Verführt vom Zeitenende

19. April 2026. Mit rasender Wut auf die Verhältnisse in Deutschland und der Welt schlagen Marta Górnicka und ihr Power-Chor noch einmal in Berlin auf – und bereiten dem Maxim Gorki Theater einen furiosen Abschiedsabend.

Von Elena Philipp

Marta Górnickas "Kassandra or Songs of the Canaries" am Maxim Gorki Theater © Magda Hueckel

19. April 2026. Sinkt der Sauerstoffgehalt der Luft, sterben im Schacht zuerst die Kanarienvögel: Auf den pragmatisch mit der Katastrophe rechnenden Bergarbeiter-Brauch, einen Vogel als Frühwarnsystem zu nutzen, nimmt Marta Górnicka in ihrer neuen chorischen Inszenierung am Maxim Gorki Theater Bezug.

Der erste Teil des Titels verweist auf Kassandra, die mythologische Warnerin, auf die niemand hörte. Weswegen Troja zehn Jahre Krieg durchstehen musste. Auch Deutschland sieht (oder wähnt?) sich vor neuen Schrecken – "seduced by the apocalypse", verführt vom Zeitenende, nennt Górnickas Chor das ja eigentlich verwöhnte Volk. Umfragen zufolge hält es eine Alien- oder Zombiekatastrophe für wahrscheinlicher als den Klimakollaps. Was sagt man dazu? "Bla bla bla" oder eher "uh – huh"? Der Chor hat beides im Repertoire.

Weltmarktführer in Er-in-ner-ungs-kul-tur

Mit Druck und ungemein präzise skandiert das 24-köpfige Ensemble seine Anklage an ein so selbstgefälliges wie selbstmitleidiges Deutschland, das die eigene Gewaltneigung im Nahraum ebenso negiert wie die schuldhafte Komplizenschaft in internationalen Angelegenheiten. Waffen in alle Welt exportieren, aber sich verstecken, sobald es unangenehm wird: Laut Allensbach Institut möchten 90 Prozent der Deutschen alles Schlimme am liebsten ignorieren. Doch immerhin sind "wir" Weltmarktführer in "Er-in-ner-ungs-kul-tur"! – "You Are All Idiots" kommentiert das Debbie Arega, ein junges Mitglied des wie üblich altersgemischten Górnicka-Chores, auf ihrem knallroten T-Shirt. Aber das ist okay, sagt sie uns noch: "I accept it."

Kassandra 01 1200 Magda HueckelSkandierend und singend: der Chor von Marta Górnicka in Kostümen von Pola Kardum  © Magda Hueckel

Von solch lässig-liebevoller Lakonie über verführerisches Locken in gemütliche Denkfallen bis zur Wut auf die Realitätsverweigerung der Deutschen changiert in "Kassandra" der chorische Ausdruck, den Marta Górnicka von einem Pult in der Mitte des Publikumsraums dirigiert. Mit ausladenden Gesten animiert sie das Ensemble zum Ausreizen seines Stimmvolumens, mit einer Drehung des Handgelenks bringt sie es zum Verstummen. Ihre seit 2009 entwickelte Chortechnik ist ausgereift, "Kassandra" ist erneut von bemerkenswerter rhythmischer Exaktheit. Und, wie bei Górnicka üblich, ist die knapp 75-minütige Inszenierung ein performatives Manifest, das dem Toben der Meinungen im öffentlichen Raum mit der gleichen Lautstärke, aber einer humanistischen Grundeinstellung begegnet.

Wir müssen die Herzen wärmen

Bisweilen klingt das wie ein Ratschlag aus der Psychologie-to-go-Ecke. "We Need To Warm Our Hearts" steht in Blockbuchstaben auf Górnickas Shirt und später auch als Projektion an den Wänden des Gorki-Saals. Was tun im Angesicht einer krisenhaften Weltlage? "Deine Beziehung zu den Menschen in Ordnung bringen, mit denen du zusammenlebst", verkündet Robin Denner, der mit Veza Van der Sman und Sofia Gubar in der Szene "Kinder I" eine sehr junge Kassandra verkörpert. Wobei der Tipp, auf (Selbst-)Wirksamkeit im Nahraum zu achten statt sich dem apokalyptischen Denken anheimzugeben, so pragmatisch-abgeklärt klingt wie das Mitführen eines Kanarienvogels, wenn man ins Bergwerk einfährt.

