Labormäuse auf 180

21. März 2026. Missbrauch und Intrigen ergeben eine toxische Mischung in Tennessee Williams' "Süßer Vogel Jugend". Max Lindemann hat den Südstaaten-Klassiker in Frankfurt als kühle Versuchsanordnung inszeniert. Mit ordentlich Lautstärke.

Von Shirin Sojitrawalla

 

Max Lindemanns Tennessee-Williams-Inszenierung "Süßer Vogel Jugend" in Frankfurt © Thomas Aurin

21. März 2026. Bei Tennessee Williams bittet Chance Wayne am Ende das Publikum, ihn in sich selbst zu erkennen sowie den Feind und die Zeit in uns allen. In Frankfurt bibbert er stattdessen um ein bisschen Bedeutung für sich selbst. Arash Nayebbandi steht da längst in einem schlampigen Unterhemd auf der Bühne, ein Wiedergänger von Stanley Kowalski oder Rainer Werner Fassbinder: ungehobelt, ungewaschen und vor allem desperate. Nayebbandi gibt ihn als bebendes Nervenbündel.

"Süßer Vogel Jugend" erzählt vom Willen und Weg nach oben. Die alternde Diva Alexandra del Lago war schon dort, bekommt aber trotzdem keine Luft. Katharina Linder spielt sie mit patent toxischer Weiblichkeit und stampft ihren jungen Lover Chance schon mal verbal in Grund und Boden. Gemeinsam sind sie an seinen Heimatort zurückgekehrt, nach St. Cloud an die Golfküste der Vereinigten Staaten. Dort trifft Chance seine Vergangenheit wie ein Schlag. Er soll sich an der 15 Jahre alten Heavenly vergangen haben, der Tochter des rechten Politikers Boss Tom Finley, der von der Reinheit des Blutes schwafelt.

Brodelnder Gegenwartskontext

Signe Raunkjær Holm hat einen riesigen Kasten auf die Bühne des Frankfurter Schauspielhauses gestellt, ein museumsartiger Ballsaal, an dessen Hinterseite sich sieben Türen befinden. Die Figuren wirken darin wie Mäuse, die weite Distanzen überwinden müssen beziehungsweise nicht überwinden. Die Inszenierung von Max Lindemann ist in Nullkommanichts auf 180. Wenn die Figuren Tacheles reden, geht es meist nicht ohne Brüllerei vonstatten. An moralischer Verkommenheit stehen sie sich in nichts nach. Und nicht nur einmal an diesem Abend denkt man an die so genannte Wirklichkeit, die schlimmer ist als das und nicht schon nach zwei Stunden vorbei. Trump, Epstein, Höcke, to name a few, und die dazugehörigen Worte und Taten sorgen für brodelnden Gegenwartskontext. 

Suesservogeljugend5 1200 Thomas AurinGeräumige Bühne mit Mausefiguren © Thomas Aurin

Uraufgeführt wurde "Süßer Vogel Jugend" 1959, Lindemann holt das Stück sachte ins Heute, was sich vor allem am Einsatz von Mobiltelefonen und deren Kamerafunktion zeigt. Die deutlichen Kostüme von Eleonore Carrière orientieren sich ebenfalls an der Gegenwart. Bei der Uraufführung in New York wie auch in der Verfilmung spielte Paul Newman Chance Wayne, mit der Besetzung des iranischstämmigen Nayebbandi erhält das Stück eine andere Konnotation, denn nun könnte auch der Rassenhass des Boss auf ihn zielen.

Das Showbiz hat ausgedient

Doch diese Spur verfolgt der Abend nicht, und wie schon bei Williams fragt man sich, worauf das Ganze eigentlich hinauswill. Auffallend ist, dass die Politikerschar in Frankfurt geradezu geschniegelt daherkommt, allen voran der windschnittige Sebastian Kuschmann als Boss, während die Vertreter des Showbiz einen eher angezählten Eindruck hinterlassen, was auch daran liegt, dass sie gern mal auf Sesseln oder im Bett stehend sagen, was zu sagen ist, wodurch ihr Spiel einen Boulevard-Theater-Touch bekommt.

