-Abend, hätte doch mit der Schauspielerin mit nach Hamburg gehen können. Ist aber meines Wissens nicht geschehen. Warum?
In Heiner Müllers "Arturo Ui" am BE sind quasi alle Rollen (bis auf Wuttke) durchrotiert. Natürlich die des Schauspielers (Hoppe, Minetti, Happel, Veit Schubert, um nur einige zu nennen). Margarita Broich hat sich innerhalb der Inszenierung andere Rollen angeeignet, im Verlaufe der Jahre. - Man mag darüber streiten, wie weit das zeitlich möglich ist, aber dass ein Intendant Peymann diese Arbeit weitergetragen hat, ist theatergeschichtlich sein Beitrag.
An der Deutschen Oper Berlin wurde ein legendärer Ring (Götz Friedrich) entsorgt, weil angeblich das Bühnenbild nicht mehr taugte. Hmm, da fragt man sich doch, warum man für Hunderttausende Euro dann aber eine - eher mittelmäßige - Neuinszenierung ausgestattet werden konnte, wenige Jahre später.
Und selbst das Nichtweiterspielen von Castorfs "Faust" hätte schon längst enden können. Es sind ja alle(?) noch da.
Ja, "Goschs" Möwe zusammenzupuzzeln, wenn das Ensemble in alle Himmelsrichtungen zerstreut ist und Gastgagen aufruft, nicht-trivial. Aber da haben wir schon schlechter Gelder verschleudert.
Die Frage ist ja doch, woran es hängt, dass bestimmte Inszenierungen nicht weiter gezeigt bzw. re-produziert werden. Das hat sicherlich höchst diverse Gründe. Die Kasse? Das Ensemble? Die Hausleitung? Die Verträge? Die Regie? Eine Art gewollte zeitgenössische Exklusivität?
Insgesamt: Absolut richtiger Impuls, Herr Wolff. Danke!
Was spricht dagegen, dass Heidelberg und Schwerin ihr Stück zum Sommeropenair untereinander austauschen? Oder dass Regensburg aus Potsdam ein Weihnachtsstück samt Regie einkauft und es mit seinem Ensemble besetzt? Deine tolle Pension Schöller in Augsburg - die funktioniert doch sicher auch zu Silvester in Essen? Vielleicht können wir auch gleich die 20 aufwendig produzierten Kostüme abkaufen, die dort sonst im Fundus auf Ewig keine Verwendung mehr finden?
Machen wir uns doch einmal ehrlich: Viele Stücke werden nicht als Bewerbung fürs Theatertreffen inszeniert, sondern dafür ein spezifisches Unterhaltungsbedürfnis des breiten Publikums vor Ort zu bedienen - und das ist auch gut so. Das ist das Wesen des Stadttheaters.
Mit Reproduktionen bei 2-3 Positionen im Spielplan könnten die Theater viel Kraft und Ressourcen einsparen, um sie andernorts dann wieder für mehr Innovation zu verwenden. Und die Regie könnte einmal durchatmen, weil sie sich nicht in 4-5 neue Stoffe in der Saison einarbeiten müsste. (Du hast einen tollen Woyzeck in Osnabrück gemacht. Der könnte unser Publikum in Bamberg auch interessieren. Komm rum and do it again! Bei uns ist das Bier auch besser.)
Und so neu ist die Idee übrigens auch nicht - nicht nur die Oper, wie Hans Zisch hier richtig schreibt, praktiziert das seit Jahrzehnten, sondern bereits Bert Brecht hat mit Modellinszenierungen für seine Stücke Vorlagen mit dem BE entwickelt, die in den 50er Jahren dann in Ost und West nachgespielt wurden. Und würde man jetzt noch weiter graben, müsste man wohl feststellen, dass Reproduktion auch in den Jahrhunderten davor good old Theaterpraxis war.
Übrigens, es werden 99,9% aller Drehbücher, die für Kino oder TV geschrieben werden, nur ein einziges Mal umgesetzt. Ist wohl so.
Zurecht wird Nostalgia und Remakes in Film als unoriginell bezeichnet. Jetzt wünscht man sich das auch fürs Theater beim wichtigsten Medium für Gegenwartstheater. Ich wünsche mir ein Mikrofasertuch statt eines Staubwedels.