Hexenjagd - Stefan Pucher will am Hamburger Thalia nichts von Arthur Millers Klassiker, das allerdings auf hochvirtuose Weise
There is no God
Von Falk Schreiber
Hamburg, 29. September 2018. Die Verführung durch den Antichrist hat ihren Reiz. Beats pochen, die Kamera fliegt durch den Wald, erfasst junge Mädchen beim rituellen Tanz, Blut fließt, Augen verdrehen sich. Und dann steht Reverend Parris im Bild, von Julian Greis als muskelschwere Dumpfbacke gespielt, die gar nicht glauben kann, was für ein Ausbruch jugendlicher Ekstase sich da vollzieht. Stefan Pucher hat die Vorgeschichte zu Arthur Millers "Hexenjagd" am Hamburger Thalia als Video gedreht, als schwarzen Pop in kluger Clip-Ästhetik, der Lust macht, einen neuen Zugriff auf Millers 1953 entstanden Klassiker der US-Dramatik zu sehen.
Die Möwe - Mit ihrer Tschechow-Inszenierung stellt sich Anne Lenk als neue Hausregisseurin am Staatstheater Nürnberg vor
Zwischenfall im Plattenbau
Von Dieter Stoll
Nürnberg, 29. September 2018. Es ist sozusagen "russisches Wochenende" am Staatstheater Nürnberg. Einen Tag vor Prokofjews Tolstoi-Oper "Krieg und Frieden", die als eines der kolossalsten und gleichzeitig unbekanntesten Werke der Musiktheater-Geschichte gelten darf, stand im Schauspielhaus mit "Die Möwe" der populärste Titel aus dem Sortiment von Anton Tschechows melancholischen Komödien-Wundern auf dem Premieren-Plan. Als Konzept-Behauptung wäre die Nachbarschaft mächtig überinterpretiert, aber zumindest die Absicht, diesen in Form und Inhalt auseinander strebenden Klassikern viel mehr als den verträumten Blick in die "russische Seele" zuzutrauen, verbindet denn doch. Anne Lenk, die man sonst eher in München oder Berlin vermutet, hat sich mit ihrer Inszenierung auf den bedingt glanzvollen Titel einer mittelfränkischen "Hausregisseurin" der neuen Direktion von Jan Philipp Gloger eingelassen. Das bedeutet zunächst das Versprechen von zwei Produktionen pro Saison (im Januar folgt die Roman-Adaption von Roman Ehrlichs "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens") und die Hoffnung auf dauerhafte Partnerschaft. Auch wenn es im ersten Versuch holperte.
Die Verlobung in St. Domingo - In München verschneidet Robert Borgmann Heinrich von Kleists Novelle mit (Post-)Kolonialismus-Exkursen und dem Selbstmord des Autors
Wie ein Zootier
von Petra Hallmayer
München, 29. September 2018. Schon die Besetzungsliste macht klar, dass wir hier keine einfache Übertragung von Kleists Novelle auf die Bühne sehen werden. Nicht Gustav und Toni sind im Programmheft verzeichnet, sondern Heinrich und Henriette. Robert Borgmanns Inszenierung von "Die Verlobung in St. Domingo" überblendet den Doppelselbstmord von Kleist und Henriette Vogel am Kleinen Wannsee 1811 mit der im selben Jahr erschienen Erzählung. Darin sucht der Schweizer Gustav in den Wirren des Sklavenaufstandes im heutigen Haiti Zuflucht im Haus eines Schwarzen. Congo Hoango, "ein fürchterlicher alter Neger", wie Kleist schreibt, benutzt seine Ziehtochter, die "Mestize" Toni, als Lockvogel, um Weiße zu massakrieren. Gustav und Toni verlieben sich ineinander, doch weil er eine List von ihr missdeutet, unfähig ist, ihr vorbehaltlos zu vertrauen, endet die Beziehung tödlich.
Faust – Enrico Lübbe inszeniert am Schauspiel Leipzig ein monumentales Goethe-Spektakel
Raus aus der Kleinbürgerhölle!
von Tobias Prüwer
Leipzig, 29. September 2018. "Mein Leipzig lob ich mir". Mit dem Kran schwebte die Leuchtschrift samt Geheimratskonterfei aufs Gebäudedach. Die Stadt hatte endlich ihre Lobhudelei in Neon wieder – auf einem Kaufhaus. Zur Imageveranstaltung im Juli setzt Schauspielintendant Enrico Lübbe nun einen mutigen Gegenpunkt. An einen hervorragend reduzierten "Faust 1" schließen sich "Faust 2" - Stadtexkursionen an, die mit Versöhnungsgeste zurück ins Haus geholt werden.
Let them eat money - Andres Veiels Recherche-Projekt denkt am Deutschen Theater ein Krisen-Schreckens-Szenario bis ins Jahr 2028
Besinnungsloses Grundeinkommen
von Simone Kaempf
Berlin, 28. September 2018. Der Aufwand, das Material für diesen Theaterabend zusammenzutragen, ist schon mal rekordverdächtig. Vor einem Jahr trafen Wissenschaftler und Bürger im Deutschen Theater erstmals zusammen, um ein Zukunfts-Szenario für die nächsten zehn Jahren zu entwickeln inklusive eines spekulativen Super-Crashs im Jahr 2026. Weitere Workshoptage folgten, dokumentiert auf der Projektwebsite welchezukunft.org. Auf dieser Basis entstand der Text für "Let them eat money". Und für die Abschlusskonferenz im Jahr 2020, dann im fertig gestellten Humboldtforum, sind konkrete Überlegungen angekündigt, wie man eine drohende Katastrophe aufhalten könnte.
Die Räuber - Christian Weise veräppelt Schiller zum Intendanz-Neustart in Mannheim
Knallbunte Kolonial-Kiste
von Steffen Becker
Mannheim, 28. September 2018. Als das Theater in Mannheim Friedrich Schillers "Die Räuber" 1782 uraufführte, verlegte der Intendant die Handlung kurzerhand ins Mittelalter. Verlorene Zensoren-Müh' – das Stück um den Kampf zweier Brüder, um Erbe und Freiheit erregte die Zeitgenossen. 2018 steht der neue Hausregisseur Christian Weise vor einem ganz anderen Problem. Neue Intendanz, erste Premiere. Da liegt die Wahl des mit Mannheim so verbundenen Klassikers nahe. Sonderlich enthusiastisch klingt das Programmheft allerdings nicht. "Der Plot ist für einen heutigen Rezipienten nicht mehr zeitgemäß." Nimm dies, Schiller!
Regie: Jan Philipp Gloger
Regie: Eva Lange
Regie: Kay Voges
Regie: Sönke Wortmann
Regie: Kelly Copper, Pavol Liska
Regie: Anne Teresa De Keersmaeker
Regie: Michiel Vandervelde / fabuleus
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