Suesservogeljugend4 1200 Thomas AurinGeschniegelte Politik vs. runtergerocktes Showbiz: Torsten Flassig, Arash Nayebbandi © Thomas Aurin

"Süßer Vogel Jugend" ist ein unangenehmes Stück, und eines, das keine eindeutigen Aussagen bereithält. Lindemann inszeniert es nicht immer zwingend und auch etwas gezwungen. Trotzdem gelingen immer wieder schöne Figuren-Vignetten: Torsten Flassig als stockgerader Aufziehvogel Tom Junior, Angelika Bartsch als schockgefrorene Tante Nonnie, Andreas Vögler als Arzt-Karikatur, Anabel Möbius als leichtes Mädchen Lucy und Lotte Schubert als aalglatte Tochter. Doch der einzige, der wirklich geheimnisvoll agiert, ist der wie ein Filmirrer durch die Szenen spukende Mitja Over als Bediensteter Stuff.

Aseptisches Setting

Dazwischen verliert der Abend immer wieder an Spannung, die Frau neben mir schläft ziemlich lang ziemlich fest, fast ein Kunststück bei der vielen Schreierei. Im Grunde chargieren die Figuren alle, mehr Typen als Menschen, wenn auch längst nicht so überzogen wie in der wahnwitzigen Interpretation des Stücks von Claudia Bauer am Schauspiel Leipzig. Lindemann geht die Sache gediegener und insgesamt kühler an. Das fast aseptische Setting gibt seiner Inszenierung etwas von einer Versuchsanordnung. Die Bühne als riesige Schachtel. Darin Menschen, die machen, was sie wollen. Scheiß auf die anderen. It's a weird world.

Süßer Vogel Jugend
von Tennessee Williams
Deutsch von Nina Adler
Regie: Max Lindemann, Bühne: Signe Raunkjær Holm, Kostüme: Eleonore Carrière, Dramaturgie: Jana Fritzsche, Licht: Jan Walther, Video: Kaethe Olt.
Mit: Arash Nayebbandi, Katharina Linder,, Sebastian Kuschmann, Torsten Flassig, Lotte Schubert, Angelika Bartsch, Anabel Möbius, Andreas Vögler und Mitja Over.
Premiere am 20. März 2026
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenrundschau

Max Lindemann habe "der Versuchung widerstanden, Chance Wayne quasi mit Gewalt als Missbraucher darzustellen", schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (23.3.2026). Er zeige, "wie sehr dieser junge Mann namens Chance ein Außenseiter, ja ein Fremdkörper ist (...) Er ist zu laut (es ist die Verzweiflung), er ist zu proll." Es sei "durchaus kein Nachteil", dass die Inszenierung sich auf keine Seite stelle.

Im kühlen Kubus auf der großen Bühne des Schauspiels Frankfurt zeige Max Lindemann "einmal mehr seine Begabung, psychologisch dichte Charaktere nah ans gesellschaftliche Heute zu rücken", lobt Bettina Boyens in der Frankfurter Neuen Presse (23.3.2026).

"Der Regisseur Max Lindemann wählt ein klinisches Setting," schreibt Helene Röhnsch in der FAZ (23.3.2026). "In dem von Signe Raunkjær Holm entworfenen Bühnenraum werden die Spieler bis in die letzte Falte ihres verkommenen Lebens ausgeleuchtet – wie Versuchskaninchen hoppeln sie ihren verlorenen Sehnsüchten hinterher, wenn sie sich durch Sex und Drogen Atempausen verschaffen in ihrem Ringen um die längst untergegangenen Träume von ewiger Jugend. Ein Glück, dass sich die Schauspieler auf das Wesentliche des Stückes konzentrieren können: die Monstrosität des (alternden) Daseins."

Kommentare  
Süßer Vogel Jugend, Frankfurt: Immer auch Boulevard
Ich weiß zwar nicht, sehr geehrte Kritikerin, warum die Frau neben Ihnen "ziemlich lang und ziemlich fest" geschlafen hat. Es irritiert mich aber, dass Sie es in Ihrer Theaterkritik erwähnen. Vielleicht war sie einfach müde, vielleicht hat es sogar mit ihrem Alter zu tun – dann also auch mit dem Thema des Stücks und der Grund war gar nicht das Stücks selbst, wie Sie uns suggerieren wollen.

„Irgendwas muss doch eine Bedeutung gehabt haben“ – diese existentielle – aber fast schon hoffnungslos wirkende Frage wird in Frankfurt eindrücklich in Erinnerung gerufen, dass es wenigstens mich tief berührt. Dass Tennessee Williams Stücke immer auch Boulevard sind, macht sie ja gerade aus.
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