Kassandra 01 1200 Magda HueckelDas Ensemble auf der Bühne von Mirek Kaczmarek © Magda Hueckel

Wut allerdings lodert schon aus der Liste der öffentlichen Einrichtungen, die Górnicka zufolge die Stimmen von Künstler*innen zum Schweigen gebracht oder "gecancelt" haben. Neben der Documenta und diversen Universitäten zählt der Chor etwa das HAU Berlin, die Volksbühne und auch das Maxim Gorki Theater selbst auf. Und geht in einer späteren Szene den für Górnicka und viele andere entscheidenden Schritt: Unter internationalen Expert*innen bis hin zum UN-Menschenrechtsrat herrsche längst Einigkeit über den Genozid, heißt es, wobei weder Israel noch Palästina in diesem Kontext genannt werden. Aber es versteht ohnehin jede*r, wovon hier die chorische Rede ist. Wahrscheinlich war die Unzufriedenheit mit der deutschen Positionierung im Nahost-Konflikt eine Motivation für das Stück.

Solange die Kanarienvögel singen

Was kann man wirklich tun, um vom Krieg betroffenen Menschen zu helfen, über eine performative Geste der Solidarität hinaus, fragt Marcela Römhild als Stellvertreterin der Gen-Z in der Sektion "Monologe", in der einzelne Performer*innen kenntlich werden. Darauf haben natürlich weder Marta Górnicka noch ihr Ensemble eine Antwort, sind sie sich doch bewusst, dass das "schöne Disney-Märchen von der Kunst als Ort, um Gewalt zu überwinden", auch nur Fiktion ist. Fifi Rutkowski aber erzählt von seinem Engagement bei der NGO Grupa Granica, die Geflüchteten in der Grenzregion zwischen Polen und Belarus hilft – ein Beispiel für Wirksamkeit im Nahraum.

Politische Lösungen kann dieses Engagement nicht ersetzen. Und angesichts der politischen Weltlage wird die Wut verständlich, die in "Kassandra" über die Rampe brettert und natürlich auch immer etwas Hilfloses hat. Schweigen, wie 90 Prozent der Deutschen, ist auch keine Option, so Górnickas inszenatorischer Gestus. Wie heißt es im Programmheft? "Solange die Kanarienvögel weiter singen, sind wir am Leben."

Kassandra or Songs of the Canaries
von Marta Górnicka
Konzept und Regie: Marta Górnicka, Libretto: Marta Górnicka, Ensemble, Musik: Marta Górnicka, Wojciech Frycz, Bühne: Mirek Kaczmarek, Kostüme: Pola Kardum, Choreografie: Evelin Facchini, Vocal Coach & Musical Consultant: Joanna Piech-Sławecka, Dramaturgie: Endre Malcolm Holéczy, Anja Nioduschewski, Dramaturgische Mitarbeit: Olga Byrska, Maria Rößler, Künstlerische Mitarbeit: Fifi Rutkowski.
Mit: Aziza A., Niousha Akhshi, Debbie Arega, Gabriela Beltramino, Robin Francis Denner, Sofia Gubar, Abib Kilian Hempe, Helena Kauschke, Viktoriia Kosorukova, Maja Kowalczyk, Flavia Lefèvre, Jay Mayhew, Karolina Nägele, Joanna Niemirska, Cintia Sofia De Pina Pires, Mathis Reinhardt, Marcela Römhild, Iga Rudnicka, Fifi Rutkowski, Sophia Slamani, Veza van der Sman, Maimouna Sow, Sonnhild Trujillo, Karyna Yağiz.
Premiere am 18. April 2026
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

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